Wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

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wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

„Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.“
Joanne Kathleen Rowling (* 1965)

 

‚ich’… Jeden Tag verwenden wir dieses Wort hunderte Male. Ich selbst bringe seit Jahren all meinen Klienten, die es hören wollen oder nicht, bei, öfter ‚ich‘ zu sagen anstatt „du“ oder das grässliche „man“.

Aber… wer genau ist dieses ‚ich‘ eigentlich, von dem wir sprechen und als das wir uns selbst erfahren?

Die Frage ist kniffelig. Sie ist, wenn man es genau nimmt, seit Jahrtausenden die existenzielle Kernfrage aller Philosophie. Bis heute gibt es keine Übereinstimmung darin, wer oder was genau dieses ‚ich‘ eigentlich ist, von dem wir sprechen, wenn wir ‚ich‘ sagen.

Auch ich werde in diesem Artikel keine unumstößliche naturwissenschaftliche Antwort geben. Was ich lediglich anbiete, ist eine Perspektive, die wir nutzen können, um uns selbst und einander ein wenig umfassender zu erkennen und zu verstehen als es uns bislang gelingt.

Was ich hier darlege, ist nicht mehr als ein Modell. Ich glaube jedoch, dass genau dieses Modell dessen, was wir im Kern sind, uns in die Lage versetzen kann, eine Vielzahl vermeintlicher Widersprüche in uns selbst und anderen aufzulösen, bessere Entscheidungen zu treffen und Konflikte zielführender und menschlicher miteinander zu verhandeln.

 

‚ich‘ bin ‚ich‘. Was soll die Frage?

„So lange Sie nicht bereit sind, all das, was Sie wissen, in Frage zu stellen, wird das, was Sie wissen, niemals größer, besser oder nützlicher werden.“
Milton Hyland Erickson (1901-1980)

Die Frage nach dem ‚ich‘ ist nicht nur für Philosophen und große Denker von Bedeutung. Bei Lichte betrachtet beeinflusst sie (bzw. unsere individuelle Antwort darauf) unser Leben auf vielfache Weise. Je nachdem, welche Vorstellung ich von dem habe, wer oder was ‚ich‘ eigentlich ist, hat dies Auswirkungen auf unzählige kleine und große Situationen jedes einzelnen Tages.

Wenn ich beispielweise mein ‚ich‘ als eine Art Wesen ansehe, das in einer Welt aus anderen ‚ich‘-Wesen um seinen Platz, um Nahrung und um sein Überleben kämpft, als etwas, das verletzt, geschwächt und in letzter Konsequenz sogar vernichtet werden kann, dann werde ich natürlich immer wieder alles in meiner Macht stehende tun, um dieses ‚ich‘ zu verteidigen, zu beschützen und seine potenziellen Widersacher zu bekämpfen. Da mein ‚ich‘ alles ist, was ich bin, kann ich gar nicht anders, als dieses ‚ich‘ mit all seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen sehr, sehr wichtig zu nehmen.

So lange in meinem eigenen Leben das meiste nach meinen Wünschen und vorstellungen verläuft, bringt dieses Verständnis vom ‚ich‘ viel Freude und Selbstzfriedenheit mit sich. In schwierigeren Lebensphasen allerdings, in Krisen und Konflikten, macht die starke Identifikation mit unseren Gedanken, Gefühlen und Impulsen vieles nur noch schlimmer.

Wenn ich stattdessen, was ebenso möglich und in manchen Kreisen durchaus verbreitet ist, mein ‚ich‘ als ein reines Flackern elektrochemischer Signale betrachte, als ein zufälliges Nebenprodukt meiner biologischen Existenz oder, wie es der Buddhismus vorschlägt, als reine „Illusion“, dann gewinne ich naturgemäß einen größeren inneren Abstand zu meinen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Das kann Vorteile haben.

Zum Beispiel gerate ich durch ein solches Verständnis von meinem ‚ich‘ bedeutend seltener in starke Formen von Ärger, Angst oder Traurigkeit. Dies kann im Alltag durchaus nützlich sein. Der Preis hierfür allerdings ist leider, dass auch Freude und Lust aus dieser Perspektive nichts als „Illusionen“ sind und dadurch nur gebremst empfunden werden.

Meine Beobachtung der Menschen zeigt mir folgendes:

Je stärker die Identifikation eines Menschen mit seinem ‚ich‘ ist, desto stärker sind tendenziell auch seine emotionalen Reaktionen auf die Erfahrungen, die dieses ‚ich‘ in seinem Lebensalltag macht.

Solche Menschen erleben häufig ein beständiges Auf und Ab ihrer Gefühle. Je nachdem, was diese Menschen erleben, verfallen sie quasi-automatisch in Freude, Ärger, Traurigkeit, Angst, Lust, Euphorie, Frustration, Sehnsucht, Schwermut und und und.

Je mehr innere Distanz allerdings ein Mensch zu seinem ‚ich‘, seinen Gedanken, Impulsen und Gefühlen, hat, desto weniger Macht haben diese Gedanken, Impulse und Gefühle über ihn. Solche Menschen erlangen oft ein beeindruckendes Maß an Kontrolle über ihre emotionalen Reaktionen. Wir erleben sie auch in schwierigen sozialen Interaktionen als gefasst, stabil und unaufgeregt.

Solche Menschen gehören in meinem Umfald zu den inspirierendsten Gesprächspartnern, allerdings sind die meisten von ihnen meiner Erfahrung nach leider nur bedingt partytauglich. Um feiern (wirklich feiern!) zu können nämlich, braucht es die emotionalen Kräfte von Freude und Lust in einem Maße, zu dem viele dieser Menschen schlicht nicht mehr in der Lage sind.

Es scheint, als hätten wir (überspitzt) nur die Wahl, ob wir uns zum Spielball unserer Emotionen machen oder diese diese allesamt in ihrer Lebenskraft zu dimmen.
Diese Wahlmöglichkeit gefällt mir nicht.

Ich möchte die emotionale Tiefe ebenso wie die Souveränität und Integrität im Entscheiden, Sprechen und Tun.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Welt, in der wir heute leben, eine Menge großer Herausforderungen mit sich bringt. Ich glaube, wir täten gut daran, all unsere Lebensenergie in die Mehrung des Wahren, Guten und Schönen zu legen anstatt in beständig neue (und so oft unnötige!) Konflikte miteinander und mit uns selbst.

Ich glaube, dass angesichts der großen Fragen in Sachen lokaler und planetarer Gesundheit, Bildung, Umwelt, Sicherheit und Lebensfreude ein Menschenbild hilfreich und nützlich ist, das uns eine Perspektive anbietet, die unsere Einheit und Widersprüchlichkeit miteinander vereint.

Ich glaube, es gibt eine solche Sicht.
Ich nenne sie: Den Fliegenden Holländer.

 

Der Fliegende Holländer

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“
Sir Arthur Conan Doyle (1859 – 1930)

Die Sage vom Fliegenden Holländer ist weltbekannt. Es heißt, der Fliegende Holländer segle mit seiner verfluchten Mannschaft bis an das Ende aller Zeiten über die Ozeane der Welt. Dabei hat er erstaunliche Fähigkeiten. Er durchquert mit vollen Segeln jede Flaute, hält unbeeindruckt von Stürmen Kurs und segelt, wenn es nützlich ist, sogar rückwärts. Davon ab kann er in vielen Fassungen der Sage sogar tatsächlich fliegen.

Stellen wir uns vor, das, was wir ‚ich‘ nennen, wäre der ‚Fliegende Holländer’…

Schon ganz am Anfang meiner kleinen Allegorie zeigt sich eine nicht unwichtige Verbindung zum ‚ich‘. Denn ebenso wie die Frage nach dem Kern des ‚ich‘, so ist auch die Frage nach dem Wesen des Fliegenden Holländers nicht eindeutig zu beantworten. Die einen sagen, der Name bezeichne das fliegende Schiff. Die anderen sagen, es sei der Name des Kapitäns. Wer hat Recht?

Stellen wir uns vor, du wärst dieser Fliegende Holländer.

Das bedeutet in diesem Bilde, du wärst sowohl der Kapitän dieses Schiffes als auch zugleich das gesamte verfluchte Schiff – einschließlich seiner verfluchten Mannschaft. Und ebenso einschließlich des Kapitäns an Bord.

Der Fluch, der dich in meiner Fassung dieser Geschichte getroffen hat, ist noch ein wenig schlimmer, als es die Mythen überliefern:

Das Schiff ist verflucht, auf ewig die Meere zu kreuzen, ohne jemals einen Hafen anzulaufen. Der Ozean in diesem Bild steht für unser Leben auf Erden. „Auf ewig“ bedeutet in diesem Falle: Für die Dauer unserer Existenz auf Erden. In dem Moment, in dem unser System stirbt, endet die Existenz unseres ‚ich‘. Und möglicherweise auch die unseres ’selbst‘.

Der Kapitän deines Schiffs (bzw. die Kapitänin, falls du eine Frau bist) darf nicht nur nicht an Land, sondern ist darüber hinaus dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit (siehe oben!) in seiner bzw. ihrer Kajüte zu verharren und von dort aus das verfluchte Schiff und seine/ihre Mannschaft oder Frauschaft zu führen.

Von Ponyhof hat niemand gesprochen.

Das Schiff in dieser Fassung der Geschichte steht für unser ‚ich‘: Unser Auftreten, unsere Taten und Worte. Auch: Unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erinnerungen, Wünsche, Handlungsimpule und Verhaltenstendenzen. Unser ‚ich‘ ist all das, was Andere und wir selbst von uns wahrnehmen und erkennen können. Hierzu zählen, zur Widerholung, sowohl unsere Verhaltensweisen im Außen als auch jene innerpsychischen Phänomene, die nur wir selbst wahrnehmen können, z.B. unsere Gedanken.

Den Kapitän oder die Kapitänin auf diesem Schiff nenne ich unser ’selbst‘: Den innersten Kern unserer Psyche. Dieses ’selbst‘ tritt nicht direkt mit der äußeren Umwelt in Interaktion, schließlich ist er/sie im Kapitänsquartier gefangen. Den Kurs und die Handlungen unseres ‚ich‘ bestimmt die Besatzung an Bord. Diese besteht aus verschiedenen, von einander differenzierbaren „Persönlichkeitsanteilen“, „ich-Aspekten“ oder „Instanzen“.

Jede dieser Instanzen (jedes Mitglied der Besatzung) hat hierbei eigene Interessen, Werte, Sichtweisen, Verhaltensmuster und Vorstellungen vom besten oder einzig wahren Kurs. An Deck (in unserer Psyche) herrscht ein reges Sozialleben. Es gibt Konflikte und Verhandlungen, Konkurrenz und Kooperation.

Im Alltag erleben wir dieses innerpsychische Sozialleben beispielhaft in unseren „Selbstgesprächen“. Wenn wir genau hinhören, werden wir feststellen, dass es in solchen ausgesprochenen oder auch nur gedanklichen Debatten zumeist mehr als eine Stimme gibt, die eine Meinung zur Sache hat. Wenn wir noch genauer hinlauschen, stellen wir fest, dass diese differenzierbaren „Stimmen im Kopf“ nicht nur unterschiedliches sagen, sondern sogar unterschiedlich „klingen“. Jede Instanz in uns hat einen ihr eigenen Stimmklang, Sprechrhythmus und Wortschatz. Das kann uns wichtige Informationen darüber geben, woher diese Gedanken, Impulse oder Gefühle stammen. Eine Antwort, die mehr Präzision erlaubt als das zwar korrekte, aber nur sehr oberflächliche „Na, aus mir selbst heraus.“

Als Kapitän/in bist du nicht blind. Deine Kajüte hat eine herrliche Aussicht. Du siehst See und Wetterlage und vielleicht sogar das eine oder andere Schiff. Die meisten deiner Fenster jedoch gehen nur nach hinten hinaus. Zwei kleine Fenster zeigen nach vorne auf’s Deck, allerdings siehst du durch sie lediglich einen kleinen Teil deines Schiffs und leider so gar nichts von dem Meer, das vor dir liegt.

Dein Blick bleibt also auf einen kleinen Teil der Welt da draußen (das Meer) und da drinnen (das Schiff) beschränkt. Was du als Kapitänin oder Kapitän auf deinem Schiff am besten siehst, ist die Vergangenheit. Immerhin.

Zwar kannst du deine Kajüte nicht verlassen, allerdings kann jedes Mitglied deiner Besatzung das Quartier betreten. Manche Anteile in dir machen von dieser Möglichkeit selten, manche mehrmals täglich Gebrauch.

Auf diese Weise führst du dein Schiff.

Die Besatzungsmitglieder, die du empfängst, erzählen dir von dem, was sie vom Deck des Schiffes aus sehen. Sie berichten dir ebenfalls, was sie an und unter Deck des Schiffes erleben. So erfährst du nicht nur genauere Informationen über die herrschenden Wetterverhältnisse, sondern auch über Prozesse oder Konflikte an Bord.

Unser ’selbst‘ (der/die Käpitän/in) nimmt wahr und entscheidet, was zu tun ist. Allerdings kann unser ’selbst‘ nicht jede einzelne Handlung oder jedes einzelne Wort vorher bestimmen. Stattdessen besteht seine Fähigkeit darin, Zuständigkeiten und Aufgaben zu verteilen und Positionen wie Steuerrad, Ausguck oder Kombüse zu besetzen. Die erfahrene Kapitänin weiß: Dies kann im Sturm durchaus jemand sehr anders sein als in der Flaute, auf hoher See jemand anders als in Küstengewässern.

Auf diese Weise lenkst ‚du‘ (als Kapitän/in) das Schiff (das ebenfalls ‚du‘ bist) über die Ozeane deines Lebens. Du schaust aus dem Fenster, verschaffst dir eine Übersicht. Immer wieder klopfen Matrosen von Deck an deine Tür. Manche poltern auch geradezu blindlings in dein Quartier und bedrängen das ’selbst‘ mit Geschichten von Gefahren, Not oder großen Chancen. Wobei du schnell blickst, dass die Berichte, die du von Deck hörst, zum Teil sehr, sehr unterschiedlich sind.

Jedes Mannschaftsmitglied an Bord deines ‚ichs‘ begründet seine oder ihre Sicht der Dinge höchst plausibel. Und bittet oder fordert ein entschlossenes Handeln gemäß seinen Vorstellungen. In die Unterredung hinein jedoch platzt nicht selten eine andere Matrosin, die auf ebenso plausible Weise zu einer ganz anderen Sicht der Dinge kommt und ihrer Vorrednerin leidenschaftlich widerspricht.

So oder so ähnlich passiert es in unserem Geist dutzende Male an jedem einzelnen Tag. Und glaube mir: in jedem anderen menschlichen Geist, der uns umgibt.
Das Schiff, das wir sind, ist unser handelndes ‚ich‘. Es tritt als Ganzes mit seiner Umwelt in Interaktion. Je nachdem, welche innere Instanz (welches Mitglied der Mannschaft) am Steuer steht, nimmt das Schiff, das wir unser ‚ich‘ nennen, seinen Weg über den Ozean des Lebens.

Ein besonderes Element an Bord jedes Schiffes ist die Kapitänin bzw. der Kapitän. Es ist ihre bzw. seine Reise. Er bzw. sie hat das Recht, über den Kurs zu bestimmen. Sofern die Mannfrauschaft ihrem bzw. seinem Wort folgt.

Die Informationen in Form von Beschreibungen, Interpretationen, Empfehlungen oder Forderungen unserer Besatzung, die der Kapitän erhält, kennen wir als ‚Gedanken‘. Unsere ‚Gefühle‘ sind die intentionalen Energien, mit denen unsere Instanzen uns (das ’selbst‘) zu Entscheidungen und/oder Verhaltensweisen zu bewegen versuchen.
Lernen wir das Schiff noch ein wenig besser kennen.

Woraus besteht die Mannschaft oder Frauschaft dieses Fliegenden Holländers, den wir unser ‚ich‘ nennen? Wie kommen die „verfluchten Seelen“ an Bord? Und was sind das eigentlich für Gestalten?

 

Die verfluchte Besatzung

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Antoine de Saint-Exupéry (1900-44)

Vorab: Niemand hat erwähnt, dass die Mitglieder unserer Besatzung zwingend Untote, Monster oder sonstwie bösartig und häßlich wären. Sie sind lediglich „verflucht“. In unserem Falle bedeutet das, dass sie für die Dauer ihrer Existenz an Bord dieses und ein Teil des Schiffes zu sein, das wir unser ‚ich‘ nennen. Im Gegenteil. Die meisten, die ich bislang kennen gelernt habe, sind ganz wunderbare Wesen, die ihr Bestes geben, um dem Gesamtsystem zu dienen.

Meiner Erfahrung nach existieren drei verschiedene Arten von inneren Instanzen in der psychischen Welt unseres ‚ich‘:

Zum einen finden wir hier so etwas Ähnliches wie jüngere Fassungen von uns selbst. Der Begriff „inneres Kind“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort. Ich glaube allerdings, dass es in vielen von uns (in mir zum Beispiel) mehr als nur ein inneres Kind gibt. Auch finden sich nicht selten mehrere Anteile in jugendlichem und jungem Erwachsenenalter.

Möglicherweise handelt es sich bei diesen Instanzen um frühere Selbstkonzepte, die wir im Laufe unseres Lebens zwar überwunden haben, aber weiterhin (da unsterblich!) auf unserem Schiff beheimaten.

Andere Mitglieder unserer Mannfrauschaft rekrutieren wir aus Vorbildern aus unserer realen oder fiktionalen Umwelt. Die meisten von uns haben beispielsweise Introjekte (gedankliche Kopien) ihrer Eltern an Bord ihres Schiffes. Manche solcher verinnerlichten Eltern können durch ihre häufig als unangenehm empfundenen gedanklichen Einwürfe zu einer echten Plage im Alltag werden.

Viele von uns haben darüber hinaus Introjekte von Großeltern, Geschwistern oder anderen wichtigen Personen der eigenen Lebensgeschichte. Nicht wenige Menschen (ich wieder eingeschlossen) haben auch Persönlichkeitsanteile, die sich ursprünglich aus fiktiven Personen in Büchern oder anderen Medien speisten.
Unsere Instanzen oder Anteile (unsere „Frauschaft“) agieren wie lebendige Wesen. Sie entwickeln sich weiter und verändern sich sogar. Eine Sache jedoch ändern sie nimals, und das ist ihr Alter.

Ein trotziges ‚ich‘, das im Alter von etwa zwei bis drei Jahren erwacht war, mag lernen, im Laufe des Lebens seinen Trotz in Klarheit und Selbstfürsorge zu transformieren, weil es wiederholt und oft genug erfährt, dass es geliebt, geachtet und behütet ist. Aber es wird dabei immer zwei bis drei Jahre alt sein. Sein Umgang mit der Welt ist emotional, impulsgesteuert und unmittelbar. Andere Anteile in uns sind möglicherweise 5 oder 8 oder 11, 14, 20 oder 28 Jahre alt.

Die dritte Gruppe von Anteile in uns ist alterslos. Hier finden wir die von C.G. Jung beschriebenen Archetypen der Seele: Den König, die Kriegerin, den Narren, die Weise, das Tier, den Engel, die Strategin, den Abenteurer, das Opfer, die Jägerin, den Spieler, die Wahrheitssuchende und noch einige mehr.

Vielfach entstehen neue Instanzen in uns in Phasen der Krise. Solche Situationen sind dadurch definiert, dass wir mit unserem Wissen und mit unseren Fähigkeiten am Ende sind. Übertragen auf das Bild vom Fliegenden Holländers bedeutet dies: Keiner der Matrosen an Bord ist im Stande, das Schiff aus dem Sturm oder der Flaute, die es erlebt, heraus zu führen.

Vor allem Menschen, die sich und ihr ‚ich‘ als sehr wichtig nehmen, erleben derartige Entwicklungsphasen häufig als existenziell bedrohlich.

Die Introjekte unserer Kindheit und Jugend speisten sich wahweise durch Wiederholung emotional gefärbter Erfahrungen mit immer wieder denselben Personen in unser System ein oder aber auch durch einzelne Erfahrungen, wenn diese als massiv emotional und bedeutsam erlebt werden.

Erfahrene Kapitäninnen und Kapitäne (hierzu später!) sind sogar in der Lage, das ‚ich‘, das das Schiff ist, bewusst dazu zu bringen, spezifische neue Anteile zu erschaffen, wenn sie ihr Sein auf Erden um neue Fähigkeiten, Perspektiven und/oder Herangehensweisen erweitern wollen.

 

Der Kapitän / die Kapitänin

„Zur Führung eines Schiffes wählt man nicht denjenigen unter den Reisenden, der aus dem besten Hause stammt.“
Blaise Pascal (1623-62)

Auf jedem Schiff der Welt obliegt die Aufgabe, das Schiff zu führen, bei der Kapitänin bzw. beim Kapitän. Es ist sein/ihr Schiff, seine/ihre Mannschaft/Frauschaft und in unserem Falle außerdem: sein/ihr Leben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Kapitän und jede Kapitänin diesem Auftrag und dieser Bestimmung auch nachginge. Darüber hinaus existieren unzählige Möglichkeiten, ein Schiff so zu führen, dass an Bord Meuterei und Chaos ausbricht. Und nur wenige, ihn so zu führen, dass an Bord eine Kultur der Kooperation und der gegenseitigen Achtung herrscht.

Wir können uns einen Kapitän vorstellen, der mit seinem Schicksal hadert und kontrollsüchtig jede Handlung seiner Matrosen zu bestimmen versucht.

Erinnern wir uns: Er kann sein Quartier nicht verlassen…! Was wird er dadurch erzeugen?

Oder eine Kapitänin, die angesichts der eigenen Ohnmacht das Schicksal des Schiffes resigniert der Frauschaft selbst überlässt.

Oder einen Kapitän, der naiv allen Worten glaubt, die ihm in seiner Kajüte mitgeteilt werden und sein Gehör nach der Lautstärkeregel verteilt.

Oder eine Kapitänin, der das Führen ihres Schiffes viel zu kompliziert und undurchsichtig erscheint und die es darum vorzieht, verträumt aus den Fenstern nach hinten hinaus zu schauen.

Die Führung an Bord erhalten Kapitäninnen und Kapitäne nicht von allein. Aus Sicht der agierenden Anteile muss das ’selbst‘ sich seine Führerschaft an Bord des Fliegenden Holländers immer wieder neu verdienen.

In einem derartigen Szenario funktionieren Strategien der Machtdemonstration nicht besonders gut. Im Gegenteil. Da die Kapitänin in ihrem Quartier gefangen ist, ist jeder Machtkampf, auch wenn sie ihn haushoch gewinnt, außerhalb ihres Quartiers ohne jeden Wert. Schlimmer noch: Eine Kapitänin, die in ihrer Frauschaft den Ruf trägt, zu Machtdemonstration und Schaukämpfen zu neigen, wird es schwer haben, in der eigenen Frauschaft Respekt und Wohlwollen zu erlangen.

Gebunden in seine Kajüte kann der Kapitän eines solches Schiffes nur auf echte Führungsstärke und Überzeugungskraft setzen. Je früher er das versteht, desto besser ist es für ihn, den Kapitän, und für ihn, das Schiff.

Die Führung eines Fliegenden Holländers aus dem Quartier des Kapitäns heraus kann nur wirksam sein, wenn dessen Kapitän in seiner Mannschaft so viel Achtung, Vertrauen und Freundschaft erzeugt, dass diese ihm allein auf sein Wort und Wollen hin folgt.

Diese Art von Selbstführungsstärke verlangt ein hohes Maß an Selbsterkenntnis, Selbstannahme und nicht zuletzt auch Selbstkonfrontation. Daher ist sie bislang verständlicherweise noch sehr selten. Und so wundert es nicht, dass viele Menschen in unserer Kultur sich innerlich gespalten, widersprüchlich, wankelmütig und/oder fremdbestimmt fühlen.

Ein Schiff, das keinen von der Mannschaft getragenen Kapitän hat, hat dadurch nicht keinen Kurs. Im Gegenteil: Es hat viele Kurse.

Da es keine Kapitänin gibt, die dem Schiff eine klare Führung gibt (sie kann schließlich ihre Kajüte nicht verlassen), ist das Steuerrad zum begehrtesten Platz an Deck geworden. Leider sind es jedoch nicht die klugen Entscheidungen eines bewussten ’selbst‘, die diesen Platz besetzen, sondern allein das Auf und Ab der Meinungs- und Kräfteverhältnisse an Bord.

Die psychische „Kraft“ einer Instanz hat hierbei nichts mit der „Form“ zu tun, als die wir diese möglicherweise visualisieren. In der Welt unserer Psyche sind Kleinstkinder stärker als die klügsten Gelehrten und manches Häschen mächtiger als ein Leopard.

Die psychische Kraft einer psychischen Instanz basiert allein auf der Quantität und Qualität an emotionaler Energie, die dieser Anteil für sich und seine Sache zum Einsatz bringt.

An Bord mancher Schiffe herrschen recht anarchische Verhältnisse. Nicht selten ist die Mannschaft gespalten, wobei eine der entstandenen Parteien die Oberhand hat und andere Instanzen nach besten Kräften unterdrückt.

Derlei innerpsychischen Konflikte oder Kämpfe machen nicht nur schlechte Laune, sie binden auch Unmengen an Lebensenergie und führen dazu, dass das Schiff des ‚ich‘ durch seinen ständig wechselnden Kurs scheinbar ziellos über die Meere treibt. Denn:

Selbst die unterdrückteste und versteckteste Instanz an Bord des Fliegenden Holländers ist auf ewig ein unsterblicher Teil unseres unsterblichen Schiffs. Wie alle anderen Instanzen auch wurde sie erschaffen, um dem System zu dienen und zu nutzen. Das ist ihr innerster Auftrag. Das ist der Grund, warum sie ist. Die Fesseln halten sie zwar möglicherweise eine gewisse Zeitlang an, aber niemals auf.

Stattdessen warten solche unterdrückten Teile unserer Mannschaft oder Frauschaft auf jene Momente, in denen ihre Wächter abgelenkt oder geschwächt sind. Unter Alkohol zeigt sich dies in schöner Verlässlichkeit. Aber auch emotionaler Stress oder körperliche Unterversorgung (Hunger, Durst, Müdigkeit, Sauerstoffmangel) können dazu führen, dass Menschen sich urplötzlich vollkommen anders verhalten, als ihre Umwelt es ansonsten von ihnen gewohnt ist.

Aus der Perspektive dieser Metapher heraus ist dies lediglich ein Zeichen dafür, dass andere Instanzen als sonst das Steuerrad übernommen haben und damit den Kurs des Schiffes bestimmen.

Je nachdem, wie lange solche unterdrückten Persönlichkeitsanteile still waren und je effektiver wir diese ‚ich‘-Anteile vor unserer Umwelt verborgen haben, desto überraschter reagieren wir selbst und/oder unsere Umwelt auf derartige „Ausrutscher“.

Ich glaube daher:

Wann immer wir Teile von uns selbst ablehnen und zu unterdrücken versuchen, dann ist das aufwändig, kostspielig und riskant.

Riskant, weil wir niemals die Garantie haben, dass unsere inneren Kontrollmechanismen nicht doch löchrig sind. Aufwändig, weil jede zu unterdrückende Energie mindestens dasselbe Maß an Energie darüber hinaus bindet, um sie von ihrem Wirken abzuhalten. Die emotionale Energie dieses Anteils geht dem System also in doppelter Menge verloren. Und kospielig, weil die Zeit unseres Lebens auf Erden begrenzt ist. Und wir möglicherweise eines Tages erkennen müssen, dass der Kurs unseres Schiffes uns sehr weit von dem fortgeführt hat, was unserem Potenzial entsprochen hätte.

 

Schöne Metapher. Aber:
Was ergibt sich daraus?

„Nicht die sichtbare und vergängliche Materie ist das Wirkliche, Reale, Wahre – sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist.“
Max Planck (1858 – 1947)

Ich glaube, daraus ergibt sich das Folgende:

Wenn wir erkennen, dass es einen Unterschied gibt zwischen unseren Gedanken, Impulsen und Gefühlen und unserem ureigenen psychischen Kern, dann haben wir

immerhin schon einmal die Verantwortungsfrage über das Schiff und seinen Kurs geklärt.

Allein das schon halte ich für viel wert.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Unterscheidung zwischen dem wie und was einer Handlung und der Intention dahinter uns sehr dabei behilflich sein kann, eine Kultur zu begründen, die durch alle Taten der Menschen hindurch das Gute in diesem Menschen zu sehen und zu achten vermag. Ich denke, eine solche Kultur würde zum Beispiel dem Lande, in dem ich lebe, gut zu Gesicht stehen.

Je besser wir die psychischen Kräfte in uns kennen lernen, desto öfter werden wir erfahren, dass alles, was in uns ist, ursprünglich entstanden ist, uns und unserem Leben zu dienen. Haben wir dies erst verstanden, ist der Schritt zu Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstmitgefühl urplötzlich gar nicht mehr weit.

Unsere Gedanken sind aus dieser Perspektive heraus betrachtet nicht mehr als die Sichtweisen, Meinungen oder Überzeugungen spezifischer, zumeist eindeutig von einander unterscheidbarer Instanzen unseres ‚ich‘, die unserem ’selbst‘ vortragen, was ihrer Meinung nach wichtig ist, wie die Datenlage zu deuten ist und welcher Kurs lang-, mittel- oder kurzfristig der richtige sei.

Keine der Stimmen in uns kennt die Wahrheit. Sie alle haben nur eine plausible Sicht auf das, was ist oder kommen mag.

Hierbei steht jede innere Instanz stellvertretend für eines oder mehrere essenzielle Bedürfnisse. Unter den Instanzen kann es durchaus Überschneidungen geben, so dass mehrere Anteile unserer Persönlichkeit sich für den Umgang mit einem unerfüllten Bedürfnis anbieten und eignen.

Mit dieser Perspektive im Hinterkopf könnten wir uns fragen, ob das, was wir als unsere „übliche“ Reaktion ansehen, möglicherweise im Grunde nur darauf beruht, dass unser ’selbst‘ es bislang gewohnt war, einfach immer der lautesten Stimme im Inneren nachzugeben.

Oder ob es vielleicht bislang noch gar keine Führung an Bord unseres ‚ichs‘ übernommen hat.

Ich glaube, wenn wir unser ‚ich‘ als ein innerpsychisches Sozialsystem zu sehen lernen, dann fällt es uns leichter, inneren Abstand zu finden von dem, was Psychologen gerne „alte Muster“ nennen.

Und ich glaube, es würde leichter fallen einander zu vergeben, wenn wir erkennen, dass das, was wir am Anderen ablehnen, nur die Ausprägung einer Instanz ist, die wir in uns selbst möglicherweise auch kennen. Wir haben in dieser Situation vielleicht bislang nicht aus dieser Energie heraus gehandelt. Aber: Wir hätten es tun können. Und: Es gab möglicherweise sogar Stimmen in uns, die genau dieses Vorgehen vorgeschlagen oder gar gefordert haben.

Oder?

Auf dieser Ebene ist es nicht ganz, aber doch ganz schön egal, was an Verhalten wir an anderen Menschen beobachten. Das Allermeiste davon kennen wir als Gedanken, Impuls oder gar Wunsch in uns selbst.

Also bitte:

Spielen wir nicht länger die Unschuld vom Lande. Oder erinnern wir uns wenigstens, dass genau diese Art von „Unschuld“ dem Sprichwort „Stille Wasser sind tief.“ zugrunde liegt.

Ich glaube, wir alle kennen diese widerstrebenden Anteile in uns. Nur haben wir bislang nie daran gedacht, sie auch zu benennen. Dies jedoch kann sehr hilfreich dabei sein, wenn man miteinander in Kontakt treten will. Und wenn ein ’selbst‘ will, dass sein ‚ich‘ etwas tut, dann ist in meinen Augen wirksame Kommunikation mit uns selbst gefragt.

Wenn wir nun also noch einmal die Metapher vom Schiff und seiner Mannschaft strapazieren, so lasse mich bitte abschließend ein paar Worte darüber verlieren, was ich einer/einem jungen oder einfach noch unerfahrenen Kapitän/in raten würde, der oder die gerne mehr Einfluss auf den Kurs seines oder ihres ‚ich‘ durch sein/ihr Leben nehmen würde.

 

Ratschläge an eine junge Kapitänin

„Das tiefste Geheimnis ist, dass das Leben keine Entdeckungsreise, sondern ein Schöpfungsprozess ist. Du entdeckst Dich nicht, sondern Du erschaffst Dich neu. Versuche also nicht, herauszufinden, wer Du bist, sondern zu bestimmen, wer Du sein willst. „
Neale Donald Walsch (* 1943)

 

Liebe Kapitänin, lieber Kapitän!

Dies ist dein Schiff. Dies ist dein ‚ich‘. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kräfte: Anteile, Instanzen, Persönlichkeiten oder wie auch immer du sie nennen magst. Jede von ihnen wurde nur zu dem Ziel geboren, dir (dem Schiff) zu dienen.

Du möchtest diese Mannschaft oder Frauschaft führen? Wohlan!

Dann empfehle ich dir zu allererst: Lerne deine Mannschaft oder Frauschaft kennen, jede einzelne Instanz in dir! Finde heraus, wer und wie sie ist, seit wann sie ein Teil des Schiffes ist, das du bist. Finde heraus, was ihre ureigenen Fähigkeiten und Stärken sind, die sie in dein System einbringt. Sie war damals die Lösung für ein Rätsel oder gar Problem. Vielleicht könnte sie dir auch heute nützliche Dienste erweisen.

Lerne die lebendigen Beziehungsstrukturen in deinem ‚ich‘ kennen. Welche Instanzen (Anteile, Aspekte) in dir kommen sich immer wieder in die Haare? Wer springt immer wieder dazu, wenn eine andere Instanz sich unwohl fühlt? Wer tritt niemals ins Quartier, auch wenn er oder sie ganz offensichtlich zumindest ab und an Zugriff auf das Steuer hat?

Wenn du dein Schiff wahrhaft führen willst, dann lerne die Instanzen und Anteile deiner Psyche nicht nur kennen, sondern möglichst bald danach sogar lieben. Erkenne die Schönheit und das Licht in jedem oder jeder Einzelnen von ihnen. Sie alle haben Fähigkeiten und Talente, aber auch Sehnsüchte und Wünsche. Alles, was sie dir sagen, enthält Information über ihr Befinden sowie über die Stimmungs- und Bedürfnislage auf deinem Schiff. Auch wenn das, was deine Gedanken dir erzählen, nicht die Wahrheit ist, so enhält doch jede Geschichte, die du hörst, mindestens einen Funken von Wahrheit.Entstanden sind die Instanzen in dir in ganz spezifischen Situationen oder Phasen deines Lebens. Darum neigen sie dazu, sich insbesondere in ähnlichen Situationen oder artverwandten Phasen in den Vordergrund zu drängen.

Bitte schelte sie nicht dafür!

Das ist es, wofür sie damals entstanden sind. Wenn du sie, statt sie auszuschimpfen, neugierig kennen und mit Selbstmitgefühl lieben lernst, so kannst du ihnen eines danach gar nicht mehr so fernen Tages schließlich neue Aufgaben und Ziele anvertrauen, in denen sie sich selbst nicht nur als wertvolle Elemente des Gesamtsystems erkennen, sondern das System, das du bist, durch sie sogar so manchen Vorteil oder Fortschritt erlangt.

So könnte es beispielsweise möglich sein, dass du im Verlauf deines Lebens zwar neue Strategien erlernt hast, die in manchen Settings deines Lebens viel geeigneter wären, eine gute, leichte oder gar elegante Lösung zu ermöglichen als die bisherigen. Du weißt, was zu tun wäre, aber ein Teil von dir blockiert. Im Bild des Fliegenden Holländers bedeutet dies, dass eine konkrete Instanz in dir ein Veto einlegt und das Steuer blockiert.

Auch wenn du dies erlebst, rate ich dir: Lerne diesen Teil kennen. Erkenne das Bedürfnis, für das er (oder sie) steht. Finde eine Lösung für dieses Bedürfnis. Dann löst sein oder ihr Widerstand sich mit großer Wahrscheinlichkeit von alleine auf.

Gib den Anteilen oder Instanzen in dir, die du bemerkst und erkennst, Namen!

Da sie sich nicht selbst benennen können, ist der Name, unter dem wir eine innere Instanz zunächst kennenlernen, manchmal ein Name, den andere innere Instanzen ihr gegeben haben, als diese über sie sprachen. Manchmal passt dieser Name sehr gut. Manche solcher inner-circle-names bringen die Kräfte und Energien solcher Instanzen geradezu lyrisch auf den Punkt.

Andere Namen, die innere Instanzen einander geben, sind nicht besonders treffend oder schön. Sie fokussieren beispielsweise einzig auf eine Schwäche oder eine unangenehme Seite dieses Teils. Dies ist rein logisch betrachtet in jedem Fall ein Hinweis auf einen verdeckten oder offenen Konflikt an Bord.

Gib den Instanzen in dir, die du kennen lernst, daher gute und kraftvolle Namen. Dies sollten gar nicht unbedingt konkrete menschliche Namen sein. Treffender und sogar nützlicher sind archetypische Bezeichnungen wie „die Königin“ oder „das Kind“, „der Engel“ oder „das Tier“, „die Kriegerin“ oder „der Stratege“. Oder. Oder. Oder.
Wenn du offen bist, wirst du schon merken, wann sich ein Name, den du als Kapitän einem Besatzungsmitglied deines Schiffes gibst, sich für diesen ehrenvoll und lebendig anfühlt – und wann nicht.

Bedenke: Wer sich von anderen abgelehnt, ausgegrenzt oder entwertet fühlt, der verliert dadurch nicht an Kraft oder Willen. Er verliert dadurch nur an Motivation, diese Kraft und diesen Willen dafür einzusetzen, dem Rest der Besatzung ihr Dasein möglichst angenehm zu machen. Und schon gar nicht dem Kapitän, der für diese Kultur verantwortlich zeichnet.

Sprich mit deiner Besatzung! Sprich mit jedem und jeder. Öffne deine Tür und halte keinen Anteil in dir vor deinem ’selbst‘ zurück!

Das ist übrigens ganz wörtlich gemeint. Wir sind in der Lage, innere Dialoge nicht nur zu beobachten, wir können in diese Gedankenfolge auch ganz bewusste Interventionen einbringen, die die „sprechenden“ Anteile in uns dazu bringen, miteinander eine gemeinsame kooperative Strategie zu entwicklen.

Wenn es unterschiedliche Auffassungen von einer Sache in dir gibt, höre dir beide oder gar alle Seiten in Ruhe an, bevor du dich entscheidest, was mit dieser Situation zu tun ist! Die Zeit, die es dafür braucht, ist in aller Regel gut investiert.

Wann immer sich eine deiner Instanzen emotional aufdrängt und das Recht auf alleinige Deutungshoheit einfordert, frage ganz bewusst nach, welche anderen Instanzen in dir zu dieser Situation eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben! Höre dir an, was diese leiseren Stimmen zum Thema zu sagen haben. Was zu tun ist, das entscheide erst danach.

Übernimm zugleich mitfühlend und entschlossen die Führung auf deinem Schiff. Da dies die einzige Reise ist, die du mit diesem Schiff machst, rate ich dir: Wähle deine Ziele weise. Erkenne jedoch, dass du allein die Wahl hast, ob du Beliebtheit oder Integrität ansteuerst, ob Bequemlichkeit oder Würde. Da dies die einzige Reise ist, die du in diesem Leben machen wirst, empfehle ich dir, dass du einen Kurs setzt, der dich an seinem Ende stolz und dankbar zugleich zurück blicken lässt.

Halte dir stets vor Augen, dass auch auf den Schiffen um dich herum Kapitäninnen und Kapitäne in ihren Kajüten gefangen sind. Manche von ihnen haben ihr Schiff ganz offensichtlich wenig im Griff. Manche von ihnen hatten möglicherweise bislang einfach noch nie ein Vorbild dafür, wie man das eigene ‚ich‘ anders führen kann. Vielleicht kannst du ihnen ein Vorbild dafür sein. Und wenn nicht, dann solltest du sie doch zumindest nicht dafür strafen, dass sie selbst nicht weiter sind als du.

Dies, junger Kapitän, junge Kapitänin, ist der Rat, den ich dir geben kann.

Erkenne und erfahre dich selbst.

Und dann führe dich und dein Leben so, dass
es dich heute mutig und morgen dankbar macht.

Goode Fahrt, min Deern!
Goode Fahrt, min Jung!

Wir sehen uns auf See!

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klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

klüger fühlen 06:

Klüger fühlen!

„Höchste Weisheiten sind belanglose Daten,
wenn man sie nicht zur Grundlage von
Handlungen und Verhaltensweisen macht.“

Peter F. Drucker

Was ergibt sich aus diesem Modell unserer Gefühle für unseren täglichen Umgang mit ihnen? Welche Schlüsse lassen sich ziehen, und wie können diese uns im Umgang mit unserem eigenen Gefühlsleben hilfreich sein?

Dieses letzte Kapitel führt uns von der Theorie zurück ins wahre Leben. Dort schließlich haben viele von uns es immer wieder mit schwierigen Gefühlen zu tun.

Die Eleganz dieses Modells liegt darin, dass wir nicht mehr jedes einzelne unserer mannigfaltigen Gefühle verstehen und durchleuchten müssen.

All unsere Gefühle entstehen aus den 6 Grundkräften Freude, Ärger und Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust. Kaum eines enthält mehr als eines oder zwei dieser Grundgefühle in relevanter Stärke. Diese Grundkräfte allerdings definieren bereits die Richtung und das Ziel der zum Ausdruck kommenden emotionalen Energie. Wir müssen lediglich in der Lage sein, diese 6 unterschiedlichen Energien in unserem eigenen Erleben zu differenzieren und zu identifizieren.

Hierzu braucht es kein langes Training. Das ist nicht schwer.

Wie diese basale Unterscheidung unseren Umgang mit unseren „schwierigen“ Gefühlen radikal vereinfacht, zeige ich im zweiten Teil dieses Abschnitts.

Zunächst jedoch möchte ich unsere gemeinsame Aufmerksamkeit auf jene Gefühle lenken, die uns in aller Regel keine großen Probleme machen. Das bedeutet allerdings nicht, dass es egal wäre, wie wir mit ihnen umgehen.

 

Freude und Lust: Have a good time!

„Ich fühle mich heute so energetisiert, als hätte man
in meinen Genen die Doppelhelix von beiden Seiten
mit Lunten angezündet.“
Christa Schyboll

Es ist fast ein wenig seltsam, dies überhaupt zum Thema zu machen. Sollten wir doch davon ausgehen, dass kaum ein Mensch überhaupt etwas besseres zu tun wüsste, als Freude und Lust (und auch ein bisschen Überraschung) in sein Leben einzuladen.

Traurigerweise ist dem gar nicht so.

Viele Menschen in unserer Kultur haben in der Tat große Hemmungen darin, sich wirklich über Dinge oder auf Dinge zu freuen. Zwar benennen sie Freude, aber ihre Augen leuchten dabei nicht, so wie es bei gefühlter Freude der Fall ist. Das Konzept von „Freude über“ oder „Lust auf“ existiert für diese Menschen sehr wohl. Allerdings fühlen sie diese Gefühle nur in begrenztem Maße.

Erinnern wir uns:

Die Freude verstärkt neuronale Bahnen immer dann, wenn unser System eine Befriedigung von Bedürfnissen erlebt. Zwar lernt unser System auch an den unangenehmen Gefühlen, an der Freude aber lernt es, was funktioniert.

Die Lust erhöht unser Energieniveau in Vorbereitung auf ein zukünftiges Ereignis. Selbst wenn das, worauf wir uns freuen, noch in einiger Zukunft liegt, steht uns die durch die Lust entstandene Energie im Hier und Jetzt zur Verfügung. Dieser Energie nämlich ist es egal, ob wir sie dafür nutzen, um unsere Fäuste zu ballen und zu schmollen, im Zimmer auf und ab zu gehen, die Fenster zu putzen, zu joggen oder ein Projekt voran zu treiben.

Wir können uns entscheiden, hohe Hürden an das zu legen, worüber und worauf wir uns freuen. Dies wird allerdings ohne jeden Zweifel die Auswirkung haben, dass wir uns von nun an seltener freuen. Außerdem führt es dazu, dass unser Gehirn weniger von dem lernt, was uns gut tut.

Ich persönlich habe mich dafür entschieden, in diesem Leben, das möglicherweise mein einziges ist, Freude und Lust möglichst häufig und möglichst intensiv zu fühlen. Darum freue ich mich viel und gerne über und auf kleine Dinge.

Mein eigenes Leben ist dadurch bedeutend vielfältiger und reicher geworden, als es vorher war. Mir ganz persönlich gefällt das ausgesprochen gut.

 

„Überraschung!!!“

„Zu mancher richtigen Entscheidung kam es nur,
weil der Weg zur falschen gerade nicht frei war.“
Hans Krailsheimer

Nicht jede Überraschung, die wir erfahren, ist uns willkommen. Manche erleben wir als Enttäuschung. In der Tat ist jede Überraschung, ob positiv oder negativ, genau dies:

Eine Ent-Täuschung.

Die Überraschung lehrt uns, dass unsere Annahmen fehlerhaft waren – sei dies in die eine oder in die andere Richtung. Das bedeutet: Der Moment der Überraschung ist ein Moment des Lernens. Wir erfahren mehr über die Situation, in der wir uns befinden.

Je besser wir die Welt, das Leben und unsere Mitmenschen kennen, desto bewusster und leichter können wir unser Leben leben. Dafür ist es allerdings notwendig, dass wir immer wieder ent-täuscht werden. Beziehungsweise: überrascht.

Daher sollten wir das Leben und unsere Mitmenschen bereitwillig dazu einladen, uns immer wieder zu überraschen und zu ent-täuschen. Damit unser Blick auf uns selbst, das Leben, die Welt und die Menschen um uns herum so klar und ungetrübt werden kann, dass wir sehen, was wirklich ist.

 

Ärger und Traurigkeit: „love it, change it, leave it!“

„Die Natur muss gefühlt werden.“
Alexander von Humboldt

Grundlage all unseren Fühlens ist ist der Zustand unserer körperlichen oder psychischen Bedürfnisse. Diese Tatsache ist vor allem im Umgang mit Ärger und Traurigkeit massiv relevant.

Da uns Ärger und Traurigkeit auf den Zustand unserer Bedürfnisse hinweisen, wir zu diesen jedoch zumeist nur indirekten Zugang finden, lauten die zwei ersten Grundfragen im Umgang mit ihnen:

1. Welcher meiner Wünsche ist gerade unerfüllt?
2. Welches Bedürfnis kommt durch diesen Wunsch zum Ausdruck?

Je klarer ich in der Lage bin, die Bedürfnisse hinter meinen Wünschen zu erkennen und zu benennen, desto flexibler werden meine Wünsche, weil ich weiß: Nicht sie sind es, worum es geht, sondern unsere ursprüngliche Bedürfnisse dahinter.

Sobald ich die aktuell unerfüllten Bedürfnisse identifiziert habe, stellen sich sich nächsten beiden Fragen:

3. Gibt es etwas, das ich tun kann, um diesen Zustand zu ändern? Und wenn ja:
4. Bin ich gewillt, in der Lage und bereit, das hierfür Notwendige zu tun?

Lautet die Antwort auf diese Fragen „ja!“, dann ist es an der Zeit, mein Bestes zu geben, um die Situation, in der ich mich befinde, zu verändern. Die beste Energie hierfür ist die Entschlossenheit – die reine, konstruktive Kraft des Ärgers.

Ist die Antwort auf eine der beiden letzten Fragen ein „nein!“, dann ist es an der Zeit, das, was ich nicht ändern kann (oder will) anzunehmen, auch wenn dadurch wichtige Bedürfnisse unerfüllt bleiben. Die Energie, die uns dies möglich macht, finden wir in der Traurigkeit.

Jeder Funken unserer Lebenskraft steht uns nur einmal zur Verfügung. Wir können ihn dafür verwenden, an Dingen herumzuzerren, die wir nicht verändern können. Oder wir stecken ihn in diejenigen Dinge, die wir verändern können. Im Grunde erscheint die Entscheidung leicht.

Damit wir diese Wahl jedoch treffen können, ist es notwendig, dass wir sowohl Ärger als auch Traurigkeit als positive Kräfte unseres Lebens erkennen und anerkennen. So lange wir uns eines dieser beiden Gefühle untersagen, weil wir glauben dadurch würden wir „böse“ oder „schwach“, so lange steht uns die diesem Gefühl innewohnende Kraft nicht zur Verfügung.

 

Angst

„Schau der Furcht in die Augen,
und sie wird zwinkern.“
Russisches Sprichwort

Jede Angst, die wir fühlen, ist auf ein Ereignis in der Zukunft ausgerichtet. So lange dieses Ereignis, das wir fürchten, in der Zukunft liegt, werden wir daher Angst empfinden – wahlweise in ihrer Reinform oder aber als komplexe Stimmung der Sorge, des Unbehagens, des Misstrauens oder der Schüchternheit.

Den größten Teil dieser Zeit über dringt diese Angst nicht in unser Bewusstsein. Wir spüren sie allerdings, wenn wir Acht geben, als latente Dauerspannung, die dazu führt, dass wir an Eleganz verlieren, leichter Fehler machen und bedeutend häufiger in Konflikte geraten. Außerdem verbraucht diese Spannung unsere Energie.

Ein guter Umgang mit der Angst ist weitaus diffiziler als mit Ärger oder Traurigkeit. Schließlich sind Ungewissheit und Unklarheit ihr Wesenskern. Die Angst erhält sich selbst durch Spekulationen, Ahnungen und Andeutungen aufrecht. Daher ist es klug, der Angst mit wachem Geist zu begegnen. Anders wird es uns nicht gelingen, die tatsächlichen Fakten, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten aus dem emotionalen Durcheinander zu extrahieren, mit dem die Angst uns unter Spannung setzt.

Fragen im Umgang mit der Angst:

1. Wovor fürchte ich mich eigentlich genau?
2. Wie wahrscheinlich ist das Ereignis, das ich fürchte?
3. Welche Konsequenzen hätte dieses Ereignis schlimmstenfalls auf mein Leben? (worst case scenario)
4. Welche positiven Alternativszenarien wären möglich? (best case scenario)
5. Welche Möglichkeiten habe ich, aktiv auf das Ereignis einzuwirken?
6. Welche Möglichkeiten habe ich noch?
7. Welche Möglichkeiten habe ich noch?

Eine handfeste Strategie im Angesicht von Angst besteht darin, diejenigen Dinge, vor denen wir uns fürchten, so bald wie möglich zu tun. Dieses eine Gespräch so bald wie möglich zu führen. Diese eine Information so bald wie möglich einzuholen. Diese eine Entscheidung so bald wie möglich zu fällen.

In dem Augenblick, in dem das, wovor wir Angst hatten, Wirklichkeit wird, verwandelt sich die Angst. Entweder in Ärger oder in Traurigkeit oder in Freude. Was immer passieren wird, wenn es passiert: Danach haben wir Gewissheit.

 

Der Haken an der Sache…

„Man reist ja nicht um anzukommen,
sondern um zu reisen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Einige der Leserinnen und Leser werden zwischendurch gedacht haben: So einfach kann es nicht sein.

In der Tat: das stimmt.

Das bedeutet nicht, dass dieses Modell nicht genau so Bestand hat, wie ich es in dieser Artikel-Reihe vorgestellt habe.

Allerdings ist das, was wir das „ich“ nennen, in meinen Augen mit Nichten ein Phänomen im Singular, sondern im Plural. Unsere Psyche besteht aus vielen (bei Erwachsenen im Schnitt 15-20) verschiedenen inneren Instanzen oder Anteilen.

Diese Instanzen, Aspekte oder Anteile unserer Persönlichkeit erzeugen in ihrem Zusammenwirken das, was wir „ich“ nennen. Und da diese Anteile in uns voneinander verschieden sind, haben sie zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen über das, was uns geschieht, treten ein für die Erfüllung verschiedener Grundbedürfnisse und erleben in Anbetracht der derzeitigen Bedürfniserfüllungslage Gefühle der einen oder anderen Art.

Wenn wir uns selbst und unserem Fühlen wirklich auf die Schliche kommen wollen, ist es also, hilfreich und nützlich, uns immer wieder die Frage zu stellen:

Wer in mir ist es, der das fühlt?

Dieser Frage aber gehen wir an anderer Stelle nach.

 

 

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Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
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klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Vielleicht

klüger fühlen 05:

Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

„Liebe – auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat.“
Jean Anouilh

Freude, Ärger und Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust sind unsere 6 Grundgefühle. Ähnlich den Farbtöpfchen in einem Tuschkasten lassen sich auch aus ihnen viele andere Gefühlsschattierungen mischen und auf die Leinwand unseres Bewusstseins malen. Die „Pinsel“, mit denen wir diese emotionalen „Kunstwerke“ unseres Alltag anfertigen, sind unsere Gedanken.

Anstatt das Zusammenwirken von Gedanken und Gefühlen theoretisch zu umreißen, werde ich einige der von mir als „komplexe Gefühle“ bezeichneten Empfindungen unseres Alltags aus dieser Perspektive näher beleuchten.

Vielleicht eröffnet sich dadurch ein neuer Zugang zu manchen jener Gefühle, die wir an uns selbst oder Anderen als störend oder gar belastend empfinden.

In diesem Artikel beschreibe ich die Liebe und die Eifersucht, Missgunst und Neid, Zufriedenheit, Unzufriedenheit und (die aus letzterer entstehende) Frustration, Sorge und Misstrauen und zuletzt die Kraft, die wir als „Mut“ kennen. Jede dieser Empfindungen ist so schillernd und vielgestaltig, dass die ausführliche Beschreibung ihres Charakters, ihrer unterschiedlichen Formen und ihrer Wechselwirkungen mit anderen Gedanken und Gefühlen, ein ganzes Buch füllen ließe.

Dieser Text ist daher nicht mehr als eine (mehr oder weniger) kurze Vorstellungsrunde, in der wir einige unserer komplexen Gefühle etwas persönlicher kennenlernen, als uns dies im Alltag bislang vielleicht gelungen ist.

Möglicherweise jedoch kann diese kurze Beschreibung dem einen oder der anderen von uns dabei behilflich sein, eine stabilere, liebevollere und/oder pragmatischere Beziehung zu einigen dieser schillernden Phänomene unseres Gedanken- und Hormonhaushalts aufzubauen.

Und da sie vielleicht die schillerndste und vielgestaltigste unter all unseren Empfindungen ist, gebe ich das Wort zu Beginn dieser kleinen Runde an jene große Zauberin, Entertainerin und Abenteuerin, die wir „die Liebe“ nennen:

 

Die Liebe (ist ein seltsames Ding)

„Amor ist der größte Spitzbube unter den Göttern;
der Widerspruch scheint sein Element zu sein.“
Giacomo Casanova

Die Liebe, ach die Liebe! Festmeter an Romanen, Fachbüchern und Songtexten behandeln dieses vielfarbig funkelnde Gefühl. Und doch kriegen wir es nicht zu fassen.

Bereits vor mehr als zweieinhalb tausend Jahren unterschieden die großen Denker des alten Griechenlands vier verschiedene Zustände, die in der deutschen Sprache allesamt als „Liebe“ bezeichnet werden. Die Griechen kannten:

Philia – die freundschaftliche „Liebe“. Philia ist der Grundstoff menschlicher Beziehungen auf der Basis von Gegenseitigkeit und Ebenbürtigkeit. Ihre Kernbestandteile sind Anerkennung, Wertschätzung und gegenseitige Unterstützung.

Storge – die elterliche „Liebe“. Storge ist die Blaupause all dessen, was wir als „bedingungslose Liebe“ bezeichnen. Storge erwartet keine Gegenleistung. Ihre Befriedigung zieht diese Form des Liebens aus dem Akt des Gebens selbst. Evolutionär betrachtet ist sie (nach Eros) die Zweitgeborene unter den Lieben und entfaltete ihre Wirkung auf Erden, lange bevor der erste Mensch seinen Fuß in die Savannen Afrikas setzte.

Agape – die entschlossene bzw. spirituelle „Liebe“. Agape ist das hohe Ideal der frühchristlichen Gemeinschaften. Agape liebt, ähnlich der Storge, ohne den Blick auf den eigenen Nutzen. Agape liebt, weil es „Gottes Wille“ ist, weil es „das Richtige“ ist oder auch, weil es „meine Entscheidung“ ist. Dadurch ist Agape, bei Lichte betrachtet, mehr Gedanke und innere Haltung als Gefühl.

Und schließlich: Eros – die romantische, leidenschaftliche und erotische „Liebe“. In seinem Hauptwerk Theogonie (sinngemäß: „Von der Entstehung der Götter“) beschreibt der griechische Dichter Hesiod Eros als einen der drei ersten Götter, die sich aus dem Chaos erheben. Die anderen beiden sind Gaia (Erde) und Tartaros (Unterwelt). Dies zeigt ohne jeden Zweifel, welchen Stellenwert und welche Macht Hesiod dem Eros zumaß. Hesiod beschreibt Eros als den „schönsten unter den unsterblichen Göttern“ und führt aus, dass sowohl Götter als auch Menschen seiner Macht unterworfen und ausgeliefert seien. Eros ist der Gott aller sexuellen Anziehungen, Lüste und Begehren. Er ist es, der uns immer wieder Lust macht, uns miteinander zu paaren. Dabei schert er sich bekanntermaßen wenig darum, ob diese Paarungslust mit unseren eigenen Vorstellungen oder denen unserer jeweiligen Kultur kompatibel ist. In Eros‘ Augen sind wir nichts als Tiere. Kultur, Moral oder „sittliche Werte“ amüsieren ihn durchaus. Gegen seinen Willen allerdings sind sie so wertvoll und wirksam wie ein Cocktailschirmchen gegen einen Orkan.

Die alten Griechen hatten ganz offensichtlich eine bedeutend differenziertere Herangehensweise an das Thema „Liebe“, als wir es heute haben. Noch feiner unterscheidet das indische Sanskrit, das mindestens 15 verschiedene Begriffe für jene vielfältigen Gefühlsregungen kennt, die wir in nur einem einzigen Wort zusammenfassen und zu verstehen glauben.

Ein Kernbestandteil jeder Art von Liebe ist zweifelsohne die Freude. Welche Freude dies allerdings ist, hängt ganz entscheidend davon ab, in welcher Bedeutung wir das Wort „Liebe“ verwenden. Erleben wir die Freude am Wachstum und Wohlergehen eines Freundes (Philia) oder eines unserer Kinder (Storge), so ergibt sich daraus ein ganz anderes Gefühlserleben, als wenn wir uns auf erotische Weise von einem anderen Menschen angezogen fühlen. Noch einmal anders ist es mit der Agape, jener Geisteshaltung (!), die im Christentum „Nächstenliebe“ und im Buddhismus „Prema“ bzw. „Bhakti“ genannt wird – und von beiden spirituellen Schulen als höchste und reinste Form nicht nur des Liebens, sondern all unseres Umgangs mit der Schöpfung und uns selbst verehrt wird.

Was wir „Liebe“ nennen, ist daher weit mehr als nur „ein Gefühl“. Eros und Storge sind biologische Triebe, die Mutter Evolution uns mitgab, um unser Überleben auf Erden zu sichern. Philia und Agape dagegen sind geistige Haltungen und Entscheidungen über den Umgang mit bestimmten Menschen unseres Lebens oder aber der gesamten Schöpfung gegenüber.

 

Eifersucht

„Alles, was gegen die Natur ist,
hat auf die Dauer keinen Bestand.“

Charles Darwin

Wie tiefgreifend die Verwirrung im Umgang mit der Liebe in unserer Kultur ist, zeigt sich am Phänomen der Eifersucht.

Wichtigste Grundzutat der Eifersucht ist sicherlich die Angst. Allerdings ist auch der Ärger nicht selten ein essentieller Bestandteil dieses Gefühls.

Wann empfinden wir Eifersucht?

Eifersucht entsteht, wenn wir erleben (oder uns gedanklich ausmalen(!)), dass ein Mensch, mit dem wir uns tief verbunden fühlen, eine intensive Beziehung zu einem anderen Menschen eingeht, und wir darüber hinaus (!) befürchten, diese intensive Beziehung hätte negative Auswirkungen auf die Beziehung, die wir selbst zu dieser Person führen.

Folgerichtig ist das Phänomen Eifersucht insbesondere bei Menschen zu finden, deren „Liebesbeziehungen“ auf dem Prinzip von Besitz und Anspruchsdenken begründet sind.

Wer seinen „Liebespartner“ als sein Eigentum betrachtet, muss natürlicherweise fürchten, dass ihm dieses wertvolle Gut von anderen Männern oder Frauen streitig gemacht und in letzter Konsequenz sogar geraubt werden kann.

Derartige Beziehungen basieren in der Regel auf einer Grundhaltung des gegenseitigen Misstrauens und des beständigen Versuchs der gegenseitigen Kontrolle. Da jedoch kaum ein Mensch über lange Zeit daran Gefallen findet, immerfort kritisch beäugt zu werden, sich erklären zu müssen oder in seinem Verhalten eingeschränkt zu sein, gilt die Eifersucht in therapeutischen Kreisen nicht ohne Grund als Großmeisterin der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.

 

Missgunst oder Neid?

„Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“
Wilhelm Busch

Eng verwandt mit der Eifersucht ist das Gefühl der Missgunst, das daher auch nicht selten mit dieser gemeinsam auf den Plan tritt. Das ihr zu Grunde liegende Gefühl 1. Ordnung ist der Ärger. Allerdings richtet sich dieser Ärger nicht auf Dinge, die wir selbst erleben, sondern auf unsere Interpretationen des Erlebens Anderer.

Missgunst sagt: „Das, was du hast, verdienst du nicht!“ Oder gar: „Das, was du hast, steht in Wirklichkeit mir zu!“

Die Tatsache (oder Annahme!), dass ein anderer Mensch das bekommt oder erlebt, was wir ihm nicht gönnen oder sogar für uns selbst einfordern, erleben wir als existenzielle Demütigung. Der Zorn, den wir daraufhin und darüber empfinden, richtet sich daher nur zum Teil auf den anderen Menschen. Ein weiterer Bestandteil der Missgunst ist ein amorpher Groll auf „Gott“, „das Schicksal“ oder „die Ungerechtigkeit des Lebens“ schlechthin.

Missgunst ist ein durch und durch destruktives Gefühl.

Ganz anders ist es um den Neid bestellt. Dieser wird vielfach mit der Missgunst verwechselt, ist jedoch bei näherer Betrachtung von diesem sehr verschieden.

Auch der Neid basiert auf Ärger. Anders als die Missgunst sagt der Neid jedoch nicht „Das, was du hast, verdienst du nicht!“, sondern „Das, was du hast, das will ich auch!“ So ähnlich diese Gedanken klingen mögen, sie unterscheiden sich in einem ganz zentralen Punkt:

Der Neid ist, ganz entgegen seinem öffentlichen Ruf, (zumindest potenziell) eine konstruktive Energie, die uns dazu motivieren kann, Dinge zu tun, die uns (zumindest potenziell) dazu befähigen, das, was der oder die Andere hat, auch selbst zu bekommen oder zu erfahren. Die Missgunst dagegen beschränkt sich auf klagende Passivität.

Es macht also einen großen Unterschied, ob wir auf die Erkenntnis „Du hast da etwas, das ich haben will!“ mit Missgunst oder mit Neid reagieren. Welche Wahl wir in dieser Frage treffen, liegt bei jedem und jeder von uns allein.

 

Zufriedenheit, Unzufriedenheit und Frustration

„Die meisten Menschen machen sich selbst bloß durch
übertriebene Forderungen an das Schicksal unzufrieden.“

Wilhelm von Humboldt

Zufriedenheit und Unzufriedenheit sind die gedanklichen Entsprechungen unserer Grundgefühle erster Ordnung (Freude, Ärger, Traurigkeit).

Anders als diese Grundgefühle allerdings sind Zufriedenheit oder Unzufriedenheit keine instantanen emotionalen Reaktionen unseres Systems auf konkretes Erleben, sondern auf eine höhere Ebene der Interpretation und Abstraktion, auf der unser Geist formuliert: „So, wie es ist, ist es gut.“ bzw. „So, wie es ist, ist es nicht gut.“

Zufriedenheit und Unzufriedenheit stellen also gedankliche Bewertungen dar, die über das Erleben im Moment hinaus reichen. Ähnlich dem Zensurensystem in vielen Schulen fallen in dieser Bewertung allerdings viele relevante Informationen vom Tisch.

So kann ein Mensch sehr wohl mit seinem Leben zufrieden sein, auch wenn ihn spezifische Aspekte seines Lebens traurig oder ärgerlich machen, oder unzufrieden, auch wenn es im Hier und Jetzt konkreten Anlass zur Freude gibt.

Auch, welche Anteile der Unzufriedenheit auf Ärger und auf Traurigkeit beruhen, ist in aller Regel nicht direkt ersichtlich. Dadurch fehlen der Unzufriedenheit die wirksamen Werkzeuge des Ärgers und der Traurigkeit. Weder motiviert sie uns dazu, die uns umgebenden Umstände entschlossen anzupacken und zu ändern (Ärger), noch hilft sie uns dabei, das, was wir nicht ändern können, in Demut anzunehmen (Traurigkeit).

Die Steigerung der Unzufriedenheit heißt „Frustration“ und beruht ebenso wie ihre Grundform auf der undifferenzierten Abwertung unseres Lebens und Erlebens als „schlecht“.

Unzufriedenheit kann durchaus eine motivierende Kraft entfalten. Da ihr jedoch die Unterscheidungsfähigkeit der reinen Gefühle fehlt, richtet sie ihre Hoffnung in aller Regel allein auf die Werkzeuge des Ärgers. Dieser kann jedoch nur einen Teil dessen, was wir als unzufriedenstellend erleben, verändern. Manche Aspekte unseres Lebens und Erlebens jedoch lassen sich nicht ändern.

So verbrennt unsere Unzufriedenheit Unmengen an Energie bei dem Versuch, Dinge zu ändern, die per definitionem nicht zu ändern sind. Wir verausgaben unsere begrenzte Lebensenergie, ohne dass sich dadurch etwas zum Guten wendet. Die emotionale Folge dieser beständigen Erfahrung des Scheiterns nennen wir „Frustration“.

 

Stolz und Scham

„Wenn du dazu berufen bist, Straßen zu kehren, dann kehre sie, wie Michelangelo Bilder malte, oder Beethoven Musik komponierte, oder Shakespeare dichtete. Kehre die Strasse so gut, dass alle im Himmel und auf Erden sagen: „Hier lebte ein großartiger Straßenkehrer, der seinen Job gut gemacht hat!““
Martin Luther King

Stolz (Grundgefühl: Freude) und Scham (Grundgefühl: Traurigkeit) sind mit Zufriedenheit und Unzufriedenheit eng verwandt. Genau genommen sind es Unterformen der vorgenannten Gefühle.

Ebenso wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit basieren Stolz und Scham auf geistigen Bewertungen. Diese betreffen jedoch nicht die uns umgebenden Aspekte unseres Lebens, sondern unseren Eindruck von uns selbst.

Was genau bei einem einzelnen Menschen die Gefühle von Stolz oder Scham auslöst, kann dabei von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Wir können Stolz oder Scham empfinden in Bezug auf unseren Körper, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Leistungen, unsere Fähigkeiten oder unsere vergangenen Entscheidungen. Hierbei ist es zumeist wenig relevant, ob die Dinge, die wir an uns selbst wertschätzen oder kritisieren, überhaupt in unserer Verantwortung liegen.

Die Region der Welt und die Familie, in die wir geboren werden, unsere genetische Ausstattung oder gar das Verhalten völlig anderer Menschen (seien dies unsere Eltern, unsere Kinder oder Gäste einer Talkshow, die wir schauen) – all dies ist in der Lage, in uns Gefühle des Stolzes oder der Scham zu erzeugen. Nicht ohne Grund (oder in Mangel an Auslösern) nahm der Duden den Begriff „fremdschämen“ im Jahr 2009 in seinen Kanon der deutschen Sprache auf.

Der Stolz, den Eltern, Lehrer oder wir alle empfinden, wenn unsere Kinder, Schüler, Freunde oder Liebespartner eine bemerkenswerte Leistung erbringen oder eine mutige Entscheidung treffen, basiert auf derselben Vermischung von ich und du.

Ganz ähnlich wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit in Bezug auf das Leben, so stehen auch hinter Stolz und Scham eherne und oft unhinterfragte Überzeugungen darüber, was einen Menschen zu einem „guten“ („wertvollen“, „liebenswerten“, „schönen“, „erfolgreichen“…) oder einem „schlechten“ („minderwertigen“, „häßlichen“, „ablehnenswerten“, „erfolglosen“…) Menschen macht.

Die Kriterien, an denen wir hierbei uns selbst (und Andere) messen, sind häufig bereits im Kindesalter von den Ansichten der Eltern und anderer bedeutsamer Personen übernommen und niemals bewusst reflektiert worden.

Das bedeutet nicht, dass Stolz und Scham per se unnütz und leidbringend sein müssen. Im Gegenteil. Sie sind es nur, so lange der Fokus der Bewertung auf Eigenschaften liegt, die nicht in der eigenen Entscheidungskraft und Verantwortung liegen.

Innerhalb jener Aspekte unseres Lebens, die wir selbst entscheiden und verantworten können, entfalten Stolz und Scham ihre positive, gestaltende und wegweisende Kraft.

Wer stolz ist auf eine Entscheidung, die er getroffen hat, wird durch das Empfinden dieses Stolzes im weiteren Verlauf seines Lebens mit größerer Wahrscheinlichkeit in vergleichbaren Situationen wieder dieselbe oder eine ähnliche Entscheidung treffen. Wer sich dagegen für eine Entscheidung, ein Verhalten oder eine Aussage seiner Vergangenheit schämt, trägt durch diese Scham Sorge dafür, dass er in Zukunft in ähnlichen Situationen mit höherer Wahrscheinlichkeit anders agieren oder entscheiden wird.

So kann ein bewusster Umgang mit Scham und Stolz uns dabei behilflich sein, unser Leben in einer Weise zu führen und zu gestalten, dass wir eines Tages auf unseren Weg zurück blicken und mit gesunder Selbstzufriedenheit sagen: „Ja, das war mein Leben. Und ich bin stolz darauf, was ich aus diesem Leben gemacht habe.“

 

Sorge und Misstrauen

„Du hast die Wahl. Du kannst dir Sorgen machen,
bis du davon tot umfällst. Oder du kannst es vorziehen,
das bisschen Ungewissheit zu genießen.“

Norman Mailer

Die Grundenergie der Sorge und des Misstrauens ist in beiden Fällen die Angst. Allerdings ist diese Angst nicht auf konkretes Erleben bezogen, sondern eher auf die vage Ahnung, dass wahlweise das Leben („Gott“) oder aber ein Mitmensch es nicht gut mit uns meint. Aus dieser Annahme heraus entspringt die innere Überzeugung, uns schützen zu müssen. Da wir allerdings nicht genau wissen, wovor oder wie wir uns schützen können oder „müssen“, führen Sorge und Misstrauen zumeist nicht zu konstruktiv wirksamen Verhaltensweisen, sondern zu einer lähmenden oder aggressiv angespannten Grundhaltung dem Leben oder unseren Mitmenschen gegenüber.

Da wir es in unserem Leben immer wieder mit Situationen zu tun haben, in denen manche unserer Bedürfnisse (z.B. Sicherheit, Freiheit, Zugehörigkeit und andere) nicht erfüllt sind, und da wir hin und wieder durchaus Menschen begegnen, die gewillt sind, für die Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse unser Ungemach billigend in Kauf zu nehmen, besitzen Sorge und Misstrauen offensichtlich das Potenzial, uns vor manchem Verdruss oder Leiden zu schützen. Allerdings ist der Preis dafür (s.o.) hoch.

Mit Sorge und Misstrauen nahe verwandt und doch ganz anders ist die Vorsicht, die Positivform der Angst. Anders als ihre Cousinen Sorge und Misstrauen allerdings ist die Vorsicht keine generalisierte Grundstimmung, sondern eine emotionale Feinjustierung konkreten Verhaltens. Wer vorsichtig ist, bleibt bewusst handlungsfähig. Wer misstraut oder sich sorgt, zumeist nicht.

 

Mut

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben,
sondern es ist die Entscheidung,
dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“

Ambrose Red Moon

Welches Grundgefühl liegt wohl dem Mut zu Grunde?

Meine Antwort: Es ist der Ärger.

Die Annahme, Mut beruhe auf der Abwesenheit von Angst, führt sich bei genauerer Betrachtung ad hoc selbst ad absurdum. Es ist unmöglich, Mut zu empfinden, wenn wir uns rundum sicher und sorglos fühlen. Das Risiko oder gar die Gefahr sind geradezu Grundbedingungen dafür, dass Mut überhaupt entstehen kann.

Jedem mutigen Schritt vorwärts geht ein Zögern voraus. Dieses Zögern beruht auf Angst. Denn das, was wir nun tun werden, enthält das Risiko des Scheiterns, Versagens oder gar Untergangs. Je höher die Gefahr ist, der wir uns zwar entschlossen, aber zumeist ganz und gar nicht furchtlos, stellen, desto wichtiger ist es, zu wissen, wofür wir dieses Wagnis eingehen. Eben dieses „Wofür?“ ist es, woraus das, was wir Mut nennen, geboren wird.

Der Mut „weiß“: Angst existiert nur in Bezug auf die Zukunft. Wird diese Zukunft zur Gegenwart (gemacht!), verwandelt sich die Angst. Hierin liegt die alchemische Kraft des Mutes:

Indem wir das tun, wovor wir Angst haben, machen wir die gefürchtete Zukunft zur erlebten Gegenwart. Nur im Hier und Jetzt können wir den Gegebenheiten des Lebens aktiv begegnen. Wir mögen siegreich sein darin oder scheitern, doch welches Schicksal uns unser Tun auch immer bescheren wird, wir treten ihm und uns selbst aufrecht und würdevoll entgegen.

 

Weitere komplexe Gefühle

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas,
das der menschliche Geist erfinden könnte.
Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit
bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“

Sir Arthur Conan Doyle

Natürlich ist die Liste der hier beschriebenen komplexen Gefühle nicht abschließend. Schuldgefühl und Rachsucht, Vorfreude, Verliebtheit und Dankbarkeit, Einsamkeit, Schwermut, Ungeduld, Verachtung, Verwirrung, Empörung, Hoffnung, Entsetzen, Langeweile und Selbstmitleid… Sie alle hätten einen Platz in dieser Beschreibung verdient.

Das menschliche Denken und Fühlen ist derart reich und vielfältig, dass die detaillierte Betrachtung jeder einzelnen emotionalen Regung den Rahmen dieses Artikels mehrfach sprengen würde.

Vielleicht jedoch war es mir möglich, durch die in diesem Kapitel ausgeführten Charakterisierungen einiger unserer komplexen Gefühle ein Verständnis dafür zu wecken, in welch vielfältiger Weise unser Denken und Fühlen miteinander verwoben sind.

Vielleicht war es mir möglich, eine Idee davon zu erzeugen, dass das, was wir in manchen Situationen unseres Lebens fühlen, alles andere als zwangsläufig und vorherbestimmt ist. Weil nämlich die weit überwiegende Mehrheit all unserer Gefühle eben nicht in ihrer Reinform auftritt, sondern geprägt ist von unseren Gedanken, Interpretationen und Bewertungen in Bezug auf das, was wir erleben.

Und vielleicht war es mir sogar möglich, die eine oder andere Grundlage dafür zu legen, dass wir angesichts der einen oder anderen Gefühlsregung unserer Zukunft die Erkenntnis entwickeln, dass es vielleicht andere, vielleicht sogar: bessere Weisen gibt, auf die Erlebnisse und Gegebenheiten unseres Lebens zu reagieren, als wir es bislang aus reiner Gewohnheit tun.

Und als letztes „vielleicht“: Vielleicht führt eben diese Bewusstheit und Erkenntnis dazu, dass wir tatsächlich weiser als bislang wählen, welche der Erfahrungen unseres Lebens wir mit welchem Gefühl beantworten wollen.

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
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klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

klüger fühlen 04:

Grundgefühle 2. Ordnung

„Prognosen sind schwierig,
besonders wenn sie
die Zukunft betreffen.“

Karl Valentin (oder Mark Twain) (oder Niels Bohr) (oder noch jemand anderes)

Freude, Ärger und Traurigkeit sind die evolutionär in uns verankerten Reaktionsmuster auf das, was uns im Hier uns Jetzt geschieht. Erfüllt das, was wir erleben, wichtige Bedürfnisse in uns, dann freuen wir uns. Ist das Gegenteil der Fall, werden wir ärgerlich oder traurig – je nachdem, ob wir die Situation, in der wir uns befinden, als etwas erleben, was wir ändern können (Die Stunde des Ärgers!) – oder nicht (Ein Fall für die Traurigkeit).

Doch der Mensch lebt nicht im Hier und Jetzt allein. Er hat eine Geschichte, derer er sich (zumindest teilweise) bewusst ist. Diese Geschichte reicht über die Gegenwart hinaus: Zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft. Die Gegenwart, wie wir sie erleben und interpretieren, basiert auf dem, was wir in der Vergangenheit über uns selbst, das Leben und die Welt erfahren haben. Unser Handeln im Hier und Jetzt dient stets der Vorbereitung unserer Zukunft.

Der Mensch ist nicht das erste oder einzige Tier, das in der Lage ist, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu differenzieren. Die Fähigkeit, unser gegenwärtiges Erleben auf der Basis unserer vergangenen Erfahrungen zu beurteilen, ist ein hochwirksames Werkzeug, das uns ermöglicht, aus einer Reihe von Reaktionsweisen oder Handlungsoptionen solche zu wählen, die mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu geeignet sind, uns das zuzuführen, was wir im Leben wünschen oder brauchen.

Ein zumindest grundlegendes Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist darüber hinaus die Basis für jedes Lernen.

Halten wir uns vor Augen: Vergangenheit und Zukunft existieren allein in unserem Geist. Was wir „Erinnerung“, „Ahnung“, „Hoffnung“, Wunsch“, „Prognose“ oder gar „Plan“ nennen, existiert in der Welt da draußen nicht. Es existiert einzig und allein in unserer Psyche.

Dies gilt nicht nur für die Zukunft, deren ureigene Natur es ist, dass sie so lange wir an sie denken oder von ihr sprechen, noch nicht real ist. Auch unsere Vergangenheit ist nicht das, woran wir uns erinnern.

Unzählige Forschungen in den vergangenen drei Jahrzehnten haben zu Tage geführt, wie sehr auch all das, was wir „Erinnerung“ nennen, verfälscht, verdreht, geglättet oder ergänzt ist. Wie wir uns an ein vergangenes Erlebnis erinnern hängt – das wissen wir heute – weniger davon ab, was sich tatsächlich ereignet hat, als davon, wie es im Moment des Erinnerns um unsere Gedanken oder Gefühle bestellt ist.

Durch die evolutionäre Erschaffung eines Verständnisses von „Zeit“ entstand eine vollkommen neue Dimension der Betrachtung unseres Lebens und der Welt.

Was wir in unseren Erinnerungen oder Zukunftsvorausschauen „sehen“, ist nicht real. Dennoch prägt und lenkt es unser Verhalten im Hier und Jetzt.

Tiere, die ein (zumindest grundlegendes) Verständnis von Vergangeneheit, Gegenwart und Zukunft haben, handeln nicht mehr allein in Bezug auf die „Realität das draußen“, sondern außerdem auf ein verändertes Abbild dieser Realität in ihrer Psyche: Dieses Abbild nennen wir „Wirklichkeit“.

Die Dimension der Wirklichkeit legt sich wie ein Schleier über die Realität. Dieser Schleier ist so dicht, dass es selbst klugen und welterfahrenen Menschen oftmals schwer fällt, zwischen Realität und Wirklichkeit zu unterscheiden. Dieses Phänomen ist hundertfach beschrieben und nahezu ebenso oft beklagt worden.

Aus Sicht der Evolution jedoch macht genau diese “Verfälschung“ der wahrgenommenen Realität absolut Sinn: Wir müssen nicht mehr jede Situation, die wir erleben, von Grund auf neu erfassen, verstehen und interpretieren, sondern haben bereits vorbereitete Strategien parat, die mit relativer Wahrscheinlichkeit gut geeignet sind, den Erfahrungen im Hier und Jetzt zu begegnen. Das spart Energie und Zeit – Ressourcen, deren Verfügbarkeit in der Welt, in der wir entstanden sind, allzu oft den den entscheidenden Ausschlag gaben für das Leben oder Sterben eines Individuums, einer Population oder gar einer ganzen Art.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Das Verständnis von Vergangenheit und Zukunft als psychische Dimensionen des Lebens erzeugte eine vollkommen neue Ebene der Wahrnehmung: Die Wirklichkeit.

In der Wirklichkeit sehen und hören wir Dinge, die in Realität nicht da sind. Dennoch sind genau diese irrealen Wahrnehmungen (Erinnerungen, Pläne, Wünsche…) eine essenzielle Informationsquelle für unser Handeln im Hier und Jetzt. Sie werden, ebenso wie unsere tatsächlichen Erfahrungen mit der Realität, in unserem Gehirn verarbeitet, und lösen, ebenso wie diese, neurochemische Reaktionen („Gefühle“) in unserem System aus.

Mit diesem evolutionären Schritt entstanden emotionale Strukturen, die grundlegend anders waren als die bereits angelegten und verbreiteten Grundgefühle der ersten Ordnung (Freude, Ärger, Traurigkeit).

Die Entstehung eines grundlegenden Verständnisses von Zeit war nicht nur der Beginn des Lernens, sondern auch die Geburtsstunde dreier vollkommen neuer Gefühlsmuster.

Dies ist unsere Grundgefühle zweiter Ordnung. Wir kennen sie als Überraschung, Angst und Lust.

 

Überraschung: Achtung, Ausnahmefehler! (Oder?)

„Aus der Knospe der Verwirrung
erhebt sich die Blüte der Verwunderung.“

Arabisches Sprichwort

Die Fähigkeit, aus vergangenen Erfahrungen zu lernen, stellt einen radikalen Entwicklungsschritt in der Evolution des Lebens dar. Nach heutigem Stand des Wissens sind weder Einzeller noch Pflanzen und Pilze hierzu in der Lage. Auch die einfach strukturieren Tieren (Schwämme, Würmer, Weichtiere, Gliederfüßer) sind voraussichtlich nicht im Stande, Angst, Lust oder Überraschung zu empfinden.

Die faszinierend komplexe Tanzsprache der Honigbienen allerdings deutet darauf hin, dass selbst manche Insekten durchaus über ein zumindest grundlegendes Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verfügen könnten.

Damit Lernen aus Erfahrung sinnvoll möglich ist, benötigt ein Lebewesen komplexe neurale Strukturen, in denen Informationen nicht nur verarbeitet, sondern auch in verdichteter Form gespeichert und immer wieder „gepflegt“ werden. Diese gespeicherten Informationen werden nicht nur abgerufen und als Grundlage konkreter Entscheidungsprozesse genutzt, sondern auch immer wieder mit den tatsächlich gemachten Erfahrungen abgeglichen, gegebenenfalls verändert und wieder neu gespeichert.

Ein integraler Bestandteil dieses Vorganges ist die fortwährende Prüfung der gespeicherten Datenbasis auf Konsistenz und Anwendbarkeit auf den konkret erlebten Einzelfall.

Entspricht das, was ein Lebewesen im Hier und Jetzt erlebt, seinen gespeicherten Erfahrungen und Annahmen, so stehen die Chancen gut, dass auch seine gespeicherten Reaktionsweisen geeignet sein werden, der erlebten Situation auf zielführend sinnvolle Art und Weise zu begegnen, ohne hierfür allzu viel Energie aufwenden zu müssen.

Was aber, wenn das konkrete Erleben völlig anders ist, als es die gespeicherte Datenbasis erwarten ließ? Dann muss sich das Lebewesen neu orientieren. Bestenfalls: So schnell wie möglich.

Im Augenblick der Überraschung meldet das System:

„Achtung! Schwerer Ausnahmefehler!
Datenlage inkonsistent!
Sinnvolle Verhaltensauswahl nicht möglich!“

Es ist, als träte das System mit voller Kraft auf die Bremse. Die für Verhaltensauswahl und Verhaltenssteuerung zuständigen Systemeinheiten halten abrupt inne. Alle verfügbaren Ressourcen werden in die Strukturen für Wahrnehmung und Datenverarbeitung gelenkt.

Das Emoticon für „Überraschung“ ist ein Gesicht mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Auch unsere Wahrnehmungszellen in Ohren, Nase und Haut sind auf Datenaufnahme geschaltet und fluten das Gehirn mit Information.

Erst wenn sich aus diesem Datenstrom ein neues, handhabbares Modell der relevanten Umgebungsvariablen gebildet hat, ist das Lebewesen in der Lage, aus diesem Modell heraus auf seine Umwelt zu reagieren.

Je größer und bedeutungsvoller die Abweichung der erlebten Umwelt mit den zuvor gespeicherten Annahmen, desto intensiver wird das Gefühl von Überraschung erlebt – und desto mehr Zeit wird benötigt, um die innere Datenbasis auf die tatsächlichen Verhältnisse einzustellen.

Überraschung ist das einzige der sechs Grundgefühle, das wir Menschen nicht als eindeutig positiv (Freude, Lust) oder negativ (Ärger, Traurigkeit, Angst) bewerten. Ob ein Moment der Überraschung als angenehm oder unangenehm empfunden wird, hängt davon ab, wie gravierend und wie bedeutsam die Abweichung unserer Erwartungen mit dem aktuellen Erleben in Bezug auf unsere Grundbedürfnisse interpretiert wird.

Da jede neuartige Erfahrung auch die Möglichkeit der verbesserten Anpassung mit sich bringt, wird Überraschung nicht selten auch als sehr lustvoller Zustand erlebt. Schließlich ist die Befriedigung unseres Grundbedürfnisses nach „Entwicklung“ geradezu darauf angewiesen, dass wir immer wieder Situationen erleben, die uns neu und unvertraut sind und uns dadurch zur Anpassung unserer Annahmen oder Verhaltensweisen zwingen.

Je relevanter und notwendiger allerdings die geforderte Anpassungsleistung für unser Leben oder gar Überleben ist, desto unangenehmer, belastender oder erschütternder wird die jeweilige Überraschung erlebt werden.

Vier Stufen der Überraschung:

Stufe 1 (Grundform): Verwunderung
Stufe 2 (Positivform): Überraschung
Stufe 3 (Elativform): Schreck
Stufe 4 (Exzessivform): Schock

Komplexe Formen der Überraschung:

Verwirrung, Erstaunen, Verblüffung, Irritation

 

Angst: Essen Seele auf.

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut ist die Entscheidung, dass
etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“
James Neil Hollingworth

Wann empfinden wir Angst?

Angst empfinden wir dann, wenn wir uns eine Zukunft vorstellen, in der wichtige Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind.

Wir haben Angst davor, dass unsere Ehe auseinander bricht, weil wir befürchten, uns einsam zu fühlen (Zugehörigkeit, Verbundenheit), weil wir befürchten, finanzielle Einbußen hinzunehmen (Sicherheit, Wohlbefinden, Freiheit, Zugehörigkeit, Anerkennung), weil wir befürchten, keinen Sex mehr zu haben (Wohlbefinden, Wirksamkeit, Intensität, Anerkennung, Verbundenheit, Selbsterfahrung, Augenhöhe) oder weil wir befürchten, uns ein neues Leben aufbauen zu müssen (Wohlbefinden, Leichtigkeit, Orientierung, Freiheit, Zugehörigkeit, Anerkennung).

Interessant hierbei ist: In dem Moment, in dem das Ereignis eintritt, vor dem die Angst uns warnte, ist die Angst nicht mehr da. In dem Moment, in dem die Zukunft zur Gegenwart wird nämlich, verwandelt sich die Angst in Traurigkeit und/oder Ärger, jene emotionalen Kräfte, die dafür gemacht sind, unsere gegenwärtigen Umgebungsvariablen zu verändern (wenn möglich) oder aber anzunehmen (wenn nicht). Manchmal sogar verwandelt sich unsere Angst in Freude. Dann nämlich, wenn das, was wir fürchteten, nicht oder zumindest nicht so eintritt. Dem voraus geht mindestens ein Augenblick der Überraschung.

Was passiert, wenn wir Angst haben?

Unser Körper spannt sich an. Unsere Augen und Ohren sind (wie bei der Überraschung) weit geöffnet. Unser Herzschlag beschleunigt sich. Wir atmen schnell und tief.

Durch diese körperlichen Reaktionen passieren zwei Dinge:

1. All unsere Sinne sind auf Empfang geschaltet. Wir nehmen sehr viel wahr. Unser Unterbewusstsein wird mit Information geflutet.

2. Unser stoßweises Atmen pumpt Sauerstoff in die Lunge, von dort aus ins Blut und schließlich in die Zellen. Der erhöhte Herzrhythmus beschleunigt unser Blut, so dass neben dem Extra an Sauerstoff auch weitere Nährstoffe zügig zu den Zellen geliefert werden.

Das Gefühl der Angst dient der Handlungsvorbereitung. Unser System (Körper und Psyche) versorgt sich mit Nährstoffen und Information, um dadurch in der direkt darauf folgenden Zukunft auf das, was dann passiert, bestmöglich reagieren zu können.

Das kann Kampf sein oder Flucht. Beides jedoch braucht Ressourcen. Körper und Psyche arbeiten im Zustand der Angst auf Hochtouren, um Nährstoffe, Energie und Information in verfügbarer Form an die richtigen Stellen zu bringen.

Angst erzeugt Aktionspotenzial.

Da wir Menschen dank unserer kognitiven Kapazitäten im Stande sind, uns sehr weit von der Gegenwart entfernte Zukünfte vorzustellen, – und darüber hinaus generell ein reges Vorstellungsvermögen haben, – verfügt unsere Art vermutlich über ein auf diesem Planeten einzigartiges Spektrum an Dingen, vor denen wir uns fürchten können.

Die Tatsache, dass wir Menschen in der Lage sind, uns vor Dingen zu fürchten, die möglicherweise in einem Jahr oder in 30 Jahren passieren werden, zeigt deutlich, zu welch komplexen Gedankengängen der Mensch in der Lage ist. In diesem Zusammenhang jedoch entfaltet die Gabe unseres klugen Geistes eine subtile, aber nicht unproblematische Nebenwirkung:

Je weiter die Dinge, die uns Angst machen, in der Zukunft liegen, desto länger ist es uns uns nicht möglich, ihnen zu begegnen. Das mag uns als Glück erscheinen („Noch ist es nicht so weit!“), bei Lichte betrachtet jedoch werden wir erst dann, wenn wir dem Gegenstand unserer Angst begegnen, von unserer Angst befreit.

Ängste jedoch, die über längere Zeit nicht aufgelöst werden können, führen zu einer sich beständig wiederholenden Belastung des Systems. Auf Dauer zeigen sich nicht selten körperliche oder psychische Auffälligkeiten oder Störungen.

Vier Stufen der Angst:

Stufe 1 (Grundform): (An-) Spannung
Stufe 2 (Positivform): Vorsicht
Stufe 3 (Elativform): Angst
Stufe 4 (Exzessivform): Panik

Komplexe Formen der Angst:

Eifersucht, Sorge, Unbehagen, Misstrauen, Zweifel, Hoffnung (Typ A), alle Formen von Phobien

 

Lust: Auf Leben!

„Welch eine himmlische Empfindung ist es,
seinem Herzen zu folgen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Interessanterweise ist die Lust in keinem der aktuell diskutierten Ansätze zur Definition unserer Grundgefühle vorhanden. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester, der Angst. Diese fehlt in keiner Auflistung.

Ähnlich wie Freude, Ärger und Traurigkeit in Bezug auf unsere Gegenwart, so sind Angst und Lust die Reaktionsweisen unseres Systems auf Ereignisse unserer Zukunft.

Das Wort „Lust“ bezeichnet in diesem Sinne also die „Lust auf etwas“. Die „Lust an etwas“ (beispielsweise das Lustempfinden beim Sex oder die Lust an gutem Essen, guter Musik o.ä. ) ist eine komplexe Form von des Grundgefühls Freude.

Auch die „Lust auf etwas“ aktiviert unseren Körper für ein Handeln in der Zukunft. Anders als bei der Angst allerdings können wir es in diesem Fall kaum erwarten, dass „es passiert!“

Alle Signale sind auf grün gestellt. Körper und Psyche sind voll bereit. Mehr als bereit. Wenn es nur endlich los ginge…! Wir können nicht still sitzen, rutschen hin und her, stehen auf, bewegen uns, bewegen die Finger und wackeln mit den Zehen.

Dann passiert, was wir erwartet haben, und die Energie der Lust entlädt sich in Freude. Vielleicht passiert aber auch etwas ganz anderes. Vielleicht ab und an sogar etwas, das uns viel weniger gefällt. Dafür aber haben wir noch den Ärger und die Traurigkeit auf Tasch.

Vier Stufen der Lust:

Stufe 1 (Grundform): Interesse
Stufe 2 (Positivform): Neugier
Stufe 3 (Elativform): Lust
Stufe 4 (Exzessivform): Begierde

Komplexe Formen der Lust:

Wollust, Appetit, Wissbegierde, Hoffnung (Typ B), alle Formen von Philien.

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

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klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

klüger fühlen 03:

Grundgefühle 1. Ordnung

„Die Tiere empfinden wie der Mensch
Freude und Schmerz, Glück und Unglück.“

Mahatma Gandhi

Um dem Geheimnis unserer Gefühle auf die Spur zu kommen, ist es wichtig, uns zu vergegenwärtigen, dass all das, was wir fühlen, auf in uns ablaufenden organischen Prozessen beruht. Unser Körper verfügt über hocheffektive neurale Kanäle und spezialisierte Drüsen, die nur dafür dafür erschaffen sind, um unser System mit dem zu versorgen, was wir „Gefühle“ nennen.

Diese organischen Strukturen sind durch evolutionäre Prozesse erschaffen und, wie andere Organe, im Laufe der Jahrmillionen spezifisch verfeinert worden. In meinen Augen ergibt sich hieraus zwingend: Der Mensch ist bei Weitem nicht das einzige Tier, das fühlt.

Wenn wir das Wirken unserer Gefühle wirlich verstehen wollen, dann müssen wir sie aus den Augen der Evolution selbst betrachten.

Die Schlüsselfrage lautet also:

Was nützt es der Schnecke, wenn sie sich freut?

 

Freude: Schöner Götterfunken!

„Ein Leben ohne Freuden ist
wie eine weite Reise ohne Gasthaus.“

Demokrit

Ausgerechnet die Freude ist es, die den Schlüssel zum Verständnis unserer Gefühle birgt. Der Ärger und die Traurigkeit, und auch die allüberall empfundene Angst leuchten auf den ersten bis zweiten Blick als evolutionär vorteilhaft ein.

Doch: Welchen evolutionären Nutzen hat die Freude? Was hat eine
Art davon, wenn ihre Mitglieder immer mal wieder fröhlich sind? Dass es sich gut anfühlt, wenn wir uns freuen, steht außer Frage. Aber was hat unsere Art davon?

Was nützt es der Schnecke, wenn sie sich freut?

 

Stellen wir die Frage anders: Wann freut sich eine Schnecke?

Falls du selbst nicht darauf kommst, dann stelle diese Frage einem beliebigen Kind aus deiner Familie oder Nachbarschaft. Höchstwahrscheinlich wird seine Antwort der Wahrheit ziemlich nahe kommen.

Wann empfinden wir selbst Freude?

Wir freuen uns, wenn unsere Bedürfnisse erfüllt werden. Wenn Dinge geschehen, durch die wir aus einem Zustand des absoluten oder relativen Mangels in einen Zustand höherer physischer oder psychischer Genährtheit übergehen.

Wenn wir hungrig sind und in einen Apfel beißen… (Nährstoffe)

Wenn wir lange unter Wasser waren und schließlich auftauchen… (Sauerstoff)

Wenn wir richtig gut gevögelt werden… (Sex)

Wenn uns jemand eine uns unklare Aufgabe erläutert… (Orientierung)

Wenn wir an einer Rose riechen… (Intensität)

Wenn uns unser Vater sagt, dass er stolz auf uns ist… (Anerkennung)

Wenn wir lächelnd unseren Kindern (oder Enkeln) beim Spielen zuschauen… (Sinn)

… dann freuen wir uns.

Passiert es nicht, obwohl wir eine Sehnsucht danach verspüren, dann werden wir traurig oder ärgern uns. Je nachdem. Dazu gleich mehr.

Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir uns freuen?

Auf der Seite von dasgehirn.info beschreibt Hirnforscher Gerhard Roth aus Bremen sehr übersichtlich, welche Prozesse im Gehirn ablaufen und welche funktionellen Bestandteile des Gehirns an diesen Prozessen beteiligt sind.

All die hier von Gerhard Roth beschriebenen neurochemischen Prozesse führen unter Anderem dazu, dass Nervenzellverbindungen, die häufig genutzt werden, mit einer isolierenden Schicht aus einem Fett namens Myelin überzogen werden. Zellen, die durch eine Myelin-Schicht geschützt sind, leiten elektrischen Strom um ein Vielfaches schneller als solche ohne Myelin.

Dies ist übrigens nicht nur bei der Freude der Fall, sondern auch bei allen anderen Grund- und auch den komplexen Gefühlen. Durch unsere Gefühle strukturiert und justiert sich unser Gehirn immer wieder neu auf die es umgebende Umwelt ein.

Je häufiger wir also ein bestimmtes Gefühl fühlen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir dieses Gefühl in naher Zukunft wieder fühlen werden.

Was an diesem Prozess ist bei der Freude anders als bei anderen Gefühlen?

Die Freude ist das einzige Gefühl, das sich einstellt, wenn uns etwas gelingt, wenn wir etwas „richtig“ machen oder uns etwas „Gutes“ geschieht.

Wenn wir uns freuen, dann interpretiert unser Gehirn: „Das hier hat funktioniert! Das tut mir gut! Davon will ich mehr! Das merke ich mir!“ Es schüttet Glückshormone und Endorphine aus. Myelin wird produziert und intern verschoben. Hierbei gilt, wie auch bei allen anderen Gefühlen: Je intensiver das Gefühl, desto mehr Myelin lagert das Gehirn um die entsprechenden Nervenzellverbindungen an.

Freude ist der Schlüssel zum Lernen. Unser Gehirn lernt durch Versuch und Erfolg. Hat eine Strategie Erfolg oder erleben wir einfach einen glücklichen Zufall (zu dem wir allerdings, das weiß unser Gehirn, möglicherweise auch etwas dazu getan haben), dann ist es evolutionär gesehen sehr sinnvoll, wenn wir uns diese Erfahrung gut merken, weil wir aus ihr etwas Nützliches für die Zukunft lernen.

Wer sich nicht freut, lernt zwar weiterhin Dinge über das Leben, nur leider weniger von dem, was funktioniert und uns vorwärts bringt. So haben Menschen, die wenig Freude empfinden, nicht nur bedeutend häufiger viele unerfüllte Bedürfnisse. Sie kennen oftmals auch weniger Möglichkeiten, diese zu befriedigen als Menschen, die sich regelmäßig freuen.

Je nachdem, wie wichtig uns das Bedürfnis ist, das gerade erfüllt wird und/oder wie eklatant der zuvor empfundene Mangel war, wird unsere Freude unterschiedlich stark ausfallen.

Vier Stufen der Freude:

Stufe 1 (Grundform): Zustimmung

Stufe 2 (Positivform): Freude

Stufe 3 (Elativform): Begeisterung

Stufe 4 (Exzessivform): Euphorie

Da das Empfinden von Freude an die Ausschüttung von Endorphinen (=körpereigene Opioide) gekoppelt ist, ist es nicht verwunderlich, dass sie in ihren kräftigeren Erscheinungsformen nicht nur von Weitem gewisse Ähnlichkeiten mit einem Drogenrausch zeigt.

Freude ist die Belohnung unseres Gehirns. Dafür, dass wir etwas dafür getan, dass, und/oder uns in eine Situation begeben haben, in der unsere Bedürfnisse erfüllt wurden.

Die Botschaft der Freude lautet: „Das tut mir gut! Davon will ich mehr!“ Auf diese Weise sorgt unser Sytem dafür, dass wir uns und es mit dem versorgen, was ihm und uns gut tut. Gleichzeitig bekommen in unserem Gehirn diejenigen Nervenbahnen ein Upgrade, die mit dieser Erfahrung in engem Bezug stehen.

So lernen wir.

Und glauben wir dem Neurobiologen Gerald Hüther, dann ist der Zustand der Begeisterung der ideale Nährboden dafür, zu lernen, zu reifen und uns intellektuell, emotional und sozial weiter zu entwickeln.

In Verbindung mit gedanklichen Perspektiven und Interpretationen bekommen unsere Grundgefühle in ihren komplexen Formen ein neues Gesicht. Allerdings ist auch in diesen Erscheinungsformen die Grundenergie zumeist recht leicht herauszulesen:

Komplexe Formen der Freude:

Komplexe Erscheiungsformen der Freude sind u.A.: Dankbarkeit, Stolz, Erzücken, Schadenfreude, Genuss, Gemütlichkeit, Zuhausesein, Hingabe, Zuversicht, …

So weit, so gut. Wenn unsere Bedürfnisse erfüllt sind, dann verspüren wir Freude. Was aber passiert, wenn wir feststellen oder den Eindruck haben, dass relevante Bedürfnisse in uns nicht, wieder nicht oder aus Dauer nicht befriedigt werden?

Das kommt darauf an.

 

Ärger: Die Antwort ist: „Nein.“

„Aus bitterer Erfahrung zog ich diese eine und höchste Lehre: Man muss den Zorn in sich aufstauen, und so wie gestaute Wärme in Energie umgesetzt werden kann, so kann unser gestauter Zorn in eine Kraft umgesetzt werden, die die Welt zu bewegen vermag.“
Mahatma Gandhi

Die Botschaft des Ärgers lässt sich in einem einzigen Wort zusammen fassen: Der Ärger sagt: „Nein!“

Das, was hier passiert, tut mir nicht gut. Der Ärger schenkt mir die Energie und Entschlossenheit, die es braucht, um die Situation, in der ich mich befinde, anzupacken und zu ändern.

Im Zustand von Ärger oder Wut schüttet unser Körper Mengen bis Unmengen an Stresshormonen aus. Unsere Muskeln spannen sich an, alle nicht akut benötigten Körperfunktionen werden gedrosselt, Atem und Herzschlag beschleunigen sich. Wir sind voller Energie.

Im Gehirn findet eine archaische Anpassung an. Während unsere intellektuellen Fähigkeiten drastisch herunter gefahren werden, steigt unsere Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen, erheblich an. Und je mehr wir den Durchblick verlieren, desto alternativloser erscheinen uns unsere Gedanken und Entscheidungen.

Wir alle kennen diese Szenen, und wohin sie in den meisten Fällen führen. Aus eigenem Erleben oder zumindest aus Anschauung.

Je stärker hierbei das Gefühl, desto höher ist die Ausschüttung der entsprechenden Stresshormone und desto stärker ihre intellektuellen, emotionalen und sozialen Wirkungen.

In meinen Augen besteht das Geheimnis im Umgang mit dem Ärger darin, ihn zu erkennen, wenn er noch klein ist. Je früher wir erkennen, dass wir mit einer Situation oder Entwicklung nicht einverstanden sind, desto geringer ist die bisherige Konzentration von Stresshormonen im Blutkreislauf. Unser Körper ist aktiviert und handlungsbereit, noch sind wir allerdings intellektuell relativ klar, emotional noch unaufgebracht und sozial bislang unauffällig geblieben.

Dies ist der ideale Zeitpunkt, um einen Schritt zu tun, eine Entscheidung zu fällen oder unser Wort zu erheben.

Je länger wir damit warten, desto höher wird Stunde um Stunde, Woche um Woche, Jahr um Jahr die Konzentration an Stresshormonen im Blut, wenn wir erneut der gleichen Person, der gleichen oder einer ähnlichen Situation ausgesetzt sind. Je höher diese Konzentration, desto höher ist 1:1 die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns daraufhin in einer Weise verhalten werden, die wir später, wenn Atem, Blut und Gedanken wieder etwas langsamer fließen, bitter bereuen werden.

Vier Stufen des Ärgers:

Stufe 1 (Grundform): Ablehnung

Stufe 2 (Positivform): Ärger

Stufe 3 (Elativform): Wut

Stufe 4 (Exzessivform): Rage

Komplexe Formen des Ärgers:

Beispiele für komplexe Formen des Ärgers: Zorn, Hass, Neid, Empörung, Frustration, Genervtheit, Spott, Rachsucht, Entschlossenheit, Mut, …

Der Ärger und was er in unserem Körper und Geist anstellt, ist die ideale Antwort der Evolution auf Situationen, in denen unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind, wir aber etwas daran ändern können. Was aber, wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind, wir genau das jedoch nicht ändern können?

 

Traurigkeit: Annehmen und weiter gehen.

„Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen; wie Krankheiten, die oberflächlich und töricht behandelt werden, treten sie nur zurück und brechen nach einer kleinen Pause um so furchtbarer aus; und sammeln sich an im Innern und sind Leben, sind ungelebtes, verschmähtes, verlorenes Leben, an dem man sterben kann.“
Rainer Maria Rilke

So schade es ist: Es gibt Dinge, die können wir nicht verändern, so gerne wir sie auch verändern wollten. Wir können uns ärgern, und vielleicht haben wir das bereits getan. Aber aller Ärger läuft ins Leere, wenn das, was er verändern will, schlicht und einfach nicht zu ändern ist.

Es gibt Dinge, die können wir nicht verändern.

So lange wir uns damit abmühen, dem Unveränderlichen unsere Stirn zu bieten, so lange kleben wir an dieser Erfahrung fest. Wohlmeinende Küchenpsychologen raten an dieser Stelle gerne: „Lass einfach los!“. Doch wer schon einmal in einer solchen Situation war, der weiß, dass die gutherzige Empfehlung zum Loslassen wie eine Leerfloskel rüber kommt und sich nicht selten darüber hinaus anfühlt wie ein Schlag ins Gesicht.

Doch wie können wir hilfreicher damit umgehen, dass unser Wunsch (und das Bedürfnis zu seinen Wurzeln) bei all der Kraft unseres Wünschens ohne Erfüllung bleibt und möglicherweise noch für lange Zeit oder gar bis in alle Ewigkeit unerfüllt bleiben wird?

So hart es in vielen Situationen unseres Lebens auch sein mag: Der Schlüssel zur Erlösung besteht darin, anzunehmen, was ist. Dafür hat Mutter Evolution die Traurigkeit erfunden.

Was passiert, wenn wir traurig sind?

Derzeit werden die Gefühle von Traurigkeit eher mit dem Fehlen spezifischer Hormone (z.B. Serotonin) in Verbindung gebracht als mit der Ausschüttung spezifischer Botenstoffe.

Traurigkeit führt dazu, dass wir uns von der Welt zurückziehen. Und uns auf uns selbst besinnen. Wie lange und wie radikal dieser Rückzug ausfällt, hängt davon ab, wie intensiv und lebensbestimmend dieser Prozess erlebt wird.

Ähnlich dem Ärger ist auch bei der Traurigkeit die Wirksamkeit und Nützlichkeit dieses Gefühls auf der Grundstufe (Bedauern) am höchsten. Je stärker die Traurigkeit wird, desto mehr verflacht das Denken, bis die Welt schließlich nur noch in zweidimensionaler Überspitzung wahrgenommen wird.

So lange wir das, was wir erfahren, noch schrecklich, furchtbar, grausam, unmenschlich oder schlimm finden, findet keine Annahme statt. Annahme geschieht an dem Punkt, wo wir das, was uns geschieht, als „schade“ interpretieren.

Die Annahme führt schließlich von allein und auf direktem Wege zum Loslassen. Und sie allein ist es, die uns loslassen lässt, woran wir zuvor mit verkrampften Fingern festgehalten haben. Wer loslassen möchte, muss annehmen üben.

Dazu brauchen wir einen liebevollen Blick auf unsere eigenen Grenzen, auf unsere Unvollkommenheit und Ohnmacht. Diese Aspekte unseres Seins haben allerdings bislang in unserer aktuell vorherrschenden Macher-Kultur einen schweren Stand.

Vier Stufen der Traurigkeit:

Stufe 1 (Grundform): Bedauern

Stufe 2 (Positivform): Traurigkeit

Stufe 3 (Elativform): Trauer

Stufe 4 (Exzessivform): Verzweiflung

Komplexe Formen der Traurigkeit:

Mitleid, Selbstmitleid, Kummer, Sorge, Reue, Langeweile, Einsamkeit, Melancholie, Vergebung, …

 

Ärger und Traurigkeit als Zwillingskräfte

„Die Neigungen des Herzens sind geteilt wie die Äste einer Zeder. Verliert der Baum einen starken Ast, so wird er leiden, aber er stirbt nicht. Er wird all seine Lebenskraft in den nächsten Ast fliessen lassen, auf dass dieser wachse und die Lücke ausfülle.“
Khalil Gibran

Wenn wir erleben, dass unsere Bedürfnisse nicht erfüllt werden, dann werden wir daraufhin traurig oder ärgerlich. Je nachdem, ob wir uns in der Lage sehen, unsere Situation und/oder Aussicht zu verändern, oder nicht.

Unser Körper ist klüger als so mancher Geist. Viele von uns glauben, wir würden Situationen erleben, die uns entweder traurig oder ärgerlich machen. Wenn wir genauer und etwas länger hinschauen allerdings, stellen wir fest, dass Empfindungen von Traurigkeit und Ärger in derartigen Situationen im stetigen Wechsel auftreten. Eines steht im Vordergrund, gewiss. Jedoch ist das andere niemals weit entfernt.

Warum behaupte ich, dies zeige, dass unser Körper klüger ist als unser Verstand?

Weil unser Körper offenbar weiß, dass die allermeisten Situationen, in denen wichtige Bedürfnisse unerfüllt bleiben, sowohl Aspekte enthalten, die wir als unabänderlich annehmen müssen, als auch solche, die wir durchaus zu unserem Vorteil verändern können.

Darum liegen Traurigkeit und Ärger so oft so nahe beieinander. Es ist ein Zeichen dafür, wie klug unser Körper ist. Er stellt uns in solchen Situationen beide Werkzeuge, die wir benötigen, zur Verfügung.

Wer also mit Ungemach im Leben leichter und wirksamer Umgang finden will, der ist daran gut beraten, beide Werkzeuge im rechtem Maß und rechter Weise nutzen zu lernen.

 

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Lies hier weiter:klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
erscheint wortgleich auf


und
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