Warum du deine Probleme nicht „loslassen“ kannst!

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„Wer loszulassen vermag,
siegt noch, wo er aufgibt.

Peter Rudl

„Loslassen ist die Kunst, Vergangenes zur Ruhe zu betten
und der Zukunft freien Raum zur Gestaltung zu überlassen.“
Helga Schäferling

„An etwas festzuhalten, was nicht festhaltenswert ist,
ist nicht nur sinnlos sondern auch dämlich.“
Damaris Wieser

„Wahre Liebe ist Loszulassen, wenn die andere Person
einen nicht mehr liebt, besonders dann, wenn man weiß,
daß in diesem Moment des Loslassens ein Teil Glück, Liebe,
Hoffnung und vor allem Zuversicht in einem selbst stirbt.“
Sascha Spät

„AaaarrrrgGHHH!“
Volker Schmidt

Warum du deine Probleme nicht „loslassen“ kannst!

Und sie niemals wirst „loslassen“ können!

Ein furchtbares Gift schleicht sich durch die Psycho-Szene. Ein hochwirksames Psychotoxin, so perfide gestaltet, dass Heerscharen wohlmeinender Therapeuten und Coaches es Tag für Tag, in solidem Glauben an seine Heilkraft, ihren Klienten verabreichen. Niemand weiß genau, wer es zuerst in Umlauf gebracht hat. Längst jedoch hat es, ob seiner Einfachheit und eingängigen Metaphorik, den Sprung in die Küchenpsychologie geschafft, wo Herzens-Freunde und -Freundinnen es besten Gewissens ihren leidenden Liebsten ins Herz träufeln. Und sich allzuoft wundern, wieso diese Menschen nicht nur nicht spontan gesunden, sondern in aller Regel nur noch schwächer und verzweifelter werden…

Die Formel dieses Gifts lautet: „Du musst einfach nur loslassen…!“

Was soll das? Warum schimpfe ich derart rüde gegen diese gut gemeinte Botschaft? Ich muss sie ja nicht mögen, aber ist das ein Grund, gleich so aufzubrausend zu werden?

Für mich ist es das. Denn es ist leider nicht so, dass die Floskel des „Loslassens“ einfach nur ein wenig am Kern der Sache vorbei geht und daher schlicht therapeutisch unwirksam wäre. Genau das ist sie gerade nicht. Sie ist hochwirksam, allerdings vollkommen anders, als wir es uns voraussichtlich wünschen.

Gefährlicher als die Lüge ist die Halbwahrheit!

Die Metaphorik der Loslassensprediger*innen dieser Welt besagt:

„Dein Problem ist nur darum ein Problem, weil du es dir zu einem Problem machst. Du hältst an einer Vorstellung fest, wie die Welt in deinen Augen zu sein hätte. Die Welt aber hält sich nicht an deinen Plan. Du hältst an etwas fest, das nicht real ist, eine Erinnerung vielleicht oder Sehnsucht, ein Wunsch oder eine Angst. Darum leidest du.“

„Lass das,“, sagen sie, „was du so verbissen festhältst, los, und du wirst frei sein!“

Das ist ja alles nicht ganz falsch. Es ist nur auch nicht ganz richtig. Es stimmt, dass ein Großteil unseres Leidens dadurch entsteht, dass unsere Wünsche oder Erwartungen nicht mit der tatsächlichen Realität übereinstimmen. Außerdem stimmt es, dass jeder Mensch in der Lage ist (je nach Übung mehr oder weniger), Einfluss zu nehmen auf seine innerpsychischen Prozesse. Also: Gedanken und Gefühle. Der Rückschluss jedoch, dass das „Loslassen“ unserer Vorstellungen, Interpretationen, Erwartungen, Ängste oder Wünsche unsere Probleme lösen würde, basiert meiner festen Überzeugung nach auf ein paar groben Nachdenkfehlern. Nachdenkfehlern leider jedoch, die Folgen haben.

Im Herzen jeder Sehnsucht steckt ein unerfülltes Bedürfnis.

Wir Menschen haben Bedürfnisse, nicht nur physischer, sondern auch psychischer Natur. Ich glaube, wir alle haben dieselben körperlichen wie psychischen Bedürfnisse, wenngleich von Person zu Person und Tag zu Tag vielleicht in unterschiedlicher Stärke.

Die Namen unserer psychischen Bedürfnisse lauten in meiner Nomenklatur: Wohlbefinden, Sicherheit, Leichtigkeit, Orientierung, Wirksamkeit, Freiheit, Intensität, Entwicklung, Gemeinschaft, Anerkennung, Gerechtigkeit, Verbundenheit, Selbsterkenntnis, Sinn, Integrität und Selbstentfaltung.

Ist eines oder sind mehrere dieser Bedürfnisse akut oder oder gar chronisch unterversorgt (Was in meinen Augen bei den allermeisten Menschen in unserer Kultur in der überwiegenden Mehrheit ihrer Lebenszeit der Fall ist), dann entsteht ein Mangel, den wir als psychischen Schmerz wahrnehmen.

Je länger dieser Mangel anhält übrigens und je mehr unterschiedliche Grundbedürfnisse betroffen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Depression, Sucht oder anderen Kompensationsstrategien des Systems.

Wenn unserem Körper Magnesium fehlt oder unserer Psyche Orientierung, dann hilft es weder dem einen noch der anderen, wenn wir versuchen, uns einzureden, der Mangel wäre nicht da. Im Gegenteil: Die Loslassensmetaphorik hält uns geradezu davon ab, hinzuschauen, was genau uns fehlt. Und uns die Frage zu stellen, wo wir finden könnten, was fehlt. Sind Grundbedürfnisse körperlicher oder psychischer Art unerfüllt, macht der Imperativ des „Loslassens“ uns nicht nur nicht stärker, sondern lädt uns geradezu ein zur Selbstverneinung und emotionalen Selbstverstümmelung.

Es bist nicht du, der/die festhält!

Hast du schon mal einem Menschen gesagt: „Lass doch los…!“? Was hat er oder sie dir geantwortet? Wenn nicht in Worten, dann haben dir höchstwahrscheinlich seine Augen unmissverständlich gesagt: „Ich würde ja gerne! Wirklich! Aber ich kann nicht! Ich weiß nicht, wie!“

Ich betrachte die menschliche Psyche nicht als Singular, sondern als Plural. Jeden deiner Gedanken und jedes deiner Gefühle kannst du, wenn du dich darin übst, auf einen ganz spezifischen Anteil deiner selbst zurückverfolgen. Und nun stell dir vor: Der Teil deiner Psyche, der leidet, ist ein anderer als derjenige, der rational feststellt, dass das Leiden objektiv betrachtet nicht zwingend notwendig wäre. Und noch ein dritter ist es, der in deinem Kopf daraus die klagende Schlussfolgerung zieht: „Wir selbst sind schuld!“

Führt das dazu, dass das Leiden in uns Linderung erfährt? Ich glaube, nicht.

Ich glaube, es führt dazu, dass die Instanz in uns, die leidet, nicht weniger leidet als vorher, sondern mehr. Denn nun addiert sich zu dem bereits zuvor empfundenen Mangel die Last der Schuld für dieses eigene Leiden.

In der Folge zieht sich der angeklagte und verurteilte Anteil in uns zurück in das Unterbewusstsein, wirkt von dort aus allerdings nicht weniger weiter. Nun jedoch aus dem Verborgenen und mit sehr machtvollen Werkzeugen.

Stellen wir uns vor, ein unsichtbares, unglückliches und zudem ausgegrenztes Kind hätte Zugang zu einem Arsenal an High-Tech-Werkzeugen. Was würde dieses unsichtbare, unglückliche und ausgegrenzte Kind wohl mit diesen Werkzeugen tun? Sicher nichts Gutes.

Es ist übrigens sogar möglich, jenen „inneren Kindern“ in uns ein „gefühltes Alter“ zuzumessen. Und es ist überdies überaus nützlich! Denn ein 3-jähriges Ich leidet anders als ein 6-jähriges, ein 11-jähiges anders als ein 17-jähriges. Und nicht nur das. Sie alle leiden nicht nur unter unterschiedlichen Dingen und auf unterschiedliche Weisen. Sie reagieren auch sehr verschiedenartig darauf, mit welchen Worten oder welchem Tonfall wir sie ansprechen.

Unabhängig von diesem „inneren Alter“ jedoch: Jeder Teil in uns, der akut oder chronisch leidet, sehnt sich nach Mitgefühl und der Erfahrung, in seinem Leiden angenommen und willkommen zu sein, statt hässlich, dumm und unbeliebt.

Annehmen, was ist, wie es ist!

Deine Wünsche und Sehnsüchte, deine Ängste und Traumen, dein Schmerz und deine Gefühle gehören nicht dir, sondern jenen oben besprochenen inneren Anteilen in deiner Psyche. Nichts von all dem kannst du daher „loslassen“. Genauso wenig wie die Tatsache, dass gewisse Bedürfnisse oder Wünsche, und seien sie noch so dringend und wichtig, möglicherweise akut oder chronisch nicht erfüllt sind.

Du kannst weder den Wunsch loslassen, zu wissen, was du „nur tun müsstest“, damit deine Wünsche in Erfüllung gehen. Noch die Tatsache, dass du es ganz offenbar bislang noch nicht herausgefunden hast. Nicht von all dem kannst du loslassen. Was du jedoch tun oder lernen kannst, ist die Dinge als das anzunehmen, was sie sind.

Das, was gerade ist, ist so, wie es ist, unabhängig davon, was ich davon halte. Das gilt nicht nur für unsere Umwelt, sondern auch für das Innenleben unserer Psyche. Ich kann mich unmöglich zwingen dazu (und auch niemanden sonst), etwas zu wollen, wonach es in mir (oder ihm/ihr) kein Verlangen gibt. Ich kann mich unmöglich (und auch niemanden sonst) zwingen dazu, mit etwas zufrieden zu sein, das in meiner Psyche mehr Frustration als Freude erzeugt. Versuche es! Ich sage, es ist unmöglich.

Was jedoch möglich ist (oder zumindest definitiv lernbar), ist die Dinge anzunehmen als das, was sie sind. Und zwar sowohl den Wunsch als auch den Umstand seiner Unerfülltheit. Sowohl die Angst als auch die Erkenntnis ihrer Irrationalität. Sowohl den Liebeskummer als auch das Wissen darum, dass jedes Gefühl naturgemäß zeitlich befristet ist.

Beistand transformiert.

Wir können nicht loslassen. Was wir jedoch (lernen) können, ist annehmen. Die Kraft, die uns dabei behilflich ist, heißt Traurigkeit.

In der Traurigkeit fühlen wir uns schwach, verletzlich und bedürftig nach emotionaler und physischer Nähe. Wenn wir diese finden, können wir uns erlauben, dem leidenden Teil in uns in geschütztem Rahmen (z.B. in den Armen einer Freundin oder während einer therapeutischen Sitzung) Raum zu geben. Vielleicht weinen wir. Vielleicht sind wir ganz still. Vielleicht kauern oder rollen wir uns ganz klein zusammen, fast so wie ein Baby im Bauch.

Wenn wir in dieser erschütternden Konfrontation mit unserem Unvermögen und unserer Zerbrechlichkeit nicht allein sind, sondern einen Menschen an unserer Seite spüren, der uns in diesem Schmerz (scheißegal, wie irrational er auch sein mag!) annehmen und halten kann, dann macht der leidende Teil in uns Erfahrungen, die nachhaltig positiv therapeutisch wirksam sind.

„Beistand geben“ bedeutet nicht, „dazusein und nichts zu tun“. „Beistand geben“ bedeutet, einem Menschen in einer schwierigen Situation Aufmerksamkeit und echtes Mitgefühl zu schenken. Diese Fähigkeit haben manche Menschen in ihrem Leben nie gelernt, vermutlich oft, weil es in ihrem Umfeld schlicht niemanden gab, der ihnen nahe brachte (oder überhaupt selbst wusste), wie wichtig und bedeutsam das gegenseitige Schenken von Beistand für den Erhalt und das Gedeihen einer Gemeinschaft und aller ihrer Bestandteile ist.

Schmerz annehmen heißt Lebendigkeit annehmen!

Wollen wir unser eigenes Leiden oder das Leiden eines anderen Menschen lindern, dann ist der Imperativ des Loslassens ein Werkzeug, dass wir meiner Auffassung nach schleunigst und gründlich einmotten sollten.

Wenn wir uns bewusst werden, dass wir selbst oder ein geliebter Mitmensch durch eine Lebensphase geht, in der es darum geht, Dinge, die nicht so sind, wie gewünscht, so anzunehmen, wie sie sind, dann bekommen wir vielleicht eine Ahnung davon, mit wie viel Widerstand wir es dabei in unserem Inneren oder dem unseres Gegenübers zu tun haben oder bekommen werden. Die Trauer des Annehmens ist manchmal ein zäher und kraftraubender Prozess.

Noch einmal, um es zu unterstreichen: Das bedeutet nicht, nicht, nicht, auch nur eines unserer Gefühle oder einen unserer Gedanken wegzudrücken. Sie sind eh da. Ob wir sie nun sehen wollen oder nicht. Und wie oben erläutert, gehören sie uns nicht. Auch unsere Gedanken und Gefühle gehören zu den Dingen, die wir annehmen können und dürfen. Sie zeigen uns lediglich, was in unserer Psyche vor sich geht. Darüberhinaus hat keiner unserer Gedanken und auch keines unserer Gefühle Handlungsvollmachten über unser Tun. (Es sei denn natürlich, wir verleihen ihnen diese!)

Die Tatsache, dass wir aktuell gerade nichts zur Lösung unserer Probleme (oder derjenigen eines geliebten Menschen) beitragen können oder wollen (!), bedeutet nicht im Geringsten, dass wir nichts tun könnten, das einen Unterschied macht! Beistand hat eine transformative Kraft, die ich selbst ein Leben lang unterschätzt hatte, bis eines Tages alle anderen Werkzeuge versagten und Beistand das einzige war, das ich geben konnte. Seither möchte ich dieses Werkzeug der Psychohygiene nicht mehr missen.

Lernen wir, uns selbst (unseren inneren Instanzen) und einander Beistand zu schenken. Schenken wir uns selbst und einander die Erfahrung, in unserem Leid nicht allein zu sein!

All jenen Menschen, die gerade Leid empfinden (sei dies plausibel oder rational), wünsche ich, dass sie Menschen finden, die ihnen nicht (mehr) sagen: „Lass doch einfach los!“, sondern: „Du bist nicht allein! Ich stehe dir bei!“

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Der Mensch als Objekt, als Prozess und als System.

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Der Mensch als Objekt, als Prozess und als System.

Die Auswirkungen unseres Menschenbildes auf unser soziales Miteinander

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Bereits zu Urzeiten zogen wir in sozialen Verbänden über den Planeten. Inzwischen haben wir Abkömmlinge aus der Linie der Bonobos und Schimpansen es geschafft, den gesamten Planeten so dicht zu besiedeln, dass kaum mehr ein Fleckchen unberührter Natur zu finden ist.

Wo und wie auch immer wir leben, wir erleben jeden Tag eine Unzahl an Interaktionen mit Mitgliedern unserer Art. Wie diese verlaufen, ist stark abhängig davon, vor welchem Menschenbild wir selbst und unsere Interaktionspartner das, was wir miteinander erleben, interpretieren und deuten.

Hierbei ist zu erwähnen, dass die moderne Psychologie kein gemeinsames Menschenbild aufweist. Je nach Denkschule, Vorbildern und persönlichen Erfahrungen variieren die Modelle, mit denen der Mensch beschrieben wird. Ebenso sehen wir selbst uns selbst und unsere Mitmenschen vor dem Hintergrund grundlegender Annahmen darüber, wer oder was genau eigentlich dieses „ich“ ist, von dem hier alle ständig reden.

 

Objektfokus: Der 3-Dimensionale Mensch

Voraussichtlich betrachtet zur Zeit noch die Mehrheit der Menschen in unserer Kultur die Welt grundlegend als aus kleineren, voneinander verschiedenen Objekten zusammengesetztes Ding. Dies ist ein Baum, das ist ein Fahrrad, das bist du, das bin ich, und das sind Liebe, Freiheit, Glück oder Erfolg.

Ein Ding oder Objekt hat eine Anzahl gleichbleibender Eigenschaften, durch die es sich auszeichnet und beschreiben lässt. Aus dem Objektfokus heraus betrachten wir die Eigenschaften unseres Gegenübers und wissen zügig: Er oder sie ist Mann oder Frau, heimisch oder fremd, wichtig oder unwichtig, Freund oder Feind. Hierin liegt die Stärke des Objektfokus: In der schnellen Klassifikation und Kategorisierung unserer Mitmenschen an Hand leicht zu erfassender äußerer Merkmale.

Menschen mit Objektfokus interessieren sich in Bezug auf ihre Mitmenschen für drei Dinge:

  • Wie sieht er / sie aus?
  • Was sagt er / sie?
    und
  • Was tut er / sie?

Sind diese drei Fragen ausreichend konsistent geklärt, glauben objektfokussierte Menschen leider allzu leicht, sie hätten dadurch ein verlässliches Modell von ihrem Gegenüber. In der Tat zeichnet sich die objektfokussierte Sicht durch eine hohe Trefferquote aus. Menschen, die wir kennen, verhalten sich die allermeiste Zeit über so, wie wir es von ihnen erwarten. In Anbetracht dessen arbeitet die objektfokussierte Sicht radikal einfach und hochgradig energiesparend.

Manchmal allerdings verhalten sich unsere Mitmenschen (oder vielleicht sogar wir selbst uns) in einer Art und Weise, die wir ganz und gar nicht erwartet haben. Ein Mensch mit Objektfokus kommt zu dem Schluss: „Ich habe mich in ihm / ihr / mir geirrt!“ oder auch „Er / sie hat mich getäuscht! Darum kann ich ihm / ihr nicht trauen!“ (auch: „Ich kann mir selbst nicht trauen!“)

Neben den beständigen und nicht immer angenehmen Überraschungsmomenten bringt der Objektfokus einen weiteren gewichtigen Nachteil mit sich: Durch ein Beharren auf „Ich bin so, wie ich bin!“ und „Unsere Beziehung (Objekt!) ist, wie sie ist!“ behindert und verhindert das rein dreidimensionale Menschenbild Entwicklungen und kreative Lösungsmöglichkeiten auf vielen Ebenen. Insbesondere im Angesicht von Schwierigkeiten oder Konflikten führt eine solche Haltung oft dazu, dass sich die Bedingungen für eine gute Lösung der Situation verschlechtern.

Der objektfokussierte Mensch blickt auf die Fotos seiner Vergangenheit und wundert sich über die Veränderungen in Persönlichkeit, Werten oder Stil. Auf die Zukunft blickend ist er davon überzeugt: Seine zukünftige Version ist haargenau derselbe Mensch wie er jetzt ist, nur ein paar Jahre älter selbstverständlich. Wer den Menschen als „Objekt“ sieht, wird sich oft irren. Er übersieht, dass alles, was lebt, in stetiger Entwicklung ist.

 

Prozessfokus: Der 4-dimensionale Mensch

Der prozessorientierte Mensch weiß: „Ich bin eine Geschichte!“ Er weiß: Jeder Augenblick verändert ihn ein winziges Stück. Augenblicke vereinen sich zu Tagen, zu Jahren und Jahrzehnten. Manche Augenblicke, das weiß er, weil er es erfahren hat, verändern sein Leben und sein „ich“ bedeutend mehr als nur ein Stückchen.

Die Sicht auf den Menschen als „Prozess“ beantwortet viele offene Fragen. Wir erkennen, dass die Wurzeln heutigen Verhaltens zum Teil zurückreichen bis in Vergangenheiten, zu denen es keine bewussten Erinnerungen gibt. Allein das Erinnerte jedoch aus unserer eigenen Geschichte oder der eines Mitmenschen macht manches, das wir im Heute erleben, verständlich. Dadurch können wir es leichter annehmen.

Auch macht die prozessfokussierte Sicht Entwicklung leichter. Da das, was ich heute bin, aus meinem Gestern entstanden ist, hat das, was ich heute sage, denke und tue, Auswirkungen darauf, wer ich morgen bin.

Menschen mit Prozessfokus fragen:

  • Was hat er / sie erlebt?
  • Wie hat sich das angefühlt?
  • Was hat das mit ihm / ihr gemacht?
  • Was möchte er / sie gerne erleben?
  • Wo findet er / sie das, was er / sie dazu braucht?

Eine prozesshafte Sicht des Menschen ist eine wichtige Grundlage jedweder medizinischen, psychologischen, pädagogischen oder seelsorgerischen Arbeit. All diese Dienste begleiten und unterstützen Entwicklungen in Richtung von mehr Gesundheit, Lebendigkeit, Wirksamkeit und Bewusstheit.

Dennoch: Auch die Betrachtung des Menschen als „Prozess“ oder „Geschichte“ hat ihre liebe Not damit, wenn es darum geht, Zustände innerer Lähmung, Zerrissenheit oder Selbstsabotage zu erklären.

Warum behindern wir uns so oft selbst in unserer Lebendigkeit und Entwicklung? Warum setzen wir Dinge oder Beziehungen, die wir lieben, leichtfertig auf’s Spiel? Warum handeln wir so oft auf unserem Weg wider besseres Wissen?

Die Frage: „Warum tue ich (tut er / sie) das?“ ist falsch gestellt, weil sie voraussetzt, dass das „ich“, nach dem sie fragt, im Singular existiert. Die Antwort allerdings kommt im Plural. Darum verstehen wir sie nicht.

 

Systemfokus: Der n-dimensionale Mensch

Der Mensch ist bereits als „ich“ ein „wir“. Die Persönlichkeit eines jeden Menschen besteht aus einer Vielzahl miteinander interagierender Teilpersönlichkeiten, die je nach Grad der Selbsterkenntnis und Bewusstheit eines Menschen im Inneren seiner Psyche miteinander in Kontakt, in Kooperation oder Konkurrenz stehen.

Es gibt Menschen, vermutlich sind es in unserem Land nur etwa ein halbes bis anderthalb Prozent, die sind in der Lage, sich selbst und ihre Mitmenschen als derart komplexes System aus inneren Anteilen oder Kräften zu sehen. All unser Denken, Fühlen und Verhalten ist Ausdruck der vielfach wechselwirksamen Prozesse in unserem Inneren.

Jedes einzelne Element dieses Systems „Das bin ich!“ hat eine Geschichte. Es ist zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt im „ich“ entstanden und hat sich fortan im Rahmen seiner Möglichkeiten weiter entwickelt. Jedes Element des Systems stellt also selbst einen Prozess dar. Wenn nicht gar, was noch wahrscheinlicher ist, ein eigenes System.

Wie entsteht ein solches System im Inneren unserer Psyche? Klaus-Peter Horn und Regine Brick beschreiben diesen Prozess in „Das verborgene Netzwerk der Macht“ (Gabal Verlag 2001, S. 180-181) auf folgende Weise:

„[…] Jedes neugeborene, menschliche Wesen ist einzigartig. Wenn Sie Kinder haben, werden Sie dies bestätigen können. Jedes Wesen bringt eine „Seinsqualität“ mit, die es unverwechselbar macht. […] Neben seiner Einzigartigkeit ist es jedoch auch äußerst schutzlos und verletzlich. So ist das Neugeborene für sein Überleben völlig auf Hilfe angewiesen, die natürlicherweise von Mutter und Vater kommt. Wie also entsteht in einem so winzigen Wesen eine Persönlichkeit, die sagt: „Das bin ich. So bin ich.“, „Das ist mein Charakter.“?

Weil dieses kleine Kind für sein Überleben nicht selbst sorgen kann, muss es eine Kontrollinstanz in sich entwickeln, die Hilfe von außen sicherstellt und so seine Verletzlichkeit schützt. Das ist die Geburtsstunde seiner Persönlichkeit. Diese Kontrollinstanz hat die Aufgabe eines inneren „Beschützers/Bewachers“. Die Eigenschaften dieses ersten Teilselbstes, auch Teilpersönlichkeit oder innere Person genannt, können sehr unterschiedlich sein. Sie sind abhängig von Kultur und Land sowie den Lebensumständen, Werten und Normen der Familie, in die es hineingeboren wird. Die wichtigste Aufgabe dieses ersten Teilselbstes ist es, mit allen Mitteln das Überleben sicher zu stellen.

Es bedient sich dazu verschiedener „Helfer“, die sich in Anpassung an die jeweiligen Umstände, unter denen das Kind aufwächst, als weitere Teilpersönlichkeiten entwickeln. […]“

Menschen mit Systemfokus fragen:

  • Mit welchem Teil in mir / dir habe ich es zu tun?
  • Was will dieser Teil in mir / dir?
  • Welche Stimmen gibt es hierzu in mir / dir?
  • Was fühlen diese Stimmen? Was denken sie? Was sind ihre Wünsche oder Forderungen?
  • Welche unterschiedlichen Meinungen, Gefühle oder Strategien gibt es dazu in mir / dir?

Hinter all den lauten und leisen Stimmen, Meinungen und Gefühlen unseres “ich“ liegt unser “selbst”. Auf der Ebene dieser innersten all unserer psychischen Instanzen ist alles Leben nichts als Wahrnehmen, Fokussieren und Entscheiden.

Ein Teil der Wahrnehmungen unseres „selbstes“ stammt aus der Welt da draußen: Das Geräusch des Windes in den Bäumen oder das Streiten der Kinder, die Augen des Liebsten oder das Unterhaltungsangebot auf Netflix, die Empfindungen auf unserer Haut oder der Duft in unserer Nase.

Ein nicht unbedeutend großer anderer Teil der Information jedoch, die unser „selbst“ erhält, stammt aus unserer eigenen Innenwelt, aus unserem „ich“. Hierzu zählen die unzähligen Gedanken, die in Form eines beständigen Flusses aus Worten oder Bildern in unserer Aufmerksamkeit kurz aufpoppen und dann wieder verschwinden. Zu den Kommunikationswegen in unserem System zählen außerdem Körpersymptome wie Wärme oder Kälte, Weite oder Druck, Herzschlag, Atmung usw..

Manche Gedanken poppen auf und gehen nicht wieder weg. Manche Gedanken haben geradezu massive Auswirkungen auf unser gesamts System. Sie verändern unser Denken und Fühlen, unsere Körperhaltung und Mimik, unsere Stimme, unsere Atmung, unsere Aufmerksamkeit, unsere Erinnerungen und nicht zuletzt unser Verhalten. Außen stehende sagen, wir wären „wie ausgetauscht“. Natürlich sind wr das nicht. Und doch liegt diese Beobachtung sehr nahe an der Wahrheit: Ein anderer Teil in uns hat das Ruder übernommen und steuert nun das Schiff, das wir unser Leben nennen.

Wer den Begriff des inneren Systems nicht nur als gefällige Coaching-Metapher verwendet, sondern konsequent durchleuchtet, kann lernen, sich des schillernden Systems in seinem Inneren nicht nur gewahr zu sein und es zu beobachten, sondern aktiv und bewusst auf dieses System einzuwirken.

Wer gelernt hat, aus der Position des „selbstes“ heraus mit den unterschiedlichen Anteilen seiner Persönlichkeit in ein offenes Gespräch zu treten, erlangt dadurch mit der Zeit immer mehr bewussten Zugriff auf sein eigenes Unterbewusstsein und hierdurch vielfältigere Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und dem Leben.

Die aus dieser Erfahrungsqualität im Umgang mit sich selbst entstehende Bewusstheit ist der Schlüssel zu innerer Harmonie, Klarheit und Entschlossenheit. Je besser wir die in uns wirksamen Anteile kennen lernen, desto wahrscheinlicher werden wir erkennen, dass jeder dieser Anteile allein existiert, um uns dabei zu helfen, auf die täglichen Herausforderungen und Fragen des Lebens unsere eigene Antwort zu finden. So wie jeder andere Mensch in unserem Leben auch.

Aus der Perspektive des Systems betrachtet lösen sich die Widersprüche auf. Erfolg oder Entspannung? Geld oder Liebe? Jens oder Jan? Wenn wir den vielfältigen Stimmen in uns wirklich lauschen, lautet die Antwort nicht allzu oft eben nicht „Entweder-Oder“, sondern „Sowohl-Als-Auch“!

Dies ist der Beginn einer neuen Art von Beziehung mit uns selbst (und Anderen!). Erstes Zeichen für diese neue Art des Umgangs (mit uns selbst und Anderen) ist, dass wir beginnen, neue Fragen zu stellen. Wir erkennen, dass die Frage „Will ich dies oder das?!“ auf einer falschen Annahme beruht (Nämlich: Ich will eines von beidem und muss nur herausfinden, welches es ist…) und uns daher zwingend in die Irre führen muss.

Die Fragen, die aus dieser Perspektive auf uns selbst (und Andere) heraus entstehen, sind komplizierter als das alte „Was will ich (eigentlich oder wirklich)?“ Sie erfordern mehr Information, mehr Aufmerksamkeit, mehr Mitgefühl (mit uns selbst und Anderen). Zugegeben: Das kostet eine Menge Energie und Aufmerksamkeit. Diese Sicht auf den Menschen braucht viel Bewusstheit und die Bereitschaft zum Annehmen oder Aushalten unterschiedlicher Impulse, Werte, Wünsche oder Gefühle.

Die Antworten jedoch, die wir erhalten, wenn wir den Mut haben, uns der großen Gleichzeitigkeit des Lebens zu stellen, legen das Fundament für eine vollkommen neue Art der Beziehung und der Kooperation mit uns selbst, unseren Mitmenschen und dem Leben. Wir begegnen uns, zeigen uns und verhandeln miteinander, mit uns selbst und dem Leben, auf einer neuen Basis der Ehrlichkeit, Selbstbewusstheit und Achtung.

Dieses neue Bild des Menschen versetzt uns wie keines der vorhergegangenen Modelle in die Lage, die Tiefe, Weite und Vielfalt in uns selbst und unseren Mitmenschen zu erkennen, zu achten und mit etwas Übung sogar ein bisschen: zu lieben.

Wer den Menschen als System erkennt, wird sich selbst und seinem Gegenüber auf neue Art begegnen. Dieses „neu“ ist gekennzeichnet durch ein Mehr an Selbstvertrauen und Respekt, an Gelassenheit und Mitgefühl, an Präsenz und Wirksamkeit.

Diese Qualitäten in Menschen zu stärken, ist Teil meiner Arbeit als Coach, als Trainer und Mentor.

 

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