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10 Gebote

 

00 Präambel:

Das Leben selbst hat dich in diese Welt gebracht. Und jetzt bist du hier. Dies ist keine Übung. Willkommen im Leben! Unter Umständen bekommt jede und jeder von uns davon nur eins.

In dir, wie in jedem anderen Menschen, sind Gaben angelegt, die dich befähigen, in dieser Welt deinen Platz zu finden und einen einzigartigen Beitrag zum Guten, Wahren und Schönen zu leisten. Zu diesem Zweck hast du deine Gaben erhalten. Dieser einzigartige Beitrag ist der Sinn deines Lebens.

Jede deiner Entscheidungen und Handlungen hat Auswirkungen. Manche von diesen sind wünschenswert, andere unbequem und einige wenige sogar tragisch.

Die folgenden 10 Gebote des Lebens sind ein Angebot an Perspektiven, Werten und Entscheidungen. Verstehe sie als Handreichung an dich. Sie können dir helfen, in schwierigen oder unübersichtlichen Situationen selbst-bewusste Entscheidungen zu treffen.

Nichts desto trotz steht es dir selbstverständlich jederzeit offen, zu tun oder zu lassen, wonach dir der Sinn steht. Wenn du dich selbst kennst und die Konsequenzen deiner Taten, und mit beidem im Reinen bist, dann bist du frei.

Es ist dein Leben. Du allein entscheidest, was du daraus machst!

01. Gebot:
Ehre die Schöpfung!
Und deinen Platz in ihr!

Du bist ein Kind der Schöpfung in dieser Welt. Ebenso wie jeder andere Mensch und jedes andere lebende Wesen in ihr. Ehre die Schöpfung, die der Quell deines Lebens ist! Erhalte und pflege die Erde, auf der du geboren bist, die dich nährt und trägt! Erkenne deinen Platz im schillernden Geflecht des Lebens, und nimm die dir durch ihn geschenkte Gnade von Herzen an!

Jedem lebenden Teil dieser Welt liegt, ebenso wie dir, ein Stück der Verantwortung für eure Welt in Händen. Gemeinsam sollt ihr ihre Hüter sein.

02. Gebot:
Erkenne dich selbst!

Du bist nicht nur einer oder eine – du bist viele. Lerne deine inneren Anteile kennen! Sie alle sind ein Teil von dir. Lerne ihre Gaben, Wünsche und Bedürfnisse kennen und schließe Freundschaft mit ihnen!

Lerne die Sprache deine Gefühle kennen! Sie weisen dich auf deine Bedürfnisse hin. Achte die Gefühle der Menschen, denen du begegnest auf deinem Weg! Durch ihre Gefühle zeigen sie dir, wonach sie sich sehnen.

Du bist frei, und doch bist du mit allem und allen verbunden. Was du tust, hat Auswirkungen auf die Zukunft deiner Kinder und der Kinder und Kindeskinder aller anderen Menschen. Sei du selbst, und sei gleichzeitig ein integraler Teil des Ganzen! Lebe dein Leben in Achtung vor dir selbst und in Demut vor allen anderen Wundern dieser Schöpfung!

03. Gebot:
Verbünde dich mit den Kräften des Lebens!

Das Leben ist komplex. Egal, wie viel du schon weißt, sei dir gewiss: Es wird dich immer wieder überraschen! Was immer du auch lernst: Du wirst es niemals ganz verstehen.

Alles, was du brauchst für deinen Weg, ist in dir bereits angelegt. Manches davon entwickelt sich jedoch erst durch einen gezielten Reiz. Finde deinen Frieden darin, dass einige Entwicklungsschritte mit Widerstand und Schmerz verbunden sind! Insbesondere die großen.

Übe dich in Hingabe an das Leben! Es wird dich an Aufgaben führen, in denen du über dich selbst hinaus wachsen musst, bevor du sie bestehst. Doch erkenne: mit jedem Schritt, mit du hinauswächst über dich, wächst du zugleich ein Stückchen tiefer hinein in dich selbst.

Erlaube, dem Leben, sich nach seinem Willen zu entfalten! Das Leben liebt dich und schenkt dir all das, was du zum Wachtum und zur Entfaltung deiner Gaben brauchst. Kämpfe nicht gegen das Leben an, sondern werde sein Verbündeter! Vertraue dem Leben! Auf erstaunlichen Wegen führt es dich zurück zu dir selbst.

04. Gebot:
Achte auf deine Bedürfnisse!
Achte die Bedürfnisse aller Anderen!

Erkenne, dass du Mensch bist. Du bist am Leben. Darum hast du Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche. Achte sie! Achte deine körperlichen Bedürfnisse nach Nährstoffen, Erholung, Wärme oder Licht ebenso wie deine Bedürfnisse geistiger und emotionaler Natur! Du hast das Recht auf ein erfülltes, lebendiges und geborgenes Leben. Genau, wie jeder andere Mensch auf Erden. Dieses Recht hast du dir nicht verdient. Es wurde dir geschenkt mit deiner Geburt. Ebenso wie jedem anderen Menschen in dieser Welt.

Wenn du erschöpft bist, nimm dir eine Pause! Sei dir gewiss: Wenn du dir diese Pause nicht nimmst, wird dein Körper es an deiner Stelle tun.

Du hast ein Recht auf all deine Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche! Tritt aufrecht für sie ein! Ebenso achte und ehre die Bedürfnisse derer, die mit dir gemeinsam auf dem Weg sind! Es ist weder dein Auftrag, noch deine Verantwortung, die Sehnsüchte und Wünsche deiner Mitmenschen zu erfüllen. Dennoch kannst du ihnen mit Achtung begegnen. Erkenne, dass du frei bist und mit allem verbunden zugleich!

05. Gebot:
Liebe deine Familie!

Achte und ehre deine Eltern in all ihrer Unvollkommenheit! Sie waren Kinder ihrer Zeit. Ihr Wissen und ihre Fähigkeiten waren begrenzt, so wie deine es immer sein werden. Sie mögen wohl getan oder versagt haben darin, dich so zu achten, zu lieben und zu fördern, wie du es damals gebraucht oder verdient hättest. Sei dir gewiss: Sie haben an dir vieles besser gemacht als ihre Eltern an ihnen. Du musst ihnen ihre Fehler nicht vor Augen halten. Auch wenn sie versuchen, es vor dir zu verbergen, wirst du bei genauem Hinschauen erkennen: Sie sehen selbst die eigene Unvllkommenheit und schämen sich dafür. Liebe deine Eltern! Schenke ihnen die Liebe und Vergebung, die du dir eines Tages von deinen eigenen Kindern wünschen wirst!

Achte und ehre Vater und Mutter deiner Kinder! Ehre dich selbst und deine Gaben ebenso wie die des anderen Elternteils. Das Leben in seiner unendlichen Weisheit hat eurem Kind oder euren Kindern euch beide als Eltern an die Seite gestellt. Es sind deine Gaben und die Gaben des anderen Elternteils, die deine Kinder für ihr gesundes Wachstum in dieser Welt brauchen. Aus diesem Grunde haben sie euch beide als Eltern gewählt.
Sei deinen Kindern ein guter Vater oder eine gute Mutter! Und gewähre dem anderen Elternteil das gleiche Recht. Lass nicht zu, dass dein Groll oder deine Angst dich dazu verleiten, deinen Kindern ihren Vater oder ihre Mutter zu nehmen. Die Wunde, die du ihnen dadurch schlägst, wird sie begleiten und schmerzen ihr Leben lang.

Achte und ehre deine Brüder und Schwestern in der Welt! In den Augen des Lebens sind alle Menschen nicht mehr als eine einzige große Familie. Sei darum ein Bruder oder eine Schwester für deine Brüder und Schwestern nah und fern! Schenke ihnen deine Achtung und Liebe, selbst wenn sie dir die ihre zu geben noch nicht bereit oder in der Lage sind. Lerne Mitgefühl und Demut! Sie sind der Ursprung jener Vergebung, mit der du dein eigenes Herz von Groll oder Misstrauen befreist.

06. Gebot:
Strebe in allem, was du tust, danach, das Gute,
das Wahre und Schöne in der Welt zu mehren!

Dieses Leben, das dir geschenkt wurde, ist möglicherweise das einzige, das du jemals erhalten und leben wirst. Du hast Gaben mit auf deinen Weg bekommen, Fähigkeiten und Talente. Eben diese, deine Gaben werden dringend in der Welt gebraucht, in der du lebst. Nutze deine Gaben, um die Welt, in der du lebst, auch für andere Wesen zu einem lebenswerten und lebensfreundlichen Ort zu machen.

Vielleicht hast du einen klugen Geist bekommen, der es dir ermöglicht, zum Kern der Dinge vorzustoßen. Vielleicht hast du ein grosses Herz, das Wärme, Geborgenheit und Mitgefühl verströmt. Vielleicht hast du eine leidenschaftliche Begabung für technische, emotionale oder soziale Fragen. Diese Welt braucht dich und das, was du zu geben hast. Sie braucht es jetzt!

Nimm die Verantwortung, die in deinen Gaben liegt, von ganzem Herzen an! Mehre den Frieden und die Liebe in der Welt! Heile die Wunden, die deine Eltern und Großeltern der Welt und den Menschen in all ihrer Unkenntnis zufügten!

Sei den Schwachen, Ängstlichen und Verirrten ein Gefährte und Freund! Stehe ihnen zur Seite, wenn sie stolpern oder vom Weg ab kommen. Hilf ihnen auf und geleite sie zurück auf den Pfad des Guten, des Wahren und Schönen. Trage das Zepter deiner Verantwortung mit Demut und Stolz! Sei jenen, denen du begegnest, ein leuchtendes Vorbild für das, was es bedeuten kann, in dieser Welt ein Mensch zu sein!

07. Gebot:
Erkenne, nähre und entfalte die heilige Kraft deiner Sexualität!

Du bist mehr als nur ein Mensch. Du bist Mann oder Frau. Im Schmiedefeuer der Sexualität entstand der Urfunke all dessen, was du heute dein Leben nennst. Achte und ehre diese Kraft! Sie ist der Urquell allen Lebens. Sie kann dich nähren, sie kann dich lehren und heilen. Sie ist die älteste, heiligste und direkteste Verbindung zu all dem, was die Menschen jemals Gott oder das Leben nannten.

Es ist dein unanstastbares Geburtsrecht, dein Leben in sexueller Fülle, Freude und Wonne zu leben. Ebenso ist dies das Geburtsrecht eines jeden anderen Menschen in dieser Welt. Löse dich von jenen, die versuchen, dich in der Entfaltung deiner Sexualität zu kontrollieren oder zu begrenzen. Ihre Angst vor dem Leben und ihre unerlöste Scham verdienen dein Mitgefühl. Löse dich dennoch von ihnen. Möglicherweise ist dein leuchtendes Vorbild genau das, was es braucht, damit auch ihre Ketten fallen.

Wähle deine Sexualpartner weise! Deine Sexualität ist eine zutiefst archaische, unbändige Kraft. Ihre Macht kann heilen, aber auch zerstören. Lerne deine Sexualität kennen! Lerne, was dich glücklich macht, was dich erfüllt und nährt. Öffne jenen, mit denen du deine Sexualität teilst, die ganze Tiefe deines Herzens. Brühre ihn oder sie, und lass auch du dich berühren, damit eure gemeinsame Erfahrung von Tiefe und offenheit euch beide erhebt. König/in und Kind, Engel und Tier, vereinigen sich in deiner Sexualität. Wähle einen Partner, mit dem du all das sein kannst, und der ebenso all das mit dir ist. Dann wirst du lebendige Wunder erleben!

08. Gebot:
Achte und ehre das Gute in allen Menschen!

Achte und Ehre das Gute in jedem Menschen! Er mag dir fremd erscheinen, sonderbar oder unangenehm. Und doch ist auch er oder sie, wie du, ein Kind der Schöpfung auf der Suche nach dem richtigen Weg. Erkenne, dass du in der Lage bist, das Gute in einem Menschen zu achten und zu ehren, auch wenn du ihn nicht magst oder ihn sogar verurteilst für sein Tun.

Erkenne, dass dein Urteil über die Welt und deine Mitmenschen immer auf begrenzten Informationen beruht. Könntest du in das Herz der Dinge schauen, dann würdest du sehen, dass jeder Mensch nach einem guten und gerechten Leben strebt. Böse Taten sind eine Folge unverarbeiteter Schmerzen oder unterdrückter Gefühle.

Hilf deinen Brüdern und Schwestern darin, ihre alten Wunden, Ängste oder Blockaden zu heilen! Deine Aufmerksamkeit auf das Gute im Menschen regt eben dieses Gute zu Wachstum und Entfaltung an. Das Gute, das du durch deine Liebe ins Licht zu führen vermagst, wird in eben diesem Licht die ersten Wurzeln schlagen. Habe Geduld und vertraue auf die Kraft deiner Liebe! Sie ist mächtiger als jedes Schwert.

09. Gebot:
Führe ein Leben in Aufrichtigkeit und Würde!

Du bist ein Kind der Schöpfung in all dem, was du bist. In deinen Gaben ebenso wie in den unvermeidlichen Weiten deiner Unvollkommenheit. Die Möglichkeiten deines Denkens, Fühlens und Handelns sind begrenzt. So wie die jedes anderen Wesens auf dieser Erde. Dein Urteil über dich selbst, deine Mitmenschen und die Welt ist unvollkommen, weil es naturgemäß auf begrenzten Informationen beruht. Gleichzeitig ist deine Wahrheit die beste Wahrheit, die du hast und jemals haben wirst.

Sprich deine Wahrheit klar heraus! Aber hüte dich davor, sie zur alleinigen Wahrheit zu erheben! Stehe zu deiner Wahrheit! Und lade deine Mitmenschen dazu ein, es dir gleich zu tun! Fordere die Menschen auf dazu, dir zu widersprechen und deine Ansichten herauszufordern! Nur so erkennst du die blinden Flecken in deinem selbst erschaffenen Bild der Welt. Im Spiegel der Wahrheit des Anderen wird deine Wahrheit sich entfalten und vielleicht eines Tages zu einem Funken dessen werden, was man Weisheit nennen kann.

Achte und ehre dich selbst ebenso wie jeden anderen Menschen auf deinem Weg. Wo Selbstachtung sich mit Demut verbindet, entsteht Würde. Strebe nach Weisheit und Würde! Verlange nicht mehr von dir, als du mit gutem Herzen geben kannst! Aber auch nicht weniger!

Stehe zu dem Wort, das du gibst! Sage ja, wenn du ja meinst! Und nein, wenn du nein meinst! Hüte dich vor unüberlegten Zusagen! Wenn du eine Aufgabe oder Verantwortung übernimmst, dann prüfe im Vorfeld genau, ob du bereit und in der Lage bist, die dir aus dieser erwachsenden Konsequenzen zu tragen! Hast du eine Aufgabe oder Verantwortung übernommen, so gib dein Bestes, um deinem eigenen Wort gerecht zu werden!

Du wirst auf deinem Weg eine Menge Fehler machen. Schließe Frieden mit deinen Fehlern! Wenn du einen Fehler gemacht hast, dann stehe gerade für ihn und unternimm sofortige Schritte, um die negativen Auswirkungen deines Fehlers zu beheben oder zu begrenzen!

10 Gebot:
Nimm deinen Schatten zum Gefährten!

Du wirst auf deinem Weg immer wieder in Situationen kommen, die in dir die Kräfte der Dunkelheit wecken. Lerne deinen Schatten kennen! Hüte dich vor der Versuchung, die dunklen Kräfte in dir zu verneinen oder zu unterdrücken! In dem Augenblick, in dem du deinen Blick abwendest, gewinnen die vermeintlich verbannten Teile deiner Psyche Kontrolle und Macht über dich. Sieh deinen dunklen Seiten ins Gesicht! Nimm sie an als einen integralen Teil von dir. Sie sind verirrte Anteile auf der Suche nach Führung und Halt. Erkenne, welches unterdrückte oder gar verdrängte Bedürfnis in dir durch sie zum Ausdruck kommt. Sei du ihr Freund und Führer, der ihre Kräfte in die Bahnen des Guten lenkt! Zeige du ihnen, dass es möglich ist, ihre Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse mit den Mitteln des Lichts zu erreichen!

Wenn dein Schatten dich aufruft zur Gewalt, dann zeige ihm einen Weg,in Achtung und Ehre für die eigenen Grenzen oder Bedürfnisse einzutreten. Wenn dein Schatten dich verführen will, dich selbst, deine wahren Gedanken oder Gefühle zu verbergen, dann lehre ihn, dass es möglich ist, aufrecht und würdevoll für dich selbst und deine Sicht der Dinge einzutreten. Wenn dein Schatten dir Verrat empfiehlt, sage die Wahrheit! Wenn dein Schatten dich beugen will, dann richte dich auf! Wenn dein Schatten einen Menschen kontrollieren will, dann öffne diesem Menschen in Demut und Wahrhaftigkeit dein Herz!

Den eigenen Schatten zu lieben, ist die größte und anspruchsvollste Aufgabe, die dir das Leben jemals stellen wird. Keine andere Aufgabe verlangt wieder und wieder so viel Klarheit, Entschlossenheit und Bewusstheit von dir. Doch mit jedem Schritt auf diesem Weg werden Klarheit, Entschlossenheit und Bewusstheit in dir wachsen. Was du in dir erlöst und integriert hast, das wirst du auch in Anderen erkennen und lieben lernen. Wer sich selbst ein Freund und Führer ist, der kann auch anderen Menschen ein Freund und Führer sein.

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Der Mensch als Objekt, als Prozess und als System.

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Der Mensch als Objekt, als Prozess und als System.

Die Auswirkungen unseres Menschenbildes auf unser soziales Miteinander

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Bereits zu Urzeiten zogen wir in sozialen Verbänden über den Planeten. Inzwischen haben wir Abkömmlinge aus der Linie der Bonobos und Schimpansen es geschafft, den gesamten Planeten so dicht zu besiedeln, dass kaum mehr ein Fleckchen unberührter Natur zu finden ist.

Wo und wie auch immer wir leben, wir erleben jeden Tag eine Unzahl an Interaktionen mit Mitgliedern unserer Art. Wie diese verlaufen, ist stark abhängig davon, vor welchem Menschenbild wir selbst und unsere Interaktionspartner das, was wir miteinander erleben, interpretieren und deuten.

Hierbei ist zu erwähnen, dass die moderne Psychologie kein gemeinsames Menschenbild aufweist. Je nach Denkschule, Vorbildern und persönlichen Erfahrungen variieren die Modelle, mit denen der Mensch beschrieben wird. Ebenso sehen wir selbst uns selbst und unsere Mitmenschen vor dem Hintergrund grundlegender Annahmen darüber, wer oder was genau eigentlich dieses „ich“ ist, von dem hier alle ständig reden.

 

Objektfokus: Der 3-Dimensionale Mensch

Voraussichtlich betrachtet zur Zeit noch die Mehrheit der Menschen in unserer Kultur die Welt grundlegend als aus kleineren, voneinander verschiedenen Objekten zusammengesetztes Ding. Dies ist ein Baum, das ist ein Fahrrad, das bist du, das bin ich, und das sind Liebe, Freiheit, Glück oder Erfolg.

Ein Ding oder Objekt hat eine Anzahl gleichbleibender Eigenschaften, durch die es sich auszeichnet und beschreiben lässt. Aus dem Objektfokus heraus betrachten wir die Eigenschaften unseres Gegenübers und wissen zügig: Er oder sie ist Mann oder Frau, heimisch oder fremd, wichtig oder unwichtig, Freund oder Feind. Hierin liegt die Stärke des Objektfokus: In der schnellen Klassifikation und Kategorisierung unserer Mitmenschen an Hand leicht zu erfassender äußerer Merkmale.

Menschen mit Objektfokus interessieren sich in Bezug auf ihre Mitmenschen für drei Dinge:

  • Wie sieht er / sie aus?
  • Was sagt er / sie?
    und
  • Was tut er / sie?

Sind diese drei Fragen ausreichend konsistent geklärt, glauben objektfokussierte Menschen leider allzu leicht, sie hätten dadurch ein verlässliches Modell von ihrem Gegenüber. In der Tat zeichnet sich die objektfokussierte Sicht durch eine hohe Trefferquote aus. Menschen, die wir kennen, verhalten sich die allermeiste Zeit über so, wie wir es von ihnen erwarten. In Anbetracht dessen arbeitet die objektfokussierte Sicht radikal einfach und hochgradig energiesparend.

Manchmal allerdings verhalten sich unsere Mitmenschen (oder vielleicht sogar wir selbst uns) in einer Art und Weise, die wir ganz und gar nicht erwartet haben. Ein Mensch mit Objektfokus kommt zu dem Schluss: „Ich habe mich in ihm / ihr / mir geirrt!“ oder auch „Er / sie hat mich getäuscht! Darum kann ich ihm / ihr nicht trauen!“ (auch: „Ich kann mir selbst nicht trauen!“)

Neben den beständigen und nicht immer angenehmen Überraschungsmomenten bringt der Objektfokus einen weiteren gewichtigen Nachteil mit sich: Durch ein Beharren auf „Ich bin so, wie ich bin!“ und „Unsere Beziehung (Objekt!) ist, wie sie ist!“ behindert und verhindert das rein dreidimensionale Menschenbild Entwicklungen und kreative Lösungsmöglichkeiten auf vielen Ebenen. Insbesondere im Angesicht von Schwierigkeiten oder Konflikten führt eine solche Haltung oft dazu, dass sich die Bedingungen für eine gute Lösung der Situation verschlechtern.

Der objektfokussierte Mensch blickt auf die Fotos seiner Vergangenheit und wundert sich über die Veränderungen in Persönlichkeit, Werten oder Stil. Auf die Zukunft blickend ist er davon überzeugt: Seine zukünftige Version ist haargenau derselbe Mensch wie er jetzt ist, nur ein paar Jahre älter selbstverständlich. Wer den Menschen als „Objekt“ sieht, wird sich oft irren. Er übersieht, dass alles, was lebt, in stetiger Entwicklung ist.

 

Prozessfokus: Der 4-dimensionale Mensch

Der prozessorientierte Mensch weiß: „Ich bin eine Geschichte!“ Er weiß: Jeder Augenblick verändert ihn ein winziges Stück. Augenblicke vereinen sich zu Tagen, zu Jahren und Jahrzehnten. Manche Augenblicke, das weiß er, weil er es erfahren hat, verändern sein Leben und sein „ich“ bedeutend mehr als nur ein Stückchen.

Die Sicht auf den Menschen als „Prozess“ beantwortet viele offene Fragen. Wir erkennen, dass die Wurzeln heutigen Verhaltens zum Teil zurückreichen bis in Vergangenheiten, zu denen es keine bewussten Erinnerungen gibt. Allein das Erinnerte jedoch aus unserer eigenen Geschichte oder der eines Mitmenschen macht manches, das wir im Heute erleben, verständlich. Dadurch können wir es leichter annehmen.

Auch macht die prozessfokussierte Sicht Entwicklung leichter. Da das, was ich heute bin, aus meinem Gestern entstanden ist, hat das, was ich heute sage, denke und tue, Auswirkungen darauf, wer ich morgen bin.

Menschen mit Prozessfokus fragen:

  • Was hat er / sie erlebt?
  • Wie hat sich das angefühlt?
  • Was hat das mit ihm / ihr gemacht?
  • Was möchte er / sie gerne erleben?
  • Wo findet er / sie das, was er / sie dazu braucht?

Eine prozesshafte Sicht des Menschen ist eine wichtige Grundlage jedweder medizinischen, psychologischen, pädagogischen oder seelsorgerischen Arbeit. All diese Dienste begleiten und unterstützen Entwicklungen in Richtung von mehr Gesundheit, Lebendigkeit, Wirksamkeit und Bewusstheit.

Dennoch: Auch die Betrachtung des Menschen als „Prozess“ oder „Geschichte“ hat ihre liebe Not damit, wenn es darum geht, Zustände innerer Lähmung, Zerrissenheit oder Selbstsabotage zu erklären.

Warum behindern wir uns so oft selbst in unserer Lebendigkeit und Entwicklung? Warum setzen wir Dinge oder Beziehungen, die wir lieben, leichtfertig auf’s Spiel? Warum handeln wir so oft auf unserem Weg wider besseres Wissen?

Die Frage: „Warum tue ich (tut er / sie) das?“ ist falsch gestellt, weil sie voraussetzt, dass das „ich“, nach dem sie fragt, im Singular existiert. Die Antwort allerdings kommt im Plural. Darum verstehen wir sie nicht.

 

Systemfokus: Der n-dimensionale Mensch

Der Mensch ist bereits als „ich“ ein „wir“. Die Persönlichkeit eines jeden Menschen besteht aus einer Vielzahl miteinander interagierender Teilpersönlichkeiten, die je nach Grad der Selbsterkenntnis und Bewusstheit eines Menschen im Inneren seiner Psyche miteinander in Kontakt, in Kooperation oder Konkurrenz stehen.

Es gibt Menschen, vermutlich sind es in unserem Land nur etwa ein halbes bis anderthalb Prozent, die sind in der Lage, sich selbst und ihre Mitmenschen als derart komplexes System aus inneren Anteilen oder Kräften zu sehen. All unser Denken, Fühlen und Verhalten ist Ausdruck der vielfach wechselwirksamen Prozesse in unserem Inneren.

Jedes einzelne Element dieses Systems „Das bin ich!“ hat eine Geschichte. Es ist zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt im „ich“ entstanden und hat sich fortan im Rahmen seiner Möglichkeiten weiter entwickelt. Jedes Element des Systems stellt also selbst einen Prozess dar. Wenn nicht gar, was noch wahrscheinlicher ist, ein eigenes System.

Wie entsteht ein solches System im Inneren unserer Psyche? Klaus-Peter Horn und Regine Brick beschreiben diesen Prozess in „Das verborgene Netzwerk der Macht“ (Gabal Verlag 2001, S. 180-181) auf folgende Weise:

„[…] Jedes neugeborene, menschliche Wesen ist einzigartig. Wenn Sie Kinder haben, werden Sie dies bestätigen können. Jedes Wesen bringt eine „Seinsqualität“ mit, die es unverwechselbar macht. […] Neben seiner Einzigartigkeit ist es jedoch auch äußerst schutzlos und verletzlich. So ist das Neugeborene für sein Überleben völlig auf Hilfe angewiesen, die natürlicherweise von Mutter und Vater kommt. Wie also entsteht in einem so winzigen Wesen eine Persönlichkeit, die sagt: „Das bin ich. So bin ich.“, „Das ist mein Charakter.“?

Weil dieses kleine Kind für sein Überleben nicht selbst sorgen kann, muss es eine Kontrollinstanz in sich entwickeln, die Hilfe von außen sicherstellt und so seine Verletzlichkeit schützt. Das ist die Geburtsstunde seiner Persönlichkeit. Diese Kontrollinstanz hat die Aufgabe eines inneren „Beschützers/Bewachers“. Die Eigenschaften dieses ersten Teilselbstes, auch Teilpersönlichkeit oder innere Person genannt, können sehr unterschiedlich sein. Sie sind abhängig von Kultur und Land sowie den Lebensumständen, Werten und Normen der Familie, in die es hineingeboren wird. Die wichtigste Aufgabe dieses ersten Teilselbstes ist es, mit allen Mitteln das Überleben sicher zu stellen.

Es bedient sich dazu verschiedener „Helfer“, die sich in Anpassung an die jeweiligen Umstände, unter denen das Kind aufwächst, als weitere Teilpersönlichkeiten entwickeln. […]“

Menschen mit Systemfokus fragen:

  • Mit welchem Teil in mir / dir habe ich es zu tun?
  • Was will dieser Teil in mir / dir?
  • Welche Stimmen gibt es hierzu in mir / dir?
  • Was fühlen diese Stimmen? Was denken sie? Was sind ihre Wünsche oder Forderungen?
  • Welche unterschiedlichen Meinungen, Gefühle oder Strategien gibt es dazu in mir / dir?

Hinter all den lauten und leisen Stimmen, Meinungen und Gefühlen unseres “ich“ liegt unser “selbst”. Auf der Ebene dieser innersten all unserer psychischen Instanzen ist alles Leben nichts als Wahrnehmen, Fokussieren und Entscheiden.

Ein Teil der Wahrnehmungen unseres „selbstes“ stammt aus der Welt da draußen: Das Geräusch des Windes in den Bäumen oder das Streiten der Kinder, die Augen des Liebsten oder das Unterhaltungsangebot auf Netflix, die Empfindungen auf unserer Haut oder der Duft in unserer Nase.

Ein nicht unbedeutend großer anderer Teil der Information jedoch, die unser „selbst“ erhält, stammt aus unserer eigenen Innenwelt, aus unserem „ich“. Hierzu zählen die unzähligen Gedanken, die in Form eines beständigen Flusses aus Worten oder Bildern in unserer Aufmerksamkeit kurz aufpoppen und dann wieder verschwinden. Zu den Kommunikationswegen in unserem System zählen außerdem Körpersymptome wie Wärme oder Kälte, Weite oder Druck, Herzschlag, Atmung usw..

Manche Gedanken poppen auf und gehen nicht wieder weg. Manche Gedanken haben geradezu massive Auswirkungen auf unser gesamts System. Sie verändern unser Denken und Fühlen, unsere Körperhaltung und Mimik, unsere Stimme, unsere Atmung, unsere Aufmerksamkeit, unsere Erinnerungen und nicht zuletzt unser Verhalten. Außen stehende sagen, wir wären „wie ausgetauscht“. Natürlich sind wr das nicht. Und doch liegt diese Beobachtung sehr nahe an der Wahrheit: Ein anderer Teil in uns hat das Ruder übernommen und steuert nun das Schiff, das wir unser Leben nennen.

Wer den Begriff des inneren Systems nicht nur als gefällige Coaching-Metapher verwendet, sondern konsequent durchleuchtet, kann lernen, sich des schillernden Systems in seinem Inneren nicht nur gewahr zu sein und es zu beobachten, sondern aktiv und bewusst auf dieses System einzuwirken.

Wer gelernt hat, aus der Position des „selbstes“ heraus mit den unterschiedlichen Anteilen seiner Persönlichkeit in ein offenes Gespräch zu treten, erlangt dadurch mit der Zeit immer mehr bewussten Zugriff auf sein eigenes Unterbewusstsein und hierdurch vielfältigere Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und dem Leben.

Die aus dieser Erfahrungsqualität im Umgang mit sich selbst entstehende Bewusstheit ist der Schlüssel zu innerer Harmonie, Klarheit und Entschlossenheit. Je besser wir die in uns wirksamen Anteile kennen lernen, desto wahrscheinlicher werden wir erkennen, dass jeder dieser Anteile allein existiert, um uns dabei zu helfen, auf die täglichen Herausforderungen und Fragen des Lebens unsere eigene Antwort zu finden. So wie jeder andere Mensch in unserem Leben auch.

Aus der Perspektive des Systems betrachtet lösen sich die Widersprüche auf. Erfolg oder Entspannung? Geld oder Liebe? Jens oder Jan? Wenn wir den vielfältigen Stimmen in uns wirklich lauschen, lautet die Antwort nicht allzu oft eben nicht „Entweder-Oder“, sondern „Sowohl-Als-Auch“!

Dies ist der Beginn einer neuen Art von Beziehung mit uns selbst (und Anderen!). Erstes Zeichen für diese neue Art des Umgangs (mit uns selbst und Anderen) ist, dass wir beginnen, neue Fragen zu stellen. Wir erkennen, dass die Frage „Will ich dies oder das?!“ auf einer falschen Annahme beruht (Nämlich: Ich will eines von beidem und muss nur herausfinden, welches es ist…) und uns daher zwingend in die Irre führen muss.

Die Fragen, die aus dieser Perspektive auf uns selbst (und Andere) heraus entstehen, sind komplizierter als das alte „Was will ich (eigentlich oder wirklich)?“ Sie erfordern mehr Information, mehr Aufmerksamkeit, mehr Mitgefühl (mit uns selbst und Anderen). Zugegeben: Das kostet eine Menge Energie und Aufmerksamkeit. Diese Sicht auf den Menschen braucht viel Bewusstheit und die Bereitschaft zum Annehmen oder Aushalten unterschiedlicher Impulse, Werte, Wünsche oder Gefühle.

Die Antworten jedoch, die wir erhalten, wenn wir den Mut haben, uns der großen Gleichzeitigkeit des Lebens zu stellen, legen das Fundament für eine vollkommen neue Art der Beziehung und der Kooperation mit uns selbst, unseren Mitmenschen und dem Leben. Wir begegnen uns, zeigen uns und verhandeln miteinander, mit uns selbst und dem Leben, auf einer neuen Basis der Ehrlichkeit, Selbstbewusstheit und Achtung.

Dieses neue Bild des Menschen versetzt uns wie keines der vorhergegangenen Modelle in die Lage, die Tiefe, Weite und Vielfalt in uns selbst und unseren Mitmenschen zu erkennen, zu achten und mit etwas Übung sogar ein bisschen: zu lieben.

Wer den Menschen als System erkennt, wird sich selbst und seinem Gegenüber auf neue Art begegnen. Dieses „neu“ ist gekennzeichnet durch ein Mehr an Selbstvertrauen und Respekt, an Gelassenheit und Mitgefühl, an Präsenz und Wirksamkeit.

Diese Qualitäten in Menschen zu stärken, ist Teil meiner Arbeit als Coach, als Trainer und Mentor.

 

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