klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Vielleicht

klüger fühlen 05:

Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

„Liebe – auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat.“
Jean Anouilh

Freude, Ärger und Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust sind unsere 6 Grundgefühle. Ähnlich den Farbtöpfchen in einem Tuschkasten lassen sich auch aus ihnen viele andere Gefühlsschattierungen mischen und auf die Leinwand unseres Bewusstseins malen. Die „Pinsel“, mit denen wir diese emotionalen „Kunstwerke“ unseres Alltag anfertigen, sind unsere Gedanken.

Anstatt das Zusammenwirken von Gedanken und Gefühlen theoretisch zu umreißen, werde ich einige der von mir als „komplexe Gefühle“ bezeichneten Empfindungen unseres Alltags aus dieser Perspektive näher beleuchten.

Vielleicht eröffnet sich dadurch ein neuer Zugang zu manchen jener Gefühle, die wir an uns selbst oder Anderen als störend oder gar belastend empfinden.

In diesem Artikel beschreibe ich die Liebe und die Eifersucht, Missgunst und Neid, Zufriedenheit, Unzufriedenheit und (die aus letzterer entstehende) Frustration, Sorge und Misstrauen und zuletzt die Kraft, die wir als „Mut“ kennen. Jede dieser Empfindungen ist so schillernd und vielgestaltig, dass die ausführliche Beschreibung ihres Charakters, ihrer unterschiedlichen Formen und ihrer Wechselwirkungen mit anderen Gedanken und Gefühlen, ein ganzes Buch füllen ließe.

Dieser Text ist daher nicht mehr als eine (mehr oder weniger) kurze Vorstellungsrunde, in der wir einige unserer komplexen Gefühle etwas persönlicher kennenlernen, als uns dies im Alltag bislang vielleicht gelungen ist.

Möglicherweise jedoch kann diese kurze Beschreibung dem einen oder der anderen von uns dabei behilflich sein, eine stabilere, liebevollere und/oder pragmatischere Beziehung zu einigen dieser schillernden Phänomene unseres Gedanken- und Hormonhaushalts aufzubauen.

Und da sie vielleicht die schillerndste und vielgestaltigste unter all unseren Empfindungen ist, gebe ich das Wort zu Beginn dieser kleinen Runde an jene große Zauberin, Entertainerin und Abenteuerin, die wir „die Liebe“ nennen:

 

Die Liebe (ist ein seltsames Ding)

„Amor ist der größte Spitzbube unter den Göttern;
der Widerspruch scheint sein Element zu sein.“
Giacomo Casanova

Die Liebe, ach die Liebe! Festmeter an Romanen, Fachbüchern und Songtexten behandeln dieses vielfarbig funkelnde Gefühl. Und doch kriegen wir es nicht zu fassen.

Bereits vor mehr als zweieinhalb tausend Jahren unterschieden die großen Denker des alten Griechenlands vier verschiedene Zustände, die in der deutschen Sprache allesamt als „Liebe“ bezeichnet werden. Die Griechen kannten:

Philia – die freundschaftliche „Liebe“. Philia ist der Grundstoff menschlicher Beziehungen auf der Basis von Gegenseitigkeit und Ebenbürtigkeit. Ihre Kernbestandteile sind Anerkennung, Wertschätzung und gegenseitige Unterstützung.

Storge – die elterliche „Liebe“. Storge ist die Blaupause all dessen, was wir als „bedingungslose Liebe“ bezeichnen. Storge erwartet keine Gegenleistung. Ihre Befriedigung zieht diese Form des Liebens aus dem Akt des Gebens selbst. Evolutionär betrachtet ist sie (nach Eros) die Zweitgeborene unter den Lieben und entfaltete ihre Wirkung auf Erden, lange bevor der erste Mensch seinen Fuß in die Savannen Afrikas setzte.

Agape – die entschlossene bzw. spirituelle „Liebe“. Agape ist das hohe Ideal der frühchristlichen Gemeinschaften. Agape liebt, ähnlich der Storge, ohne den Blick auf den eigenen Nutzen. Agape liebt, weil es „Gottes Wille“ ist, weil es „das Richtige“ ist oder auch, weil es „meine Entscheidung“ ist. Dadurch ist Agape, bei Lichte betrachtet, mehr Gedanke und innere Haltung als Gefühl.

Und schließlich: Eros – die romantische, leidenschaftliche und erotische „Liebe“. In seinem Hauptwerk Theogonie (sinngemäß: „Von der Entstehung der Götter“) beschreibt der griechische Dichter Hesiod Eros als einen der drei ersten Götter, die sich aus dem Chaos erheben. Die anderen beiden sind Gaia (Erde) und Tartaros (Unterwelt). Dies zeigt ohne jeden Zweifel, welchen Stellenwert und welche Macht Hesiod dem Eros zumaß. Hesiod beschreibt Eros als den „schönsten unter den unsterblichen Göttern“ und führt aus, dass sowohl Götter als auch Menschen seiner Macht unterworfen und ausgeliefert seien. Eros ist der Gott aller sexuellen Anziehungen, Lüste und Begehren. Er ist es, der uns immer wieder Lust macht, uns miteinander zu paaren. Dabei schert er sich bekanntermaßen wenig darum, ob diese Paarungslust mit unseren eigenen Vorstellungen oder denen unserer jeweiligen Kultur kompatibel ist. In Eros‘ Augen sind wir nichts als Tiere. Kultur, Moral oder „sittliche Werte“ amüsieren ihn durchaus. Gegen seinen Willen allerdings sind sie so wertvoll und wirksam wie ein Cocktailschirmchen gegen einen Orkan.

Die alten Griechen hatten ganz offensichtlich eine bedeutend differenziertere Herangehensweise an das Thema „Liebe“, als wir es heute haben. Noch feiner unterscheidet das indische Sanskrit, das mindestens 15 verschiedene Begriffe für jene vielfältigen Gefühlsregungen kennt, die wir in nur einem einzigen Wort zusammenfassen und zu verstehen glauben.

Ein Kernbestandteil jeder Art von Liebe ist zweifelsohne die Freude. Welche Freude dies allerdings ist, hängt ganz entscheidend davon ab, in welcher Bedeutung wir das Wort „Liebe“ verwenden. Erleben wir die Freude am Wachstum und Wohlergehen eines Freundes (Philia) oder eines unserer Kinder (Storge), so ergibt sich daraus ein ganz anderes Gefühlserleben, als wenn wir uns auf erotische Weise von einem anderen Menschen angezogen fühlen. Noch einmal anders ist es mit der Agape, jener Geisteshaltung (!), die im Christentum „Nächstenliebe“ und im Buddhismus „Prema“ bzw. „Bhakti“ genannt wird – und von beiden spirituellen Schulen als höchste und reinste Form nicht nur des Liebens, sondern all unseres Umgangs mit der Schöpfung und uns selbst verehrt wird.

Was wir „Liebe“ nennen, ist daher weit mehr als nur „ein Gefühl“. Eros und Storge sind biologische Triebe, die Mutter Evolution uns mitgab, um unser Überleben auf Erden zu sichern. Philia und Agape dagegen sind geistige Haltungen und Entscheidungen über den Umgang mit bestimmten Menschen unseres Lebens oder aber der gesamten Schöpfung gegenüber.

 

Eifersucht

„Alles, was gegen die Natur ist,
hat auf die Dauer keinen Bestand.“

Charles Darwin

Wie tiefgreifend die Verwirrung im Umgang mit der Liebe in unserer Kultur ist, zeigt sich am Phänomen der Eifersucht.

Wichtigste Grundzutat der Eifersucht ist sicherlich die Angst. Allerdings ist auch der Ärger nicht selten ein essentieller Bestandteil dieses Gefühls.

Wann empfinden wir Eifersucht?

Eifersucht entsteht, wenn wir erleben (oder uns gedanklich ausmalen(!)), dass ein Mensch, mit dem wir uns tief verbunden fühlen, eine intensive Beziehung zu einem anderen Menschen eingeht, und wir darüber hinaus (!) befürchten, diese intensive Beziehung hätte negative Auswirkungen auf die Beziehung, die wir selbst zu dieser Person führen.

Folgerichtig ist das Phänomen Eifersucht insbesondere bei Menschen zu finden, deren „Liebesbeziehungen“ auf dem Prinzip von Besitz und Anspruchsdenken begründet sind.

Wer seinen „Liebespartner“ als sein Eigentum betrachtet, muss natürlicherweise fürchten, dass ihm dieses wertvolle Gut von anderen Männern oder Frauen streitig gemacht und in letzter Konsequenz sogar geraubt werden kann.

Derartige Beziehungen basieren in der Regel auf einer Grundhaltung des gegenseitigen Misstrauens und des beständigen Versuchs der gegenseitigen Kontrolle. Da jedoch kaum ein Mensch über lange Zeit daran Gefallen findet, immerfort kritisch beäugt zu werden, sich erklären zu müssen oder in seinem Verhalten eingeschränkt zu sein, gilt die Eifersucht in therapeutischen Kreisen nicht ohne Grund als Großmeisterin der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.

 

Missgunst oder Neid?

„Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“
Wilhelm Busch

Eng verwandt mit der Eifersucht ist das Gefühl der Missgunst, das daher auch nicht selten mit dieser gemeinsam auf den Plan tritt. Das ihr zu Grunde liegende Gefühl 1. Ordnung ist der Ärger. Allerdings richtet sich dieser Ärger nicht auf Dinge, die wir selbst erleben, sondern auf unsere Interpretationen des Erlebens Anderer.

Missgunst sagt: „Das, was du hast, verdienst du nicht!“ Oder gar: „Das, was du hast, steht in Wirklichkeit mir zu!“

Die Tatsache (oder Annahme!), dass ein anderer Mensch das bekommt oder erlebt, was wir ihm nicht gönnen oder sogar für uns selbst einfordern, erleben wir als existenzielle Demütigung. Der Zorn, den wir daraufhin und darüber empfinden, richtet sich daher nur zum Teil auf den anderen Menschen. Ein weiterer Bestandteil der Missgunst ist ein amorpher Groll auf „Gott“, „das Schicksal“ oder „die Ungerechtigkeit des Lebens“ schlechthin.

Missgunst ist ein durch und durch destruktives Gefühl.

Ganz anders ist es um den Neid bestellt. Dieser wird vielfach mit der Missgunst verwechselt, ist jedoch bei näherer Betrachtung von diesem sehr verschieden.

Auch der Neid basiert auf Ärger. Anders als die Missgunst sagt der Neid jedoch nicht „Das, was du hast, verdienst du nicht!“, sondern „Das, was du hast, das will ich auch!“ So ähnlich diese Gedanken klingen mögen, sie unterscheiden sich in einem ganz zentralen Punkt:

Der Neid ist, ganz entgegen seinem öffentlichen Ruf, (zumindest potenziell) eine konstruktive Energie, die uns dazu motivieren kann, Dinge zu tun, die uns (zumindest potenziell) dazu befähigen, das, was der oder die Andere hat, auch selbst zu bekommen oder zu erfahren. Die Missgunst dagegen beschränkt sich auf klagende Passivität.

Es macht also einen großen Unterschied, ob wir auf die Erkenntnis „Du hast da etwas, das ich haben will!“ mit Missgunst oder mit Neid reagieren. Welche Wahl wir in dieser Frage treffen, liegt bei jedem und jeder von uns allein.

 

Zufriedenheit, Unzufriedenheit und Frustration

„Die meisten Menschen machen sich selbst bloß durch
übertriebene Forderungen an das Schicksal unzufrieden.“

Wilhelm von Humboldt

Zufriedenheit und Unzufriedenheit sind die gedanklichen Entsprechungen unserer Grundgefühle erster Ordnung (Freude, Ärger, Traurigkeit).

Anders als diese Grundgefühle allerdings sind Zufriedenheit oder Unzufriedenheit keine instantanen emotionalen Reaktionen unseres Systems auf konkretes Erleben, sondern auf eine höhere Ebene der Interpretation und Abstraktion, auf der unser Geist formuliert: „So, wie es ist, ist es gut.“ bzw. „So, wie es ist, ist es nicht gut.“

Zufriedenheit und Unzufriedenheit stellen also gedankliche Bewertungen dar, die über das Erleben im Moment hinaus reichen. Ähnlich dem Zensurensystem in vielen Schulen fallen in dieser Bewertung allerdings viele relevante Informationen vom Tisch.

So kann ein Mensch sehr wohl mit seinem Leben zufrieden sein, auch wenn ihn spezifische Aspekte seines Lebens traurig oder ärgerlich machen, oder unzufrieden, auch wenn es im Hier und Jetzt konkreten Anlass zur Freude gibt.

Auch, welche Anteile der Unzufriedenheit auf Ärger und auf Traurigkeit beruhen, ist in aller Regel nicht direkt ersichtlich. Dadurch fehlen der Unzufriedenheit die wirksamen Werkzeuge des Ärgers und der Traurigkeit. Weder motiviert sie uns dazu, die uns umgebenden Umstände entschlossen anzupacken und zu ändern (Ärger), noch hilft sie uns dabei, das, was wir nicht ändern können, in Demut anzunehmen (Traurigkeit).

Die Steigerung der Unzufriedenheit heißt „Frustration“ und beruht ebenso wie ihre Grundform auf der undifferenzierten Abwertung unseres Lebens und Erlebens als „schlecht“.

Unzufriedenheit kann durchaus eine motivierende Kraft entfalten. Da ihr jedoch die Unterscheidungsfähigkeit der reinen Gefühle fehlt, richtet sie ihre Hoffnung in aller Regel allein auf die Werkzeuge des Ärgers. Dieser kann jedoch nur einen Teil dessen, was wir als unzufriedenstellend erleben, verändern. Manche Aspekte unseres Lebens und Erlebens jedoch lassen sich nicht ändern.

So verbrennt unsere Unzufriedenheit Unmengen an Energie bei dem Versuch, Dinge zu ändern, die per definitionem nicht zu ändern sind. Wir verausgaben unsere begrenzte Lebensenergie, ohne dass sich dadurch etwas zum Guten wendet. Die emotionale Folge dieser beständigen Erfahrung des Scheiterns nennen wir „Frustration“.

 

Stolz und Scham

„Wenn du dazu berufen bist, Straßen zu kehren, dann kehre sie, wie Michelangelo Bilder malte, oder Beethoven Musik komponierte, oder Shakespeare dichtete. Kehre die Strasse so gut, dass alle im Himmel und auf Erden sagen: „Hier lebte ein großartiger Straßenkehrer, der seinen Job gut gemacht hat!““
Martin Luther King

Stolz (Grundgefühl: Freude) und Scham (Grundgefühl: Traurigkeit) sind mit Zufriedenheit und Unzufriedenheit eng verwandt. Genau genommen sind es Unterformen der vorgenannten Gefühle.

Ebenso wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit basieren Stolz und Scham auf geistigen Bewertungen. Diese betreffen jedoch nicht die uns umgebenden Aspekte unseres Lebens, sondern unseren Eindruck von uns selbst.

Was genau bei einem einzelnen Menschen die Gefühle von Stolz oder Scham auslöst, kann dabei von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Wir können Stolz oder Scham empfinden in Bezug auf unseren Körper, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Leistungen, unsere Fähigkeiten oder unsere vergangenen Entscheidungen. Hierbei ist es zumeist wenig relevant, ob die Dinge, die wir an uns selbst wertschätzen oder kritisieren, überhaupt in unserer Verantwortung liegen.

Die Region der Welt und die Familie, in die wir geboren werden, unsere genetische Ausstattung oder gar das Verhalten völlig anderer Menschen (seien dies unsere Eltern, unsere Kinder oder Gäste einer Talkshow, die wir schauen) – all dies ist in der Lage, in uns Gefühle des Stolzes oder der Scham zu erzeugen. Nicht ohne Grund (oder in Mangel an Auslösern) nahm der Duden den Begriff „fremdschämen“ im Jahr 2009 in seinen Kanon der deutschen Sprache auf.

Der Stolz, den Eltern, Lehrer oder wir alle empfinden, wenn unsere Kinder, Schüler, Freunde oder Liebespartner eine bemerkenswerte Leistung erbringen oder eine mutige Entscheidung treffen, basiert auf derselben Vermischung von ich und du.

Ganz ähnlich wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit in Bezug auf das Leben, so stehen auch hinter Stolz und Scham eherne und oft unhinterfragte Überzeugungen darüber, was einen Menschen zu einem „guten“ („wertvollen“, „liebenswerten“, „schönen“, „erfolgreichen“…) oder einem „schlechten“ („minderwertigen“, „häßlichen“, „ablehnenswerten“, „erfolglosen“…) Menschen macht.

Die Kriterien, an denen wir hierbei uns selbst (und Andere) messen, sind häufig bereits im Kindesalter von den Ansichten der Eltern und anderer bedeutsamer Personen übernommen und niemals bewusst reflektiert worden.

Das bedeutet nicht, dass Stolz und Scham per se unnütz und leidbringend sein müssen. Im Gegenteil. Sie sind es nur, so lange der Fokus der Bewertung auf Eigenschaften liegt, die nicht in der eigenen Entscheidungskraft und Verantwortung liegen.

Innerhalb jener Aspekte unseres Lebens, die wir selbst entscheiden und verantworten können, entfalten Stolz und Scham ihre positive, gestaltende und wegweisende Kraft.

Wer stolz ist auf eine Entscheidung, die er getroffen hat, wird durch das Empfinden dieses Stolzes im weiteren Verlauf seines Lebens mit größerer Wahrscheinlichkeit in vergleichbaren Situationen wieder dieselbe oder eine ähnliche Entscheidung treffen. Wer sich dagegen für eine Entscheidung, ein Verhalten oder eine Aussage seiner Vergangenheit schämt, trägt durch diese Scham Sorge dafür, dass er in Zukunft in ähnlichen Situationen mit höherer Wahrscheinlichkeit anders agieren oder entscheiden wird.

So kann ein bewusster Umgang mit Scham und Stolz uns dabei behilflich sein, unser Leben in einer Weise zu führen und zu gestalten, dass wir eines Tages auf unseren Weg zurück blicken und mit gesunder Selbstzufriedenheit sagen: „Ja, das war mein Leben. Und ich bin stolz darauf, was ich aus diesem Leben gemacht habe.“

 

Sorge und Misstrauen

„Du hast die Wahl. Du kannst dir Sorgen machen,
bis du davon tot umfällst. Oder du kannst es vorziehen,
das bisschen Ungewissheit zu genießen.“

Norman Mailer

Die Grundenergie der Sorge und des Misstrauens ist in beiden Fällen die Angst. Allerdings ist diese Angst nicht auf konkretes Erleben bezogen, sondern eher auf die vage Ahnung, dass wahlweise das Leben („Gott“) oder aber ein Mitmensch es nicht gut mit uns meint. Aus dieser Annahme heraus entspringt die innere Überzeugung, uns schützen zu müssen. Da wir allerdings nicht genau wissen, wovor oder wie wir uns schützen können oder „müssen“, führen Sorge und Misstrauen zumeist nicht zu konstruktiv wirksamen Verhaltensweisen, sondern zu einer lähmenden oder aggressiv angespannten Grundhaltung dem Leben oder unseren Mitmenschen gegenüber.

Da wir es in unserem Leben immer wieder mit Situationen zu tun haben, in denen manche unserer Bedürfnisse (z.B. Sicherheit, Freiheit, Zugehörigkeit und andere) nicht erfüllt sind, und da wir hin und wieder durchaus Menschen begegnen, die gewillt sind, für die Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse unser Ungemach billigend in Kauf zu nehmen, besitzen Sorge und Misstrauen offensichtlich das Potenzial, uns vor manchem Verdruss oder Leiden zu schützen. Allerdings ist der Preis dafür (s.o.) hoch.

Mit Sorge und Misstrauen nahe verwandt und doch ganz anders ist die Vorsicht, die Positivform der Angst. Anders als ihre Cousinen Sorge und Misstrauen allerdings ist die Vorsicht keine generalisierte Grundstimmung, sondern eine emotionale Feinjustierung konkreten Verhaltens. Wer vorsichtig ist, bleibt bewusst handlungsfähig. Wer misstraut oder sich sorgt, zumeist nicht.

 

Mut

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben,
sondern es ist die Entscheidung,
dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“

Ambrose Red Moon

Welches Grundgefühl liegt wohl dem Mut zu Grunde?

Meine Antwort: Es ist der Ärger.

Die Annahme, Mut beruhe auf der Abwesenheit von Angst, führt sich bei genauerer Betrachtung ad hoc selbst ad absurdum. Es ist unmöglich, Mut zu empfinden, wenn wir uns rundum sicher und sorglos fühlen. Das Risiko oder gar die Gefahr sind geradezu Grundbedingungen dafür, dass Mut überhaupt entstehen kann.

Jedem mutigen Schritt vorwärts geht ein Zögern voraus. Dieses Zögern beruht auf Angst. Denn das, was wir nun tun werden, enthält das Risiko des Scheiterns, Versagens oder gar Untergangs. Je höher die Gefahr ist, der wir uns zwar entschlossen, aber zumeist ganz und gar nicht furchtlos, stellen, desto wichtiger ist es, zu wissen, wofür wir dieses Wagnis eingehen. Eben dieses „Wofür?“ ist es, woraus das, was wir Mut nennen, geboren wird.

Der Mut „weiß“: Angst existiert nur in Bezug auf die Zukunft. Wird diese Zukunft zur Gegenwart (gemacht!), verwandelt sich die Angst. Hierin liegt die alchemische Kraft des Mutes:

Indem wir das tun, wovor wir Angst haben, machen wir die gefürchtete Zukunft zur erlebten Gegenwart. Nur im Hier und Jetzt können wir den Gegebenheiten des Lebens aktiv begegnen. Wir mögen siegreich sein darin oder scheitern, doch welches Schicksal uns unser Tun auch immer bescheren wird, wir treten ihm und uns selbst aufrecht und würdevoll entgegen.

 

Weitere komplexe Gefühle

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas,
das der menschliche Geist erfinden könnte.
Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit
bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“

Sir Arthur Conan Doyle

Natürlich ist die Liste der hier beschriebenen komplexen Gefühle nicht abschließend. Schuldgefühl und Rachsucht, Vorfreude, Verliebtheit und Dankbarkeit, Einsamkeit, Schwermut, Ungeduld, Verachtung, Verwirrung, Empörung, Hoffnung, Entsetzen, Langeweile und Selbstmitleid… Sie alle hätten einen Platz in dieser Beschreibung verdient.

Das menschliche Denken und Fühlen ist derart reich und vielfältig, dass die detaillierte Betrachtung jeder einzelnen emotionalen Regung den Rahmen dieses Artikels mehrfach sprengen würde.

Vielleicht jedoch war es mir möglich, durch die in diesem Kapitel ausgeführten Charakterisierungen einiger unserer komplexen Gefühle ein Verständnis dafür zu wecken, in welch vielfältiger Weise unser Denken und Fühlen miteinander verwoben sind.

Vielleicht war es mir möglich, eine Idee davon zu erzeugen, dass das, was wir in manchen Situationen unseres Lebens fühlen, alles andere als zwangsläufig und vorherbestimmt ist. Weil nämlich die weit überwiegende Mehrheit all unserer Gefühle eben nicht in ihrer Reinform auftritt, sondern geprägt ist von unseren Gedanken, Interpretationen und Bewertungen in Bezug auf das, was wir erleben.

Und vielleicht war es mir sogar möglich, die eine oder andere Grundlage dafür zu legen, dass wir angesichts der einen oder anderen Gefühlsregung unserer Zukunft die Erkenntnis entwickeln, dass es vielleicht andere, vielleicht sogar: bessere Weisen gibt, auf die Erlebnisse und Gegebenheiten unseres Lebens zu reagieren, als wir es bislang aus reiner Gewohnheit tun.

Und als letztes „vielleicht“: Vielleicht führt eben diese Bewusstheit und Erkenntnis dazu, dass wir tatsächlich weiser als bislang wählen, welche der Erfahrungen unseres Lebens wir mit welchem Gefühl beantworten wollen.

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
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klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

klüger fühlen 02:

Eine neue Ordnung der Gefühle
(Nicht schon wieder!)
(Doch.)

„Höchste Weisheiten sind belanglose Daten,
wenn man sie nicht zur Grundlage
von Handlungen und Verhaltensweisen macht.“

Peter F. Drucker

Gefühle sind essenziell bedeutsam für jede menschliche Entscheidung im Leben. Jeder Streit, jede Lüge, jeder Anschlag, jeder Mord beruht auf Gefühlen, die einen Weg suchten, sich zum Ausdruck zu bringen. Das macht die Frage, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, nicht nur zu einem interessanten Thema für freundschaftliche Plaudereien, sondern zu einer Frage mit einer kulturellen und politischen Dimension.

Es ist dringend an der Zeit, dass wir verstehen, welche Bedeutung der Umgang mit unseren Gefühlen nicht nur auf das Leben hat, das wir führen, sondern auch auf die Kultur, in der wir leben. „Emotionale Kompetenz“ gehört verankert in den Lehrplan jeder Klassenstufe und in das Curriculum aller Studiengänge, die einen pädagogischen, psychologischen oder sozialen Schwerpunkt haben.

Wer seinen Umgang mit den eigenen Gefühlen verändern will, der braucht ein Modell, an Hand dessen er (oder sie) das eigene Handeln ausrichten und überprüfen kann. Ein Modell, das uns auch dabei hilft, die Gefühle unserer Mitmenschen einzuordnen und in nützlicher Weise auf diese zu reagieren.

Die bislang differenzierteste Beschreibung der mannigfaltigen Zustände, die wir im weitesten Sinne als Gefühle kennen, stammt aus der Feder von Rüdiger Vaas und findet sich auf der Seite von spektrum.de (siehe Links!). Ich ziehe meinen Hut vor dieser hochverdichteten Zusammenfassung unseres aktuellen Wissensstands. Vaas beginnt sein Essay mit den Worten:

„Jeder scheint zu wissen, was Emotionen […] sind – bis er sie definieren soll. Doch es gibt weder eine einheitliche Theorie noch eine interdisziplinär akzeptierte Definition von Emotionen.“

Wenn es also bereits jetzt ein unübersichtliche Anzahl unterschiedlichster Theorie-Vorschläge gibt, mit denen auf keinen gemeinsamen Nenner zu kommen ist, warum dann noch ein weiteres Modell? Was ist das neue Feature, das den hier vorliegenden Vorschlag so besonders macht?

Antwort: Dieses Modell taugt nicht nur für intellektuelle Fachsimpeleien, sondern auch für den Alltag.

Es erklärt an Hand von sechs Grundgefühlen in zwei strukturell verschiedenen Klassen (bezeichnet als Grundgefühle 1. & 2. Ordnung) sämtlichen weiteren emotionalen Ausdrücke, Affekte und Stimmungen („Komplexe Gefühle“) in einer Weise, die sowohl ein tieferes Verstehen möglich macht als auch die Handlungsmöglichkeiten im alltäglichen Umgang radikal vereinfacht.

Dieses Modell der Gefühle basiert auf der Annahme, dass jedem unserer Grundgefühle ein klarer evolutionärer Nutzen zu Grunde liegt. Verstehen wir diesen, fällt es uns leichter, die spezifischen Wirkungen der Gefühle auf unsere Wahrnehmung, unser Erinnern und Entscheiden zu betrachten und zu verstehen, was unser System auf neurochemische Weise zum Ausdruck bringt.

In a nutshell

„Mache die Dinge so einfach wie möglich – aber nicht einfacher.“
Albert Einstein

Gefühle erscheinen nicht aus dem Nichts.

Sie sind Hinweise unseres Systems in Bezug auf den Zustand bestimmter oder unbestimmter innerer Bedürfnisse. Das, was wir im Außen erleben, hat Auswirkungen darauf, ob wir unsere Bedürfnisse als erfüllt oder als unerfüllt wahrnehmen. Unsere Gefühle sind nicht mehr und nicht weniger als die Antwort unseres Systems auf das, was wir erleben.

Gefühle fühlen sich auch nicht einfach nur irgendwie an. Sie lösen ganz spezifische, eindeutig zu benennende Prozesse in Gehirn und Körper aus, nehmen Einfluss auf Wahrnehmung, Interpretation, Fokus, Erinnerung, geistige Tiefe und sogar auf unsere körperliche Leistungsfähigkeit und weitere Körperfunktionen.

Hierbei ist jedes Gefühl einzigartig in seiner „Signatur“. Wir sind in der Lage, Neid, Eifersucht, Groll, aber auch Dankbarkeit, Stolz oder Vorfreude zu benennen, weil diese Gefühle immer wieder die gleichen Reaktionen in uns hervorrufen. Manche Gefühle jedoch haben eine besonders klare, reine Struktur. Dies sind unsere Grundgefühle: Freude, Ärger, Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust. Hierbei weisen bei näherem Hinsehen die ersten und auch die letzten drei Grundgefühle derart bedeutsame strukturelle Unterschiede auf, dass wir davon ausgehen können, dass diese Gefühlsspektren sich in unterschiedlichen Phasen unserer evolutionären Entwicklung entstanden sind. Sie werden daher als Grundgefühle 1. und 2. Ordnung geführt.

Jedes Grundgefühl kann abhängig von Persönlichkeit, Temperament, Erfahrung und Kontext unterschiedlichen Intensitäten auftreten. In diesem Modell sind für jedes Grundgefühl vier Stufen benannt. Die Übergänge zwischen diesen Stufen sind individuell sehr verschieden, so wie die Einstellung eines Lautstärkereglers für einen Menschen als „zu laut“ und für einen darüber wohnenden Nachbarn als „gerade richtig so“ beurteilt wird.

Alle weiteren („komplexen“) Gefühle bestehen im Kern aus einem oder mehreren dieser Grundgefühle, angereichert um einen oder mehrere „alchemische Gedanken“. Diese zeigen zum Teil interessante Einblicke in das Welt- und in das Selbstbild, das dahinter wirksam ist.

Bevor wir in den folgenden Kapiteln einen näheren Blick auf unsere sechs Grundgefühle werfen, verschaffen wir uns zunächst einmal einen Überblick über die Grundlegende Ordnung der Grund- und komplexen Gefühle:

 

Grundgefühle 1. Ordnung

Die Glückshormone, welche bei der Freude ausgeschüttet werden, führen dazu, dass die Situation, in der wir uns befinden, tiefer und detaillierter erinnert wird. Wir erleben Freude, wenn wir spüren, dass eines (oder mehrere) unserer Bedürfnisse genährt wird (werden). Durch die emotionale Signatur der Freude öffnen wir unsere Sinne, nehmen den Augenblick ganz intensiv wahr und machen ihn so zu einem Teil unserer Erfahrung.

Die Signatur des Ärgers dagegen ist ganz anders. Der Ärger ist eine feurige, aktive Energie. Ärger bringt uns entschlossen in ein Handeln, das das Ziel verfolgt, eine Situation, die wir als nicht nährend, votreilhaft oder angenehm empfinden, zu verändern. Ärger (oder: Entschlossenheit) ist die Kraft, die uns dazu befähigt, aktiv in den Kurs unseres Lebens einzugreifen und das Ruder auf einen neuen Kurs auszurichten.

Wir sehen: Ärger in seiner Grundform hat nichts mit der zerstörerischen Kraft zu tun, in der wir ihn oft erleben. Destruktive Formen des Ärgers (Wut, Rage) oder auch komplexe Gefühle wie Zorn, Hass, Verachtung und andere entwickeln sich vor allen Dingen aus unterdrücktem Ärger, der wieder und wieder gefühlt wird, ohne jedoch nutzbar zum Einsatz gebracht zu werden.

Konfrontiert mit einer Situation, die wir nicht verändern können, entfaltet die Traurigkeit ihre heilende Kraft. Sie leitet einen Prozess des Rückzugs und der inneren Neuorientierung ein. Traurigkeit befähigt uns, anzunehmen, was ist, wie es ist, und sich nicht ändern wird. Je früher wir das annehmen, desto früher können wir unsere Energie auf jene Dinge oder Aspekte lenken, auf die wir Einfluss nehmen können.

Ärger und Traurigkeit werden in diesem Modell als „Geschwisterkräfte“ betrachtet. Da das Leben komplex ist, besteht jede Situation, die uns missfällt und nicht gut tut, aus Aspekten, die wir annehmen müssen, und solchen, die wir ändern können. Ärger und Traurigkeit sind daher niemals weit voneinander entfernt. Zeigt sich das eine, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft auch das andere zeigen.

Freude lehrt uns, was uns nährt, und lässt es uns wieder tun. Ärger bringt uns in eine vorwärtsgerichtete Handlungsenergie, mit der wir unser Leben aktiv beeinflussen. Traurigkeit führt zu schnellstmöglicher Annahme der indiskutablen Faktenlage.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Organismen, die über derartige Reaktionsweisen verfügen, in einer sich wandelnden Umwelt besser auf die Geschehnisse des Lebens eingestellt sind als solche, die diese Möglichkeiten nicht haben. Auf dieser ersten Ebene grundlegender Gefühle braucht es weder ein Konzept von „ich“ noch ein höheres Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Freude, Ärger und Traurigkeit sind sehr direkte emotionale Reaktionen auf Reizerlebnisse im Außen oder Innen. Darum bezeichne ich sie als Grundgefühle erster Ordnung.

Jedem der Grundgefühle sind in diesem Modell vier „Stufen“ zugeordnet, welche unterschiedliche Intensitäten des Grundgefühls benennen:

4 Stufen der Freude: Zustimmung, Freude, Begeisterung, Euphorie

4 Stufen des Ärgers: Ablehnung, Ärger, Wut, Rage

4 Stufen der Traurigkeit: Bedauern, Traurigkeit, Trauer, Verzeiflung

 

Gefühle laden und entladen

Freude, Ärger und Traurigkeit haben noch ein weiteres Feature gemeinsam, das sie von allen anderen Gefühlen trennt: Freude, Ärger und Traurigkeit bauen angestaute emotionale Spannung ab.

Auf den Moment der größten Freude folgt eine Phase tiefer Entspannung. Wenn die Wut und Trauer ganz und gar zum Ausdruck gebracht wurden, entsteht (manchmal urplötzlich) ein Empfinden von Klarheit, Offenheit und Weite. Die meisten Menschen empfinden dies körperlich von der Brust an aufwärts.

Wenn unsere Freude, unser Ärger und unsere Traurigkeit frei fließen können, erzeugen sie durch diesen Prozess ein Empfinden von Leichtigkeit, Offenheit und Klarheit.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir ständig Freudensprünge machen sollten, die Fäuste ballen oder weinen. Diese starken Reaktionen sind eher ein Zeichen für emotionale Ausnahmesituationen. Oder dafür, dass sich zuvor unterdrückte Gefühle abrupt einen Weg an die Oberfläche bahnen.

Leider haben viele der erwachsenen Menschen unserer Zeit bereits früh verlernt, ihre Gefühle auf eine natürliche Weise fließen zu lassen. Stattdessen haben sie gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Oder sie ihren Mitmenschen blindwütig um die Ohren zu hauen.

Die Fähigkeit, potenziell destruktive emotionale Energie am Fließen zu hindern, ist eine hilfreiche Eigenschaft, die wir vermutlich mit allen anderen sozialen Tieren teilen.

Unser Nervengeflecht bietet gewisse Kapazitäten, störende emotionale Impulse auf „Pause“ zu setzen und sicher zu lagern. Im Laufe des Lebens nehmen diese Kapazitäten erheblich zu. Allerdings sind und bleiben die Kapazitäten zur Speicherung unpassender Gefühle begrenzt. Wenn wir sie nicht zwischendurch „leeren und säubern“, dann sind sie irgendwann schließlich voll. Was dann passiert, ist stark typabhängig, aber nur selten schön.

 

Grundgefühle 2. Ordnung

Während unsere Grundgefühle erster Ordnung unmittelbar auf das reagieren, was wir erleben, reagieren unsere Grundgefühle zweiter Ordnung auf unsere Erwartung einer Situation. Mithin: ein rein geistiges Produkt. Diese zweite Art von Gefühlen erfordert ein deutlich höheres Maß an geistiger Entwicklung, als dies für die Grundgefühle erster Ordnung nötig ist.

Die zweite Ordnung der Grundgefühle umfasst: Überraschung (über etwas), Lust (auf etwas) und Angst (vor etwas).

Diese Gefühle lösen etwas anderes aus als Freude, Ärger und Traurigkeit. Überraschung , Angst und Lust bringen die Energie in uns nicht ins Fließen, sondern erhöhen zwar den Energiezustand des Systems – nicht selten drastisch! – setzen jedoch gleichzeitig das System auf „Pause“.

Angst empfinden wir dann, wenn wir eine Zukunft erwarten, in der wir Ärger oder Traurigkeit empfinden werden – in einer ihrer Stufen bzw. kristallisiert in einem komplexen Gefühl.

Lust kommt auf, wenn wir an eine Zukunft denken, in der wir erwarten, Freude zu fühlen. Die durch Lust aufgebaute Energie wird später durch konkretes Handeln oder Erleben entweder in Freude transformiert, oder aber sie entlädt sich in eines der anderen Grundgefühle 1. Ordnung bzw. einer komplexen Variante davon.

Überraschung überkommt uns, wenn wir einen Augenblick lang (oder länger) so gar nicht wissen, mit was wir als nächstes rechnen müssen. Etwas ist passiert, auf das wir nicht vorbereitet waren. Das Handeln bricht jäh ab, und das ganze System nimmt mit allen Sinnen Information über seine Umwelt auf.

Auch die Grundgefühle zweiter Ordnung treten in unterschiedlichen Intensitäten auf:

4 Stufen der Überraschung: Verwunderung, Überraschung, Schreck, Schock
4 Stufen der Angst: (An-) Spannung, Vorsicht, Angst, Panik
4 Stufen der Lust: Interesse, Neugier, Lust, Begierde

 

Komplexe Gefühle

Neben diesen 6 Grundgefühlen der 1. und 2. Ordnung kennen wir noch eine geraume und unübersichtliche Anzahl weiterer Gefühle. Dazu gehören:

Eifersucht, Sorge, Mut, Zorn, Mitgefühl, Mitleid, Selbstmitleid, Mitgefühl, Selbstmitgefühl, Groll, Frustration, Verliebtheit, Neid, Missgunst, „Enttäuschung“, Stolz, Scham, Fremdscham, und und und…! Dies ist die schillernde Gruppe der „Komplexen Gefühle“.

In dieser Gruppe finden wir ein Füllhorn unterschiedlichster emotionaler Cocktails, die unser System zu mixen in der Lage ist. Komplexe Gefühle entstehen aus einem oder mehreren Grundgefühlen, gemixt mit Annahmen und Überzeugungen, zumeist in einem milchtrüben Glas serviert.

Sie an dieser Stelle im Einzelnen zu beschreiben, sprengt den hier gegebenen Raum. Hierfür wird an anderer Stelle mehr Platz sein.

Doch vielleicht sehen wir bei genauem Hinschauen bereits jetzt in der Sorge die Angst, in der Scham die Traurigkeit und im Mut den Ärger durchschimmern. Dies kann uns wichtige Hinweise geben in Bezug auf die Intentionen hinter den lauten und den leisen Gefühlen unseres Alltags und unsere Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit ihnen.

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
erscheint wortgleich auf


und
.

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