Wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

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wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

„Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.“
Joanne Kathleen Rowling (* 1965)

 

‚ich’… Jeden Tag verwenden wir dieses Wort hunderte Male. Ich selbst bringe seit Jahren all meinen Klienten, die es hören wollen oder nicht, bei, öfter ‚ich‘ zu sagen anstatt „du“ oder das grässliche „man“.

Aber… wer genau ist dieses ‚ich‘ eigentlich, von dem wir sprechen und als das wir uns selbst erfahren?

Die Frage ist kniffelig. Sie ist, wenn man es genau nimmt, seit Jahrtausenden die existenzielle Kernfrage aller Philosophie. Bis heute gibt es keine Übereinstimmung darin, wer oder was genau dieses ‚ich‘ eigentlich ist, von dem wir sprechen, wenn wir ‚ich‘ sagen.

Auch ich werde in diesem Artikel keine unumstößliche naturwissenschaftliche Antwort geben. Was ich lediglich anbiete, ist eine Perspektive, die wir nutzen können, um uns selbst und einander ein wenig umfassender zu erkennen und zu verstehen als es uns bislang gelingt.

Was ich hier darlege, ist nicht mehr als ein Modell. Ich glaube jedoch, dass genau dieses Modell dessen, was wir im Kern sind, uns in die Lage versetzen kann, eine Vielzahl vermeintlicher Widersprüche in uns selbst und anderen aufzulösen, bessere Entscheidungen zu treffen und Konflikte zielführender und menschlicher miteinander zu verhandeln.

 

‚ich‘ bin ‚ich‘. Was soll die Frage?

„So lange Sie nicht bereit sind, all das, was Sie wissen, in Frage zu stellen, wird das, was Sie wissen, niemals größer, besser oder nützlicher werden.“
Milton Hyland Erickson (1901-1980)

Die Frage nach dem ‚ich‘ ist nicht nur für Philosophen und große Denker von Bedeutung. Bei Lichte betrachtet beeinflusst sie (bzw. unsere individuelle Antwort darauf) unser Leben auf vielfache Weise. Je nachdem, welche Vorstellung ich von dem habe, wer oder was ‚ich‘ eigentlich ist, hat dies Auswirkungen auf unzählige kleine und große Situationen jedes einzelnen Tages.

Wenn ich beispielweise mein ‚ich‘ als eine Art Wesen ansehe, das in einer Welt aus anderen ‚ich‘-Wesen um seinen Platz, um Nahrung und um sein Überleben kämpft, als etwas, das verletzt, geschwächt und in letzter Konsequenz sogar vernichtet werden kann, dann werde ich natürlich immer wieder alles in meiner Macht stehende tun, um dieses ‚ich‘ zu verteidigen, zu beschützen und seine potenziellen Widersacher zu bekämpfen. Da mein ‚ich‘ alles ist, was ich bin, kann ich gar nicht anders, als dieses ‚ich‘ mit all seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen sehr, sehr wichtig zu nehmen.

So lange in meinem eigenen Leben das meiste nach meinen Wünschen und vorstellungen verläuft, bringt dieses Verständnis vom ‚ich‘ viel Freude und Selbstzfriedenheit mit sich. In schwierigeren Lebensphasen allerdings, in Krisen und Konflikten, macht die starke Identifikation mit unseren Gedanken, Gefühlen und Impulsen vieles nur noch schlimmer.

Wenn ich stattdessen, was ebenso möglich und in manchen Kreisen durchaus verbreitet ist, mein ‚ich‘ als ein reines Flackern elektrochemischer Signale betrachte, als ein zufälliges Nebenprodukt meiner biologischen Existenz oder, wie es der Buddhismus vorschlägt, als reine „Illusion“, dann gewinne ich naturgemäß einen größeren inneren Abstand zu meinen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Das kann Vorteile haben.

Zum Beispiel gerate ich durch ein solches Verständnis von meinem ‚ich‘ bedeutend seltener in starke Formen von Ärger, Angst oder Traurigkeit. Dies kann im Alltag durchaus nützlich sein. Der Preis hierfür allerdings ist leider, dass auch Freude und Lust aus dieser Perspektive nichts als „Illusionen“ sind und dadurch nur gebremst empfunden werden.

Meine Beobachtung der Menschen zeigt mir folgendes:

Je stärker die Identifikation eines Menschen mit seinem ‚ich‘ ist, desto stärker sind tendenziell auch seine emotionalen Reaktionen auf die Erfahrungen, die dieses ‚ich‘ in seinem Lebensalltag macht.

Solche Menschen erleben häufig ein beständiges Auf und Ab ihrer Gefühle. Je nachdem, was diese Menschen erleben, verfallen sie quasi-automatisch in Freude, Ärger, Traurigkeit, Angst, Lust, Euphorie, Frustration, Sehnsucht, Schwermut und und und.

Je mehr innere Distanz allerdings ein Mensch zu seinem ‚ich‘, seinen Gedanken, Impulsen und Gefühlen, hat, desto weniger Macht haben diese Gedanken, Impulse und Gefühle über ihn. Solche Menschen erlangen oft ein beeindruckendes Maß an Kontrolle über ihre emotionalen Reaktionen. Wir erleben sie auch in schwierigen sozialen Interaktionen als gefasst, stabil und unaufgeregt.

Solche Menschen gehören in meinem Umfald zu den inspirierendsten Gesprächspartnern, allerdings sind die meisten von ihnen meiner Erfahrung nach leider nur bedingt partytauglich. Um feiern (wirklich feiern!) zu können nämlich, braucht es die emotionalen Kräfte von Freude und Lust in einem Maße, zu dem viele dieser Menschen schlicht nicht mehr in der Lage sind.

Es scheint, als hätten wir (überspitzt) nur die Wahl, ob wir uns zum Spielball unserer Emotionen machen oder diese diese allesamt in ihrer Lebenskraft zu dimmen.
Diese Wahlmöglichkeit gefällt mir nicht.

Ich möchte die emotionale Tiefe ebenso wie die Souveränität und Integrität im Entscheiden, Sprechen und Tun.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Welt, in der wir heute leben, eine Menge großer Herausforderungen mit sich bringt. Ich glaube, wir täten gut daran, all unsere Lebensenergie in die Mehrung des Wahren, Guten und Schönen zu legen anstatt in beständig neue (und so oft unnötige!) Konflikte miteinander und mit uns selbst.

Ich glaube, dass angesichts der großen Fragen in Sachen lokaler und planetarer Gesundheit, Bildung, Umwelt, Sicherheit und Lebensfreude ein Menschenbild hilfreich und nützlich ist, das uns eine Perspektive anbietet, die unsere Einheit und Widersprüchlichkeit miteinander vereint.

Ich glaube, es gibt eine solche Sicht.
Ich nenne sie: Den Fliegenden Holländer.

 

Der Fliegende Holländer

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“
Sir Arthur Conan Doyle (1859 – 1930)

Die Sage vom Fliegenden Holländer ist weltbekannt. Es heißt, der Fliegende Holländer segle mit seiner verfluchten Mannschaft bis an das Ende aller Zeiten über die Ozeane der Welt. Dabei hat er erstaunliche Fähigkeiten. Er durchquert mit vollen Segeln jede Flaute, hält unbeeindruckt von Stürmen Kurs und segelt, wenn es nützlich ist, sogar rückwärts. Davon ab kann er in vielen Fassungen der Sage sogar tatsächlich fliegen.

Stellen wir uns vor, das, was wir ‚ich‘ nennen, wäre der ‚Fliegende Holländer’…

Schon ganz am Anfang meiner kleinen Allegorie zeigt sich eine nicht unwichtige Verbindung zum ‚ich‘. Denn ebenso wie die Frage nach dem Kern des ‚ich‘, so ist auch die Frage nach dem Wesen des Fliegenden Holländers nicht eindeutig zu beantworten. Die einen sagen, der Name bezeichne das fliegende Schiff. Die anderen sagen, es sei der Name des Kapitäns. Wer hat Recht?

Stellen wir uns vor, du wärst dieser Fliegende Holländer.

Das bedeutet in diesem Bilde, du wärst sowohl der Kapitän dieses Schiffes als auch zugleich das gesamte verfluchte Schiff – einschließlich seiner verfluchten Mannschaft. Und ebenso einschließlich des Kapitäns an Bord.

Der Fluch, der dich in meiner Fassung dieser Geschichte getroffen hat, ist noch ein wenig schlimmer, als es die Mythen überliefern:

Das Schiff ist verflucht, auf ewig die Meere zu kreuzen, ohne jemals einen Hafen anzulaufen. Der Ozean in diesem Bild steht für unser Leben auf Erden. „Auf ewig“ bedeutet in diesem Falle: Für die Dauer unserer Existenz auf Erden. In dem Moment, in dem unser System stirbt, endet die Existenz unseres ‚ich‘. Und möglicherweise auch die unseres ’selbst‘.

Der Kapitän deines Schiffs (bzw. die Kapitänin, falls du eine Frau bist) darf nicht nur nicht an Land, sondern ist darüber hinaus dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit (siehe oben!) in seiner bzw. ihrer Kajüte zu verharren und von dort aus das verfluchte Schiff und seine/ihre Mannschaft oder Frauschaft zu führen.

Von Ponyhof hat niemand gesprochen.

Das Schiff in dieser Fassung der Geschichte steht für unser ‚ich‘: Unser Auftreten, unsere Taten und Worte. Auch: Unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erinnerungen, Wünsche, Handlungsimpule und Verhaltenstendenzen. Unser ‚ich‘ ist all das, was Andere und wir selbst von uns wahrnehmen und erkennen können. Hierzu zählen, zur Widerholung, sowohl unsere Verhaltensweisen im Außen als auch jene innerpsychischen Phänomene, die nur wir selbst wahrnehmen können, z.B. unsere Gedanken.

Den Kapitän oder die Kapitänin auf diesem Schiff nenne ich unser ’selbst‘: Den innersten Kern unserer Psyche. Dieses ’selbst‘ tritt nicht direkt mit der äußeren Umwelt in Interaktion, schließlich ist er/sie im Kapitänsquartier gefangen. Den Kurs und die Handlungen unseres ‚ich‘ bestimmt die Besatzung an Bord. Diese besteht aus verschiedenen, von einander differenzierbaren „Persönlichkeitsanteilen“, „ich-Aspekten“ oder „Instanzen“.

Jede dieser Instanzen (jedes Mitglied der Besatzung) hat hierbei eigene Interessen, Werte, Sichtweisen, Verhaltensmuster und Vorstellungen vom besten oder einzig wahren Kurs. An Deck (in unserer Psyche) herrscht ein reges Sozialleben. Es gibt Konflikte und Verhandlungen, Konkurrenz und Kooperation.

Im Alltag erleben wir dieses innerpsychische Sozialleben beispielhaft in unseren „Selbstgesprächen“. Wenn wir genau hinhören, werden wir feststellen, dass es in solchen ausgesprochenen oder auch nur gedanklichen Debatten zumeist mehr als eine Stimme gibt, die eine Meinung zur Sache hat. Wenn wir noch genauer hinlauschen, stellen wir fest, dass diese differenzierbaren „Stimmen im Kopf“ nicht nur unterschiedliches sagen, sondern sogar unterschiedlich „klingen“. Jede Instanz in uns hat einen ihr eigenen Stimmklang, Sprechrhythmus und Wortschatz. Das kann uns wichtige Informationen darüber geben, woher diese Gedanken, Impulse oder Gefühle stammen. Eine Antwort, die mehr Präzision erlaubt als das zwar korrekte, aber nur sehr oberflächliche „Na, aus mir selbst heraus.“

Als Kapitän/in bist du nicht blind. Deine Kajüte hat eine herrliche Aussicht. Du siehst See und Wetterlage und vielleicht sogar das eine oder andere Schiff. Die meisten deiner Fenster jedoch gehen nur nach hinten hinaus. Zwei kleine Fenster zeigen nach vorne auf’s Deck, allerdings siehst du durch sie lediglich einen kleinen Teil deines Schiffs und leider so gar nichts von dem Meer, das vor dir liegt.

Dein Blick bleibt also auf einen kleinen Teil der Welt da draußen (das Meer) und da drinnen (das Schiff) beschränkt. Was du als Kapitänin oder Kapitän auf deinem Schiff am besten siehst, ist die Vergangenheit. Immerhin.

Zwar kannst du deine Kajüte nicht verlassen, allerdings kann jedes Mitglied deiner Besatzung das Quartier betreten. Manche Anteile in dir machen von dieser Möglichkeit selten, manche mehrmals täglich Gebrauch.

Auf diese Weise führst du dein Schiff.

Die Besatzungsmitglieder, die du empfängst, erzählen dir von dem, was sie vom Deck des Schiffes aus sehen. Sie berichten dir ebenfalls, was sie an und unter Deck des Schiffes erleben. So erfährst du nicht nur genauere Informationen über die herrschenden Wetterverhältnisse, sondern auch über Prozesse oder Konflikte an Bord.

Unser ’selbst‘ (der/die Käpitän/in) nimmt wahr und entscheidet, was zu tun ist. Allerdings kann unser ’selbst‘ nicht jede einzelne Handlung oder jedes einzelne Wort vorher bestimmen. Stattdessen besteht seine Fähigkeit darin, Zuständigkeiten und Aufgaben zu verteilen und Positionen wie Steuerrad, Ausguck oder Kombüse zu besetzen. Die erfahrene Kapitänin weiß: Dies kann im Sturm durchaus jemand sehr anders sein als in der Flaute, auf hoher See jemand anders als in Küstengewässern.

Auf diese Weise lenkst ‚du‘ (als Kapitän/in) das Schiff (das ebenfalls ‚du‘ bist) über die Ozeane deines Lebens. Du schaust aus dem Fenster, verschaffst dir eine Übersicht. Immer wieder klopfen Matrosen von Deck an deine Tür. Manche poltern auch geradezu blindlings in dein Quartier und bedrängen das ’selbst‘ mit Geschichten von Gefahren, Not oder großen Chancen. Wobei du schnell blickst, dass die Berichte, die du von Deck hörst, zum Teil sehr, sehr unterschiedlich sind.

Jedes Mannschaftsmitglied an Bord deines ‚ichs‘ begründet seine oder ihre Sicht der Dinge höchst plausibel. Und bittet oder fordert ein entschlossenes Handeln gemäß seinen Vorstellungen. In die Unterredung hinein jedoch platzt nicht selten eine andere Matrosin, die auf ebenso plausible Weise zu einer ganz anderen Sicht der Dinge kommt und ihrer Vorrednerin leidenschaftlich widerspricht.

So oder so ähnlich passiert es in unserem Geist dutzende Male an jedem einzelnen Tag. Und glaube mir: in jedem anderen menschlichen Geist, der uns umgibt.
Das Schiff, das wir sind, ist unser handelndes ‚ich‘. Es tritt als Ganzes mit seiner Umwelt in Interaktion. Je nachdem, welche innere Instanz (welches Mitglied der Mannschaft) am Steuer steht, nimmt das Schiff, das wir unser ‚ich‘ nennen, seinen Weg über den Ozean des Lebens.

Ein besonderes Element an Bord jedes Schiffes ist die Kapitänin bzw. der Kapitän. Es ist ihre bzw. seine Reise. Er bzw. sie hat das Recht, über den Kurs zu bestimmen. Sofern die Mannfrauschaft ihrem bzw. seinem Wort folgt.

Die Informationen in Form von Beschreibungen, Interpretationen, Empfehlungen oder Forderungen unserer Besatzung, die der Kapitän erhält, kennen wir als ‚Gedanken‘. Unsere ‚Gefühle‘ sind die intentionalen Energien, mit denen unsere Instanzen uns (das ’selbst‘) zu Entscheidungen und/oder Verhaltensweisen zu bewegen versuchen.
Lernen wir das Schiff noch ein wenig besser kennen.

Woraus besteht die Mannschaft oder Frauschaft dieses Fliegenden Holländers, den wir unser ‚ich‘ nennen? Wie kommen die „verfluchten Seelen“ an Bord? Und was sind das eigentlich für Gestalten?

 

Die verfluchte Besatzung

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Antoine de Saint-Exupéry (1900-44)

Vorab: Niemand hat erwähnt, dass die Mitglieder unserer Besatzung zwingend Untote, Monster oder sonstwie bösartig und häßlich wären. Sie sind lediglich „verflucht“. In unserem Falle bedeutet das, dass sie für die Dauer ihrer Existenz an Bord dieses und ein Teil des Schiffes zu sein, das wir unser ‚ich‘ nennen. Im Gegenteil. Die meisten, die ich bislang kennen gelernt habe, sind ganz wunderbare Wesen, die ihr Bestes geben, um dem Gesamtsystem zu dienen.

Meiner Erfahrung nach existieren drei verschiedene Arten von inneren Instanzen in der psychischen Welt unseres ‚ich‘:

Zum einen finden wir hier so etwas Ähnliches wie jüngere Fassungen von uns selbst. Der Begriff „inneres Kind“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort. Ich glaube allerdings, dass es in vielen von uns (in mir zum Beispiel) mehr als nur ein inneres Kind gibt. Auch finden sich nicht selten mehrere Anteile in jugendlichem und jungem Erwachsenenalter.

Möglicherweise handelt es sich bei diesen Instanzen um frühere Selbstkonzepte, die wir im Laufe unseres Lebens zwar überwunden haben, aber weiterhin (da unsterblich!) auf unserem Schiff beheimaten.

Andere Mitglieder unserer Mannfrauschaft rekrutieren wir aus Vorbildern aus unserer realen oder fiktionalen Umwelt. Die meisten von uns haben beispielsweise Introjekte (gedankliche Kopien) ihrer Eltern an Bord ihres Schiffes. Manche solcher verinnerlichten Eltern können durch ihre häufig als unangenehm empfundenen gedanklichen Einwürfe zu einer echten Plage im Alltag werden.

Viele von uns haben darüber hinaus Introjekte von Großeltern, Geschwistern oder anderen wichtigen Personen der eigenen Lebensgeschichte. Nicht wenige Menschen (ich wieder eingeschlossen) haben auch Persönlichkeitsanteile, die sich ursprünglich aus fiktiven Personen in Büchern oder anderen Medien speisten.
Unsere Instanzen oder Anteile (unsere „Frauschaft“) agieren wie lebendige Wesen. Sie entwickeln sich weiter und verändern sich sogar. Eine Sache jedoch ändern sie nimals, und das ist ihr Alter.

Ein trotziges ‚ich‘, das im Alter von etwa zwei bis drei Jahren erwacht war, mag lernen, im Laufe des Lebens seinen Trotz in Klarheit und Selbstfürsorge zu transformieren, weil es wiederholt und oft genug erfährt, dass es geliebt, geachtet und behütet ist. Aber es wird dabei immer zwei bis drei Jahre alt sein. Sein Umgang mit der Welt ist emotional, impulsgesteuert und unmittelbar. Andere Anteile in uns sind möglicherweise 5 oder 8 oder 11, 14, 20 oder 28 Jahre alt.

Die dritte Gruppe von Anteile in uns ist alterslos. Hier finden wir die von C.G. Jung beschriebenen Archetypen der Seele: Den König, die Kriegerin, den Narren, die Weise, das Tier, den Engel, die Strategin, den Abenteurer, das Opfer, die Jägerin, den Spieler, die Wahrheitssuchende und noch einige mehr.

Vielfach entstehen neue Instanzen in uns in Phasen der Krise. Solche Situationen sind dadurch definiert, dass wir mit unserem Wissen und mit unseren Fähigkeiten am Ende sind. Übertragen auf das Bild vom Fliegenden Holländers bedeutet dies: Keiner der Matrosen an Bord ist im Stande, das Schiff aus dem Sturm oder der Flaute, die es erlebt, heraus zu führen.

Vor allem Menschen, die sich und ihr ‚ich‘ als sehr wichtig nehmen, erleben derartige Entwicklungsphasen häufig als existenziell bedrohlich.

Die Introjekte unserer Kindheit und Jugend speisten sich wahweise durch Wiederholung emotional gefärbter Erfahrungen mit immer wieder denselben Personen in unser System ein oder aber auch durch einzelne Erfahrungen, wenn diese als massiv emotional und bedeutsam erlebt werden.

Erfahrene Kapitäninnen und Kapitäne (hierzu später!) sind sogar in der Lage, das ‚ich‘, das das Schiff ist, bewusst dazu zu bringen, spezifische neue Anteile zu erschaffen, wenn sie ihr Sein auf Erden um neue Fähigkeiten, Perspektiven und/oder Herangehensweisen erweitern wollen.

 

Der Kapitän / die Kapitänin

„Zur Führung eines Schiffes wählt man nicht denjenigen unter den Reisenden, der aus dem besten Hause stammt.“
Blaise Pascal (1623-62)

Auf jedem Schiff der Welt obliegt die Aufgabe, das Schiff zu führen, bei der Kapitänin bzw. beim Kapitän. Es ist sein/ihr Schiff, seine/ihre Mannschaft/Frauschaft und in unserem Falle außerdem: sein/ihr Leben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Kapitän und jede Kapitänin diesem Auftrag und dieser Bestimmung auch nachginge. Darüber hinaus existieren unzählige Möglichkeiten, ein Schiff so zu führen, dass an Bord Meuterei und Chaos ausbricht. Und nur wenige, ihn so zu führen, dass an Bord eine Kultur der Kooperation und der gegenseitigen Achtung herrscht.

Wir können uns einen Kapitän vorstellen, der mit seinem Schicksal hadert und kontrollsüchtig jede Handlung seiner Matrosen zu bestimmen versucht.

Erinnern wir uns: Er kann sein Quartier nicht verlassen…! Was wird er dadurch erzeugen?

Oder eine Kapitänin, die angesichts der eigenen Ohnmacht das Schicksal des Schiffes resigniert der Frauschaft selbst überlässt.

Oder einen Kapitän, der naiv allen Worten glaubt, die ihm in seiner Kajüte mitgeteilt werden und sein Gehör nach der Lautstärkeregel verteilt.

Oder eine Kapitänin, der das Führen ihres Schiffes viel zu kompliziert und undurchsichtig erscheint und die es darum vorzieht, verträumt aus den Fenstern nach hinten hinaus zu schauen.

Die Führung an Bord erhalten Kapitäninnen und Kapitäne nicht von allein. Aus Sicht der agierenden Anteile muss das ’selbst‘ sich seine Führerschaft an Bord des Fliegenden Holländers immer wieder neu verdienen.

In einem derartigen Szenario funktionieren Strategien der Machtdemonstration nicht besonders gut. Im Gegenteil. Da die Kapitänin in ihrem Quartier gefangen ist, ist jeder Machtkampf, auch wenn sie ihn haushoch gewinnt, außerhalb ihres Quartiers ohne jeden Wert. Schlimmer noch: Eine Kapitänin, die in ihrer Frauschaft den Ruf trägt, zu Machtdemonstration und Schaukämpfen zu neigen, wird es schwer haben, in der eigenen Frauschaft Respekt und Wohlwollen zu erlangen.

Gebunden in seine Kajüte kann der Kapitän eines solches Schiffes nur auf echte Führungsstärke und Überzeugungskraft setzen. Je früher er das versteht, desto besser ist es für ihn, den Kapitän, und für ihn, das Schiff.

Die Führung eines Fliegenden Holländers aus dem Quartier des Kapitäns heraus kann nur wirksam sein, wenn dessen Kapitän in seiner Mannschaft so viel Achtung, Vertrauen und Freundschaft erzeugt, dass diese ihm allein auf sein Wort und Wollen hin folgt.

Diese Art von Selbstführungsstärke verlangt ein hohes Maß an Selbsterkenntnis, Selbstannahme und nicht zuletzt auch Selbstkonfrontation. Daher ist sie bislang verständlicherweise noch sehr selten. Und so wundert es nicht, dass viele Menschen in unserer Kultur sich innerlich gespalten, widersprüchlich, wankelmütig und/oder fremdbestimmt fühlen.

Ein Schiff, das keinen von der Mannschaft getragenen Kapitän hat, hat dadurch nicht keinen Kurs. Im Gegenteil: Es hat viele Kurse.

Da es keine Kapitänin gibt, die dem Schiff eine klare Führung gibt (sie kann schließlich ihre Kajüte nicht verlassen), ist das Steuerrad zum begehrtesten Platz an Deck geworden. Leider sind es jedoch nicht die klugen Entscheidungen eines bewussten ’selbst‘, die diesen Platz besetzen, sondern allein das Auf und Ab der Meinungs- und Kräfteverhältnisse an Bord.

Die psychische „Kraft“ einer Instanz hat hierbei nichts mit der „Form“ zu tun, als die wir diese möglicherweise visualisieren. In der Welt unserer Psyche sind Kleinstkinder stärker als die klügsten Gelehrten und manches Häschen mächtiger als ein Leopard.

Die psychische Kraft einer psychischen Instanz basiert allein auf der Quantität und Qualität an emotionaler Energie, die dieser Anteil für sich und seine Sache zum Einsatz bringt.

An Bord mancher Schiffe herrschen recht anarchische Verhältnisse. Nicht selten ist die Mannschaft gespalten, wobei eine der entstandenen Parteien die Oberhand hat und andere Instanzen nach besten Kräften unterdrückt.

Derlei innerpsychischen Konflikte oder Kämpfe machen nicht nur schlechte Laune, sie binden auch Unmengen an Lebensenergie und führen dazu, dass das Schiff des ‚ich‘ durch seinen ständig wechselnden Kurs scheinbar ziellos über die Meere treibt. Denn:

Selbst die unterdrückteste und versteckteste Instanz an Bord des Fliegenden Holländers ist auf ewig ein unsterblicher Teil unseres unsterblichen Schiffs. Wie alle anderen Instanzen auch wurde sie erschaffen, um dem System zu dienen und zu nutzen. Das ist ihr innerster Auftrag. Das ist der Grund, warum sie ist. Die Fesseln halten sie zwar möglicherweise eine gewisse Zeitlang an, aber niemals auf.

Stattdessen warten solche unterdrückten Teile unserer Mannschaft oder Frauschaft auf jene Momente, in denen ihre Wächter abgelenkt oder geschwächt sind. Unter Alkohol zeigt sich dies in schöner Verlässlichkeit. Aber auch emotionaler Stress oder körperliche Unterversorgung (Hunger, Durst, Müdigkeit, Sauerstoffmangel) können dazu führen, dass Menschen sich urplötzlich vollkommen anders verhalten, als ihre Umwelt es ansonsten von ihnen gewohnt ist.

Aus der Perspektive dieser Metapher heraus ist dies lediglich ein Zeichen dafür, dass andere Instanzen als sonst das Steuerrad übernommen haben und damit den Kurs des Schiffes bestimmen.

Je nachdem, wie lange solche unterdrückten Persönlichkeitsanteile still waren und je effektiver wir diese ‚ich‘-Anteile vor unserer Umwelt verborgen haben, desto überraschter reagieren wir selbst und/oder unsere Umwelt auf derartige „Ausrutscher“.

Ich glaube daher:

Wann immer wir Teile von uns selbst ablehnen und zu unterdrücken versuchen, dann ist das aufwändig, kostspielig und riskant.

Riskant, weil wir niemals die Garantie haben, dass unsere inneren Kontrollmechanismen nicht doch löchrig sind. Aufwändig, weil jede zu unterdrückende Energie mindestens dasselbe Maß an Energie darüber hinaus bindet, um sie von ihrem Wirken abzuhalten. Die emotionale Energie dieses Anteils geht dem System also in doppelter Menge verloren. Und kospielig, weil die Zeit unseres Lebens auf Erden begrenzt ist. Und wir möglicherweise eines Tages erkennen müssen, dass der Kurs unseres Schiffes uns sehr weit von dem fortgeführt hat, was unserem Potenzial entsprochen hätte.

 

Schöne Metapher. Aber:
Was ergibt sich daraus?

„Nicht die sichtbare und vergängliche Materie ist das Wirkliche, Reale, Wahre – sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist.“
Max Planck (1858 – 1947)

Ich glaube, daraus ergibt sich das Folgende:

Wenn wir erkennen, dass es einen Unterschied gibt zwischen unseren Gedanken, Impulsen und Gefühlen und unserem ureigenen psychischen Kern, dann haben wir

immerhin schon einmal die Verantwortungsfrage über das Schiff und seinen Kurs geklärt.

Allein das schon halte ich für viel wert.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Unterscheidung zwischen dem wie und was einer Handlung und der Intention dahinter uns sehr dabei behilflich sein kann, eine Kultur zu begründen, die durch alle Taten der Menschen hindurch das Gute in diesem Menschen zu sehen und zu achten vermag. Ich denke, eine solche Kultur würde zum Beispiel dem Lande, in dem ich lebe, gut zu Gesicht stehen.

Je besser wir die psychischen Kräfte in uns kennen lernen, desto öfter werden wir erfahren, dass alles, was in uns ist, ursprünglich entstanden ist, uns und unserem Leben zu dienen. Haben wir dies erst verstanden, ist der Schritt zu Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstmitgefühl urplötzlich gar nicht mehr weit.

Unsere Gedanken sind aus dieser Perspektive heraus betrachtet nicht mehr als die Sichtweisen, Meinungen oder Überzeugungen spezifischer, zumeist eindeutig von einander unterscheidbarer Instanzen unseres ‚ich‘, die unserem ’selbst‘ vortragen, was ihrer Meinung nach wichtig ist, wie die Datenlage zu deuten ist und welcher Kurs lang-, mittel- oder kurzfristig der richtige sei.

Keine der Stimmen in uns kennt die Wahrheit. Sie alle haben nur eine plausible Sicht auf das, was ist oder kommen mag.

Hierbei steht jede innere Instanz stellvertretend für eines oder mehrere essenzielle Bedürfnisse. Unter den Instanzen kann es durchaus Überschneidungen geben, so dass mehrere Anteile unserer Persönlichkeit sich für den Umgang mit einem unerfüllten Bedürfnis anbieten und eignen.

Mit dieser Perspektive im Hinterkopf könnten wir uns fragen, ob das, was wir als unsere „übliche“ Reaktion ansehen, möglicherweise im Grunde nur darauf beruht, dass unser ’selbst‘ es bislang gewohnt war, einfach immer der lautesten Stimme im Inneren nachzugeben.

Oder ob es vielleicht bislang noch gar keine Führung an Bord unseres ‚ichs‘ übernommen hat.

Ich glaube, wenn wir unser ‚ich‘ als ein innerpsychisches Sozialsystem zu sehen lernen, dann fällt es uns leichter, inneren Abstand zu finden von dem, was Psychologen gerne „alte Muster“ nennen.

Und ich glaube, es würde leichter fallen einander zu vergeben, wenn wir erkennen, dass das, was wir am Anderen ablehnen, nur die Ausprägung einer Instanz ist, die wir in uns selbst möglicherweise auch kennen. Wir haben in dieser Situation vielleicht bislang nicht aus dieser Energie heraus gehandelt. Aber: Wir hätten es tun können. Und: Es gab möglicherweise sogar Stimmen in uns, die genau dieses Vorgehen vorgeschlagen oder gar gefordert haben.

Oder?

Auf dieser Ebene ist es nicht ganz, aber doch ganz schön egal, was an Verhalten wir an anderen Menschen beobachten. Das Allermeiste davon kennen wir als Gedanken, Impuls oder gar Wunsch in uns selbst.

Also bitte:

Spielen wir nicht länger die Unschuld vom Lande. Oder erinnern wir uns wenigstens, dass genau diese Art von „Unschuld“ dem Sprichwort „Stille Wasser sind tief.“ zugrunde liegt.

Ich glaube, wir alle kennen diese widerstrebenden Anteile in uns. Nur haben wir bislang nie daran gedacht, sie auch zu benennen. Dies jedoch kann sehr hilfreich dabei sein, wenn man miteinander in Kontakt treten will. Und wenn ein ’selbst‘ will, dass sein ‚ich‘ etwas tut, dann ist in meinen Augen wirksame Kommunikation mit uns selbst gefragt.

Wenn wir nun also noch einmal die Metapher vom Schiff und seiner Mannschaft strapazieren, so lasse mich bitte abschließend ein paar Worte darüber verlieren, was ich einer/einem jungen oder einfach noch unerfahrenen Kapitän/in raten würde, der oder die gerne mehr Einfluss auf den Kurs seines oder ihres ‚ich‘ durch sein/ihr Leben nehmen würde.

 

Ratschläge an eine junge Kapitänin

„Das tiefste Geheimnis ist, dass das Leben keine Entdeckungsreise, sondern ein Schöpfungsprozess ist. Du entdeckst Dich nicht, sondern Du erschaffst Dich neu. Versuche also nicht, herauszufinden, wer Du bist, sondern zu bestimmen, wer Du sein willst. „
Neale Donald Walsch (* 1943)

 

Liebe Kapitänin, lieber Kapitän!

Dies ist dein Schiff. Dies ist dein ‚ich‘. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kräfte: Anteile, Instanzen, Persönlichkeiten oder wie auch immer du sie nennen magst. Jede von ihnen wurde nur zu dem Ziel geboren, dir (dem Schiff) zu dienen.

Du möchtest diese Mannschaft oder Frauschaft führen? Wohlan!

Dann empfehle ich dir zu allererst: Lerne deine Mannschaft oder Frauschaft kennen, jede einzelne Instanz in dir! Finde heraus, wer und wie sie ist, seit wann sie ein Teil des Schiffes ist, das du bist. Finde heraus, was ihre ureigenen Fähigkeiten und Stärken sind, die sie in dein System einbringt. Sie war damals die Lösung für ein Rätsel oder gar Problem. Vielleicht könnte sie dir auch heute nützliche Dienste erweisen.

Lerne die lebendigen Beziehungsstrukturen in deinem ‚ich‘ kennen. Welche Instanzen (Anteile, Aspekte) in dir kommen sich immer wieder in die Haare? Wer springt immer wieder dazu, wenn eine andere Instanz sich unwohl fühlt? Wer tritt niemals ins Quartier, auch wenn er oder sie ganz offensichtlich zumindest ab und an Zugriff auf das Steuer hat?

Wenn du dein Schiff wahrhaft führen willst, dann lerne die Instanzen und Anteile deiner Psyche nicht nur kennen, sondern möglichst bald danach sogar lieben. Erkenne die Schönheit und das Licht in jedem oder jeder Einzelnen von ihnen. Sie alle haben Fähigkeiten und Talente, aber auch Sehnsüchte und Wünsche. Alles, was sie dir sagen, enthält Information über ihr Befinden sowie über die Stimmungs- und Bedürfnislage auf deinem Schiff. Auch wenn das, was deine Gedanken dir erzählen, nicht die Wahrheit ist, so enhält doch jede Geschichte, die du hörst, mindestens einen Funken von Wahrheit.Entstanden sind die Instanzen in dir in ganz spezifischen Situationen oder Phasen deines Lebens. Darum neigen sie dazu, sich insbesondere in ähnlichen Situationen oder artverwandten Phasen in den Vordergrund zu drängen.

Bitte schelte sie nicht dafür!

Das ist es, wofür sie damals entstanden sind. Wenn du sie, statt sie auszuschimpfen, neugierig kennen und mit Selbstmitgefühl lieben lernst, so kannst du ihnen eines danach gar nicht mehr so fernen Tages schließlich neue Aufgaben und Ziele anvertrauen, in denen sie sich selbst nicht nur als wertvolle Elemente des Gesamtsystems erkennen, sondern das System, das du bist, durch sie sogar so manchen Vorteil oder Fortschritt erlangt.

So könnte es beispielsweise möglich sein, dass du im Verlauf deines Lebens zwar neue Strategien erlernt hast, die in manchen Settings deines Lebens viel geeigneter wären, eine gute, leichte oder gar elegante Lösung zu ermöglichen als die bisherigen. Du weißt, was zu tun wäre, aber ein Teil von dir blockiert. Im Bild des Fliegenden Holländers bedeutet dies, dass eine konkrete Instanz in dir ein Veto einlegt und das Steuer blockiert.

Auch wenn du dies erlebst, rate ich dir: Lerne diesen Teil kennen. Erkenne das Bedürfnis, für das er (oder sie) steht. Finde eine Lösung für dieses Bedürfnis. Dann löst sein oder ihr Widerstand sich mit großer Wahrscheinlichkeit von alleine auf.

Gib den Anteilen oder Instanzen in dir, die du bemerkst und erkennst, Namen!

Da sie sich nicht selbst benennen können, ist der Name, unter dem wir eine innere Instanz zunächst kennenlernen, manchmal ein Name, den andere innere Instanzen ihr gegeben haben, als diese über sie sprachen. Manchmal passt dieser Name sehr gut. Manche solcher inner-circle-names bringen die Kräfte und Energien solcher Instanzen geradezu lyrisch auf den Punkt.

Andere Namen, die innere Instanzen einander geben, sind nicht besonders treffend oder schön. Sie fokussieren beispielsweise einzig auf eine Schwäche oder eine unangenehme Seite dieses Teils. Dies ist rein logisch betrachtet in jedem Fall ein Hinweis auf einen verdeckten oder offenen Konflikt an Bord.

Gib den Instanzen in dir, die du kennen lernst, daher gute und kraftvolle Namen. Dies sollten gar nicht unbedingt konkrete menschliche Namen sein. Treffender und sogar nützlicher sind archetypische Bezeichnungen wie „die Königin“ oder „das Kind“, „der Engel“ oder „das Tier“, „die Kriegerin“ oder „der Stratege“. Oder. Oder. Oder.
Wenn du offen bist, wirst du schon merken, wann sich ein Name, den du als Kapitän einem Besatzungsmitglied deines Schiffes gibst, sich für diesen ehrenvoll und lebendig anfühlt – und wann nicht.

Bedenke: Wer sich von anderen abgelehnt, ausgegrenzt oder entwertet fühlt, der verliert dadurch nicht an Kraft oder Willen. Er verliert dadurch nur an Motivation, diese Kraft und diesen Willen dafür einzusetzen, dem Rest der Besatzung ihr Dasein möglichst angenehm zu machen. Und schon gar nicht dem Kapitän, der für diese Kultur verantwortlich zeichnet.

Sprich mit deiner Besatzung! Sprich mit jedem und jeder. Öffne deine Tür und halte keinen Anteil in dir vor deinem ’selbst‘ zurück!

Das ist übrigens ganz wörtlich gemeint. Wir sind in der Lage, innere Dialoge nicht nur zu beobachten, wir können in diese Gedankenfolge auch ganz bewusste Interventionen einbringen, die die „sprechenden“ Anteile in uns dazu bringen, miteinander eine gemeinsame kooperative Strategie zu entwicklen.

Wenn es unterschiedliche Auffassungen von einer Sache in dir gibt, höre dir beide oder gar alle Seiten in Ruhe an, bevor du dich entscheidest, was mit dieser Situation zu tun ist! Die Zeit, die es dafür braucht, ist in aller Regel gut investiert.

Wann immer sich eine deiner Instanzen emotional aufdrängt und das Recht auf alleinige Deutungshoheit einfordert, frage ganz bewusst nach, welche anderen Instanzen in dir zu dieser Situation eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben! Höre dir an, was diese leiseren Stimmen zum Thema zu sagen haben. Was zu tun ist, das entscheide erst danach.

Übernimm zugleich mitfühlend und entschlossen die Führung auf deinem Schiff. Da dies die einzige Reise ist, die du mit diesem Schiff machst, rate ich dir: Wähle deine Ziele weise. Erkenne jedoch, dass du allein die Wahl hast, ob du Beliebtheit oder Integrität ansteuerst, ob Bequemlichkeit oder Würde. Da dies die einzige Reise ist, die du in diesem Leben machen wirst, empfehle ich dir, dass du einen Kurs setzt, der dich an seinem Ende stolz und dankbar zugleich zurück blicken lässt.

Halte dir stets vor Augen, dass auch auf den Schiffen um dich herum Kapitäninnen und Kapitäne in ihren Kajüten gefangen sind. Manche von ihnen haben ihr Schiff ganz offensichtlich wenig im Griff. Manche von ihnen hatten möglicherweise bislang einfach noch nie ein Vorbild dafür, wie man das eigene ‚ich‘ anders führen kann. Vielleicht kannst du ihnen ein Vorbild dafür sein. Und wenn nicht, dann solltest du sie doch zumindest nicht dafür strafen, dass sie selbst nicht weiter sind als du.

Dies, junger Kapitän, junge Kapitänin, ist der Rat, den ich dir geben kann.

Erkenne und erfahre dich selbst.

Und dann führe dich und dein Leben so, dass
es dich heute mutig und morgen dankbar macht.

Goode Fahrt, min Deern!
Goode Fahrt, min Jung!

Wir sehen uns auf See!

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