klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

klüger fühlen 04:

Grundgefühle 2. Ordnung

„Prognosen sind schwierig,
besonders wenn sie
die Zukunft betreffen.“

Karl Valentin (oder Mark Twain) (oder Niels Bohr) (oder noch jemand anderes)

Freude, Ärger und Traurigkeit sind die evolutionär in uns verankerten Reaktionsmuster auf das, was uns im Hier uns Jetzt geschieht. Erfüllt das, was wir erleben, wichtige Bedürfnisse in uns, dann freuen wir uns. Ist das Gegenteil der Fall, werden wir ärgerlich oder traurig – je nachdem, ob wir die Situation, in der wir uns befinden, als etwas erleben, was wir ändern können (Die Stunde des Ärgers!) – oder nicht (Ein Fall für die Traurigkeit).

Doch der Mensch lebt nicht im Hier und Jetzt allein. Er hat eine Geschichte, derer er sich (zumindest teilweise) bewusst ist. Diese Geschichte reicht über die Gegenwart hinaus: Zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft. Die Gegenwart, wie wir sie erleben und interpretieren, basiert auf dem, was wir in der Vergangenheit über uns selbst, das Leben und die Welt erfahren haben. Unser Handeln im Hier und Jetzt dient stets der Vorbereitung unserer Zukunft.

Der Mensch ist nicht das erste oder einzige Tier, das in der Lage ist, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu differenzieren. Die Fähigkeit, unser gegenwärtiges Erleben auf der Basis unserer vergangenen Erfahrungen zu beurteilen, ist ein hochwirksames Werkzeug, das uns ermöglicht, aus einer Reihe von Reaktionsweisen oder Handlungsoptionen solche zu wählen, die mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu geeignet sind, uns das zuzuführen, was wir im Leben wünschen oder brauchen.

Ein zumindest grundlegendes Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist darüber hinaus die Basis für jedes Lernen.

Halten wir uns vor Augen: Vergangenheit und Zukunft existieren allein in unserem Geist. Was wir „Erinnerung“, „Ahnung“, „Hoffnung“, Wunsch“, „Prognose“ oder gar „Plan“ nennen, existiert in der Welt da draußen nicht. Es existiert einzig und allein in unserer Psyche.

Dies gilt nicht nur für die Zukunft, deren ureigene Natur es ist, dass sie so lange wir an sie denken oder von ihr sprechen, noch nicht real ist. Auch unsere Vergangenheit ist nicht das, woran wir uns erinnern.

Unzählige Forschungen in den vergangenen drei Jahrzehnten haben zu Tage geführt, wie sehr auch all das, was wir „Erinnerung“ nennen, verfälscht, verdreht, geglättet oder ergänzt ist. Wie wir uns an ein vergangenes Erlebnis erinnern hängt – das wissen wir heute – weniger davon ab, was sich tatsächlich ereignet hat, als davon, wie es im Moment des Erinnerns um unsere Gedanken oder Gefühle bestellt ist.

Durch die evolutionäre Erschaffung eines Verständnisses von „Zeit“ entstand eine vollkommen neue Dimension der Betrachtung unseres Lebens und der Welt.

Was wir in unseren Erinnerungen oder Zukunftsvorausschauen „sehen“, ist nicht real. Dennoch prägt und lenkt es unser Verhalten im Hier und Jetzt.

Tiere, die ein (zumindest grundlegendes) Verständnis von Vergangeneheit, Gegenwart und Zukunft haben, handeln nicht mehr allein in Bezug auf die „Realität das draußen“, sondern außerdem auf ein verändertes Abbild dieser Realität in ihrer Psyche: Dieses Abbild nennen wir „Wirklichkeit“.

Die Dimension der Wirklichkeit legt sich wie ein Schleier über die Realität. Dieser Schleier ist so dicht, dass es selbst klugen und welterfahrenen Menschen oftmals schwer fällt, zwischen Realität und Wirklichkeit zu unterscheiden. Dieses Phänomen ist hundertfach beschrieben und nahezu ebenso oft beklagt worden.

Aus Sicht der Evolution jedoch macht genau diese “Verfälschung“ der wahrgenommenen Realität absolut Sinn: Wir müssen nicht mehr jede Situation, die wir erleben, von Grund auf neu erfassen, verstehen und interpretieren, sondern haben bereits vorbereitete Strategien parat, die mit relativer Wahrscheinlichkeit gut geeignet sind, den Erfahrungen im Hier und Jetzt zu begegnen. Das spart Energie und Zeit – Ressourcen, deren Verfügbarkeit in der Welt, in der wir entstanden sind, allzu oft den den entscheidenden Ausschlag gaben für das Leben oder Sterben eines Individuums, einer Population oder gar einer ganzen Art.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Das Verständnis von Vergangenheit und Zukunft als psychische Dimensionen des Lebens erzeugte eine vollkommen neue Ebene der Wahrnehmung: Die Wirklichkeit.

In der Wirklichkeit sehen und hören wir Dinge, die in Realität nicht da sind. Dennoch sind genau diese irrealen Wahrnehmungen (Erinnerungen, Pläne, Wünsche…) eine essenzielle Informationsquelle für unser Handeln im Hier und Jetzt. Sie werden, ebenso wie unsere tatsächlichen Erfahrungen mit der Realität, in unserem Gehirn verarbeitet, und lösen, ebenso wie diese, neurochemische Reaktionen („Gefühle“) in unserem System aus.

Mit diesem evolutionären Schritt entstanden emotionale Strukturen, die grundlegend anders waren als die bereits angelegten und verbreiteten Grundgefühle der ersten Ordnung (Freude, Ärger, Traurigkeit).

Die Entstehung eines grundlegenden Verständnisses von Zeit war nicht nur der Beginn des Lernens, sondern auch die Geburtsstunde dreier vollkommen neuer Gefühlsmuster.

Dies ist unsere Grundgefühle zweiter Ordnung. Wir kennen sie als Überraschung, Angst und Lust.

 

Überraschung: Achtung, Ausnahmefehler! (Oder?)

„Aus der Knospe der Verwirrung
erhebt sich die Blüte der Verwunderung.“

Arabisches Sprichwort

Die Fähigkeit, aus vergangenen Erfahrungen zu lernen, stellt einen radikalen Entwicklungsschritt in der Evolution des Lebens dar. Nach heutigem Stand des Wissens sind weder Einzeller noch Pflanzen und Pilze hierzu in der Lage. Auch die einfach strukturieren Tieren (Schwämme, Würmer, Weichtiere, Gliederfüßer) sind voraussichtlich nicht im Stande, Angst, Lust oder Überraschung zu empfinden.

Die faszinierend komplexe Tanzsprache der Honigbienen allerdings deutet darauf hin, dass selbst manche Insekten durchaus über ein zumindest grundlegendes Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verfügen könnten.

Damit Lernen aus Erfahrung sinnvoll möglich ist, benötigt ein Lebewesen komplexe neurale Strukturen, in denen Informationen nicht nur verarbeitet, sondern auch in verdichteter Form gespeichert und immer wieder „gepflegt“ werden. Diese gespeicherten Informationen werden nicht nur abgerufen und als Grundlage konkreter Entscheidungsprozesse genutzt, sondern auch immer wieder mit den tatsächlich gemachten Erfahrungen abgeglichen, gegebenenfalls verändert und wieder neu gespeichert.

Ein integraler Bestandteil dieses Vorganges ist die fortwährende Prüfung der gespeicherten Datenbasis auf Konsistenz und Anwendbarkeit auf den konkret erlebten Einzelfall.

Entspricht das, was ein Lebewesen im Hier und Jetzt erlebt, seinen gespeicherten Erfahrungen und Annahmen, so stehen die Chancen gut, dass auch seine gespeicherten Reaktionsweisen geeignet sein werden, der erlebten Situation auf zielführend sinnvolle Art und Weise zu begegnen, ohne hierfür allzu viel Energie aufwenden zu müssen.

Was aber, wenn das konkrete Erleben völlig anders ist, als es die gespeicherte Datenbasis erwarten ließ? Dann muss sich das Lebewesen neu orientieren. Bestenfalls: So schnell wie möglich.

Im Augenblick der Überraschung meldet das System:

„Achtung! Schwerer Ausnahmefehler!
Datenlage inkonsistent!
Sinnvolle Verhaltensauswahl nicht möglich!“

Es ist, als träte das System mit voller Kraft auf die Bremse. Die für Verhaltensauswahl und Verhaltenssteuerung zuständigen Systemeinheiten halten abrupt inne. Alle verfügbaren Ressourcen werden in die Strukturen für Wahrnehmung und Datenverarbeitung gelenkt.

Das Emoticon für „Überraschung“ ist ein Gesicht mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Auch unsere Wahrnehmungszellen in Ohren, Nase und Haut sind auf Datenaufnahme geschaltet und fluten das Gehirn mit Information.

Erst wenn sich aus diesem Datenstrom ein neues, handhabbares Modell der relevanten Umgebungsvariablen gebildet hat, ist das Lebewesen in der Lage, aus diesem Modell heraus auf seine Umwelt zu reagieren.

Je größer und bedeutungsvoller die Abweichung der erlebten Umwelt mit den zuvor gespeicherten Annahmen, desto intensiver wird das Gefühl von Überraschung erlebt – und desto mehr Zeit wird benötigt, um die innere Datenbasis auf die tatsächlichen Verhältnisse einzustellen.

Überraschung ist das einzige der sechs Grundgefühle, das wir Menschen nicht als eindeutig positiv (Freude, Lust) oder negativ (Ärger, Traurigkeit, Angst) bewerten. Ob ein Moment der Überraschung als angenehm oder unangenehm empfunden wird, hängt davon ab, wie gravierend und wie bedeutsam die Abweichung unserer Erwartungen mit dem aktuellen Erleben in Bezug auf unsere Grundbedürfnisse interpretiert wird.

Da jede neuartige Erfahrung auch die Möglichkeit der verbesserten Anpassung mit sich bringt, wird Überraschung nicht selten auch als sehr lustvoller Zustand erlebt. Schließlich ist die Befriedigung unseres Grundbedürfnisses nach „Entwicklung“ geradezu darauf angewiesen, dass wir immer wieder Situationen erleben, die uns neu und unvertraut sind und uns dadurch zur Anpassung unserer Annahmen oder Verhaltensweisen zwingen.

Je relevanter und notwendiger allerdings die geforderte Anpassungsleistung für unser Leben oder gar Überleben ist, desto unangenehmer, belastender oder erschütternder wird die jeweilige Überraschung erlebt werden.

Vier Stufen der Überraschung:

Stufe 1 (Grundform): Verwunderung
Stufe 2 (Positivform): Überraschung
Stufe 3 (Elativform): Schreck
Stufe 4 (Exzessivform): Schock

Komplexe Formen der Überraschung:

Verwirrung, Erstaunen, Verblüffung, Irritation

 

Angst: Essen Seele auf.

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut ist die Entscheidung, dass
etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“
James Neil Hollingworth

Wann empfinden wir Angst?

Angst empfinden wir dann, wenn wir uns eine Zukunft vorstellen, in der wichtige Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind.

Wir haben Angst davor, dass unsere Ehe auseinander bricht, weil wir befürchten, uns einsam zu fühlen (Zugehörigkeit, Verbundenheit), weil wir befürchten, finanzielle Einbußen hinzunehmen (Sicherheit, Wohlbefinden, Freiheit, Zugehörigkeit, Anerkennung), weil wir befürchten, keinen Sex mehr zu haben (Wohlbefinden, Wirksamkeit, Intensität, Anerkennung, Verbundenheit, Selbsterfahrung, Augenhöhe) oder weil wir befürchten, uns ein neues Leben aufbauen zu müssen (Wohlbefinden, Leichtigkeit, Orientierung, Freiheit, Zugehörigkeit, Anerkennung).

Interessant hierbei ist: In dem Moment, in dem das Ereignis eintritt, vor dem die Angst uns warnte, ist die Angst nicht mehr da. In dem Moment, in dem die Zukunft zur Gegenwart wird nämlich, verwandelt sich die Angst in Traurigkeit und/oder Ärger, jene emotionalen Kräfte, die dafür gemacht sind, unsere gegenwärtigen Umgebungsvariablen zu verändern (wenn möglich) oder aber anzunehmen (wenn nicht). Manchmal sogar verwandelt sich unsere Angst in Freude. Dann nämlich, wenn das, was wir fürchteten, nicht oder zumindest nicht so eintritt. Dem voraus geht mindestens ein Augenblick der Überraschung.

Was passiert, wenn wir Angst haben?

Unser Körper spannt sich an. Unsere Augen und Ohren sind (wie bei der Überraschung) weit geöffnet. Unser Herzschlag beschleunigt sich. Wir atmen schnell und tief.

Durch diese körperlichen Reaktionen passieren zwei Dinge:

1. All unsere Sinne sind auf Empfang geschaltet. Wir nehmen sehr viel wahr. Unser Unterbewusstsein wird mit Information geflutet.

2. Unser stoßweises Atmen pumpt Sauerstoff in die Lunge, von dort aus ins Blut und schließlich in die Zellen. Der erhöhte Herzrhythmus beschleunigt unser Blut, so dass neben dem Extra an Sauerstoff auch weitere Nährstoffe zügig zu den Zellen geliefert werden.

Das Gefühl der Angst dient der Handlungsvorbereitung. Unser System (Körper und Psyche) versorgt sich mit Nährstoffen und Information, um dadurch in der direkt darauf folgenden Zukunft auf das, was dann passiert, bestmöglich reagieren zu können.

Das kann Kampf sein oder Flucht. Beides jedoch braucht Ressourcen. Körper und Psyche arbeiten im Zustand der Angst auf Hochtouren, um Nährstoffe, Energie und Information in verfügbarer Form an die richtigen Stellen zu bringen.

Angst erzeugt Aktionspotenzial.

Da wir Menschen dank unserer kognitiven Kapazitäten im Stande sind, uns sehr weit von der Gegenwart entfernte Zukünfte vorzustellen, – und darüber hinaus generell ein reges Vorstellungsvermögen haben, – verfügt unsere Art vermutlich über ein auf diesem Planeten einzigartiges Spektrum an Dingen, vor denen wir uns fürchten können.

Die Tatsache, dass wir Menschen in der Lage sind, uns vor Dingen zu fürchten, die möglicherweise in einem Jahr oder in 30 Jahren passieren werden, zeigt deutlich, zu welch komplexen Gedankengängen der Mensch in der Lage ist. In diesem Zusammenhang jedoch entfaltet die Gabe unseres klugen Geistes eine subtile, aber nicht unproblematische Nebenwirkung:

Je weiter die Dinge, die uns Angst machen, in der Zukunft liegen, desto länger ist es uns uns nicht möglich, ihnen zu begegnen. Das mag uns als Glück erscheinen („Noch ist es nicht so weit!“), bei Lichte betrachtet jedoch werden wir erst dann, wenn wir dem Gegenstand unserer Angst begegnen, von unserer Angst befreit.

Ängste jedoch, die über längere Zeit nicht aufgelöst werden können, führen zu einer sich beständig wiederholenden Belastung des Systems. Auf Dauer zeigen sich nicht selten körperliche oder psychische Auffälligkeiten oder Störungen.

Vier Stufen der Angst:

Stufe 1 (Grundform): (An-) Spannung
Stufe 2 (Positivform): Vorsicht
Stufe 3 (Elativform): Angst
Stufe 4 (Exzessivform): Panik

Komplexe Formen der Angst:

Eifersucht, Sorge, Unbehagen, Misstrauen, Zweifel, Hoffnung (Typ A), alle Formen von Phobien

 

Lust: Auf Leben!

„Welch eine himmlische Empfindung ist es,
seinem Herzen zu folgen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Interessanterweise ist die Lust in keinem der aktuell diskutierten Ansätze zur Definition unserer Grundgefühle vorhanden. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester, der Angst. Diese fehlt in keiner Auflistung.

Ähnlich wie Freude, Ärger und Traurigkeit in Bezug auf unsere Gegenwart, so sind Angst und Lust die Reaktionsweisen unseres Systems auf Ereignisse unserer Zukunft.

Das Wort „Lust“ bezeichnet in diesem Sinne also die „Lust auf etwas“. Die „Lust an etwas“ (beispielsweise das Lustempfinden beim Sex oder die Lust an gutem Essen, guter Musik o.ä. ) ist eine komplexe Form von des Grundgefühls Freude.

Auch die „Lust auf etwas“ aktiviert unseren Körper für ein Handeln in der Zukunft. Anders als bei der Angst allerdings können wir es in diesem Fall kaum erwarten, dass „es passiert!“

Alle Signale sind auf grün gestellt. Körper und Psyche sind voll bereit. Mehr als bereit. Wenn es nur endlich los ginge…! Wir können nicht still sitzen, rutschen hin und her, stehen auf, bewegen uns, bewegen die Finger und wackeln mit den Zehen.

Dann passiert, was wir erwartet haben, und die Energie der Lust entlädt sich in Freude. Vielleicht passiert aber auch etwas ganz anderes. Vielleicht ab und an sogar etwas, das uns viel weniger gefällt. Dafür aber haben wir noch den Ärger und die Traurigkeit auf Tasch.

Vier Stufen der Lust:

Stufe 1 (Grundform): Interesse
Stufe 2 (Positivform): Neugier
Stufe 3 (Elativform): Lust
Stufe 4 (Exzessivform): Begierde

Komplexe Formen der Lust:

Wollust, Appetit, Wissbegierde, Hoffnung (Typ B), alle Formen von Philien.

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

 

Inhalt:

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klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
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klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung

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klüger fühlen 03:

Grundgefühle 1. Ordnung

„Die Tiere empfinden wie der Mensch
Freude und Schmerz, Glück und Unglück.“

Mahatma Gandhi

Um dem Geheimnis unserer Gefühle auf die Spur zu kommen, ist es wichtig, uns zu vergegenwärtigen, dass all das, was wir fühlen, auf in uns ablaufenden organischen Prozessen beruht. Unser Körper verfügt über hocheffektive neurale Kanäle und spezialisierte Drüsen, die nur dafür dafür erschaffen sind, um unser System mit dem zu versorgen, was wir „Gefühle“ nennen.

Diese organischen Strukturen sind durch evolutionäre Prozesse erschaffen und, wie andere Organe, im Laufe der Jahrmillionen spezifisch verfeinert worden. In meinen Augen ergibt sich hieraus zwingend: Der Mensch ist bei Weitem nicht das einzige Tier, das fühlt.

Wenn wir das Wirken unserer Gefühle wirlich verstehen wollen, dann müssen wir sie aus den Augen der Evolution selbst betrachten.

Die Schlüsselfrage lautet also:

Was nützt es der Schnecke, wenn sie sich freut?

 

Freude: Schöner Götterfunken!

„Ein Leben ohne Freuden ist
wie eine weite Reise ohne Gasthaus.“

Demokrit

Ausgerechnet die Freude ist es, die den Schlüssel zum Verständnis unserer Gefühle birgt. Der Ärger und die Traurigkeit, und auch die allüberall empfundene Angst leuchten auf den ersten bis zweiten Blick als evolutionär vorteilhaft ein.

Doch: Welchen evolutionären Nutzen hat die Freude? Was hat eine
Art davon, wenn ihre Mitglieder immer mal wieder fröhlich sind? Dass es sich gut anfühlt, wenn wir uns freuen, steht außer Frage. Aber was hat unsere Art davon?

Was nützt es der Schnecke, wenn sie sich freut?

 

Stellen wir die Frage anders: Wann freut sich eine Schnecke?

Falls du selbst nicht darauf kommst, dann stelle diese Frage einem beliebigen Kind aus deiner Familie oder Nachbarschaft. Höchstwahrscheinlich wird seine Antwort der Wahrheit ziemlich nahe kommen.

Wann empfinden wir selbst Freude?

Wir freuen uns, wenn unsere Bedürfnisse erfüllt werden. Wenn Dinge geschehen, durch die wir aus einem Zustand des absoluten oder relativen Mangels in einen Zustand höherer physischer oder psychischer Genährtheit übergehen.

Wenn wir hungrig sind und in einen Apfel beißen… (Nährstoffe)

Wenn wir lange unter Wasser waren und schließlich auftauchen… (Sauerstoff)

Wenn wir richtig gut gevögelt werden… (Sex)

Wenn uns jemand eine uns unklare Aufgabe erläutert… (Orientierung)

Wenn wir an einer Rose riechen… (Intensität)

Wenn uns unser Vater sagt, dass er stolz auf uns ist… (Anerkennung)

Wenn wir lächelnd unseren Kindern (oder Enkeln) beim Spielen zuschauen… (Sinn)

… dann freuen wir uns.

Passiert es nicht, obwohl wir eine Sehnsucht danach verspüren, dann werden wir traurig oder ärgern uns. Je nachdem. Dazu gleich mehr.

Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir uns freuen?

Auf der Seite von dasgehirn.info beschreibt Hirnforscher Gerhard Roth aus Bremen sehr übersichtlich, welche Prozesse im Gehirn ablaufen und welche funktionellen Bestandteile des Gehirns an diesen Prozessen beteiligt sind.

All die hier von Gerhard Roth beschriebenen neurochemischen Prozesse führen unter Anderem dazu, dass Nervenzellverbindungen, die häufig genutzt werden, mit einer isolierenden Schicht aus einem Fett namens Myelin überzogen werden. Zellen, die durch eine Myelin-Schicht geschützt sind, leiten elektrischen Strom um ein Vielfaches schneller als solche ohne Myelin.

Dies ist übrigens nicht nur bei der Freude der Fall, sondern auch bei allen anderen Grund- und auch den komplexen Gefühlen. Durch unsere Gefühle strukturiert und justiert sich unser Gehirn immer wieder neu auf die es umgebende Umwelt ein.

Je häufiger wir also ein bestimmtes Gefühl fühlen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir dieses Gefühl in naher Zukunft wieder fühlen werden.

Was an diesem Prozess ist bei der Freude anders als bei anderen Gefühlen?

Die Freude ist das einzige Gefühl, das sich einstellt, wenn uns etwas gelingt, wenn wir etwas „richtig“ machen oder uns etwas „Gutes“ geschieht.

Wenn wir uns freuen, dann interpretiert unser Gehirn: „Das hier hat funktioniert! Das tut mir gut! Davon will ich mehr! Das merke ich mir!“ Es schüttet Glückshormone und Endorphine aus. Myelin wird produziert und intern verschoben. Hierbei gilt, wie auch bei allen anderen Gefühlen: Je intensiver das Gefühl, desto mehr Myelin lagert das Gehirn um die entsprechenden Nervenzellverbindungen an.

Freude ist der Schlüssel zum Lernen. Unser Gehirn lernt durch Versuch und Erfolg. Hat eine Strategie Erfolg oder erleben wir einfach einen glücklichen Zufall (zu dem wir allerdings, das weiß unser Gehirn, möglicherweise auch etwas dazu getan haben), dann ist es evolutionär gesehen sehr sinnvoll, wenn wir uns diese Erfahrung gut merken, weil wir aus ihr etwas Nützliches für die Zukunft lernen.

Wer sich nicht freut, lernt zwar weiterhin Dinge über das Leben, nur leider weniger von dem, was funktioniert und uns vorwärts bringt. So haben Menschen, die wenig Freude empfinden, nicht nur bedeutend häufiger viele unerfüllte Bedürfnisse. Sie kennen oftmals auch weniger Möglichkeiten, diese zu befriedigen als Menschen, die sich regelmäßig freuen.

Je nachdem, wie wichtig uns das Bedürfnis ist, das gerade erfüllt wird und/oder wie eklatant der zuvor empfundene Mangel war, wird unsere Freude unterschiedlich stark ausfallen.

Vier Stufen der Freude:

Stufe 1 (Grundform): Zustimmung

Stufe 2 (Positivform): Freude

Stufe 3 (Elativform): Begeisterung

Stufe 4 (Exzessivform): Euphorie

Da das Empfinden von Freude an die Ausschüttung von Endorphinen (=körpereigene Opioide) gekoppelt ist, ist es nicht verwunderlich, dass sie in ihren kräftigeren Erscheinungsformen nicht nur von Weitem gewisse Ähnlichkeiten mit einem Drogenrausch zeigt.

Freude ist die Belohnung unseres Gehirns. Dafür, dass wir etwas dafür getan, dass, und/oder uns in eine Situation begeben haben, in der unsere Bedürfnisse erfüllt wurden.

Die Botschaft der Freude lautet: „Das tut mir gut! Davon will ich mehr!“ Auf diese Weise sorgt unser Sytem dafür, dass wir uns und es mit dem versorgen, was ihm und uns gut tut. Gleichzeitig bekommen in unserem Gehirn diejenigen Nervenbahnen ein Upgrade, die mit dieser Erfahrung in engem Bezug stehen.

So lernen wir.

Und glauben wir dem Neurobiologen Gerald Hüther, dann ist der Zustand der Begeisterung der ideale Nährboden dafür, zu lernen, zu reifen und uns intellektuell, emotional und sozial weiter zu entwickeln.

In Verbindung mit gedanklichen Perspektiven und Interpretationen bekommen unsere Grundgefühle in ihren komplexen Formen ein neues Gesicht. Allerdings ist auch in diesen Erscheinungsformen die Grundenergie zumeist recht leicht herauszulesen:

Komplexe Formen der Freude:

Komplexe Erscheiungsformen der Freude sind u.A.: Dankbarkeit, Stolz, Erzücken, Schadenfreude, Genuss, Gemütlichkeit, Zuhausesein, Hingabe, Zuversicht, …

So weit, so gut. Wenn unsere Bedürfnisse erfüllt sind, dann verspüren wir Freude. Was aber passiert, wenn wir feststellen oder den Eindruck haben, dass relevante Bedürfnisse in uns nicht, wieder nicht oder aus Dauer nicht befriedigt werden?

Das kommt darauf an.

 

Ärger: Die Antwort ist: „Nein.“

„Aus bitterer Erfahrung zog ich diese eine und höchste Lehre: Man muss den Zorn in sich aufstauen, und so wie gestaute Wärme in Energie umgesetzt werden kann, so kann unser gestauter Zorn in eine Kraft umgesetzt werden, die die Welt zu bewegen vermag.“
Mahatma Gandhi

Die Botschaft des Ärgers lässt sich in einem einzigen Wort zusammen fassen: Der Ärger sagt: „Nein!“

Das, was hier passiert, tut mir nicht gut. Der Ärger schenkt mir die Energie und Entschlossenheit, die es braucht, um die Situation, in der ich mich befinde, anzupacken und zu ändern.

Im Zustand von Ärger oder Wut schüttet unser Körper Mengen bis Unmengen an Stresshormonen aus. Unsere Muskeln spannen sich an, alle nicht akut benötigten Körperfunktionen werden gedrosselt, Atem und Herzschlag beschleunigen sich. Wir sind voller Energie.

Im Gehirn findet eine archaische Anpassung an. Während unsere intellektuellen Fähigkeiten drastisch herunter gefahren werden, steigt unsere Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen, erheblich an. Und je mehr wir den Durchblick verlieren, desto alternativloser erscheinen uns unsere Gedanken und Entscheidungen.

Wir alle kennen diese Szenen, und wohin sie in den meisten Fällen führen. Aus eigenem Erleben oder zumindest aus Anschauung.

Je stärker hierbei das Gefühl, desto höher ist die Ausschüttung der entsprechenden Stresshormone und desto stärker ihre intellektuellen, emotionalen und sozialen Wirkungen.

In meinen Augen besteht das Geheimnis im Umgang mit dem Ärger darin, ihn zu erkennen, wenn er noch klein ist. Je früher wir erkennen, dass wir mit einer Situation oder Entwicklung nicht einverstanden sind, desto geringer ist die bisherige Konzentration von Stresshormonen im Blutkreislauf. Unser Körper ist aktiviert und handlungsbereit, noch sind wir allerdings intellektuell relativ klar, emotional noch unaufgebracht und sozial bislang unauffällig geblieben.

Dies ist der ideale Zeitpunkt, um einen Schritt zu tun, eine Entscheidung zu fällen oder unser Wort zu erheben.

Je länger wir damit warten, desto höher wird Stunde um Stunde, Woche um Woche, Jahr um Jahr die Konzentration an Stresshormonen im Blut, wenn wir erneut der gleichen Person, der gleichen oder einer ähnlichen Situation ausgesetzt sind. Je höher diese Konzentration, desto höher ist 1:1 die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns daraufhin in einer Weise verhalten werden, die wir später, wenn Atem, Blut und Gedanken wieder etwas langsamer fließen, bitter bereuen werden.

Vier Stufen des Ärgers:

Stufe 1 (Grundform): Ablehnung

Stufe 2 (Positivform): Ärger

Stufe 3 (Elativform): Wut

Stufe 4 (Exzessivform): Rage

Komplexe Formen des Ärgers:

Beispiele für komplexe Formen des Ärgers: Zorn, Hass, Neid, Empörung, Frustration, Genervtheit, Spott, Rachsucht, Entschlossenheit, Mut, …

Der Ärger und was er in unserem Körper und Geist anstellt, ist die ideale Antwort der Evolution auf Situationen, in denen unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind, wir aber etwas daran ändern können. Was aber, wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind, wir genau das jedoch nicht ändern können?

 

Traurigkeit: Annehmen und weiter gehen.

„Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen; wie Krankheiten, die oberflächlich und töricht behandelt werden, treten sie nur zurück und brechen nach einer kleinen Pause um so furchtbarer aus; und sammeln sich an im Innern und sind Leben, sind ungelebtes, verschmähtes, verlorenes Leben, an dem man sterben kann.“
Rainer Maria Rilke

So schade es ist: Es gibt Dinge, die können wir nicht verändern, so gerne wir sie auch verändern wollten. Wir können uns ärgern, und vielleicht haben wir das bereits getan. Aber aller Ärger läuft ins Leere, wenn das, was er verändern will, schlicht und einfach nicht zu ändern ist.

Es gibt Dinge, die können wir nicht verändern.

So lange wir uns damit abmühen, dem Unveränderlichen unsere Stirn zu bieten, so lange kleben wir an dieser Erfahrung fest. Wohlmeinende Küchenpsychologen raten an dieser Stelle gerne: „Lass einfach los!“. Doch wer schon einmal in einer solchen Situation war, der weiß, dass die gutherzige Empfehlung zum Loslassen wie eine Leerfloskel rüber kommt und sich nicht selten darüber hinaus anfühlt wie ein Schlag ins Gesicht.

Doch wie können wir hilfreicher damit umgehen, dass unser Wunsch (und das Bedürfnis zu seinen Wurzeln) bei all der Kraft unseres Wünschens ohne Erfüllung bleibt und möglicherweise noch für lange Zeit oder gar bis in alle Ewigkeit unerfüllt bleiben wird?

So hart es in vielen Situationen unseres Lebens auch sein mag: Der Schlüssel zur Erlösung besteht darin, anzunehmen, was ist. Dafür hat Mutter Evolution die Traurigkeit erfunden.

Was passiert, wenn wir traurig sind?

Derzeit werden die Gefühle von Traurigkeit eher mit dem Fehlen spezifischer Hormone (z.B. Serotonin) in Verbindung gebracht als mit der Ausschüttung spezifischer Botenstoffe.

Traurigkeit führt dazu, dass wir uns von der Welt zurückziehen. Und uns auf uns selbst besinnen. Wie lange und wie radikal dieser Rückzug ausfällt, hängt davon ab, wie intensiv und lebensbestimmend dieser Prozess erlebt wird.

Ähnlich dem Ärger ist auch bei der Traurigkeit die Wirksamkeit und Nützlichkeit dieses Gefühls auf der Grundstufe (Bedauern) am höchsten. Je stärker die Traurigkeit wird, desto mehr verflacht das Denken, bis die Welt schließlich nur noch in zweidimensionaler Überspitzung wahrgenommen wird.

So lange wir das, was wir erfahren, noch schrecklich, furchtbar, grausam, unmenschlich oder schlimm finden, findet keine Annahme statt. Annahme geschieht an dem Punkt, wo wir das, was uns geschieht, als „schade“ interpretieren.

Die Annahme führt schließlich von allein und auf direktem Wege zum Loslassen. Und sie allein ist es, die uns loslassen lässt, woran wir zuvor mit verkrampften Fingern festgehalten haben. Wer loslassen möchte, muss annehmen üben.

Dazu brauchen wir einen liebevollen Blick auf unsere eigenen Grenzen, auf unsere Unvollkommenheit und Ohnmacht. Diese Aspekte unseres Seins haben allerdings bislang in unserer aktuell vorherrschenden Macher-Kultur einen schweren Stand.

Vier Stufen der Traurigkeit:

Stufe 1 (Grundform): Bedauern

Stufe 2 (Positivform): Traurigkeit

Stufe 3 (Elativform): Trauer

Stufe 4 (Exzessivform): Verzweiflung

Komplexe Formen der Traurigkeit:

Mitleid, Selbstmitleid, Kummer, Sorge, Reue, Langeweile, Einsamkeit, Melancholie, Vergebung, …

 

Ärger und Traurigkeit als Zwillingskräfte

„Die Neigungen des Herzens sind geteilt wie die Äste einer Zeder. Verliert der Baum einen starken Ast, so wird er leiden, aber er stirbt nicht. Er wird all seine Lebenskraft in den nächsten Ast fliessen lassen, auf dass dieser wachse und die Lücke ausfülle.“
Khalil Gibran

Wenn wir erleben, dass unsere Bedürfnisse nicht erfüllt werden, dann werden wir daraufhin traurig oder ärgerlich. Je nachdem, ob wir uns in der Lage sehen, unsere Situation und/oder Aussicht zu verändern, oder nicht.

Unser Körper ist klüger als so mancher Geist. Viele von uns glauben, wir würden Situationen erleben, die uns entweder traurig oder ärgerlich machen. Wenn wir genauer und etwas länger hinschauen allerdings, stellen wir fest, dass Empfindungen von Traurigkeit und Ärger in derartigen Situationen im stetigen Wechsel auftreten. Eines steht im Vordergrund, gewiss. Jedoch ist das andere niemals weit entfernt.

Warum behaupte ich, dies zeige, dass unser Körper klüger ist als unser Verstand?

Weil unser Körper offenbar weiß, dass die allermeisten Situationen, in denen wichtige Bedürfnisse unerfüllt bleiben, sowohl Aspekte enthalten, die wir als unabänderlich annehmen müssen, als auch solche, die wir durchaus zu unserem Vorteil verändern können.

Darum liegen Traurigkeit und Ärger so oft so nahe beieinander. Es ist ein Zeichen dafür, wie klug unser Körper ist. Er stellt uns in solchen Situationen beide Werkzeuge, die wir benötigen, zur Verfügung.

Wer also mit Ungemach im Leben leichter und wirksamer Umgang finden will, der ist daran gut beraten, beide Werkzeuge im rechtem Maß und rechter Weise nutzen zu lernen.

 

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Lies hier weiter:klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

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klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle

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klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

klüger fühlen 02:

Eine neue Ordnung der Gefühle
(Nicht schon wieder!)
(Doch.)

„Höchste Weisheiten sind belanglose Daten,
wenn man sie nicht zur Grundlage
von Handlungen und Verhaltensweisen macht.“

Peter F. Drucker

Gefühle sind essenziell bedeutsam für jede menschliche Entscheidung im Leben. Jeder Streit, jede Lüge, jeder Anschlag, jeder Mord beruht auf Gefühlen, die einen Weg suchten, sich zum Ausdruck zu bringen. Das macht die Frage, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, nicht nur zu einem interessanten Thema für freundschaftliche Plaudereien, sondern zu einer Frage mit einer kulturellen und politischen Dimension.

Es ist dringend an der Zeit, dass wir verstehen, welche Bedeutung der Umgang mit unseren Gefühlen nicht nur auf das Leben hat, das wir führen, sondern auch auf die Kultur, in der wir leben. „Emotionale Kompetenz“ gehört verankert in den Lehrplan jeder Klassenstufe und in das Curriculum aller Studiengänge, die einen pädagogischen, psychologischen oder sozialen Schwerpunkt haben.

Wer seinen Umgang mit den eigenen Gefühlen verändern will, der braucht ein Modell, an Hand dessen er (oder sie) das eigene Handeln ausrichten und überprüfen kann. Ein Modell, das uns auch dabei hilft, die Gefühle unserer Mitmenschen einzuordnen und in nützlicher Weise auf diese zu reagieren.

Die bislang differenzierteste Beschreibung der mannigfaltigen Zustände, die wir im weitesten Sinne als Gefühle kennen, stammt aus der Feder von Rüdiger Vaas und findet sich auf der Seite von spektrum.de (siehe Links!). Ich ziehe meinen Hut vor dieser hochverdichteten Zusammenfassung unseres aktuellen Wissensstands. Vaas beginnt sein Essay mit den Worten:

„Jeder scheint zu wissen, was Emotionen […] sind – bis er sie definieren soll. Doch es gibt weder eine einheitliche Theorie noch eine interdisziplinär akzeptierte Definition von Emotionen.“

Wenn es also bereits jetzt ein unübersichtliche Anzahl unterschiedlichster Theorie-Vorschläge gibt, mit denen auf keinen gemeinsamen Nenner zu kommen ist, warum dann noch ein weiteres Modell? Was ist das neue Feature, das den hier vorliegenden Vorschlag so besonders macht?

Antwort: Dieses Modell taugt nicht nur für intellektuelle Fachsimpeleien, sondern auch für den Alltag.

Es erklärt an Hand von sechs Grundgefühlen in zwei strukturell verschiedenen Klassen (bezeichnet als Grundgefühle 1. & 2. Ordnung) sämtlichen weiteren emotionalen Ausdrücke, Affekte und Stimmungen („Komplexe Gefühle“) in einer Weise, die sowohl ein tieferes Verstehen möglich macht als auch die Handlungsmöglichkeiten im alltäglichen Umgang radikal vereinfacht.

Dieses Modell der Gefühle basiert auf der Annahme, dass jedem unserer Grundgefühle ein klarer evolutionärer Nutzen zu Grunde liegt. Verstehen wir diesen, fällt es uns leichter, die spezifischen Wirkungen der Gefühle auf unsere Wahrnehmung, unser Erinnern und Entscheiden zu betrachten und zu verstehen, was unser System auf neurochemische Weise zum Ausdruck bringt.

In a nutshell

„Mache die Dinge so einfach wie möglich – aber nicht einfacher.“
Albert Einstein

Gefühle erscheinen nicht aus dem Nichts.

Sie sind Hinweise unseres Systems in Bezug auf den Zustand bestimmter oder unbestimmter innerer Bedürfnisse. Das, was wir im Außen erleben, hat Auswirkungen darauf, ob wir unsere Bedürfnisse als erfüllt oder als unerfüllt wahrnehmen. Unsere Gefühle sind nicht mehr und nicht weniger als die Antwort unseres Systems auf das, was wir erleben.

Gefühle fühlen sich auch nicht einfach nur irgendwie an. Sie lösen ganz spezifische, eindeutig zu benennende Prozesse in Gehirn und Körper aus, nehmen Einfluss auf Wahrnehmung, Interpretation, Fokus, Erinnerung, geistige Tiefe und sogar auf unsere körperliche Leistungsfähigkeit und weitere Körperfunktionen.

Hierbei ist jedes Gefühl einzigartig in seiner „Signatur“. Wir sind in der Lage, Neid, Eifersucht, Groll, aber auch Dankbarkeit, Stolz oder Vorfreude zu benennen, weil diese Gefühle immer wieder die gleichen Reaktionen in uns hervorrufen. Manche Gefühle jedoch haben eine besonders klare, reine Struktur. Dies sind unsere Grundgefühle: Freude, Ärger, Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust. Hierbei weisen bei näherem Hinsehen die ersten und auch die letzten drei Grundgefühle derart bedeutsame strukturelle Unterschiede auf, dass wir davon ausgehen können, dass diese Gefühlsspektren sich in unterschiedlichen Phasen unserer evolutionären Entwicklung entstanden sind. Sie werden daher als Grundgefühle 1. und 2. Ordnung geführt.

Jedes Grundgefühl kann abhängig von Persönlichkeit, Temperament, Erfahrung und Kontext unterschiedlichen Intensitäten auftreten. In diesem Modell sind für jedes Grundgefühl vier Stufen benannt. Die Übergänge zwischen diesen Stufen sind individuell sehr verschieden, so wie die Einstellung eines Lautstärkereglers für einen Menschen als „zu laut“ und für einen darüber wohnenden Nachbarn als „gerade richtig so“ beurteilt wird.

Alle weiteren („komplexen“) Gefühle bestehen im Kern aus einem oder mehreren dieser Grundgefühle, angereichert um einen oder mehrere „alchemische Gedanken“. Diese zeigen zum Teil interessante Einblicke in das Welt- und in das Selbstbild, das dahinter wirksam ist.

Bevor wir in den folgenden Kapiteln einen näheren Blick auf unsere sechs Grundgefühle werfen, verschaffen wir uns zunächst einmal einen Überblick über die Grundlegende Ordnung der Grund- und komplexen Gefühle:

 

Grundgefühle 1. Ordnung

Die Glückshormone, welche bei der Freude ausgeschüttet werden, führen dazu, dass die Situation, in der wir uns befinden, tiefer und detaillierter erinnert wird. Wir erleben Freude, wenn wir spüren, dass eines (oder mehrere) unserer Bedürfnisse genährt wird (werden). Durch die emotionale Signatur der Freude öffnen wir unsere Sinne, nehmen den Augenblick ganz intensiv wahr und machen ihn so zu einem Teil unserer Erfahrung.

Die Signatur des Ärgers dagegen ist ganz anders. Der Ärger ist eine feurige, aktive Energie. Ärger bringt uns entschlossen in ein Handeln, das das Ziel verfolgt, eine Situation, die wir als nicht nährend, votreilhaft oder angenehm empfinden, zu verändern. Ärger (oder: Entschlossenheit) ist die Kraft, die uns dazu befähigt, aktiv in den Kurs unseres Lebens einzugreifen und das Ruder auf einen neuen Kurs auszurichten.

Wir sehen: Ärger in seiner Grundform hat nichts mit der zerstörerischen Kraft zu tun, in der wir ihn oft erleben. Destruktive Formen des Ärgers (Wut, Rage) oder auch komplexe Gefühle wie Zorn, Hass, Verachtung und andere entwickeln sich vor allen Dingen aus unterdrücktem Ärger, der wieder und wieder gefühlt wird, ohne jedoch nutzbar zum Einsatz gebracht zu werden.

Konfrontiert mit einer Situation, die wir nicht verändern können, entfaltet die Traurigkeit ihre heilende Kraft. Sie leitet einen Prozess des Rückzugs und der inneren Neuorientierung ein. Traurigkeit befähigt uns, anzunehmen, was ist, wie es ist, und sich nicht ändern wird. Je früher wir das annehmen, desto früher können wir unsere Energie auf jene Dinge oder Aspekte lenken, auf die wir Einfluss nehmen können.

Ärger und Traurigkeit werden in diesem Modell als „Geschwisterkräfte“ betrachtet. Da das Leben komplex ist, besteht jede Situation, die uns missfällt und nicht gut tut, aus Aspekten, die wir annehmen müssen, und solchen, die wir ändern können. Ärger und Traurigkeit sind daher niemals weit voneinander entfernt. Zeigt sich das eine, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft auch das andere zeigen.

Freude lehrt uns, was uns nährt, und lässt es uns wieder tun. Ärger bringt uns in eine vorwärtsgerichtete Handlungsenergie, mit der wir unser Leben aktiv beeinflussen. Traurigkeit führt zu schnellstmöglicher Annahme der indiskutablen Faktenlage.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Organismen, die über derartige Reaktionsweisen verfügen, in einer sich wandelnden Umwelt besser auf die Geschehnisse des Lebens eingestellt sind als solche, die diese Möglichkeiten nicht haben. Auf dieser ersten Ebene grundlegender Gefühle braucht es weder ein Konzept von „ich“ noch ein höheres Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Freude, Ärger und Traurigkeit sind sehr direkte emotionale Reaktionen auf Reizerlebnisse im Außen oder Innen. Darum bezeichne ich sie als Grundgefühle erster Ordnung.

Jedem der Grundgefühle sind in diesem Modell vier „Stufen“ zugeordnet, welche unterschiedliche Intensitäten des Grundgefühls benennen:

4 Stufen der Freude: Zustimmung, Freude, Begeisterung, Euphorie

4 Stufen des Ärgers: Ablehnung, Ärger, Wut, Rage

4 Stufen der Traurigkeit: Bedauern, Traurigkeit, Trauer, Verzeiflung

 

Gefühle laden und entladen

Freude, Ärger und Traurigkeit haben noch ein weiteres Feature gemeinsam, das sie von allen anderen Gefühlen trennt: Freude, Ärger und Traurigkeit bauen angestaute emotionale Spannung ab.

Auf den Moment der größten Freude folgt eine Phase tiefer Entspannung. Wenn die Wut und Trauer ganz und gar zum Ausdruck gebracht wurden, entsteht (manchmal urplötzlich) ein Empfinden von Klarheit, Offenheit und Weite. Die meisten Menschen empfinden dies körperlich von der Brust an aufwärts.

Wenn unsere Freude, unser Ärger und unsere Traurigkeit frei fließen können, erzeugen sie durch diesen Prozess ein Empfinden von Leichtigkeit, Offenheit und Klarheit.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir ständig Freudensprünge machen sollten, die Fäuste ballen oder weinen. Diese starken Reaktionen sind eher ein Zeichen für emotionale Ausnahmesituationen. Oder dafür, dass sich zuvor unterdrückte Gefühle abrupt einen Weg an die Oberfläche bahnen.

Leider haben viele der erwachsenen Menschen unserer Zeit bereits früh verlernt, ihre Gefühle auf eine natürliche Weise fließen zu lassen. Stattdessen haben sie gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Oder sie ihren Mitmenschen blindwütig um die Ohren zu hauen.

Die Fähigkeit, potenziell destruktive emotionale Energie am Fließen zu hindern, ist eine hilfreiche Eigenschaft, die wir vermutlich mit allen anderen sozialen Tieren teilen.

Unser Nervengeflecht bietet gewisse Kapazitäten, störende emotionale Impulse auf „Pause“ zu setzen und sicher zu lagern. Im Laufe des Lebens nehmen diese Kapazitäten erheblich zu. Allerdings sind und bleiben die Kapazitäten zur Speicherung unpassender Gefühle begrenzt. Wenn wir sie nicht zwischendurch „leeren und säubern“, dann sind sie irgendwann schließlich voll. Was dann passiert, ist stark typabhängig, aber nur selten schön.

 

Grundgefühle 2. Ordnung

Während unsere Grundgefühle erster Ordnung unmittelbar auf das reagieren, was wir erleben, reagieren unsere Grundgefühle zweiter Ordnung auf unsere Erwartung einer Situation. Mithin: ein rein geistiges Produkt. Diese zweite Art von Gefühlen erfordert ein deutlich höheres Maß an geistiger Entwicklung, als dies für die Grundgefühle erster Ordnung nötig ist.

Die zweite Ordnung der Grundgefühle umfasst: Überraschung (über etwas), Lust (auf etwas) und Angst (vor etwas).

Diese Gefühle lösen etwas anderes aus als Freude, Ärger und Traurigkeit. Überraschung , Angst und Lust bringen die Energie in uns nicht ins Fließen, sondern erhöhen zwar den Energiezustand des Systems – nicht selten drastisch! – setzen jedoch gleichzeitig das System auf „Pause“.

Angst empfinden wir dann, wenn wir eine Zukunft erwarten, in der wir Ärger oder Traurigkeit empfinden werden – in einer ihrer Stufen bzw. kristallisiert in einem komplexen Gefühl.

Lust kommt auf, wenn wir an eine Zukunft denken, in der wir erwarten, Freude zu fühlen. Die durch Lust aufgebaute Energie wird später durch konkretes Handeln oder Erleben entweder in Freude transformiert, oder aber sie entlädt sich in eines der anderen Grundgefühle 1. Ordnung bzw. einer komplexen Variante davon.

Überraschung überkommt uns, wenn wir einen Augenblick lang (oder länger) so gar nicht wissen, mit was wir als nächstes rechnen müssen. Etwas ist passiert, auf das wir nicht vorbereitet waren. Das Handeln bricht jäh ab, und das ganze System nimmt mit allen Sinnen Information über seine Umwelt auf.

Auch die Grundgefühle zweiter Ordnung treten in unterschiedlichen Intensitäten auf:

4 Stufen der Überraschung: Verwunderung, Überraschung, Schreck, Schock
4 Stufen der Angst: (An-) Spannung, Vorsicht, Angst, Panik
4 Stufen der Lust: Interesse, Neugier, Lust, Begierde

 

Komplexe Gefühle

Neben diesen 6 Grundgefühlen der 1. und 2. Ordnung kennen wir noch eine geraume und unübersichtliche Anzahl weiterer Gefühle. Dazu gehören:

Eifersucht, Sorge, Mut, Zorn, Mitgefühl, Mitleid, Selbstmitleid, Mitgefühl, Selbstmitgefühl, Groll, Frustration, Verliebtheit, Neid, Missgunst, „Enttäuschung“, Stolz, Scham, Fremdscham, und und und…! Dies ist die schillernde Gruppe der „Komplexen Gefühle“.

In dieser Gruppe finden wir ein Füllhorn unterschiedlichster emotionaler Cocktails, die unser System zu mixen in der Lage ist. Komplexe Gefühle entstehen aus einem oder mehreren Grundgefühlen, gemixt mit Annahmen und Überzeugungen, zumeist in einem milchtrüben Glas serviert.

Sie an dieser Stelle im Einzelnen zu beschreiben, sprengt den hier gegebenen Raum. Hierfür wird an anderer Stelle mehr Platz sein.

Doch vielleicht sehen wir bei genauem Hinschauen bereits jetzt in der Sorge die Angst, in der Scham die Traurigkeit und im Mut den Ärger durchschimmern. Dies kann uns wichtige Hinweise geben in Bezug auf die Intentionen hinter den lauten und den leisen Gefühlen unseres Alltags und unsere Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit ihnen.

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
erscheint wortgleich auf


und
.

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klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

klüger fühlen 01:

Warum wir fühlen…

Gefühle sind etwas Alltägliches. Als Menschen haben wir beständig mit Gefühlen zu tun – unseren eigenen oder denen unserer Mitmenschen. Emotionale Kompetenz ist daher eine potente Schlüsselfähigkeit, nicht nur im Umgang mit schwierigen Situationen des Alltags, sondern vor allem in der Gestaltung der zwischenmenschlichen Interaktionen und Beziehungen in unserem Leben.

Interessanterweise können nur die wenigsten Menschen benennen, was Gefühle eigentlich sind – geschweige denn, wofür sie gut sind! Von einem reflektierten Umgang mit ihnen ganz zu schweigen.

Es hält sich beständig das Liedlein von den guten und den schlechten Gefühlen mit vielen Strophen darüber, die einen zu mehren und die anderen „loszulassen“. Und das nicht nur bei Laien.

Festmeter an gut gemeinter Ratgeberliteratur füllt die Philosophie der guten und der schlechten Gefühle. In meinen Augen ist diese Sicht auf die Dinge leider nicht nur wenig hilfreich, sondern sogar schädlich für den Menschen, der auf diese Weise denkt.

Da unsere Gefühle, in ihrer ganzen, schillernden Fülle, tiefgreifend mit unserem gesamten System verwoben sind, ist es nicht möglich, Gefühle abzustellen oder sie „loszulassen“. Ob es uns gefällt oder nicht: Unsere Gefühle werden uns begleiten, so lange wir lebendig sind. Und zwar nicht nur diejenigen, die wir gerne mögen.

Was wir allerdings lernen können, ist unsere Gefühle aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten. Einer Perspektive, in der wir sie als energetische Kräfte begreifen, die wir nicht nur erfahren, sondern – in gewissen Grenzen – durchaus zu steuern in der Lage sind.

Hierfür ist es hilfreich, wenn wir verstehen, was die ganze Sache eigentlich soll, das mit dem Fühlen…

 

Down to earth: Gefühle sind biochemische Information

„Lerne die Situation
in der du dich befindest,
insgesamt zu betrachten.“

Miyamoto Musashi

Bar jeder romantischer Verklärung: Das, was wir „Gefühle“ nennen, sind spezifische Reaktionsweisen unseres Organismus auf das, was wir erleben.

Unser Gehirn wertet in jeder Sekunde Millionen von Informationseinheiten aus. Ein Teil dieses Datenstroms betrifft die uns umgebende Welt: Das, was wir erfahren und erleben. Die Welt um uns herum erfahren wir über unsere Sinne. Wie sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen unsere Umwelt:

Gesichtsausdrücke oder Worte, Düfte, Klänge oder Berührungen, Landschaften, Menschen… Daraus besteht die Welt, die uns da draußen umgibt.

Ein anderer Teil der Information, die beständig auf unser Gehirn einströmt, stammt aus uns selbst. Eine Vielzahl der Gespräche, die wir jeden Tag führen, führen wir allein in unserem Geist. Wir alle kennen Gedanken in Form lebhafter Bilder, teils erinnert, teils konstruiert. Auch Phänomene wie der sprichwörtliche Druck auf Kopf, Bauch oder Brust (oder das Gegenteil: Den Kopf, den Bauch, das Herz voller Weite), Wärme- oder Kälteempfindungen und psychosomatische Schmerzen hat jeder und jede von uns schon mal erlebt.

Diese Information erreicht unser Gehirn zunächst einmal schlichtweg als Reiz. Hierbei ist bedeutsam, dass in unserem Kopf dieselben Schaltkreise aktiv sind, wenn wir etwas sehen oder es uns lebhaft vorstellen, ob wir Worte hören oder sie in unseren Gedanken wahrnehmen. Aus der Perspektive unseres Gehirns heraus gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen Realität und Vorstellung. Unser Gehirn kennt alleine „Wirklichkeit“ und versteht darunter „das, was wirkt“.

Den eingehenden Reiz vergleicht unser Gehirn mit vergangenen Situationen, die an Hand zumeist unbewusst gewählter Kriterien als Maßstab tauglich scheinen, um eine Aussage über den weiteren Verlauf der Gegenwart oder Zukunft zu ermöglichen. All dies passiert sehr schnell und mit dem Ziel der Vorbereitung einer angemessenen und (hoffentlich!) nützlichen Handlung.

Hierbei ist es wichtig, sich vor Augen zu halten: Daseinszweck unseres Gehirns ist nicht allein, unser Überleben zu sichern. Darüber hinaus liegt seine Bestimmung darin, dafür Sorge zu tragen, dass die Bedürfnisse unseres Systems den Gegebenheiten und Möglichkeiten entsprechend bestmöglich erfüllt sind.

Unser Gehirn schüttet neurochemische Botenstoffe aus und regt Drüsen in unserem Körper dazu an, es ihm gleich zu tun. Diese neurochemischen Botenstoffe, besser bekannt als Hormone und Neurotransmitter, sind nicht mehr und nicht weniger als die biochemische Entsprechung dessen, was wir „Gefühle“ nennen.

Je nachdem, welche Schlüsse unser Gehirn aus seiner Verarbeitung der aktuell darauf einwirkenden Reize zieht, wird der chemische Cocktail unterschiedlich ausfallen – und ebenso wird es die Gefühlslage sein, die sich auf Basis jener Hormone und Neurotransmitter in unserem System einstellt.

So entstehen also unsere Gefühle: In Reaktion auf Außen- oder Innenreize schütten das Gehirn und spezifische Drüsen Botenstoffe aus. Diese bewirken physiologische Veränderungen unseres Systems. Je mehr Erfahrungen wir in der Wahrnehmung und im Umgang mit diesen Zuständen haben, desto klarer sind wir in der Lage, diese Veränderungen in unserem System als emotionale Qualitäten zu identifizieren und zu beschreiben. Wir sagen, wir sind traurig oder wütend oder froh…

So weit, so klar. Diese Mechanismen sind wissenschaftlich unstrittig und den meisten von uns inzwischen gut bekannt.

Aber… Warum genau tun unser Gehirn und unsere Drüsen das eigentlich?!

Um diese Frage zu beantworten, braucht es eine neue Perspektive. Wir verlassen unseren Körper und betrachten „das Große Ganze“. Von hier aus betrachtet stolpert der Mensch nicht mehr als angebliche „Krone der Schöpfung“ über den Planeten, sondern ist nur eines der unzähligen Kinder, die Mutter Natur erschaffen und in diese Welt entlassen hat.

Der Mensch ist nämlich ganz offensichtlich nicht das einzige Tier, das fühlt.

 

Evolutionsneurobiologische Gedanken

„Ich habe, glaube ich, die Zwischenstufe
zwischen Tier und Homo sapiens gefunden:
Wir sind es.“

Konrad Lorenz

Die Evolutionsbiologie hat uns seit den Zeiten Darwins bahnbrechende Erkenntnisse geliefert. Darwins Perspektive auf das Leben erzeugte ein vollkommen neues Verständnis der Prozesse, die unsere Welt formen und nicht zuletzt uns Menschen von dem, was wir waren, zu dem haben werden lassen, was wir heute sind.

Ebenso einschneidend (und für viele damalige Zeitgenossen verstörend) wie Darwins Einsicht in die Verwandtschaft des Menschen mit ausnahmslos allen anderen Lebewesen unseres Planeten (98,5% unseres Erbguts teilen wir mit den Schimpansen, nicht weniger als 50% mit der Banane!) waren die Gedanken, die sich Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Alfred Adler und andere frühe Psychiater und Therapeuten über die Sphären des menschlichen Geistes machten und in ihren Schriften veröffentlichten.

Die wissenschaftliche Forschung entdeckte das Gehirn und begann zu erforschen, welche Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen der organischen Materie in unserem Kopf (und unserem Körper!) und dem bestanden, was wir in unserer Alltagserfahrung als Gedanken, Gefühle, Stimmungen und nicht zuletzt als Persönlichkeit erfahren und beschreiben.

Die Hirnforscher und Neurowissenschaftler des 20. Jahrhunderts waren fleißig. Sie stellten kluge Fragen. Mit immer ausgefeilteren Techniken wurde das Gehirn untersucht, in funktionelle Strukturen klassifiziert und getestet. Heute sind wir in der Lage, die Gehirne lebender Menschen und Tiere in vivo zu beobachten, elektrische Ströme und chemische Signaturen zu messen und zu vergleichen.

Welchen Nutzen können wir aus den Erkenntnissen der Evolutions- und Neurobiologie für den Umgang mit unseren Gefühlen im Alltag ziehen? Ich behaupte: Einen gewaltigen! Wenn wir verstehen, ihre Erkenntnisse zu lesen und zu deuten.

Eine Vielzahl der neurochemischen Prozesse, die unzertrennlich mit unseren Gefühlen verbunden sind, finden in einem Teil unseres Gehirns statt, der „limbisches System“ genannt wird. Weitere Hot Spots finden wir in unseren Geschlechtsdrüsen, den Nebennieren und einigen anderen Organen. Diese organischen Strukturen finden sich nicht nur bei uns Menschen…

Bereits Rochen und Haie haben eine Hypophyse. Gleiches gilt für die Bauchspeicheldrüse. Beide sind bei uns Menschen mit der Ausschüttung einer Vielzahl von Hormonen verbunden, die unsere emotionale Verfassung massiv beeinflussen.

Immerhin seit dem Zeitalter der Amphibien begleitet uns die Erfindung der Adrenalin ausschüttenden Nebennieren. Adrenalin ist beim Menschen eines der zentralen Hormone für die Erzeugung des Gefühls von Ärger. Wir können davon ausgehen, dass derselbe Stoff auch in anderen Organismen einen sehr ähnlichen Effekt hat. Anders gesagt: Auch Frösche, Lurche und Unken wissen vermutlich aus erster Hand, wie es sich anfühlt, wütend zu sein.

Alle Strukturen unseres Körpers wie die der Körper aller anderen Lebewesen auf Erden (und drumzu?) haben sich durch die Mechanismen von Mutation und Selektion hervor gebildet und im Laufe von Jahrmillionen immer weiter entwickelt.

Die Evolution ist eine zwar durchaus kreative, aber eiskalt berechnende Strategin: Jede Mutation bekommt eine reelle Chance. Sollte sie sich als Vorteil entpuppen, wird sie beibehalten, erweitert oder verfeinert. Tut sie dies nicht, wird sie ohne Skrupel oder Wehmut ausgemerzt.

Wir alle wissen: Unsere Gefühle binden nicht selten große Mengen unserer Aufmerksamkeit und Energie. Dennoch haben sich die organischen Strukturen, die die biologische Basis aller Gefühle bilden, bereits vor Hunderten von Millionen Jahren gebildet und seither ununterbrochen erhalten.

Diese beiläufig daher kommende Information ist alles andere als trivial. Sie bedeutet, dass unsere Gefühle einen saftigen evolutionären Vorteil mit sich bringen. Sonst wären sie schlicht nicht über mindestens (!) 250 Millionen Jahre Evolution erhalten geblieben und in unzähligen Lebensformen (unter anderem uns Menschen) darüber hinaus vertieft und weiter entwickelt worden.

Lassen wir uns diese Information auf der Zunge zergehen, bevor wir weiter denken:

Du magst deine Gefühle als positiv oder negativ wahrnehmen. Die Evolution tut dies nicht. Sie hat die Gefühle erschaffen, weil sie sie für nützlich hielt. Jedes einzelne von ihnen.

Was also ist der große Nutzen unserer Gefühle?

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
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Der Mensch als Objekt, als Prozess und als System.

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Der Mensch als Objekt, als Prozess und als System.

Die Auswirkungen unseres Menschenbildes auf unser soziales Miteinander

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Bereits zu Urzeiten zogen wir in sozialen Verbänden über den Planeten. Inzwischen haben wir Abkömmlinge aus der Linie der Bonobos und Schimpansen es geschafft, den gesamten Planeten so dicht zu besiedeln, dass kaum mehr ein Fleckchen unberührter Natur zu finden ist.

Wo und wie auch immer wir leben, wir erleben jeden Tag eine Unzahl an Interaktionen mit Mitgliedern unserer Art. Wie diese verlaufen, ist stark abhängig davon, vor welchem Menschenbild wir selbst und unsere Interaktionspartner das, was wir miteinander erleben, interpretieren und deuten.

Hierbei ist zu erwähnen, dass die moderne Psychologie kein gemeinsames Menschenbild aufweist. Je nach Denkschule, Vorbildern und persönlichen Erfahrungen variieren die Modelle, mit denen der Mensch beschrieben wird. Ebenso sehen wir selbst uns selbst und unsere Mitmenschen vor dem Hintergrund grundlegender Annahmen darüber, wer oder was genau eigentlich dieses „ich“ ist, von dem hier alle ständig reden.

 

Objektfokus: Der 3-Dimensionale Mensch

Voraussichtlich betrachtet zur Zeit noch die Mehrheit der Menschen in unserer Kultur die Welt grundlegend als aus kleineren, voneinander verschiedenen Objekten zusammengesetztes Ding. Dies ist ein Baum, das ist ein Fahrrad, das bist du, das bin ich, und das sind Liebe, Freiheit, Glück oder Erfolg.

Ein Ding oder Objekt hat eine Anzahl gleichbleibender Eigenschaften, durch die es sich auszeichnet und beschreiben lässt. Aus dem Objektfokus heraus betrachten wir die Eigenschaften unseres Gegenübers und wissen zügig: Er oder sie ist Mann oder Frau, heimisch oder fremd, wichtig oder unwichtig, Freund oder Feind. Hierin liegt die Stärke des Objektfokus: In der schnellen Klassifikation und Kategorisierung unserer Mitmenschen an Hand leicht zu erfassender äußerer Merkmale.

Menschen mit Objektfokus interessieren sich in Bezug auf ihre Mitmenschen für drei Dinge:

  • Wie sieht er / sie aus?
  • Was sagt er / sie?
    und
  • Was tut er / sie?

Sind diese drei Fragen ausreichend konsistent geklärt, glauben objektfokussierte Menschen leider allzu leicht, sie hätten dadurch ein verlässliches Modell von ihrem Gegenüber. In der Tat zeichnet sich die objektfokussierte Sicht durch eine hohe Trefferquote aus. Menschen, die wir kennen, verhalten sich die allermeiste Zeit über so, wie wir es von ihnen erwarten. In Anbetracht dessen arbeitet die objektfokussierte Sicht radikal einfach und hochgradig energiesparend.

Manchmal allerdings verhalten sich unsere Mitmenschen (oder vielleicht sogar wir selbst uns) in einer Art und Weise, die wir ganz und gar nicht erwartet haben. Ein Mensch mit Objektfokus kommt zu dem Schluss: „Ich habe mich in ihm / ihr / mir geirrt!“ oder auch „Er / sie hat mich getäuscht! Darum kann ich ihm / ihr nicht trauen!“ (auch: „Ich kann mir selbst nicht trauen!“)

Neben den beständigen und nicht immer angenehmen Überraschungsmomenten bringt der Objektfokus einen weiteren gewichtigen Nachteil mit sich: Durch ein Beharren auf „Ich bin so, wie ich bin!“ und „Unsere Beziehung (Objekt!) ist, wie sie ist!“ behindert und verhindert das rein dreidimensionale Menschenbild Entwicklungen und kreative Lösungsmöglichkeiten auf vielen Ebenen. Insbesondere im Angesicht von Schwierigkeiten oder Konflikten führt eine solche Haltung oft dazu, dass sich die Bedingungen für eine gute Lösung der Situation verschlechtern.

Der objektfokussierte Mensch blickt auf die Fotos seiner Vergangenheit und wundert sich über die Veränderungen in Persönlichkeit, Werten oder Stil. Auf die Zukunft blickend ist er davon überzeugt: Seine zukünftige Version ist haargenau derselbe Mensch wie er jetzt ist, nur ein paar Jahre älter selbstverständlich. Wer den Menschen als „Objekt“ sieht, wird sich oft irren. Er übersieht, dass alles, was lebt, in stetiger Entwicklung ist.

 

Prozessfokus: Der 4-dimensionale Mensch

Der prozessorientierte Mensch weiß: „Ich bin eine Geschichte!“ Er weiß: Jeder Augenblick verändert ihn ein winziges Stück. Augenblicke vereinen sich zu Tagen, zu Jahren und Jahrzehnten. Manche Augenblicke, das weiß er, weil er es erfahren hat, verändern sein Leben und sein „ich“ bedeutend mehr als nur ein Stückchen.

Die Sicht auf den Menschen als „Prozess“ beantwortet viele offene Fragen. Wir erkennen, dass die Wurzeln heutigen Verhaltens zum Teil zurückreichen bis in Vergangenheiten, zu denen es keine bewussten Erinnerungen gibt. Allein das Erinnerte jedoch aus unserer eigenen Geschichte oder der eines Mitmenschen macht manches, das wir im Heute erleben, verständlich. Dadurch können wir es leichter annehmen.

Auch macht die prozessfokussierte Sicht Entwicklung leichter. Da das, was ich heute bin, aus meinem Gestern entstanden ist, hat das, was ich heute sage, denke und tue, Auswirkungen darauf, wer ich morgen bin.

Menschen mit Prozessfokus fragen:

  • Was hat er / sie erlebt?
  • Wie hat sich das angefühlt?
  • Was hat das mit ihm / ihr gemacht?
  • Was möchte er / sie gerne erleben?
  • Wo findet er / sie das, was er / sie dazu braucht?

Eine prozesshafte Sicht des Menschen ist eine wichtige Grundlage jedweder medizinischen, psychologischen, pädagogischen oder seelsorgerischen Arbeit. All diese Dienste begleiten und unterstützen Entwicklungen in Richtung von mehr Gesundheit, Lebendigkeit, Wirksamkeit und Bewusstheit.

Dennoch: Auch die Betrachtung des Menschen als „Prozess“ oder „Geschichte“ hat ihre liebe Not damit, wenn es darum geht, Zustände innerer Lähmung, Zerrissenheit oder Selbstsabotage zu erklären.

Warum behindern wir uns so oft selbst in unserer Lebendigkeit und Entwicklung? Warum setzen wir Dinge oder Beziehungen, die wir lieben, leichtfertig auf’s Spiel? Warum handeln wir so oft auf unserem Weg wider besseres Wissen?

Die Frage: „Warum tue ich (tut er / sie) das?“ ist falsch gestellt, weil sie voraussetzt, dass das „ich“, nach dem sie fragt, im Singular existiert. Die Antwort allerdings kommt im Plural. Darum verstehen wir sie nicht.

 

Systemfokus: Der n-dimensionale Mensch

Der Mensch ist bereits als „ich“ ein „wir“. Die Persönlichkeit eines jeden Menschen besteht aus einer Vielzahl miteinander interagierender Teilpersönlichkeiten, die je nach Grad der Selbsterkenntnis und Bewusstheit eines Menschen im Inneren seiner Psyche miteinander in Kontakt, in Kooperation oder Konkurrenz stehen.

Es gibt Menschen, vermutlich sind es in unserem Land nur etwa ein halbes bis anderthalb Prozent, die sind in der Lage, sich selbst und ihre Mitmenschen als derart komplexes System aus inneren Anteilen oder Kräften zu sehen. All unser Denken, Fühlen und Verhalten ist Ausdruck der vielfach wechselwirksamen Prozesse in unserem Inneren.

Jedes einzelne Element dieses Systems „Das bin ich!“ hat eine Geschichte. Es ist zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt im „ich“ entstanden und hat sich fortan im Rahmen seiner Möglichkeiten weiter entwickelt. Jedes Element des Systems stellt also selbst einen Prozess dar. Wenn nicht gar, was noch wahrscheinlicher ist, ein eigenes System.

Wie entsteht ein solches System im Inneren unserer Psyche? Klaus-Peter Horn und Regine Brick beschreiben diesen Prozess in „Das verborgene Netzwerk der Macht“ (Gabal Verlag 2001, S. 180-181) auf folgende Weise:

„[…] Jedes neugeborene, menschliche Wesen ist einzigartig. Wenn Sie Kinder haben, werden Sie dies bestätigen können. Jedes Wesen bringt eine „Seinsqualität“ mit, die es unverwechselbar macht. […] Neben seiner Einzigartigkeit ist es jedoch auch äußerst schutzlos und verletzlich. So ist das Neugeborene für sein Überleben völlig auf Hilfe angewiesen, die natürlicherweise von Mutter und Vater kommt. Wie also entsteht in einem so winzigen Wesen eine Persönlichkeit, die sagt: „Das bin ich. So bin ich.“, „Das ist mein Charakter.“?

Weil dieses kleine Kind für sein Überleben nicht selbst sorgen kann, muss es eine Kontrollinstanz in sich entwickeln, die Hilfe von außen sicherstellt und so seine Verletzlichkeit schützt. Das ist die Geburtsstunde seiner Persönlichkeit. Diese Kontrollinstanz hat die Aufgabe eines inneren „Beschützers/Bewachers“. Die Eigenschaften dieses ersten Teilselbstes, auch Teilpersönlichkeit oder innere Person genannt, können sehr unterschiedlich sein. Sie sind abhängig von Kultur und Land sowie den Lebensumständen, Werten und Normen der Familie, in die es hineingeboren wird. Die wichtigste Aufgabe dieses ersten Teilselbstes ist es, mit allen Mitteln das Überleben sicher zu stellen.

Es bedient sich dazu verschiedener „Helfer“, die sich in Anpassung an die jeweiligen Umstände, unter denen das Kind aufwächst, als weitere Teilpersönlichkeiten entwickeln. […]“

Menschen mit Systemfokus fragen:

  • Mit welchem Teil in mir / dir habe ich es zu tun?
  • Was will dieser Teil in mir / dir?
  • Welche Stimmen gibt es hierzu in mir / dir?
  • Was fühlen diese Stimmen? Was denken sie? Was sind ihre Wünsche oder Forderungen?
  • Welche unterschiedlichen Meinungen, Gefühle oder Strategien gibt es dazu in mir / dir?

Hinter all den lauten und leisen Stimmen, Meinungen und Gefühlen unseres “ich“ liegt unser “selbst”. Auf der Ebene dieser innersten all unserer psychischen Instanzen ist alles Leben nichts als Wahrnehmen, Fokussieren und Entscheiden.

Ein Teil der Wahrnehmungen unseres „selbstes“ stammt aus der Welt da draußen: Das Geräusch des Windes in den Bäumen oder das Streiten der Kinder, die Augen des Liebsten oder das Unterhaltungsangebot auf Netflix, die Empfindungen auf unserer Haut oder der Duft in unserer Nase.

Ein nicht unbedeutend großer anderer Teil der Information jedoch, die unser „selbst“ erhält, stammt aus unserer eigenen Innenwelt, aus unserem „ich“. Hierzu zählen die unzähligen Gedanken, die in Form eines beständigen Flusses aus Worten oder Bildern in unserer Aufmerksamkeit kurz aufpoppen und dann wieder verschwinden. Zu den Kommunikationswegen in unserem System zählen außerdem Körpersymptome wie Wärme oder Kälte, Weite oder Druck, Herzschlag, Atmung usw..

Manche Gedanken poppen auf und gehen nicht wieder weg. Manche Gedanken haben geradezu massive Auswirkungen auf unser gesamts System. Sie verändern unser Denken und Fühlen, unsere Körperhaltung und Mimik, unsere Stimme, unsere Atmung, unsere Aufmerksamkeit, unsere Erinnerungen und nicht zuletzt unser Verhalten. Außen stehende sagen, wir wären „wie ausgetauscht“. Natürlich sind wr das nicht. Und doch liegt diese Beobachtung sehr nahe an der Wahrheit: Ein anderer Teil in uns hat das Ruder übernommen und steuert nun das Schiff, das wir unser Leben nennen.

Wer den Begriff des inneren Systems nicht nur als gefällige Coaching-Metapher verwendet, sondern konsequent durchleuchtet, kann lernen, sich des schillernden Systems in seinem Inneren nicht nur gewahr zu sein und es zu beobachten, sondern aktiv und bewusst auf dieses System einzuwirken.

Wer gelernt hat, aus der Position des „selbstes“ heraus mit den unterschiedlichen Anteilen seiner Persönlichkeit in ein offenes Gespräch zu treten, erlangt dadurch mit der Zeit immer mehr bewussten Zugriff auf sein eigenes Unterbewusstsein und hierdurch vielfältigere Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und dem Leben.

Die aus dieser Erfahrungsqualität im Umgang mit sich selbst entstehende Bewusstheit ist der Schlüssel zu innerer Harmonie, Klarheit und Entschlossenheit. Je besser wir die in uns wirksamen Anteile kennen lernen, desto wahrscheinlicher werden wir erkennen, dass jeder dieser Anteile allein existiert, um uns dabei zu helfen, auf die täglichen Herausforderungen und Fragen des Lebens unsere eigene Antwort zu finden. So wie jeder andere Mensch in unserem Leben auch.

Aus der Perspektive des Systems betrachtet lösen sich die Widersprüche auf. Erfolg oder Entspannung? Geld oder Liebe? Jens oder Jan? Wenn wir den vielfältigen Stimmen in uns wirklich lauschen, lautet die Antwort nicht allzu oft eben nicht „Entweder-Oder“, sondern „Sowohl-Als-Auch“!

Dies ist der Beginn einer neuen Art von Beziehung mit uns selbst (und Anderen!). Erstes Zeichen für diese neue Art des Umgangs (mit uns selbst und Anderen) ist, dass wir beginnen, neue Fragen zu stellen. Wir erkennen, dass die Frage „Will ich dies oder das?!“ auf einer falschen Annahme beruht (Nämlich: Ich will eines von beidem und muss nur herausfinden, welches es ist…) und uns daher zwingend in die Irre führen muss.

Die Fragen, die aus dieser Perspektive auf uns selbst (und Andere) heraus entstehen, sind komplizierter als das alte „Was will ich (eigentlich oder wirklich)?“ Sie erfordern mehr Information, mehr Aufmerksamkeit, mehr Mitgefühl (mit uns selbst und Anderen). Zugegeben: Das kostet eine Menge Energie und Aufmerksamkeit. Diese Sicht auf den Menschen braucht viel Bewusstheit und die Bereitschaft zum Annehmen oder Aushalten unterschiedlicher Impulse, Werte, Wünsche oder Gefühle.

Die Antworten jedoch, die wir erhalten, wenn wir den Mut haben, uns der großen Gleichzeitigkeit des Lebens zu stellen, legen das Fundament für eine vollkommen neue Art der Beziehung und der Kooperation mit uns selbst, unseren Mitmenschen und dem Leben. Wir begegnen uns, zeigen uns und verhandeln miteinander, mit uns selbst und dem Leben, auf einer neuen Basis der Ehrlichkeit, Selbstbewusstheit und Achtung.

Dieses neue Bild des Menschen versetzt uns wie keines der vorhergegangenen Modelle in die Lage, die Tiefe, Weite und Vielfalt in uns selbst und unseren Mitmenschen zu erkennen, zu achten und mit etwas Übung sogar ein bisschen: zu lieben.

Wer den Menschen als System erkennt, wird sich selbst und seinem Gegenüber auf neue Art begegnen. Dieses „neu“ ist gekennzeichnet durch ein Mehr an Selbstvertrauen und Respekt, an Gelassenheit und Mitgefühl, an Präsenz und Wirksamkeit.

Diese Qualitäten in Menschen zu stärken, ist Teil meiner Arbeit als Coach, als Trainer und Mentor.

 

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