Ein freier Mensch – Albert Schweitzer

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wahrheit

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Lernen geschieht nicht allein durch den Verstand. Wachstum und Entwicklung werden möglich, wenn wir nicht nur verstanden haben, sondern wenn wir uns durch unsere Erfahrung im Innersten berühren lassen. „Impulse“ stellt Ihnen Texte vor, die uns durch ihre tiefe Weisheit und Menschlichkeit berühren, die Kräfte wecken und inneres Wachstum fördern.

Damit diese Berührung möglich ist, empfehle ich Ihnen dringend: Lesen Sie diese Texte laut! Es mag Ihnen unbedeutend erscheinen, und gerade darum empfehle ich Ihnen umso mehr: Lesen Sie diese Texte laut! Probieren Sie es aus! Nehmen Sie den Unterschied wahr und lassen Sie sich berühren!

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Ein freier Mensch…

Ich will unter keinen Umständen ein Allerweltsmensch sein.

Ich habe ein Recht darauf, aus dem Rahmen zu fallen – wenn ich es kann.

Ich wünsche mir Chancen, nicht Sicherheiten.

Ich will kein ausgehaltener Bürger sein, gedemütigt und abgestumpft, weil der Staat für mich sorgt.

Ich will dem Risiko begegnen, mich nach etwas sehnen und es verwirklichen, Schiffbruch erleiden und Erfolg haben.

Ich lehne es ab, mir den eignen Antrieb mit einem Trinkgeld abkaufen zu lassen.

Lieber will ich den Schwierigkeiten des Lebens entgegentreten, als ein gesichertes Dasein führen; lieber die gespannte Erregung des eigenen Erfolgs als die dumpfe Ruhe Utopiens.

Ich will weder meine Freiheit gegen Wohltaten hergeben noch meine Menschenwürde gegen milde Gaben.

Ich habe gelernt, selbst für mich zu denken und zu handeln, der Welt gerade ins Gesicht zu sehen und zu bekennen: dies ist mein Werk.

Das alles ist gemeint, wenn ich sage: Ich bin ein freier Mensch.

Albert Schweitzer

 

 

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10 Gebote

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10 Gebote

 

00 Präambel:

Das Leben selbst hat dich in diese Welt gebracht. Und jetzt bist du hier. Dies ist keine Übung. Willkommen im Leben! Unter Umständen bekommt jede und jeder von uns davon nur eins.

In dir, wie in jedem anderen Menschen, sind Gaben angelegt, die dich befähigen, in dieser Welt deinen Platz zu finden und einen einzigartigen Beitrag zum Guten, Wahren und Schönen zu leisten. Zu diesem Zweck hast du deine Gaben erhalten. Dieser einzigartige Beitrag ist der Sinn deines Lebens.

Jede deiner Entscheidungen und Handlungen hat Auswirkungen. Manche von diesen sind wünschenswert, andere unbequem und einige wenige sogar tragisch.

Die folgenden 10 Gebote des Lebens sind ein Angebot an Perspektiven, Werten und Entscheidungen. Verstehe sie als Handreichung an dich. Sie können dir helfen, in schwierigen oder unübersichtlichen Situationen selbst-bewusste Entscheidungen zu treffen.

Nichts desto trotz steht es dir selbstverständlich jederzeit offen, zu tun oder zu lassen, wonach dir der Sinn steht. Wenn du dich selbst kennst und die Konsequenzen deiner Taten, und mit beidem im Reinen bist, dann bist du frei.

Es ist dein Leben. Du allein entscheidest, was du daraus machst!

01. Gebot:
Ehre die Schöpfung!
Und deinen Platz in ihr!

Du bist ein Kind der Schöpfung in dieser Welt. Ebenso wie jeder andere Mensch und jedes andere lebende Wesen in ihr. Ehre die Schöpfung, die der Quell deines Lebens ist! Erhalte und pflege die Erde, auf der du geboren bist, die dich nährt und trägt! Erkenne deinen Platz im schillernden Geflecht des Lebens, und nimm die dir durch ihn geschenkte Gnade von Herzen an!

Jedem lebenden Teil dieser Welt liegt, ebenso wie dir, ein Stück der Verantwortung für eure Welt in Händen. Gemeinsam sollt ihr ihre Hüter sein.

02. Gebot:
Erkenne dich selbst!

Du bist nicht nur einer oder eine – du bist viele. Lerne deine inneren Anteile kennen! Sie alle sind ein Teil von dir. Lerne ihre Gaben, Wünsche und Bedürfnisse kennen und schließe Freundschaft mit ihnen!

Lerne die Sprache deine Gefühle kennen! Sie weisen dich auf deine Bedürfnisse hin. Achte die Gefühle der Menschen, denen du begegnest auf deinem Weg! Durch ihre Gefühle zeigen sie dir, wonach sie sich sehnen.

Du bist frei, und doch bist du mit allem und allen verbunden. Was du tust, hat Auswirkungen auf die Zukunft deiner Kinder und der Kinder und Kindeskinder aller anderen Menschen. Sei du selbst, und sei gleichzeitig ein integraler Teil des Ganzen! Lebe dein Leben in Achtung vor dir selbst und in Demut vor allen anderen Wundern dieser Schöpfung!

03. Gebot:
Verbünde dich mit den Kräften des Lebens!

Das Leben ist komplex. Egal, wie viel du schon weißt, sei dir gewiss: Es wird dich immer wieder überraschen! Was immer du auch lernst: Du wirst es niemals ganz verstehen.

Alles, was du brauchst für deinen Weg, ist in dir bereits angelegt. Manches davon entwickelt sich jedoch erst durch einen gezielten Reiz. Finde deinen Frieden darin, dass einige Entwicklungsschritte mit Widerstand und Schmerz verbunden sind! Insbesondere die großen.

Übe dich in Hingabe an das Leben! Es wird dich an Aufgaben führen, in denen du über dich selbst hinaus wachsen musst, bevor du sie bestehst. Doch erkenne: mit jedem Schritt, mit du hinauswächst über dich, wächst du zugleich ein Stückchen tiefer hinein in dich selbst.

Erlaube, dem Leben, sich nach seinem Willen zu entfalten! Das Leben liebt dich und schenkt dir all das, was du zum Wachtum und zur Entfaltung deiner Gaben brauchst. Kämpfe nicht gegen das Leben an, sondern werde sein Verbündeter! Vertraue dem Leben! Auf erstaunlichen Wegen führt es dich zurück zu dir selbst.

04. Gebot:
Achte auf deine Bedürfnisse!
Achte die Bedürfnisse aller Anderen!

Erkenne, dass du Mensch bist. Du bist am Leben. Darum hast du Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche. Achte sie! Achte deine körperlichen Bedürfnisse nach Nährstoffen, Erholung, Wärme oder Licht ebenso wie deine Bedürfnisse geistiger und emotionaler Natur! Du hast das Recht auf ein erfülltes, lebendiges und geborgenes Leben. Genau, wie jeder andere Mensch auf Erden. Dieses Recht hast du dir nicht verdient. Es wurde dir geschenkt mit deiner Geburt. Ebenso wie jedem anderen Menschen in dieser Welt.

Wenn du erschöpft bist, nimm dir eine Pause! Sei dir gewiss: Wenn du dir diese Pause nicht nimmst, wird dein Körper es an deiner Stelle tun.

Du hast ein Recht auf all deine Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche! Tritt aufrecht für sie ein! Ebenso achte und ehre die Bedürfnisse derer, die mit dir gemeinsam auf dem Weg sind! Es ist weder dein Auftrag, noch deine Verantwortung, die Sehnsüchte und Wünsche deiner Mitmenschen zu erfüllen. Dennoch kannst du ihnen mit Achtung begegnen. Erkenne, dass du frei bist und mit allem verbunden zugleich!

05. Gebot:
Liebe deine Familie!

Achte und ehre deine Eltern in all ihrer Unvollkommenheit! Sie waren Kinder ihrer Zeit. Ihr Wissen und ihre Fähigkeiten waren begrenzt, so wie deine es immer sein werden. Sie mögen wohl getan oder versagt haben darin, dich so zu achten, zu lieben und zu fördern, wie du es damals gebraucht oder verdient hättest. Sei dir gewiss: Sie haben an dir vieles besser gemacht als ihre Eltern an ihnen. Du musst ihnen ihre Fehler nicht vor Augen halten. Auch wenn sie versuchen, es vor dir zu verbergen, wirst du bei genauem Hinschauen erkennen: Sie sehen selbst die eigene Unvllkommenheit und schämen sich dafür. Liebe deine Eltern! Schenke ihnen die Liebe und Vergebung, die du dir eines Tages von deinen eigenen Kindern wünschen wirst!

Achte und ehre Vater und Mutter deiner Kinder! Ehre dich selbst und deine Gaben ebenso wie die des anderen Elternteils. Das Leben in seiner unendlichen Weisheit hat eurem Kind oder euren Kindern euch beide als Eltern an die Seite gestellt. Es sind deine Gaben und die Gaben des anderen Elternteils, die deine Kinder für ihr gesundes Wachstum in dieser Welt brauchen. Aus diesem Grunde haben sie euch beide als Eltern gewählt.
Sei deinen Kindern ein guter Vater oder eine gute Mutter! Und gewähre dem anderen Elternteil das gleiche Recht. Lass nicht zu, dass dein Groll oder deine Angst dich dazu verleiten, deinen Kindern ihren Vater oder ihre Mutter zu nehmen. Die Wunde, die du ihnen dadurch schlägst, wird sie begleiten und schmerzen ihr Leben lang.

Achte und ehre deine Brüder und Schwestern in der Welt! In den Augen des Lebens sind alle Menschen nicht mehr als eine einzige große Familie. Sei darum ein Bruder oder eine Schwester für deine Brüder und Schwestern nah und fern! Schenke ihnen deine Achtung und Liebe, selbst wenn sie dir die ihre zu geben noch nicht bereit oder in der Lage sind. Lerne Mitgefühl und Demut! Sie sind der Ursprung jener Vergebung, mit der du dein eigenes Herz von Groll oder Misstrauen befreist.

06. Gebot:
Strebe in allem, was du tust, danach, das Gute,
das Wahre und Schöne in der Welt zu mehren!

Dieses Leben, das dir geschenkt wurde, ist möglicherweise das einzige, das du jemals erhalten und leben wirst. Du hast Gaben mit auf deinen Weg bekommen, Fähigkeiten und Talente. Eben diese, deine Gaben werden dringend in der Welt gebraucht, in der du lebst. Nutze deine Gaben, um die Welt, in der du lebst, auch für andere Wesen zu einem lebenswerten und lebensfreundlichen Ort zu machen.

Vielleicht hast du einen klugen Geist bekommen, der es dir ermöglicht, zum Kern der Dinge vorzustoßen. Vielleicht hast du ein grosses Herz, das Wärme, Geborgenheit und Mitgefühl verströmt. Vielleicht hast du eine leidenschaftliche Begabung für technische, emotionale oder soziale Fragen. Diese Welt braucht dich und das, was du zu geben hast. Sie braucht es jetzt!

Nimm die Verantwortung, die in deinen Gaben liegt, von ganzem Herzen an! Mehre den Frieden und die Liebe in der Welt! Heile die Wunden, die deine Eltern und Großeltern der Welt und den Menschen in all ihrer Unkenntnis zufügten!

Sei den Schwachen, Ängstlichen und Verirrten ein Gefährte und Freund! Stehe ihnen zur Seite, wenn sie stolpern oder vom Weg ab kommen. Hilf ihnen auf und geleite sie zurück auf den Pfad des Guten, des Wahren und Schönen. Trage das Zepter deiner Verantwortung mit Demut und Stolz! Sei jenen, denen du begegnest, ein leuchtendes Vorbild für das, was es bedeuten kann, in dieser Welt ein Mensch zu sein!

07. Gebot:
Erkenne, nähre und entfalte die heilige Kraft deiner Sexualität!

Du bist mehr als nur ein Mensch. Du bist Mann oder Frau. Im Schmiedefeuer der Sexualität entstand der Urfunke all dessen, was du heute dein Leben nennst. Achte und ehre diese Kraft! Sie ist der Urquell allen Lebens. Sie kann dich nähren, sie kann dich lehren und heilen. Sie ist die älteste, heiligste und direkteste Verbindung zu all dem, was die Menschen jemals Gott oder das Leben nannten.

Es ist dein unanstastbares Geburtsrecht, dein Leben in sexueller Fülle, Freude und Wonne zu leben. Ebenso ist dies das Geburtsrecht eines jeden anderen Menschen in dieser Welt. Löse dich von jenen, die versuchen, dich in der Entfaltung deiner Sexualität zu kontrollieren oder zu begrenzen. Ihre Angst vor dem Leben und ihre unerlöste Scham verdienen dein Mitgefühl. Löse dich dennoch von ihnen. Möglicherweise ist dein leuchtendes Vorbild genau das, was es braucht, damit auch ihre Ketten fallen.

Wähle deine Sexualpartner weise! Deine Sexualität ist eine zutiefst archaische, unbändige Kraft. Ihre Macht kann heilen, aber auch zerstören. Lerne deine Sexualität kennen! Lerne, was dich glücklich macht, was dich erfüllt und nährt. Öffne jenen, mit denen du deine Sexualität teilst, die ganze Tiefe deines Herzens. Brühre ihn oder sie, und lass auch du dich berühren, damit eure gemeinsame Erfahrung von Tiefe und offenheit euch beide erhebt. König/in und Kind, Engel und Tier, vereinigen sich in deiner Sexualität. Wähle einen Partner, mit dem du all das sein kannst, und der ebenso all das mit dir ist. Dann wirst du lebendige Wunder erleben!

08. Gebot:
Achte und ehre das Gute in allen Menschen!

Achte und Ehre das Gute in jedem Menschen! Er mag dir fremd erscheinen, sonderbar oder unangenehm. Und doch ist auch er oder sie, wie du, ein Kind der Schöpfung auf der Suche nach dem richtigen Weg. Erkenne, dass du in der Lage bist, das Gute in einem Menschen zu achten und zu ehren, auch wenn du ihn nicht magst oder ihn sogar verurteilst für sein Tun.

Erkenne, dass dein Urteil über die Welt und deine Mitmenschen immer auf begrenzten Informationen beruht. Könntest du in das Herz der Dinge schauen, dann würdest du sehen, dass jeder Mensch nach einem guten und gerechten Leben strebt. Böse Taten sind eine Folge unverarbeiteter Schmerzen oder unterdrückter Gefühle.

Hilf deinen Brüdern und Schwestern darin, ihre alten Wunden, Ängste oder Blockaden zu heilen! Deine Aufmerksamkeit auf das Gute im Menschen regt eben dieses Gute zu Wachstum und Entfaltung an. Das Gute, das du durch deine Liebe ins Licht zu führen vermagst, wird in eben diesem Licht die ersten Wurzeln schlagen. Habe Geduld und vertraue auf die Kraft deiner Liebe! Sie ist mächtiger als jedes Schwert.

09. Gebot:
Führe ein Leben in Aufrichtigkeit und Würde!

Du bist ein Kind der Schöpfung in all dem, was du bist. In deinen Gaben ebenso wie in den unvermeidlichen Weiten deiner Unvollkommenheit. Die Möglichkeiten deines Denkens, Fühlens und Handelns sind begrenzt. So wie die jedes anderen Wesens auf dieser Erde. Dein Urteil über dich selbst, deine Mitmenschen und die Welt ist unvollkommen, weil es naturgemäß auf begrenzten Informationen beruht. Gleichzeitig ist deine Wahrheit die beste Wahrheit, die du hast und jemals haben wirst.

Sprich deine Wahrheit klar heraus! Aber hüte dich davor, sie zur alleinigen Wahrheit zu erheben! Stehe zu deiner Wahrheit! Und lade deine Mitmenschen dazu ein, es dir gleich zu tun! Fordere die Menschen auf dazu, dir zu widersprechen und deine Ansichten herauszufordern! Nur so erkennst du die blinden Flecken in deinem selbst erschaffenen Bild der Welt. Im Spiegel der Wahrheit des Anderen wird deine Wahrheit sich entfalten und vielleicht eines Tages zu einem Funken dessen werden, was man Weisheit nennen kann.

Achte und ehre dich selbst ebenso wie jeden anderen Menschen auf deinem Weg. Wo Selbstachtung sich mit Demut verbindet, entsteht Würde. Strebe nach Weisheit und Würde! Verlange nicht mehr von dir, als du mit gutem Herzen geben kannst! Aber auch nicht weniger!

Stehe zu dem Wort, das du gibst! Sage ja, wenn du ja meinst! Und nein, wenn du nein meinst! Hüte dich vor unüberlegten Zusagen! Wenn du eine Aufgabe oder Verantwortung übernimmst, dann prüfe im Vorfeld genau, ob du bereit und in der Lage bist, die dir aus dieser erwachsenden Konsequenzen zu tragen! Hast du eine Aufgabe oder Verantwortung übernommen, so gib dein Bestes, um deinem eigenen Wort gerecht zu werden!

Du wirst auf deinem Weg eine Menge Fehler machen. Schließe Frieden mit deinen Fehlern! Wenn du einen Fehler gemacht hast, dann stehe gerade für ihn und unternimm sofortige Schritte, um die negativen Auswirkungen deines Fehlers zu beheben oder zu begrenzen!

10 Gebot:
Nimm deinen Schatten zum Gefährten!

Du wirst auf deinem Weg immer wieder in Situationen kommen, die in dir die Kräfte der Dunkelheit wecken. Lerne deinen Schatten kennen! Hüte dich vor der Versuchung, die dunklen Kräfte in dir zu verneinen oder zu unterdrücken! In dem Augenblick, in dem du deinen Blick abwendest, gewinnen die vermeintlich verbannten Teile deiner Psyche Kontrolle und Macht über dich. Sieh deinen dunklen Seiten ins Gesicht! Nimm sie an als einen integralen Teil von dir. Sie sind verirrte Anteile auf der Suche nach Führung und Halt. Erkenne, welches unterdrückte oder gar verdrängte Bedürfnis in dir durch sie zum Ausdruck kommt. Sei du ihr Freund und Führer, der ihre Kräfte in die Bahnen des Guten lenkt! Zeige du ihnen, dass es möglich ist, ihre Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse mit den Mitteln des Lichts zu erreichen!

Wenn dein Schatten dich aufruft zur Gewalt, dann zeige ihm einen Weg,in Achtung und Ehre für die eigenen Grenzen oder Bedürfnisse einzutreten. Wenn dein Schatten dich verführen will, dich selbst, deine wahren Gedanken oder Gefühle zu verbergen, dann lehre ihn, dass es möglich ist, aufrecht und würdevoll für dich selbst und deine Sicht der Dinge einzutreten. Wenn dein Schatten dir Verrat empfiehlt, sage die Wahrheit! Wenn dein Schatten dich beugen will, dann richte dich auf! Wenn dein Schatten einen Menschen kontrollieren will, dann öffne diesem Menschen in Demut und Wahrhaftigkeit dein Herz!

Den eigenen Schatten zu lieben, ist die größte und anspruchsvollste Aufgabe, die dir das Leben jemals stellen wird. Keine andere Aufgabe verlangt wieder und wieder so viel Klarheit, Entschlossenheit und Bewusstheit von dir. Doch mit jedem Schritt auf diesem Weg werden Klarheit, Entschlossenheit und Bewusstheit in dir wachsen. Was du in dir erlöst und integriert hast, das wirst du auch in Anderen erkennen und lieben lernen. Wer sich selbst ein Freund und Führer ist, der kann auch anderen Menschen ein Freund und Führer sein.

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Wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

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wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

„Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.“
Joanne Kathleen Rowling (* 1965)

 

‚ich’… Jeden Tag verwenden wir dieses Wort hunderte Male. Ich selbst bringe seit Jahren all meinen Klienten, die es hören wollen oder nicht, bei, öfter ‚ich‘ zu sagen anstatt „du“ oder das grässliche „man“.

Aber… wer genau ist dieses ‚ich‘ eigentlich, von dem wir sprechen und als das wir uns selbst erfahren?

Die Frage ist kniffelig. Sie ist, wenn man es genau nimmt, seit Jahrtausenden die existenzielle Kernfrage aller Philosophie. Bis heute gibt es keine Übereinstimmung darin, wer oder was genau dieses ‚ich‘ eigentlich ist, von dem wir sprechen, wenn wir ‚ich‘ sagen.

Auch ich werde in diesem Artikel keine unumstößliche naturwissenschaftliche Antwort geben. Was ich lediglich anbiete, ist eine Perspektive, die wir nutzen können, um uns selbst und einander ein wenig umfassender zu erkennen und zu verstehen als es uns bislang gelingt.

Was ich hier darlege, ist nicht mehr als ein Modell. Ich glaube jedoch, dass genau dieses Modell dessen, was wir im Kern sind, uns in die Lage versetzen kann, eine Vielzahl vermeintlicher Widersprüche in uns selbst und anderen aufzulösen, bessere Entscheidungen zu treffen und Konflikte zielführender und menschlicher miteinander zu verhandeln.

 

‚ich‘ bin ‚ich‘. Was soll die Frage?

„So lange Sie nicht bereit sind, all das, was Sie wissen, in Frage zu stellen, wird das, was Sie wissen, niemals größer, besser oder nützlicher werden.“
Milton Hyland Erickson (1901-1980)

Die Frage nach dem ‚ich‘ ist nicht nur für Philosophen und große Denker von Bedeutung. Bei Lichte betrachtet beeinflusst sie (bzw. unsere individuelle Antwort darauf) unser Leben auf vielfache Weise. Je nachdem, welche Vorstellung ich von dem habe, wer oder was ‚ich‘ eigentlich ist, hat dies Auswirkungen auf unzählige kleine und große Situationen jedes einzelnen Tages.

Wenn ich beispielweise mein ‚ich‘ als eine Art Wesen ansehe, das in einer Welt aus anderen ‚ich‘-Wesen um seinen Platz, um Nahrung und um sein Überleben kämpft, als etwas, das verletzt, geschwächt und in letzter Konsequenz sogar vernichtet werden kann, dann werde ich natürlich immer wieder alles in meiner Macht stehende tun, um dieses ‚ich‘ zu verteidigen, zu beschützen und seine potenziellen Widersacher zu bekämpfen. Da mein ‚ich‘ alles ist, was ich bin, kann ich gar nicht anders, als dieses ‚ich‘ mit all seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen sehr, sehr wichtig zu nehmen.

So lange in meinem eigenen Leben das meiste nach meinen Wünschen und vorstellungen verläuft, bringt dieses Verständnis vom ‚ich‘ viel Freude und Selbstzfriedenheit mit sich. In schwierigeren Lebensphasen allerdings, in Krisen und Konflikten, macht die starke Identifikation mit unseren Gedanken, Gefühlen und Impulsen vieles nur noch schlimmer.

Wenn ich stattdessen, was ebenso möglich und in manchen Kreisen durchaus verbreitet ist, mein ‚ich‘ als ein reines Flackern elektrochemischer Signale betrachte, als ein zufälliges Nebenprodukt meiner biologischen Existenz oder, wie es der Buddhismus vorschlägt, als reine „Illusion“, dann gewinne ich naturgemäß einen größeren inneren Abstand zu meinen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Das kann Vorteile haben.

Zum Beispiel gerate ich durch ein solches Verständnis von meinem ‚ich‘ bedeutend seltener in starke Formen von Ärger, Angst oder Traurigkeit. Dies kann im Alltag durchaus nützlich sein. Der Preis hierfür allerdings ist leider, dass auch Freude und Lust aus dieser Perspektive nichts als „Illusionen“ sind und dadurch nur gebremst empfunden werden.

Meine Beobachtung der Menschen zeigt mir folgendes:

Je stärker die Identifikation eines Menschen mit seinem ‚ich‘ ist, desto stärker sind tendenziell auch seine emotionalen Reaktionen auf die Erfahrungen, die dieses ‚ich‘ in seinem Lebensalltag macht.

Solche Menschen erleben häufig ein beständiges Auf und Ab ihrer Gefühle. Je nachdem, was diese Menschen erleben, verfallen sie quasi-automatisch in Freude, Ärger, Traurigkeit, Angst, Lust, Euphorie, Frustration, Sehnsucht, Schwermut und und und.

Je mehr innere Distanz allerdings ein Mensch zu seinem ‚ich‘, seinen Gedanken, Impulsen und Gefühlen, hat, desto weniger Macht haben diese Gedanken, Impulse und Gefühle über ihn. Solche Menschen erlangen oft ein beeindruckendes Maß an Kontrolle über ihre emotionalen Reaktionen. Wir erleben sie auch in schwierigen sozialen Interaktionen als gefasst, stabil und unaufgeregt.

Solche Menschen gehören in meinem Umfald zu den inspirierendsten Gesprächspartnern, allerdings sind die meisten von ihnen meiner Erfahrung nach leider nur bedingt partytauglich. Um feiern (wirklich feiern!) zu können nämlich, braucht es die emotionalen Kräfte von Freude und Lust in einem Maße, zu dem viele dieser Menschen schlicht nicht mehr in der Lage sind.

Es scheint, als hätten wir (überspitzt) nur die Wahl, ob wir uns zum Spielball unserer Emotionen machen oder diese diese allesamt in ihrer Lebenskraft zu dimmen.
Diese Wahlmöglichkeit gefällt mir nicht.

Ich möchte die emotionale Tiefe ebenso wie die Souveränität und Integrität im Entscheiden, Sprechen und Tun.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Welt, in der wir heute leben, eine Menge großer Herausforderungen mit sich bringt. Ich glaube, wir täten gut daran, all unsere Lebensenergie in die Mehrung des Wahren, Guten und Schönen zu legen anstatt in beständig neue (und so oft unnötige!) Konflikte miteinander und mit uns selbst.

Ich glaube, dass angesichts der großen Fragen in Sachen lokaler und planetarer Gesundheit, Bildung, Umwelt, Sicherheit und Lebensfreude ein Menschenbild hilfreich und nützlich ist, das uns eine Perspektive anbietet, die unsere Einheit und Widersprüchlichkeit miteinander vereint.

Ich glaube, es gibt eine solche Sicht.
Ich nenne sie: Den Fliegenden Holländer.

 

Der Fliegende Holländer

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“
Sir Arthur Conan Doyle (1859 – 1930)

Die Sage vom Fliegenden Holländer ist weltbekannt. Es heißt, der Fliegende Holländer segle mit seiner verfluchten Mannschaft bis an das Ende aller Zeiten über die Ozeane der Welt. Dabei hat er erstaunliche Fähigkeiten. Er durchquert mit vollen Segeln jede Flaute, hält unbeeindruckt von Stürmen Kurs und segelt, wenn es nützlich ist, sogar rückwärts. Davon ab kann er in vielen Fassungen der Sage sogar tatsächlich fliegen.

Stellen wir uns vor, das, was wir ‚ich‘ nennen, wäre der ‚Fliegende Holländer’…

Schon ganz am Anfang meiner kleinen Allegorie zeigt sich eine nicht unwichtige Verbindung zum ‚ich‘. Denn ebenso wie die Frage nach dem Kern des ‚ich‘, so ist auch die Frage nach dem Wesen des Fliegenden Holländers nicht eindeutig zu beantworten. Die einen sagen, der Name bezeichne das fliegende Schiff. Die anderen sagen, es sei der Name des Kapitäns. Wer hat Recht?

Stellen wir uns vor, du wärst dieser Fliegende Holländer.

Das bedeutet in diesem Bilde, du wärst sowohl der Kapitän dieses Schiffes als auch zugleich das gesamte verfluchte Schiff – einschließlich seiner verfluchten Mannschaft. Und ebenso einschließlich des Kapitäns an Bord.

Der Fluch, der dich in meiner Fassung dieser Geschichte getroffen hat, ist noch ein wenig schlimmer, als es die Mythen überliefern:

Das Schiff ist verflucht, auf ewig die Meere zu kreuzen, ohne jemals einen Hafen anzulaufen. Der Ozean in diesem Bild steht für unser Leben auf Erden. „Auf ewig“ bedeutet in diesem Falle: Für die Dauer unserer Existenz auf Erden. In dem Moment, in dem unser System stirbt, endet die Existenz unseres ‚ich‘. Und möglicherweise auch die unseres ’selbst‘.

Der Kapitän deines Schiffs (bzw. die Kapitänin, falls du eine Frau bist) darf nicht nur nicht an Land, sondern ist darüber hinaus dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit (siehe oben!) in seiner bzw. ihrer Kajüte zu verharren und von dort aus das verfluchte Schiff und seine/ihre Mannschaft oder Frauschaft zu führen.

Von Ponyhof hat niemand gesprochen.

Das Schiff in dieser Fassung der Geschichte steht für unser ‚ich‘: Unser Auftreten, unsere Taten und Worte. Auch: Unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erinnerungen, Wünsche, Handlungsimpule und Verhaltenstendenzen. Unser ‚ich‘ ist all das, was Andere und wir selbst von uns wahrnehmen und erkennen können. Hierzu zählen, zur Widerholung, sowohl unsere Verhaltensweisen im Außen als auch jene innerpsychischen Phänomene, die nur wir selbst wahrnehmen können, z.B. unsere Gedanken.

Den Kapitän oder die Kapitänin auf diesem Schiff nenne ich unser ’selbst‘: Den innersten Kern unserer Psyche. Dieses ’selbst‘ tritt nicht direkt mit der äußeren Umwelt in Interaktion, schließlich ist er/sie im Kapitänsquartier gefangen. Den Kurs und die Handlungen unseres ‚ich‘ bestimmt die Besatzung an Bord. Diese besteht aus verschiedenen, von einander differenzierbaren „Persönlichkeitsanteilen“, „ich-Aspekten“ oder „Instanzen“.

Jede dieser Instanzen (jedes Mitglied der Besatzung) hat hierbei eigene Interessen, Werte, Sichtweisen, Verhaltensmuster und Vorstellungen vom besten oder einzig wahren Kurs. An Deck (in unserer Psyche) herrscht ein reges Sozialleben. Es gibt Konflikte und Verhandlungen, Konkurrenz und Kooperation.

Im Alltag erleben wir dieses innerpsychische Sozialleben beispielhaft in unseren „Selbstgesprächen“. Wenn wir genau hinhören, werden wir feststellen, dass es in solchen ausgesprochenen oder auch nur gedanklichen Debatten zumeist mehr als eine Stimme gibt, die eine Meinung zur Sache hat. Wenn wir noch genauer hinlauschen, stellen wir fest, dass diese differenzierbaren „Stimmen im Kopf“ nicht nur unterschiedliches sagen, sondern sogar unterschiedlich „klingen“. Jede Instanz in uns hat einen ihr eigenen Stimmklang, Sprechrhythmus und Wortschatz. Das kann uns wichtige Informationen darüber geben, woher diese Gedanken, Impulse oder Gefühle stammen. Eine Antwort, die mehr Präzision erlaubt als das zwar korrekte, aber nur sehr oberflächliche „Na, aus mir selbst heraus.“

Als Kapitän/in bist du nicht blind. Deine Kajüte hat eine herrliche Aussicht. Du siehst See und Wetterlage und vielleicht sogar das eine oder andere Schiff. Die meisten deiner Fenster jedoch gehen nur nach hinten hinaus. Zwei kleine Fenster zeigen nach vorne auf’s Deck, allerdings siehst du durch sie lediglich einen kleinen Teil deines Schiffs und leider so gar nichts von dem Meer, das vor dir liegt.

Dein Blick bleibt also auf einen kleinen Teil der Welt da draußen (das Meer) und da drinnen (das Schiff) beschränkt. Was du als Kapitänin oder Kapitän auf deinem Schiff am besten siehst, ist die Vergangenheit. Immerhin.

Zwar kannst du deine Kajüte nicht verlassen, allerdings kann jedes Mitglied deiner Besatzung das Quartier betreten. Manche Anteile in dir machen von dieser Möglichkeit selten, manche mehrmals täglich Gebrauch.

Auf diese Weise führst du dein Schiff.

Die Besatzungsmitglieder, die du empfängst, erzählen dir von dem, was sie vom Deck des Schiffes aus sehen. Sie berichten dir ebenfalls, was sie an und unter Deck des Schiffes erleben. So erfährst du nicht nur genauere Informationen über die herrschenden Wetterverhältnisse, sondern auch über Prozesse oder Konflikte an Bord.

Unser ’selbst‘ (der/die Käpitän/in) nimmt wahr und entscheidet, was zu tun ist. Allerdings kann unser ’selbst‘ nicht jede einzelne Handlung oder jedes einzelne Wort vorher bestimmen. Stattdessen besteht seine Fähigkeit darin, Zuständigkeiten und Aufgaben zu verteilen und Positionen wie Steuerrad, Ausguck oder Kombüse zu besetzen. Die erfahrene Kapitänin weiß: Dies kann im Sturm durchaus jemand sehr anders sein als in der Flaute, auf hoher See jemand anders als in Küstengewässern.

Auf diese Weise lenkst ‚du‘ (als Kapitän/in) das Schiff (das ebenfalls ‚du‘ bist) über die Ozeane deines Lebens. Du schaust aus dem Fenster, verschaffst dir eine Übersicht. Immer wieder klopfen Matrosen von Deck an deine Tür. Manche poltern auch geradezu blindlings in dein Quartier und bedrängen das ’selbst‘ mit Geschichten von Gefahren, Not oder großen Chancen. Wobei du schnell blickst, dass die Berichte, die du von Deck hörst, zum Teil sehr, sehr unterschiedlich sind.

Jedes Mannschaftsmitglied an Bord deines ‚ichs‘ begründet seine oder ihre Sicht der Dinge höchst plausibel. Und bittet oder fordert ein entschlossenes Handeln gemäß seinen Vorstellungen. In die Unterredung hinein jedoch platzt nicht selten eine andere Matrosin, die auf ebenso plausible Weise zu einer ganz anderen Sicht der Dinge kommt und ihrer Vorrednerin leidenschaftlich widerspricht.

So oder so ähnlich passiert es in unserem Geist dutzende Male an jedem einzelnen Tag. Und glaube mir: in jedem anderen menschlichen Geist, der uns umgibt.
Das Schiff, das wir sind, ist unser handelndes ‚ich‘. Es tritt als Ganzes mit seiner Umwelt in Interaktion. Je nachdem, welche innere Instanz (welches Mitglied der Mannschaft) am Steuer steht, nimmt das Schiff, das wir unser ‚ich‘ nennen, seinen Weg über den Ozean des Lebens.

Ein besonderes Element an Bord jedes Schiffes ist die Kapitänin bzw. der Kapitän. Es ist ihre bzw. seine Reise. Er bzw. sie hat das Recht, über den Kurs zu bestimmen. Sofern die Mannfrauschaft ihrem bzw. seinem Wort folgt.

Die Informationen in Form von Beschreibungen, Interpretationen, Empfehlungen oder Forderungen unserer Besatzung, die der Kapitän erhält, kennen wir als ‚Gedanken‘. Unsere ‚Gefühle‘ sind die intentionalen Energien, mit denen unsere Instanzen uns (das ’selbst‘) zu Entscheidungen und/oder Verhaltensweisen zu bewegen versuchen.
Lernen wir das Schiff noch ein wenig besser kennen.

Woraus besteht die Mannschaft oder Frauschaft dieses Fliegenden Holländers, den wir unser ‚ich‘ nennen? Wie kommen die „verfluchten Seelen“ an Bord? Und was sind das eigentlich für Gestalten?

 

Die verfluchte Besatzung

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Antoine de Saint-Exupéry (1900-44)

Vorab: Niemand hat erwähnt, dass die Mitglieder unserer Besatzung zwingend Untote, Monster oder sonstwie bösartig und häßlich wären. Sie sind lediglich „verflucht“. In unserem Falle bedeutet das, dass sie für die Dauer ihrer Existenz an Bord dieses und ein Teil des Schiffes zu sein, das wir unser ‚ich‘ nennen. Im Gegenteil. Die meisten, die ich bislang kennen gelernt habe, sind ganz wunderbare Wesen, die ihr Bestes geben, um dem Gesamtsystem zu dienen.

Meiner Erfahrung nach existieren drei verschiedene Arten von inneren Instanzen in der psychischen Welt unseres ‚ich‘:

Zum einen finden wir hier so etwas Ähnliches wie jüngere Fassungen von uns selbst. Der Begriff „inneres Kind“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort. Ich glaube allerdings, dass es in vielen von uns (in mir zum Beispiel) mehr als nur ein inneres Kind gibt. Auch finden sich nicht selten mehrere Anteile in jugendlichem und jungem Erwachsenenalter.

Möglicherweise handelt es sich bei diesen Instanzen um frühere Selbstkonzepte, die wir im Laufe unseres Lebens zwar überwunden haben, aber weiterhin (da unsterblich!) auf unserem Schiff beheimaten.

Andere Mitglieder unserer Mannfrauschaft rekrutieren wir aus Vorbildern aus unserer realen oder fiktionalen Umwelt. Die meisten von uns haben beispielsweise Introjekte (gedankliche Kopien) ihrer Eltern an Bord ihres Schiffes. Manche solcher verinnerlichten Eltern können durch ihre häufig als unangenehm empfundenen gedanklichen Einwürfe zu einer echten Plage im Alltag werden.

Viele von uns haben darüber hinaus Introjekte von Großeltern, Geschwistern oder anderen wichtigen Personen der eigenen Lebensgeschichte. Nicht wenige Menschen (ich wieder eingeschlossen) haben auch Persönlichkeitsanteile, die sich ursprünglich aus fiktiven Personen in Büchern oder anderen Medien speisten.
Unsere Instanzen oder Anteile (unsere „Frauschaft“) agieren wie lebendige Wesen. Sie entwickeln sich weiter und verändern sich sogar. Eine Sache jedoch ändern sie nimals, und das ist ihr Alter.

Ein trotziges ‚ich‘, das im Alter von etwa zwei bis drei Jahren erwacht war, mag lernen, im Laufe des Lebens seinen Trotz in Klarheit und Selbstfürsorge zu transformieren, weil es wiederholt und oft genug erfährt, dass es geliebt, geachtet und behütet ist. Aber es wird dabei immer zwei bis drei Jahre alt sein. Sein Umgang mit der Welt ist emotional, impulsgesteuert und unmittelbar. Andere Anteile in uns sind möglicherweise 5 oder 8 oder 11, 14, 20 oder 28 Jahre alt.

Die dritte Gruppe von Anteile in uns ist alterslos. Hier finden wir die von C.G. Jung beschriebenen Archetypen der Seele: Den König, die Kriegerin, den Narren, die Weise, das Tier, den Engel, die Strategin, den Abenteurer, das Opfer, die Jägerin, den Spieler, die Wahrheitssuchende und noch einige mehr.

Vielfach entstehen neue Instanzen in uns in Phasen der Krise. Solche Situationen sind dadurch definiert, dass wir mit unserem Wissen und mit unseren Fähigkeiten am Ende sind. Übertragen auf das Bild vom Fliegenden Holländers bedeutet dies: Keiner der Matrosen an Bord ist im Stande, das Schiff aus dem Sturm oder der Flaute, die es erlebt, heraus zu führen.

Vor allem Menschen, die sich und ihr ‚ich‘ als sehr wichtig nehmen, erleben derartige Entwicklungsphasen häufig als existenziell bedrohlich.

Die Introjekte unserer Kindheit und Jugend speisten sich wahweise durch Wiederholung emotional gefärbter Erfahrungen mit immer wieder denselben Personen in unser System ein oder aber auch durch einzelne Erfahrungen, wenn diese als massiv emotional und bedeutsam erlebt werden.

Erfahrene Kapitäninnen und Kapitäne (hierzu später!) sind sogar in der Lage, das ‚ich‘, das das Schiff ist, bewusst dazu zu bringen, spezifische neue Anteile zu erschaffen, wenn sie ihr Sein auf Erden um neue Fähigkeiten, Perspektiven und/oder Herangehensweisen erweitern wollen.

 

Der Kapitän / die Kapitänin

„Zur Führung eines Schiffes wählt man nicht denjenigen unter den Reisenden, der aus dem besten Hause stammt.“
Blaise Pascal (1623-62)

Auf jedem Schiff der Welt obliegt die Aufgabe, das Schiff zu führen, bei der Kapitänin bzw. beim Kapitän. Es ist sein/ihr Schiff, seine/ihre Mannschaft/Frauschaft und in unserem Falle außerdem: sein/ihr Leben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Kapitän und jede Kapitänin diesem Auftrag und dieser Bestimmung auch nachginge. Darüber hinaus existieren unzählige Möglichkeiten, ein Schiff so zu führen, dass an Bord Meuterei und Chaos ausbricht. Und nur wenige, ihn so zu führen, dass an Bord eine Kultur der Kooperation und der gegenseitigen Achtung herrscht.

Wir können uns einen Kapitän vorstellen, der mit seinem Schicksal hadert und kontrollsüchtig jede Handlung seiner Matrosen zu bestimmen versucht.

Erinnern wir uns: Er kann sein Quartier nicht verlassen…! Was wird er dadurch erzeugen?

Oder eine Kapitänin, die angesichts der eigenen Ohnmacht das Schicksal des Schiffes resigniert der Frauschaft selbst überlässt.

Oder einen Kapitän, der naiv allen Worten glaubt, die ihm in seiner Kajüte mitgeteilt werden und sein Gehör nach der Lautstärkeregel verteilt.

Oder eine Kapitänin, der das Führen ihres Schiffes viel zu kompliziert und undurchsichtig erscheint und die es darum vorzieht, verträumt aus den Fenstern nach hinten hinaus zu schauen.

Die Führung an Bord erhalten Kapitäninnen und Kapitäne nicht von allein. Aus Sicht der agierenden Anteile muss das ’selbst‘ sich seine Führerschaft an Bord des Fliegenden Holländers immer wieder neu verdienen.

In einem derartigen Szenario funktionieren Strategien der Machtdemonstration nicht besonders gut. Im Gegenteil. Da die Kapitänin in ihrem Quartier gefangen ist, ist jeder Machtkampf, auch wenn sie ihn haushoch gewinnt, außerhalb ihres Quartiers ohne jeden Wert. Schlimmer noch: Eine Kapitänin, die in ihrer Frauschaft den Ruf trägt, zu Machtdemonstration und Schaukämpfen zu neigen, wird es schwer haben, in der eigenen Frauschaft Respekt und Wohlwollen zu erlangen.

Gebunden in seine Kajüte kann der Kapitän eines solches Schiffes nur auf echte Führungsstärke und Überzeugungskraft setzen. Je früher er das versteht, desto besser ist es für ihn, den Kapitän, und für ihn, das Schiff.

Die Führung eines Fliegenden Holländers aus dem Quartier des Kapitäns heraus kann nur wirksam sein, wenn dessen Kapitän in seiner Mannschaft so viel Achtung, Vertrauen und Freundschaft erzeugt, dass diese ihm allein auf sein Wort und Wollen hin folgt.

Diese Art von Selbstführungsstärke verlangt ein hohes Maß an Selbsterkenntnis, Selbstannahme und nicht zuletzt auch Selbstkonfrontation. Daher ist sie bislang verständlicherweise noch sehr selten. Und so wundert es nicht, dass viele Menschen in unserer Kultur sich innerlich gespalten, widersprüchlich, wankelmütig und/oder fremdbestimmt fühlen.

Ein Schiff, das keinen von der Mannschaft getragenen Kapitän hat, hat dadurch nicht keinen Kurs. Im Gegenteil: Es hat viele Kurse.

Da es keine Kapitänin gibt, die dem Schiff eine klare Führung gibt (sie kann schließlich ihre Kajüte nicht verlassen), ist das Steuerrad zum begehrtesten Platz an Deck geworden. Leider sind es jedoch nicht die klugen Entscheidungen eines bewussten ’selbst‘, die diesen Platz besetzen, sondern allein das Auf und Ab der Meinungs- und Kräfteverhältnisse an Bord.

Die psychische „Kraft“ einer Instanz hat hierbei nichts mit der „Form“ zu tun, als die wir diese möglicherweise visualisieren. In der Welt unserer Psyche sind Kleinstkinder stärker als die klügsten Gelehrten und manches Häschen mächtiger als ein Leopard.

Die psychische Kraft einer psychischen Instanz basiert allein auf der Quantität und Qualität an emotionaler Energie, die dieser Anteil für sich und seine Sache zum Einsatz bringt.

An Bord mancher Schiffe herrschen recht anarchische Verhältnisse. Nicht selten ist die Mannschaft gespalten, wobei eine der entstandenen Parteien die Oberhand hat und andere Instanzen nach besten Kräften unterdrückt.

Derlei innerpsychischen Konflikte oder Kämpfe machen nicht nur schlechte Laune, sie binden auch Unmengen an Lebensenergie und führen dazu, dass das Schiff des ‚ich‘ durch seinen ständig wechselnden Kurs scheinbar ziellos über die Meere treibt. Denn:

Selbst die unterdrückteste und versteckteste Instanz an Bord des Fliegenden Holländers ist auf ewig ein unsterblicher Teil unseres unsterblichen Schiffs. Wie alle anderen Instanzen auch wurde sie erschaffen, um dem System zu dienen und zu nutzen. Das ist ihr innerster Auftrag. Das ist der Grund, warum sie ist. Die Fesseln halten sie zwar möglicherweise eine gewisse Zeitlang an, aber niemals auf.

Stattdessen warten solche unterdrückten Teile unserer Mannschaft oder Frauschaft auf jene Momente, in denen ihre Wächter abgelenkt oder geschwächt sind. Unter Alkohol zeigt sich dies in schöner Verlässlichkeit. Aber auch emotionaler Stress oder körperliche Unterversorgung (Hunger, Durst, Müdigkeit, Sauerstoffmangel) können dazu führen, dass Menschen sich urplötzlich vollkommen anders verhalten, als ihre Umwelt es ansonsten von ihnen gewohnt ist.

Aus der Perspektive dieser Metapher heraus ist dies lediglich ein Zeichen dafür, dass andere Instanzen als sonst das Steuerrad übernommen haben und damit den Kurs des Schiffes bestimmen.

Je nachdem, wie lange solche unterdrückten Persönlichkeitsanteile still waren und je effektiver wir diese ‚ich‘-Anteile vor unserer Umwelt verborgen haben, desto überraschter reagieren wir selbst und/oder unsere Umwelt auf derartige „Ausrutscher“.

Ich glaube daher:

Wann immer wir Teile von uns selbst ablehnen und zu unterdrücken versuchen, dann ist das aufwändig, kostspielig und riskant.

Riskant, weil wir niemals die Garantie haben, dass unsere inneren Kontrollmechanismen nicht doch löchrig sind. Aufwändig, weil jede zu unterdrückende Energie mindestens dasselbe Maß an Energie darüber hinaus bindet, um sie von ihrem Wirken abzuhalten. Die emotionale Energie dieses Anteils geht dem System also in doppelter Menge verloren. Und kospielig, weil die Zeit unseres Lebens auf Erden begrenzt ist. Und wir möglicherweise eines Tages erkennen müssen, dass der Kurs unseres Schiffes uns sehr weit von dem fortgeführt hat, was unserem Potenzial entsprochen hätte.

 

Schöne Metapher. Aber:
Was ergibt sich daraus?

„Nicht die sichtbare und vergängliche Materie ist das Wirkliche, Reale, Wahre – sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist.“
Max Planck (1858 – 1947)

Ich glaube, daraus ergibt sich das Folgende:

Wenn wir erkennen, dass es einen Unterschied gibt zwischen unseren Gedanken, Impulsen und Gefühlen und unserem ureigenen psychischen Kern, dann haben wir

immerhin schon einmal die Verantwortungsfrage über das Schiff und seinen Kurs geklärt.

Allein das schon halte ich für viel wert.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Unterscheidung zwischen dem wie und was einer Handlung und der Intention dahinter uns sehr dabei behilflich sein kann, eine Kultur zu begründen, die durch alle Taten der Menschen hindurch das Gute in diesem Menschen zu sehen und zu achten vermag. Ich denke, eine solche Kultur würde zum Beispiel dem Lande, in dem ich lebe, gut zu Gesicht stehen.

Je besser wir die psychischen Kräfte in uns kennen lernen, desto öfter werden wir erfahren, dass alles, was in uns ist, ursprünglich entstanden ist, uns und unserem Leben zu dienen. Haben wir dies erst verstanden, ist der Schritt zu Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstmitgefühl urplötzlich gar nicht mehr weit.

Unsere Gedanken sind aus dieser Perspektive heraus betrachtet nicht mehr als die Sichtweisen, Meinungen oder Überzeugungen spezifischer, zumeist eindeutig von einander unterscheidbarer Instanzen unseres ‚ich‘, die unserem ’selbst‘ vortragen, was ihrer Meinung nach wichtig ist, wie die Datenlage zu deuten ist und welcher Kurs lang-, mittel- oder kurzfristig der richtige sei.

Keine der Stimmen in uns kennt die Wahrheit. Sie alle haben nur eine plausible Sicht auf das, was ist oder kommen mag.

Hierbei steht jede innere Instanz stellvertretend für eines oder mehrere essenzielle Bedürfnisse. Unter den Instanzen kann es durchaus Überschneidungen geben, so dass mehrere Anteile unserer Persönlichkeit sich für den Umgang mit einem unerfüllten Bedürfnis anbieten und eignen.

Mit dieser Perspektive im Hinterkopf könnten wir uns fragen, ob das, was wir als unsere „übliche“ Reaktion ansehen, möglicherweise im Grunde nur darauf beruht, dass unser ’selbst‘ es bislang gewohnt war, einfach immer der lautesten Stimme im Inneren nachzugeben.

Oder ob es vielleicht bislang noch gar keine Führung an Bord unseres ‚ichs‘ übernommen hat.

Ich glaube, wenn wir unser ‚ich‘ als ein innerpsychisches Sozialsystem zu sehen lernen, dann fällt es uns leichter, inneren Abstand zu finden von dem, was Psychologen gerne „alte Muster“ nennen.

Und ich glaube, es würde leichter fallen einander zu vergeben, wenn wir erkennen, dass das, was wir am Anderen ablehnen, nur die Ausprägung einer Instanz ist, die wir in uns selbst möglicherweise auch kennen. Wir haben in dieser Situation vielleicht bislang nicht aus dieser Energie heraus gehandelt. Aber: Wir hätten es tun können. Und: Es gab möglicherweise sogar Stimmen in uns, die genau dieses Vorgehen vorgeschlagen oder gar gefordert haben.

Oder?

Auf dieser Ebene ist es nicht ganz, aber doch ganz schön egal, was an Verhalten wir an anderen Menschen beobachten. Das Allermeiste davon kennen wir als Gedanken, Impuls oder gar Wunsch in uns selbst.

Also bitte:

Spielen wir nicht länger die Unschuld vom Lande. Oder erinnern wir uns wenigstens, dass genau diese Art von „Unschuld“ dem Sprichwort „Stille Wasser sind tief.“ zugrunde liegt.

Ich glaube, wir alle kennen diese widerstrebenden Anteile in uns. Nur haben wir bislang nie daran gedacht, sie auch zu benennen. Dies jedoch kann sehr hilfreich dabei sein, wenn man miteinander in Kontakt treten will. Und wenn ein ’selbst‘ will, dass sein ‚ich‘ etwas tut, dann ist in meinen Augen wirksame Kommunikation mit uns selbst gefragt.

Wenn wir nun also noch einmal die Metapher vom Schiff und seiner Mannschaft strapazieren, so lasse mich bitte abschließend ein paar Worte darüber verlieren, was ich einer/einem jungen oder einfach noch unerfahrenen Kapitän/in raten würde, der oder die gerne mehr Einfluss auf den Kurs seines oder ihres ‚ich‘ durch sein/ihr Leben nehmen würde.

 

Ratschläge an eine junge Kapitänin

„Das tiefste Geheimnis ist, dass das Leben keine Entdeckungsreise, sondern ein Schöpfungsprozess ist. Du entdeckst Dich nicht, sondern Du erschaffst Dich neu. Versuche also nicht, herauszufinden, wer Du bist, sondern zu bestimmen, wer Du sein willst. „
Neale Donald Walsch (* 1943)

 

Liebe Kapitänin, lieber Kapitän!

Dies ist dein Schiff. Dies ist dein ‚ich‘. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kräfte: Anteile, Instanzen, Persönlichkeiten oder wie auch immer du sie nennen magst. Jede von ihnen wurde nur zu dem Ziel geboren, dir (dem Schiff) zu dienen.

Du möchtest diese Mannschaft oder Frauschaft führen? Wohlan!

Dann empfehle ich dir zu allererst: Lerne deine Mannschaft oder Frauschaft kennen, jede einzelne Instanz in dir! Finde heraus, wer und wie sie ist, seit wann sie ein Teil des Schiffes ist, das du bist. Finde heraus, was ihre ureigenen Fähigkeiten und Stärken sind, die sie in dein System einbringt. Sie war damals die Lösung für ein Rätsel oder gar Problem. Vielleicht könnte sie dir auch heute nützliche Dienste erweisen.

Lerne die lebendigen Beziehungsstrukturen in deinem ‚ich‘ kennen. Welche Instanzen (Anteile, Aspekte) in dir kommen sich immer wieder in die Haare? Wer springt immer wieder dazu, wenn eine andere Instanz sich unwohl fühlt? Wer tritt niemals ins Quartier, auch wenn er oder sie ganz offensichtlich zumindest ab und an Zugriff auf das Steuer hat?

Wenn du dein Schiff wahrhaft führen willst, dann lerne die Instanzen und Anteile deiner Psyche nicht nur kennen, sondern möglichst bald danach sogar lieben. Erkenne die Schönheit und das Licht in jedem oder jeder Einzelnen von ihnen. Sie alle haben Fähigkeiten und Talente, aber auch Sehnsüchte und Wünsche. Alles, was sie dir sagen, enthält Information über ihr Befinden sowie über die Stimmungs- und Bedürfnislage auf deinem Schiff. Auch wenn das, was deine Gedanken dir erzählen, nicht die Wahrheit ist, so enhält doch jede Geschichte, die du hörst, mindestens einen Funken von Wahrheit.Entstanden sind die Instanzen in dir in ganz spezifischen Situationen oder Phasen deines Lebens. Darum neigen sie dazu, sich insbesondere in ähnlichen Situationen oder artverwandten Phasen in den Vordergrund zu drängen.

Bitte schelte sie nicht dafür!

Das ist es, wofür sie damals entstanden sind. Wenn du sie, statt sie auszuschimpfen, neugierig kennen und mit Selbstmitgefühl lieben lernst, so kannst du ihnen eines danach gar nicht mehr so fernen Tages schließlich neue Aufgaben und Ziele anvertrauen, in denen sie sich selbst nicht nur als wertvolle Elemente des Gesamtsystems erkennen, sondern das System, das du bist, durch sie sogar so manchen Vorteil oder Fortschritt erlangt.

So könnte es beispielsweise möglich sein, dass du im Verlauf deines Lebens zwar neue Strategien erlernt hast, die in manchen Settings deines Lebens viel geeigneter wären, eine gute, leichte oder gar elegante Lösung zu ermöglichen als die bisherigen. Du weißt, was zu tun wäre, aber ein Teil von dir blockiert. Im Bild des Fliegenden Holländers bedeutet dies, dass eine konkrete Instanz in dir ein Veto einlegt und das Steuer blockiert.

Auch wenn du dies erlebst, rate ich dir: Lerne diesen Teil kennen. Erkenne das Bedürfnis, für das er (oder sie) steht. Finde eine Lösung für dieses Bedürfnis. Dann löst sein oder ihr Widerstand sich mit großer Wahrscheinlichkeit von alleine auf.

Gib den Anteilen oder Instanzen in dir, die du bemerkst und erkennst, Namen!

Da sie sich nicht selbst benennen können, ist der Name, unter dem wir eine innere Instanz zunächst kennenlernen, manchmal ein Name, den andere innere Instanzen ihr gegeben haben, als diese über sie sprachen. Manchmal passt dieser Name sehr gut. Manche solcher inner-circle-names bringen die Kräfte und Energien solcher Instanzen geradezu lyrisch auf den Punkt.

Andere Namen, die innere Instanzen einander geben, sind nicht besonders treffend oder schön. Sie fokussieren beispielsweise einzig auf eine Schwäche oder eine unangenehme Seite dieses Teils. Dies ist rein logisch betrachtet in jedem Fall ein Hinweis auf einen verdeckten oder offenen Konflikt an Bord.

Gib den Instanzen in dir, die du kennen lernst, daher gute und kraftvolle Namen. Dies sollten gar nicht unbedingt konkrete menschliche Namen sein. Treffender und sogar nützlicher sind archetypische Bezeichnungen wie „die Königin“ oder „das Kind“, „der Engel“ oder „das Tier“, „die Kriegerin“ oder „der Stratege“. Oder. Oder. Oder.
Wenn du offen bist, wirst du schon merken, wann sich ein Name, den du als Kapitän einem Besatzungsmitglied deines Schiffes gibst, sich für diesen ehrenvoll und lebendig anfühlt – und wann nicht.

Bedenke: Wer sich von anderen abgelehnt, ausgegrenzt oder entwertet fühlt, der verliert dadurch nicht an Kraft oder Willen. Er verliert dadurch nur an Motivation, diese Kraft und diesen Willen dafür einzusetzen, dem Rest der Besatzung ihr Dasein möglichst angenehm zu machen. Und schon gar nicht dem Kapitän, der für diese Kultur verantwortlich zeichnet.

Sprich mit deiner Besatzung! Sprich mit jedem und jeder. Öffne deine Tür und halte keinen Anteil in dir vor deinem ’selbst‘ zurück!

Das ist übrigens ganz wörtlich gemeint. Wir sind in der Lage, innere Dialoge nicht nur zu beobachten, wir können in diese Gedankenfolge auch ganz bewusste Interventionen einbringen, die die „sprechenden“ Anteile in uns dazu bringen, miteinander eine gemeinsame kooperative Strategie zu entwicklen.

Wenn es unterschiedliche Auffassungen von einer Sache in dir gibt, höre dir beide oder gar alle Seiten in Ruhe an, bevor du dich entscheidest, was mit dieser Situation zu tun ist! Die Zeit, die es dafür braucht, ist in aller Regel gut investiert.

Wann immer sich eine deiner Instanzen emotional aufdrängt und das Recht auf alleinige Deutungshoheit einfordert, frage ganz bewusst nach, welche anderen Instanzen in dir zu dieser Situation eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben! Höre dir an, was diese leiseren Stimmen zum Thema zu sagen haben. Was zu tun ist, das entscheide erst danach.

Übernimm zugleich mitfühlend und entschlossen die Führung auf deinem Schiff. Da dies die einzige Reise ist, die du mit diesem Schiff machst, rate ich dir: Wähle deine Ziele weise. Erkenne jedoch, dass du allein die Wahl hast, ob du Beliebtheit oder Integrität ansteuerst, ob Bequemlichkeit oder Würde. Da dies die einzige Reise ist, die du in diesem Leben machen wirst, empfehle ich dir, dass du einen Kurs setzt, der dich an seinem Ende stolz und dankbar zugleich zurück blicken lässt.

Halte dir stets vor Augen, dass auch auf den Schiffen um dich herum Kapitäninnen und Kapitäne in ihren Kajüten gefangen sind. Manche von ihnen haben ihr Schiff ganz offensichtlich wenig im Griff. Manche von ihnen hatten möglicherweise bislang einfach noch nie ein Vorbild dafür, wie man das eigene ‚ich‘ anders führen kann. Vielleicht kannst du ihnen ein Vorbild dafür sein. Und wenn nicht, dann solltest du sie doch zumindest nicht dafür strafen, dass sie selbst nicht weiter sind als du.

Dies, junger Kapitän, junge Kapitänin, ist der Rat, den ich dir geben kann.

Erkenne und erfahre dich selbst.

Und dann führe dich und dein Leben so, dass
es dich heute mutig und morgen dankbar macht.

Goode Fahrt, min Deern!
Goode Fahrt, min Jung!

Wir sehen uns auf See!

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klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

klüger fühlen 06:

Klüger fühlen!

„Höchste Weisheiten sind belanglose Daten,
wenn man sie nicht zur Grundlage von
Handlungen und Verhaltensweisen macht.“

Peter F. Drucker

Was ergibt sich aus diesem Modell unserer Gefühle für unseren täglichen Umgang mit ihnen? Welche Schlüsse lassen sich ziehen, und wie können diese uns im Umgang mit unserem eigenen Gefühlsleben hilfreich sein?

Dieses letzte Kapitel führt uns von der Theorie zurück ins wahre Leben. Dort schließlich haben viele von uns es immer wieder mit schwierigen Gefühlen zu tun.

Die Eleganz dieses Modells liegt darin, dass wir nicht mehr jedes einzelne unserer mannigfaltigen Gefühle verstehen und durchleuchten müssen.

All unsere Gefühle entstehen aus den 6 Grundkräften Freude, Ärger und Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust. Kaum eines enthält mehr als eines oder zwei dieser Grundgefühle in relevanter Stärke. Diese Grundkräfte allerdings definieren bereits die Richtung und das Ziel der zum Ausdruck kommenden emotionalen Energie. Wir müssen lediglich in der Lage sein, diese 6 unterschiedlichen Energien in unserem eigenen Erleben zu differenzieren und zu identifizieren.

Hierzu braucht es kein langes Training. Das ist nicht schwer.

Wie diese basale Unterscheidung unseren Umgang mit unseren „schwierigen“ Gefühlen radikal vereinfacht, zeige ich im zweiten Teil dieses Abschnitts.

Zunächst jedoch möchte ich unsere gemeinsame Aufmerksamkeit auf jene Gefühle lenken, die uns in aller Regel keine großen Probleme machen. Das bedeutet allerdings nicht, dass es egal wäre, wie wir mit ihnen umgehen.

 

Freude und Lust: Have a good time!

„Ich fühle mich heute so energetisiert, als hätte man
in meinen Genen die Doppelhelix von beiden Seiten
mit Lunten angezündet.“
Christa Schyboll

Es ist fast ein wenig seltsam, dies überhaupt zum Thema zu machen. Sollten wir doch davon ausgehen, dass kaum ein Mensch überhaupt etwas besseres zu tun wüsste, als Freude und Lust (und auch ein bisschen Überraschung) in sein Leben einzuladen.

Traurigerweise ist dem gar nicht so.

Viele Menschen in unserer Kultur haben in der Tat große Hemmungen darin, sich wirklich über Dinge oder auf Dinge zu freuen. Zwar benennen sie Freude, aber ihre Augen leuchten dabei nicht, so wie es bei gefühlter Freude der Fall ist. Das Konzept von „Freude über“ oder „Lust auf“ existiert für diese Menschen sehr wohl. Allerdings fühlen sie diese Gefühle nur in begrenztem Maße.

Erinnern wir uns:

Die Freude verstärkt neuronale Bahnen immer dann, wenn unser System eine Befriedigung von Bedürfnissen erlebt. Zwar lernt unser System auch an den unangenehmen Gefühlen, an der Freude aber lernt es, was funktioniert.

Die Lust erhöht unser Energieniveau in Vorbereitung auf ein zukünftiges Ereignis. Selbst wenn das, worauf wir uns freuen, noch in einiger Zukunft liegt, steht uns die durch die Lust entstandene Energie im Hier und Jetzt zur Verfügung. Dieser Energie nämlich ist es egal, ob wir sie dafür nutzen, um unsere Fäuste zu ballen und zu schmollen, im Zimmer auf und ab zu gehen, die Fenster zu putzen, zu joggen oder ein Projekt voran zu treiben.

Wir können uns entscheiden, hohe Hürden an das zu legen, worüber und worauf wir uns freuen. Dies wird allerdings ohne jeden Zweifel die Auswirkung haben, dass wir uns von nun an seltener freuen. Außerdem führt es dazu, dass unser Gehirn weniger von dem lernt, was uns gut tut.

Ich persönlich habe mich dafür entschieden, in diesem Leben, das möglicherweise mein einziges ist, Freude und Lust möglichst häufig und möglichst intensiv zu fühlen. Darum freue ich mich viel und gerne über und auf kleine Dinge.

Mein eigenes Leben ist dadurch bedeutend vielfältiger und reicher geworden, als es vorher war. Mir ganz persönlich gefällt das ausgesprochen gut.

 

„Überraschung!!!“

„Zu mancher richtigen Entscheidung kam es nur,
weil der Weg zur falschen gerade nicht frei war.“
Hans Krailsheimer

Nicht jede Überraschung, die wir erfahren, ist uns willkommen. Manche erleben wir als Enttäuschung. In der Tat ist jede Überraschung, ob positiv oder negativ, genau dies:

Eine Ent-Täuschung.

Die Überraschung lehrt uns, dass unsere Annahmen fehlerhaft waren – sei dies in die eine oder in die andere Richtung. Das bedeutet: Der Moment der Überraschung ist ein Moment des Lernens. Wir erfahren mehr über die Situation, in der wir uns befinden.

Je besser wir die Welt, das Leben und unsere Mitmenschen kennen, desto bewusster und leichter können wir unser Leben leben. Dafür ist es allerdings notwendig, dass wir immer wieder ent-täuscht werden. Beziehungsweise: überrascht.

Daher sollten wir das Leben und unsere Mitmenschen bereitwillig dazu einladen, uns immer wieder zu überraschen und zu ent-täuschen. Damit unser Blick auf uns selbst, das Leben, die Welt und die Menschen um uns herum so klar und ungetrübt werden kann, dass wir sehen, was wirklich ist.

 

Ärger und Traurigkeit: „love it, change it, leave it!“

„Die Natur muss gefühlt werden.“
Alexander von Humboldt

Grundlage all unseren Fühlens ist ist der Zustand unserer körperlichen oder psychischen Bedürfnisse. Diese Tatsache ist vor allem im Umgang mit Ärger und Traurigkeit massiv relevant.

Da uns Ärger und Traurigkeit auf den Zustand unserer Bedürfnisse hinweisen, wir zu diesen jedoch zumeist nur indirekten Zugang finden, lauten die zwei ersten Grundfragen im Umgang mit ihnen:

1. Welcher meiner Wünsche ist gerade unerfüllt?
2. Welches Bedürfnis kommt durch diesen Wunsch zum Ausdruck?

Je klarer ich in der Lage bin, die Bedürfnisse hinter meinen Wünschen zu erkennen und zu benennen, desto flexibler werden meine Wünsche, weil ich weiß: Nicht sie sind es, worum es geht, sondern unsere ursprüngliche Bedürfnisse dahinter.

Sobald ich die aktuell unerfüllten Bedürfnisse identifiziert habe, stellen sich sich nächsten beiden Fragen:

3. Gibt es etwas, das ich tun kann, um diesen Zustand zu ändern? Und wenn ja:
4. Bin ich gewillt, in der Lage und bereit, das hierfür Notwendige zu tun?

Lautet die Antwort auf diese Fragen „ja!“, dann ist es an der Zeit, mein Bestes zu geben, um die Situation, in der ich mich befinde, zu verändern. Die beste Energie hierfür ist die Entschlossenheit – die reine, konstruktive Kraft des Ärgers.

Ist die Antwort auf eine der beiden letzten Fragen ein „nein!“, dann ist es an der Zeit, das, was ich nicht ändern kann (oder will) anzunehmen, auch wenn dadurch wichtige Bedürfnisse unerfüllt bleiben. Die Energie, die uns dies möglich macht, finden wir in der Traurigkeit.

Jeder Funken unserer Lebenskraft steht uns nur einmal zur Verfügung. Wir können ihn dafür verwenden, an Dingen herumzuzerren, die wir nicht verändern können. Oder wir stecken ihn in diejenigen Dinge, die wir verändern können. Im Grunde erscheint die Entscheidung leicht.

Damit wir diese Wahl jedoch treffen können, ist es notwendig, dass wir sowohl Ärger als auch Traurigkeit als positive Kräfte unseres Lebens erkennen und anerkennen. So lange wir uns eines dieser beiden Gefühle untersagen, weil wir glauben dadurch würden wir „böse“ oder „schwach“, so lange steht uns die diesem Gefühl innewohnende Kraft nicht zur Verfügung.

 

Angst

„Schau der Furcht in die Augen,
und sie wird zwinkern.“
Russisches Sprichwort

Jede Angst, die wir fühlen, ist auf ein Ereignis in der Zukunft ausgerichtet. So lange dieses Ereignis, das wir fürchten, in der Zukunft liegt, werden wir daher Angst empfinden – wahlweise in ihrer Reinform oder aber als komplexe Stimmung der Sorge, des Unbehagens, des Misstrauens oder der Schüchternheit.

Den größten Teil dieser Zeit über dringt diese Angst nicht in unser Bewusstsein. Wir spüren sie allerdings, wenn wir Acht geben, als latente Dauerspannung, die dazu führt, dass wir an Eleganz verlieren, leichter Fehler machen und bedeutend häufiger in Konflikte geraten. Außerdem verbraucht diese Spannung unsere Energie.

Ein guter Umgang mit der Angst ist weitaus diffiziler als mit Ärger oder Traurigkeit. Schließlich sind Ungewissheit und Unklarheit ihr Wesenskern. Die Angst erhält sich selbst durch Spekulationen, Ahnungen und Andeutungen aufrecht. Daher ist es klug, der Angst mit wachem Geist zu begegnen. Anders wird es uns nicht gelingen, die tatsächlichen Fakten, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten aus dem emotionalen Durcheinander zu extrahieren, mit dem die Angst uns unter Spannung setzt.

Fragen im Umgang mit der Angst:

1. Wovor fürchte ich mich eigentlich genau?
2. Wie wahrscheinlich ist das Ereignis, das ich fürchte?
3. Welche Konsequenzen hätte dieses Ereignis schlimmstenfalls auf mein Leben? (worst case scenario)
4. Welche positiven Alternativszenarien wären möglich? (best case scenario)
5. Welche Möglichkeiten habe ich, aktiv auf das Ereignis einzuwirken?
6. Welche Möglichkeiten habe ich noch?
7. Welche Möglichkeiten habe ich noch?

Eine handfeste Strategie im Angesicht von Angst besteht darin, diejenigen Dinge, vor denen wir uns fürchten, so bald wie möglich zu tun. Dieses eine Gespräch so bald wie möglich zu führen. Diese eine Information so bald wie möglich einzuholen. Diese eine Entscheidung so bald wie möglich zu fällen.

In dem Augenblick, in dem das, wovor wir Angst hatten, Wirklichkeit wird, verwandelt sich die Angst. Entweder in Ärger oder in Traurigkeit oder in Freude. Was immer passieren wird, wenn es passiert: Danach haben wir Gewissheit.

 

Der Haken an der Sache…

„Man reist ja nicht um anzukommen,
sondern um zu reisen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Einige der Leserinnen und Leser werden zwischendurch gedacht haben: So einfach kann es nicht sein.

In der Tat: das stimmt.

Das bedeutet nicht, dass dieses Modell nicht genau so Bestand hat, wie ich es in dieser Artikel-Reihe vorgestellt habe.

Allerdings ist das, was wir das „ich“ nennen, in meinen Augen mit Nichten ein Phänomen im Singular, sondern im Plural. Unsere Psyche besteht aus vielen (bei Erwachsenen im Schnitt 15-20) verschiedenen inneren Instanzen oder Anteilen.

Diese Instanzen, Aspekte oder Anteile unserer Persönlichkeit erzeugen in ihrem Zusammenwirken das, was wir „ich“ nennen. Und da diese Anteile in uns voneinander verschieden sind, haben sie zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen über das, was uns geschieht, treten ein für die Erfüllung verschiedener Grundbedürfnisse und erleben in Anbetracht der derzeitigen Bedürfniserfüllungslage Gefühle der einen oder anderen Art.

Wenn wir uns selbst und unserem Fühlen wirklich auf die Schliche kommen wollen, ist es also, hilfreich und nützlich, uns immer wieder die Frage zu stellen:

Wer in mir ist es, der das fühlt?

Dieser Frage aber gehen wir an anderer Stelle nach.

 

 

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Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
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klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Vielleicht

klüger fühlen 05:

Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

„Liebe – auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat.“
Jean Anouilh

Freude, Ärger und Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust sind unsere 6 Grundgefühle. Ähnlich den Farbtöpfchen in einem Tuschkasten lassen sich auch aus ihnen viele andere Gefühlsschattierungen mischen und auf die Leinwand unseres Bewusstseins malen. Die „Pinsel“, mit denen wir diese emotionalen „Kunstwerke“ unseres Alltag anfertigen, sind unsere Gedanken.

Anstatt das Zusammenwirken von Gedanken und Gefühlen theoretisch zu umreißen, werde ich einige der von mir als „komplexe Gefühle“ bezeichneten Empfindungen unseres Alltags aus dieser Perspektive näher beleuchten.

Vielleicht eröffnet sich dadurch ein neuer Zugang zu manchen jener Gefühle, die wir an uns selbst oder Anderen als störend oder gar belastend empfinden.

In diesem Artikel beschreibe ich die Liebe und die Eifersucht, Missgunst und Neid, Zufriedenheit, Unzufriedenheit und (die aus letzterer entstehende) Frustration, Sorge und Misstrauen und zuletzt die Kraft, die wir als „Mut“ kennen. Jede dieser Empfindungen ist so schillernd und vielgestaltig, dass die ausführliche Beschreibung ihres Charakters, ihrer unterschiedlichen Formen und ihrer Wechselwirkungen mit anderen Gedanken und Gefühlen, ein ganzes Buch füllen ließe.

Dieser Text ist daher nicht mehr als eine (mehr oder weniger) kurze Vorstellungsrunde, in der wir einige unserer komplexen Gefühle etwas persönlicher kennenlernen, als uns dies im Alltag bislang vielleicht gelungen ist.

Möglicherweise jedoch kann diese kurze Beschreibung dem einen oder der anderen von uns dabei behilflich sein, eine stabilere, liebevollere und/oder pragmatischere Beziehung zu einigen dieser schillernden Phänomene unseres Gedanken- und Hormonhaushalts aufzubauen.

Und da sie vielleicht die schillerndste und vielgestaltigste unter all unseren Empfindungen ist, gebe ich das Wort zu Beginn dieser kleinen Runde an jene große Zauberin, Entertainerin und Abenteuerin, die wir „die Liebe“ nennen:

 

Die Liebe (ist ein seltsames Ding)

„Amor ist der größte Spitzbube unter den Göttern;
der Widerspruch scheint sein Element zu sein.“
Giacomo Casanova

Die Liebe, ach die Liebe! Festmeter an Romanen, Fachbüchern und Songtexten behandeln dieses vielfarbig funkelnde Gefühl. Und doch kriegen wir es nicht zu fassen.

Bereits vor mehr als zweieinhalb tausend Jahren unterschieden die großen Denker des alten Griechenlands vier verschiedene Zustände, die in der deutschen Sprache allesamt als „Liebe“ bezeichnet werden. Die Griechen kannten:

Philia – die freundschaftliche „Liebe“. Philia ist der Grundstoff menschlicher Beziehungen auf der Basis von Gegenseitigkeit und Ebenbürtigkeit. Ihre Kernbestandteile sind Anerkennung, Wertschätzung und gegenseitige Unterstützung.

Storge – die elterliche „Liebe“. Storge ist die Blaupause all dessen, was wir als „bedingungslose Liebe“ bezeichnen. Storge erwartet keine Gegenleistung. Ihre Befriedigung zieht diese Form des Liebens aus dem Akt des Gebens selbst. Evolutionär betrachtet ist sie (nach Eros) die Zweitgeborene unter den Lieben und entfaltete ihre Wirkung auf Erden, lange bevor der erste Mensch seinen Fuß in die Savannen Afrikas setzte.

Agape – die entschlossene bzw. spirituelle „Liebe“. Agape ist das hohe Ideal der frühchristlichen Gemeinschaften. Agape liebt, ähnlich der Storge, ohne den Blick auf den eigenen Nutzen. Agape liebt, weil es „Gottes Wille“ ist, weil es „das Richtige“ ist oder auch, weil es „meine Entscheidung“ ist. Dadurch ist Agape, bei Lichte betrachtet, mehr Gedanke und innere Haltung als Gefühl.

Und schließlich: Eros – die romantische, leidenschaftliche und erotische „Liebe“. In seinem Hauptwerk Theogonie (sinngemäß: „Von der Entstehung der Götter“) beschreibt der griechische Dichter Hesiod Eros als einen der drei ersten Götter, die sich aus dem Chaos erheben. Die anderen beiden sind Gaia (Erde) und Tartaros (Unterwelt). Dies zeigt ohne jeden Zweifel, welchen Stellenwert und welche Macht Hesiod dem Eros zumaß. Hesiod beschreibt Eros als den „schönsten unter den unsterblichen Göttern“ und führt aus, dass sowohl Götter als auch Menschen seiner Macht unterworfen und ausgeliefert seien. Eros ist der Gott aller sexuellen Anziehungen, Lüste und Begehren. Er ist es, der uns immer wieder Lust macht, uns miteinander zu paaren. Dabei schert er sich bekanntermaßen wenig darum, ob diese Paarungslust mit unseren eigenen Vorstellungen oder denen unserer jeweiligen Kultur kompatibel ist. In Eros‘ Augen sind wir nichts als Tiere. Kultur, Moral oder „sittliche Werte“ amüsieren ihn durchaus. Gegen seinen Willen allerdings sind sie so wertvoll und wirksam wie ein Cocktailschirmchen gegen einen Orkan.

Die alten Griechen hatten ganz offensichtlich eine bedeutend differenziertere Herangehensweise an das Thema „Liebe“, als wir es heute haben. Noch feiner unterscheidet das indische Sanskrit, das mindestens 15 verschiedene Begriffe für jene vielfältigen Gefühlsregungen kennt, die wir in nur einem einzigen Wort zusammenfassen und zu verstehen glauben.

Ein Kernbestandteil jeder Art von Liebe ist zweifelsohne die Freude. Welche Freude dies allerdings ist, hängt ganz entscheidend davon ab, in welcher Bedeutung wir das Wort „Liebe“ verwenden. Erleben wir die Freude am Wachstum und Wohlergehen eines Freundes (Philia) oder eines unserer Kinder (Storge), so ergibt sich daraus ein ganz anderes Gefühlserleben, als wenn wir uns auf erotische Weise von einem anderen Menschen angezogen fühlen. Noch einmal anders ist es mit der Agape, jener Geisteshaltung (!), die im Christentum „Nächstenliebe“ und im Buddhismus „Prema“ bzw. „Bhakti“ genannt wird – und von beiden spirituellen Schulen als höchste und reinste Form nicht nur des Liebens, sondern all unseres Umgangs mit der Schöpfung und uns selbst verehrt wird.

Was wir „Liebe“ nennen, ist daher weit mehr als nur „ein Gefühl“. Eros und Storge sind biologische Triebe, die Mutter Evolution uns mitgab, um unser Überleben auf Erden zu sichern. Philia und Agape dagegen sind geistige Haltungen und Entscheidungen über den Umgang mit bestimmten Menschen unseres Lebens oder aber der gesamten Schöpfung gegenüber.

 

Eifersucht

„Alles, was gegen die Natur ist,
hat auf die Dauer keinen Bestand.“

Charles Darwin

Wie tiefgreifend die Verwirrung im Umgang mit der Liebe in unserer Kultur ist, zeigt sich am Phänomen der Eifersucht.

Wichtigste Grundzutat der Eifersucht ist sicherlich die Angst. Allerdings ist auch der Ärger nicht selten ein essentieller Bestandteil dieses Gefühls.

Wann empfinden wir Eifersucht?

Eifersucht entsteht, wenn wir erleben (oder uns gedanklich ausmalen(!)), dass ein Mensch, mit dem wir uns tief verbunden fühlen, eine intensive Beziehung zu einem anderen Menschen eingeht, und wir darüber hinaus (!) befürchten, diese intensive Beziehung hätte negative Auswirkungen auf die Beziehung, die wir selbst zu dieser Person führen.

Folgerichtig ist das Phänomen Eifersucht insbesondere bei Menschen zu finden, deren „Liebesbeziehungen“ auf dem Prinzip von Besitz und Anspruchsdenken begründet sind.

Wer seinen „Liebespartner“ als sein Eigentum betrachtet, muss natürlicherweise fürchten, dass ihm dieses wertvolle Gut von anderen Männern oder Frauen streitig gemacht und in letzter Konsequenz sogar geraubt werden kann.

Derartige Beziehungen basieren in der Regel auf einer Grundhaltung des gegenseitigen Misstrauens und des beständigen Versuchs der gegenseitigen Kontrolle. Da jedoch kaum ein Mensch über lange Zeit daran Gefallen findet, immerfort kritisch beäugt zu werden, sich erklären zu müssen oder in seinem Verhalten eingeschränkt zu sein, gilt die Eifersucht in therapeutischen Kreisen nicht ohne Grund als Großmeisterin der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.

 

Missgunst oder Neid?

„Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“
Wilhelm Busch

Eng verwandt mit der Eifersucht ist das Gefühl der Missgunst, das daher auch nicht selten mit dieser gemeinsam auf den Plan tritt. Das ihr zu Grunde liegende Gefühl 1. Ordnung ist der Ärger. Allerdings richtet sich dieser Ärger nicht auf Dinge, die wir selbst erleben, sondern auf unsere Interpretationen des Erlebens Anderer.

Missgunst sagt: „Das, was du hast, verdienst du nicht!“ Oder gar: „Das, was du hast, steht in Wirklichkeit mir zu!“

Die Tatsache (oder Annahme!), dass ein anderer Mensch das bekommt oder erlebt, was wir ihm nicht gönnen oder sogar für uns selbst einfordern, erleben wir als existenzielle Demütigung. Der Zorn, den wir daraufhin und darüber empfinden, richtet sich daher nur zum Teil auf den anderen Menschen. Ein weiterer Bestandteil der Missgunst ist ein amorpher Groll auf „Gott“, „das Schicksal“ oder „die Ungerechtigkeit des Lebens“ schlechthin.

Missgunst ist ein durch und durch destruktives Gefühl.

Ganz anders ist es um den Neid bestellt. Dieser wird vielfach mit der Missgunst verwechselt, ist jedoch bei näherer Betrachtung von diesem sehr verschieden.

Auch der Neid basiert auf Ärger. Anders als die Missgunst sagt der Neid jedoch nicht „Das, was du hast, verdienst du nicht!“, sondern „Das, was du hast, das will ich auch!“ So ähnlich diese Gedanken klingen mögen, sie unterscheiden sich in einem ganz zentralen Punkt:

Der Neid ist, ganz entgegen seinem öffentlichen Ruf, (zumindest potenziell) eine konstruktive Energie, die uns dazu motivieren kann, Dinge zu tun, die uns (zumindest potenziell) dazu befähigen, das, was der oder die Andere hat, auch selbst zu bekommen oder zu erfahren. Die Missgunst dagegen beschränkt sich auf klagende Passivität.

Es macht also einen großen Unterschied, ob wir auf die Erkenntnis „Du hast da etwas, das ich haben will!“ mit Missgunst oder mit Neid reagieren. Welche Wahl wir in dieser Frage treffen, liegt bei jedem und jeder von uns allein.

 

Zufriedenheit, Unzufriedenheit und Frustration

„Die meisten Menschen machen sich selbst bloß durch
übertriebene Forderungen an das Schicksal unzufrieden.“

Wilhelm von Humboldt

Zufriedenheit und Unzufriedenheit sind die gedanklichen Entsprechungen unserer Grundgefühle erster Ordnung (Freude, Ärger, Traurigkeit).

Anders als diese Grundgefühle allerdings sind Zufriedenheit oder Unzufriedenheit keine instantanen emotionalen Reaktionen unseres Systems auf konkretes Erleben, sondern auf eine höhere Ebene der Interpretation und Abstraktion, auf der unser Geist formuliert: „So, wie es ist, ist es gut.“ bzw. „So, wie es ist, ist es nicht gut.“

Zufriedenheit und Unzufriedenheit stellen also gedankliche Bewertungen dar, die über das Erleben im Moment hinaus reichen. Ähnlich dem Zensurensystem in vielen Schulen fallen in dieser Bewertung allerdings viele relevante Informationen vom Tisch.

So kann ein Mensch sehr wohl mit seinem Leben zufrieden sein, auch wenn ihn spezifische Aspekte seines Lebens traurig oder ärgerlich machen, oder unzufrieden, auch wenn es im Hier und Jetzt konkreten Anlass zur Freude gibt.

Auch, welche Anteile der Unzufriedenheit auf Ärger und auf Traurigkeit beruhen, ist in aller Regel nicht direkt ersichtlich. Dadurch fehlen der Unzufriedenheit die wirksamen Werkzeuge des Ärgers und der Traurigkeit. Weder motiviert sie uns dazu, die uns umgebenden Umstände entschlossen anzupacken und zu ändern (Ärger), noch hilft sie uns dabei, das, was wir nicht ändern können, in Demut anzunehmen (Traurigkeit).

Die Steigerung der Unzufriedenheit heißt „Frustration“ und beruht ebenso wie ihre Grundform auf der undifferenzierten Abwertung unseres Lebens und Erlebens als „schlecht“.

Unzufriedenheit kann durchaus eine motivierende Kraft entfalten. Da ihr jedoch die Unterscheidungsfähigkeit der reinen Gefühle fehlt, richtet sie ihre Hoffnung in aller Regel allein auf die Werkzeuge des Ärgers. Dieser kann jedoch nur einen Teil dessen, was wir als unzufriedenstellend erleben, verändern. Manche Aspekte unseres Lebens und Erlebens jedoch lassen sich nicht ändern.

So verbrennt unsere Unzufriedenheit Unmengen an Energie bei dem Versuch, Dinge zu ändern, die per definitionem nicht zu ändern sind. Wir verausgaben unsere begrenzte Lebensenergie, ohne dass sich dadurch etwas zum Guten wendet. Die emotionale Folge dieser beständigen Erfahrung des Scheiterns nennen wir „Frustration“.

 

Stolz und Scham

„Wenn du dazu berufen bist, Straßen zu kehren, dann kehre sie, wie Michelangelo Bilder malte, oder Beethoven Musik komponierte, oder Shakespeare dichtete. Kehre die Strasse so gut, dass alle im Himmel und auf Erden sagen: „Hier lebte ein großartiger Straßenkehrer, der seinen Job gut gemacht hat!““
Martin Luther King

Stolz (Grundgefühl: Freude) und Scham (Grundgefühl: Traurigkeit) sind mit Zufriedenheit und Unzufriedenheit eng verwandt. Genau genommen sind es Unterformen der vorgenannten Gefühle.

Ebenso wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit basieren Stolz und Scham auf geistigen Bewertungen. Diese betreffen jedoch nicht die uns umgebenden Aspekte unseres Lebens, sondern unseren Eindruck von uns selbst.

Was genau bei einem einzelnen Menschen die Gefühle von Stolz oder Scham auslöst, kann dabei von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Wir können Stolz oder Scham empfinden in Bezug auf unseren Körper, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Leistungen, unsere Fähigkeiten oder unsere vergangenen Entscheidungen. Hierbei ist es zumeist wenig relevant, ob die Dinge, die wir an uns selbst wertschätzen oder kritisieren, überhaupt in unserer Verantwortung liegen.

Die Region der Welt und die Familie, in die wir geboren werden, unsere genetische Ausstattung oder gar das Verhalten völlig anderer Menschen (seien dies unsere Eltern, unsere Kinder oder Gäste einer Talkshow, die wir schauen) – all dies ist in der Lage, in uns Gefühle des Stolzes oder der Scham zu erzeugen. Nicht ohne Grund (oder in Mangel an Auslösern) nahm der Duden den Begriff „fremdschämen“ im Jahr 2009 in seinen Kanon der deutschen Sprache auf.

Der Stolz, den Eltern, Lehrer oder wir alle empfinden, wenn unsere Kinder, Schüler, Freunde oder Liebespartner eine bemerkenswerte Leistung erbringen oder eine mutige Entscheidung treffen, basiert auf derselben Vermischung von ich und du.

Ganz ähnlich wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit in Bezug auf das Leben, so stehen auch hinter Stolz und Scham eherne und oft unhinterfragte Überzeugungen darüber, was einen Menschen zu einem „guten“ („wertvollen“, „liebenswerten“, „schönen“, „erfolgreichen“…) oder einem „schlechten“ („minderwertigen“, „häßlichen“, „ablehnenswerten“, „erfolglosen“…) Menschen macht.

Die Kriterien, an denen wir hierbei uns selbst (und Andere) messen, sind häufig bereits im Kindesalter von den Ansichten der Eltern und anderer bedeutsamer Personen übernommen und niemals bewusst reflektiert worden.

Das bedeutet nicht, dass Stolz und Scham per se unnütz und leidbringend sein müssen. Im Gegenteil. Sie sind es nur, so lange der Fokus der Bewertung auf Eigenschaften liegt, die nicht in der eigenen Entscheidungskraft und Verantwortung liegen.

Innerhalb jener Aspekte unseres Lebens, die wir selbst entscheiden und verantworten können, entfalten Stolz und Scham ihre positive, gestaltende und wegweisende Kraft.

Wer stolz ist auf eine Entscheidung, die er getroffen hat, wird durch das Empfinden dieses Stolzes im weiteren Verlauf seines Lebens mit größerer Wahrscheinlichkeit in vergleichbaren Situationen wieder dieselbe oder eine ähnliche Entscheidung treffen. Wer sich dagegen für eine Entscheidung, ein Verhalten oder eine Aussage seiner Vergangenheit schämt, trägt durch diese Scham Sorge dafür, dass er in Zukunft in ähnlichen Situationen mit höherer Wahrscheinlichkeit anders agieren oder entscheiden wird.

So kann ein bewusster Umgang mit Scham und Stolz uns dabei behilflich sein, unser Leben in einer Weise zu führen und zu gestalten, dass wir eines Tages auf unseren Weg zurück blicken und mit gesunder Selbstzufriedenheit sagen: „Ja, das war mein Leben. Und ich bin stolz darauf, was ich aus diesem Leben gemacht habe.“

 

Sorge und Misstrauen

„Du hast die Wahl. Du kannst dir Sorgen machen,
bis du davon tot umfällst. Oder du kannst es vorziehen,
das bisschen Ungewissheit zu genießen.“

Norman Mailer

Die Grundenergie der Sorge und des Misstrauens ist in beiden Fällen die Angst. Allerdings ist diese Angst nicht auf konkretes Erleben bezogen, sondern eher auf die vage Ahnung, dass wahlweise das Leben („Gott“) oder aber ein Mitmensch es nicht gut mit uns meint. Aus dieser Annahme heraus entspringt die innere Überzeugung, uns schützen zu müssen. Da wir allerdings nicht genau wissen, wovor oder wie wir uns schützen können oder „müssen“, führen Sorge und Misstrauen zumeist nicht zu konstruktiv wirksamen Verhaltensweisen, sondern zu einer lähmenden oder aggressiv angespannten Grundhaltung dem Leben oder unseren Mitmenschen gegenüber.

Da wir es in unserem Leben immer wieder mit Situationen zu tun haben, in denen manche unserer Bedürfnisse (z.B. Sicherheit, Freiheit, Zugehörigkeit und andere) nicht erfüllt sind, und da wir hin und wieder durchaus Menschen begegnen, die gewillt sind, für die Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse unser Ungemach billigend in Kauf zu nehmen, besitzen Sorge und Misstrauen offensichtlich das Potenzial, uns vor manchem Verdruss oder Leiden zu schützen. Allerdings ist der Preis dafür (s.o.) hoch.

Mit Sorge und Misstrauen nahe verwandt und doch ganz anders ist die Vorsicht, die Positivform der Angst. Anders als ihre Cousinen Sorge und Misstrauen allerdings ist die Vorsicht keine generalisierte Grundstimmung, sondern eine emotionale Feinjustierung konkreten Verhaltens. Wer vorsichtig ist, bleibt bewusst handlungsfähig. Wer misstraut oder sich sorgt, zumeist nicht.

 

Mut

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben,
sondern es ist die Entscheidung,
dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“

Ambrose Red Moon

Welches Grundgefühl liegt wohl dem Mut zu Grunde?

Meine Antwort: Es ist der Ärger.

Die Annahme, Mut beruhe auf der Abwesenheit von Angst, führt sich bei genauerer Betrachtung ad hoc selbst ad absurdum. Es ist unmöglich, Mut zu empfinden, wenn wir uns rundum sicher und sorglos fühlen. Das Risiko oder gar die Gefahr sind geradezu Grundbedingungen dafür, dass Mut überhaupt entstehen kann.

Jedem mutigen Schritt vorwärts geht ein Zögern voraus. Dieses Zögern beruht auf Angst. Denn das, was wir nun tun werden, enthält das Risiko des Scheiterns, Versagens oder gar Untergangs. Je höher die Gefahr ist, der wir uns zwar entschlossen, aber zumeist ganz und gar nicht furchtlos, stellen, desto wichtiger ist es, zu wissen, wofür wir dieses Wagnis eingehen. Eben dieses „Wofür?“ ist es, woraus das, was wir Mut nennen, geboren wird.

Der Mut „weiß“: Angst existiert nur in Bezug auf die Zukunft. Wird diese Zukunft zur Gegenwart (gemacht!), verwandelt sich die Angst. Hierin liegt die alchemische Kraft des Mutes:

Indem wir das tun, wovor wir Angst haben, machen wir die gefürchtete Zukunft zur erlebten Gegenwart. Nur im Hier und Jetzt können wir den Gegebenheiten des Lebens aktiv begegnen. Wir mögen siegreich sein darin oder scheitern, doch welches Schicksal uns unser Tun auch immer bescheren wird, wir treten ihm und uns selbst aufrecht und würdevoll entgegen.

 

Weitere komplexe Gefühle

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas,
das der menschliche Geist erfinden könnte.
Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit
bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“

Sir Arthur Conan Doyle

Natürlich ist die Liste der hier beschriebenen komplexen Gefühle nicht abschließend. Schuldgefühl und Rachsucht, Vorfreude, Verliebtheit und Dankbarkeit, Einsamkeit, Schwermut, Ungeduld, Verachtung, Verwirrung, Empörung, Hoffnung, Entsetzen, Langeweile und Selbstmitleid… Sie alle hätten einen Platz in dieser Beschreibung verdient.

Das menschliche Denken und Fühlen ist derart reich und vielfältig, dass die detaillierte Betrachtung jeder einzelnen emotionalen Regung den Rahmen dieses Artikels mehrfach sprengen würde.

Vielleicht jedoch war es mir möglich, durch die in diesem Kapitel ausgeführten Charakterisierungen einiger unserer komplexen Gefühle ein Verständnis dafür zu wecken, in welch vielfältiger Weise unser Denken und Fühlen miteinander verwoben sind.

Vielleicht war es mir möglich, eine Idee davon zu erzeugen, dass das, was wir in manchen Situationen unseres Lebens fühlen, alles andere als zwangsläufig und vorherbestimmt ist. Weil nämlich die weit überwiegende Mehrheit all unserer Gefühle eben nicht in ihrer Reinform auftritt, sondern geprägt ist von unseren Gedanken, Interpretationen und Bewertungen in Bezug auf das, was wir erleben.

Und vielleicht war es mir sogar möglich, die eine oder andere Grundlage dafür zu legen, dass wir angesichts der einen oder anderen Gefühlsregung unserer Zukunft die Erkenntnis entwickeln, dass es vielleicht andere, vielleicht sogar: bessere Weisen gibt, auf die Erlebnisse und Gegebenheiten unseres Lebens zu reagieren, als wir es bislang aus reiner Gewohnheit tun.

Und als letztes „vielleicht“: Vielleicht führt eben diese Bewusstheit und Erkenntnis dazu, dass wir tatsächlich weiser als bislang wählen, welche der Erfahrungen unseres Lebens wir mit welchem Gefühl beantworten wollen.

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

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