klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

Leser-Wertung

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (2Bewertungen, durchschnittliche Bewertung: 5,00 von 5)
Loading...

 

*

klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

klüger fühlen 06:

Klüger fühlen!

„Höchste Weisheiten sind belanglose Daten,
wenn man sie nicht zur Grundlage von
Handlungen und Verhaltensweisen macht.“

Peter F. Drucker

Was ergibt sich aus diesem Modell unserer Gefühle für unseren täglichen Umgang mit ihnen? Welche Schlüsse lassen sich ziehen, und wie können diese uns im Umgang mit unserem eigenen Gefühlsleben hilfreich sein?

Dieses letzte Kapitel führt uns von der Theorie zurück ins wahre Leben. Dort schließlich haben viele von uns es immer wieder mit schwierigen Gefühlen zu tun.

Die Eleganz dieses Modells liegt darin, dass wir nicht mehr jedes einzelne unserer mannigfaltigen Gefühle verstehen und durchleuchten müssen.

All unsere Gefühle entstehen aus den 6 Grundkräften Freude, Ärger und Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust. Kaum eines enthält mehr als eines oder zwei dieser Grundgefühle in relevanter Stärke. Diese Grundkräfte allerdings definieren bereits die Richtung und das Ziel der zum Ausdruck kommenden emotionalen Energie. Wir müssen lediglich in der Lage sein, diese 6 unterschiedlichen Energien in unserem eigenen Erleben zu differenzieren und zu identifizieren.

Hierzu braucht es kein langes Training. Das ist nicht schwer.

Wie diese basale Unterscheidung unseren Umgang mit unseren „schwierigen“ Gefühlen radikal vereinfacht, zeige ich im zweiten Teil dieses Abschnitts.

Zunächst jedoch möchte ich unsere gemeinsame Aufmerksamkeit auf jene Gefühle lenken, die uns in aller Regel keine großen Probleme machen. Das bedeutet allerdings nicht, dass es egal wäre, wie wir mit ihnen umgehen.

 

Freude und Lust: Have a good time!

„Ich fühle mich heute so energetisiert, als hätte man
in meinen Genen die Doppelhelix von beiden Seiten
mit Lunten angezündet.“
Christa Schyboll

Es ist fast ein wenig seltsam, dies überhaupt zum Thema zu machen. Sollten wir doch davon ausgehen, dass kaum ein Mensch überhaupt etwas besseres zu tun wüsste, als Freude und Lust (und auch ein bisschen Überraschung) in sein Leben einzuladen.

Traurigerweise ist dem gar nicht so.

Viele Menschen in unserer Kultur haben in der Tat große Hemmungen darin, sich wirklich über Dinge oder auf Dinge zu freuen. Zwar benennen sie Freude, aber ihre Augen leuchten dabei nicht, so wie es bei gefühlter Freude der Fall ist. Das Konzept von „Freude über“ oder „Lust auf“ existiert für diese Menschen sehr wohl. Allerdings fühlen sie diese Gefühle nur in begrenztem Maße.

Erinnern wir uns:

Die Freude verstärkt neuronale Bahnen immer dann, wenn unser System eine Befriedigung von Bedürfnissen erlebt. Zwar lernt unser System auch an den unangenehmen Gefühlen, an der Freude aber lernt es, was funktioniert.

Die Lust erhöht unser Energieniveau in Vorbereitung auf ein zukünftiges Ereignis. Selbst wenn das, worauf wir uns freuen, noch in einiger Zukunft liegt, steht uns die durch die Lust entstandene Energie im Hier und Jetzt zur Verfügung. Dieser Energie nämlich ist es egal, ob wir sie dafür nutzen, um unsere Fäuste zu ballen und zu schmollen, im Zimmer auf und ab zu gehen, die Fenster zu putzen, zu joggen oder ein Projekt voran zu treiben.

Wir können uns entscheiden, hohe Hürden an das zu legen, worüber und worauf wir uns freuen. Dies wird allerdings ohne jeden Zweifel die Auswirkung haben, dass wir uns von nun an seltener freuen. Außerdem führt es dazu, dass unser Gehirn weniger von dem lernt, was uns gut tut.

Ich persönlich habe mich dafür entschieden, in diesem Leben, das möglicherweise mein einziges ist, Freude und Lust möglichst häufig und möglichst intensiv zu fühlen. Darum freue ich mich viel und gerne über und auf kleine Dinge.

Mein eigenes Leben ist dadurch bedeutend vielfältiger und reicher geworden, als es vorher war. Mir ganz persönlich gefällt das ausgesprochen gut.

 

„Überraschung!!!“

„Zu mancher richtigen Entscheidung kam es nur,
weil der Weg zur falschen gerade nicht frei war.“
Hans Krailsheimer

Nicht jede Überraschung, die wir erfahren, ist uns willkommen. Manche erleben wir als Enttäuschung. In der Tat ist jede Überraschung, ob positiv oder negativ, genau dies:

Eine Ent-Täuschung.

Die Überraschung lehrt uns, dass unsere Annahmen fehlerhaft waren – sei dies in die eine oder in die andere Richtung. Das bedeutet: Der Moment der Überraschung ist ein Moment des Lernens. Wir erfahren mehr über die Situation, in der wir uns befinden.

Je besser wir die Welt, das Leben und unsere Mitmenschen kennen, desto bewusster und leichter können wir unser Leben leben. Dafür ist es allerdings notwendig, dass wir immer wieder ent-täuscht werden. Beziehungsweise: überrascht.

Daher sollten wir das Leben und unsere Mitmenschen bereitwillig dazu einladen, uns immer wieder zu überraschen und zu ent-täuschen. Damit unser Blick auf uns selbst, das Leben, die Welt und die Menschen um uns herum so klar und ungetrübt werden kann, dass wir sehen, was wirklich ist.

 

Ärger und Traurigkeit: „love it, change it, leave it!“

„Die Natur muss gefühlt werden.“
Alexander von Humboldt

Grundlage all unseren Fühlens ist ist der Zustand unserer körperlichen oder psychischen Bedürfnisse. Diese Tatsache ist vor allem im Umgang mit Ärger und Traurigkeit massiv relevant.

Da uns Ärger und Traurigkeit auf den Zustand unserer Bedürfnisse hinweisen, wir zu diesen jedoch zumeist nur indirekten Zugang finden, lauten die zwei ersten Grundfragen im Umgang mit ihnen:

1. Welcher meiner Wünsche ist gerade unerfüllt?
2. Welches Bedürfnis kommt durch diesen Wunsch zum Ausdruck?

Je klarer ich in der Lage bin, die Bedürfnisse hinter meinen Wünschen zu erkennen und zu benennen, desto flexibler werden meine Wünsche, weil ich weiß: Nicht sie sind es, worum es geht, sondern unsere ursprüngliche Bedürfnisse dahinter.

Sobald ich die aktuell unerfüllten Bedürfnisse identifiziert habe, stellen sich sich nächsten beiden Fragen:

3. Gibt es etwas, das ich tun kann, um diesen Zustand zu ändern? Und wenn ja:
4. Bin ich gewillt, in der Lage und bereit, das hierfür Notwendige zu tun?

Lautet die Antwort auf diese Fragen „ja!“, dann ist es an der Zeit, mein Bestes zu geben, um die Situation, in der ich mich befinde, zu verändern. Die beste Energie hierfür ist die Entschlossenheit – die reine, konstruktive Kraft des Ärgers.

Ist die Antwort auf eine der beiden letzten Fragen ein „nein!“, dann ist es an der Zeit, das, was ich nicht ändern kann (oder will) anzunehmen, auch wenn dadurch wichtige Bedürfnisse unerfüllt bleiben. Die Energie, die uns dies möglich macht, finden wir in der Traurigkeit.

Jeder Funken unserer Lebenskraft steht uns nur einmal zur Verfügung. Wir können ihn dafür verwenden, an Dingen herumzuzerren, die wir nicht verändern können. Oder wir stecken ihn in diejenigen Dinge, die wir verändern können. Im Grunde erscheint die Entscheidung leicht.

Damit wir diese Wahl jedoch treffen können, ist es notwendig, dass wir sowohl Ärger als auch Traurigkeit als positive Kräfte unseres Lebens erkennen und anerkennen. So lange wir uns eines dieser beiden Gefühle untersagen, weil wir glauben dadurch würden wir „böse“ oder „schwach“, so lange steht uns die diesem Gefühl innewohnende Kraft nicht zur Verfügung.

 

Angst

„Schau der Furcht in die Augen,
und sie wird zwinkern.“
Russisches Sprichwort

Jede Angst, die wir fühlen, ist auf ein Ereignis in der Zukunft ausgerichtet. So lange dieses Ereignis, das wir fürchten, in der Zukunft liegt, werden wir daher Angst empfinden – wahlweise in ihrer Reinform oder aber als komplexe Stimmung der Sorge, des Unbehagens, des Misstrauens oder der Schüchternheit.

Den größten Teil dieser Zeit über dringt diese Angst nicht in unser Bewusstsein. Wir spüren sie allerdings, wenn wir Acht geben, als latente Dauerspannung, die dazu führt, dass wir an Eleganz verlieren, leichter Fehler machen und bedeutend häufiger in Konflikte geraten. Außerdem verbraucht diese Spannung unsere Energie.

Ein guter Umgang mit der Angst ist weitaus diffiziler als mit Ärger oder Traurigkeit. Schließlich sind Ungewissheit und Unklarheit ihr Wesenskern. Die Angst erhält sich selbst durch Spekulationen, Ahnungen und Andeutungen aufrecht. Daher ist es klug, der Angst mit wachem Geist zu begegnen. Anders wird es uns nicht gelingen, die tatsächlichen Fakten, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten aus dem emotionalen Durcheinander zu extrahieren, mit dem die Angst uns unter Spannung setzt.

Fragen im Umgang mit der Angst:

1. Wovor fürchte ich mich eigentlich genau?
2. Wie wahrscheinlich ist das Ereignis, das ich fürchte?
3. Welche Konsequenzen hätte dieses Ereignis schlimmstenfalls auf mein Leben? (worst case scenario)
4. Welche positiven Alternativszenarien wären möglich? (best case scenario)
5. Welche Möglichkeiten habe ich, aktiv auf das Ereignis einzuwirken?
6. Welche Möglichkeiten habe ich noch?
7. Welche Möglichkeiten habe ich noch?

Eine handfeste Strategie im Angesicht von Angst besteht darin, diejenigen Dinge, vor denen wir uns fürchten, so bald wie möglich zu tun. Dieses eine Gespräch so bald wie möglich zu führen. Diese eine Information so bald wie möglich einzuholen. Diese eine Entscheidung so bald wie möglich zu fällen.

In dem Augenblick, in dem das, wovor wir Angst hatten, Wirklichkeit wird, verwandelt sich die Angst. Entweder in Ärger oder in Traurigkeit oder in Freude. Was immer passieren wird, wenn es passiert: Danach haben wir Gewissheit.

 

Der Haken an der Sache…

„Man reist ja nicht um anzukommen,
sondern um zu reisen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Einige der Leserinnen und Leser werden zwischendurch gedacht haben: So einfach kann es nicht sein.

In der Tat: das stimmt.

Das bedeutet nicht, dass dieses Modell nicht genau so Bestand hat, wie ich es in dieser Artikel-Reihe vorgestellt habe.

Allerdings ist das, was wir das „ich“ nennen, in meinen Augen mit Nichten ein Phänomen im Singular, sondern im Plural. Unsere Psyche besteht aus vielen (bei Erwachsenen im Schnitt 15-20) verschiedenen inneren Instanzen oder Anteilen.

Diese Instanzen, Aspekte oder Anteile unserer Persönlichkeit erzeugen in ihrem Zusammenwirken das, was wir „ich“ nennen. Und da diese Anteile in uns voneinander verschieden sind, haben sie zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen über das, was uns geschieht, treten ein für die Erfüllung verschiedener Grundbedürfnisse und erleben in Anbetracht der derzeitigen Bedürfniserfüllungslage Gefühle der einen oder anderen Art.

Wenn wir uns selbst und unserem Fühlen wirklich auf die Schliche kommen wollen, ist es also, hilfreich und nützlich, uns immer wieder die Frage zu stellen:

Wer in mir ist es, der das fühlt?

Dieser Frage aber gehen wir an anderer Stelle nach.

 

 

Wie hat dir dieser Artikel gefallen?

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (2Bewertungen, durchschnittliche Bewertung: 5,00 von 5)
Loading...

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
erscheint wortgleich auf


und
.

Willst du mehr wissen?

Nimm hier KONTAKT auf!

pumaklein

P2 M2 U2 A2

 

 

klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung

Leser-Wertung

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (2Bewertungen, durchschnittliche Bewertung: 5,00 von 5)
Loading...

 

*

klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

klüger fühlen 04:

Grundgefühle 2. Ordnung

„Prognosen sind schwierig,
besonders wenn sie
die Zukunft betreffen.“

Karl Valentin (oder Mark Twain) (oder Niels Bohr) (oder noch jemand anderes)

Freude, Ärger und Traurigkeit sind die evolutionär in uns verankerten Reaktionsmuster auf das, was uns im Hier uns Jetzt geschieht. Erfüllt das, was wir erleben, wichtige Bedürfnisse in uns, dann freuen wir uns. Ist das Gegenteil der Fall, werden wir ärgerlich oder traurig – je nachdem, ob wir die Situation, in der wir uns befinden, als etwas erleben, was wir ändern können (Die Stunde des Ärgers!) – oder nicht (Ein Fall für die Traurigkeit).

Doch der Mensch lebt nicht im Hier und Jetzt allein. Er hat eine Geschichte, derer er sich (zumindest teilweise) bewusst ist. Diese Geschichte reicht über die Gegenwart hinaus: Zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft. Die Gegenwart, wie wir sie erleben und interpretieren, basiert auf dem, was wir in der Vergangenheit über uns selbst, das Leben und die Welt erfahren haben. Unser Handeln im Hier und Jetzt dient stets der Vorbereitung unserer Zukunft.

Der Mensch ist nicht das erste oder einzige Tier, das in der Lage ist, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu differenzieren. Die Fähigkeit, unser gegenwärtiges Erleben auf der Basis unserer vergangenen Erfahrungen zu beurteilen, ist ein hochwirksames Werkzeug, das uns ermöglicht, aus einer Reihe von Reaktionsweisen oder Handlungsoptionen solche zu wählen, die mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu geeignet sind, uns das zuzuführen, was wir im Leben wünschen oder brauchen.

Ein zumindest grundlegendes Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist darüber hinaus die Basis für jedes Lernen.

Halten wir uns vor Augen: Vergangenheit und Zukunft existieren allein in unserem Geist. Was wir „Erinnerung“, „Ahnung“, „Hoffnung“, Wunsch“, „Prognose“ oder gar „Plan“ nennen, existiert in der Welt da draußen nicht. Es existiert einzig und allein in unserer Psyche.

Dies gilt nicht nur für die Zukunft, deren ureigene Natur es ist, dass sie so lange wir an sie denken oder von ihr sprechen, noch nicht real ist. Auch unsere Vergangenheit ist nicht das, woran wir uns erinnern.

Unzählige Forschungen in den vergangenen drei Jahrzehnten haben zu Tage geführt, wie sehr auch all das, was wir „Erinnerung“ nennen, verfälscht, verdreht, geglättet oder ergänzt ist. Wie wir uns an ein vergangenes Erlebnis erinnern hängt – das wissen wir heute – weniger davon ab, was sich tatsächlich ereignet hat, als davon, wie es im Moment des Erinnerns um unsere Gedanken oder Gefühle bestellt ist.

Durch die evolutionäre Erschaffung eines Verständnisses von „Zeit“ entstand eine vollkommen neue Dimension der Betrachtung unseres Lebens und der Welt.

Was wir in unseren Erinnerungen oder Zukunftsvorausschauen „sehen“, ist nicht real. Dennoch prägt und lenkt es unser Verhalten im Hier und Jetzt.

Tiere, die ein (zumindest grundlegendes) Verständnis von Vergangeneheit, Gegenwart und Zukunft haben, handeln nicht mehr allein in Bezug auf die „Realität das draußen“, sondern außerdem auf ein verändertes Abbild dieser Realität in ihrer Psyche: Dieses Abbild nennen wir „Wirklichkeit“.

Die Dimension der Wirklichkeit legt sich wie ein Schleier über die Realität. Dieser Schleier ist so dicht, dass es selbst klugen und welterfahrenen Menschen oftmals schwer fällt, zwischen Realität und Wirklichkeit zu unterscheiden. Dieses Phänomen ist hundertfach beschrieben und nahezu ebenso oft beklagt worden.

Aus Sicht der Evolution jedoch macht genau diese “Verfälschung“ der wahrgenommenen Realität absolut Sinn: Wir müssen nicht mehr jede Situation, die wir erleben, von Grund auf neu erfassen, verstehen und interpretieren, sondern haben bereits vorbereitete Strategien parat, die mit relativer Wahrscheinlichkeit gut geeignet sind, den Erfahrungen im Hier und Jetzt zu begegnen. Das spart Energie und Zeit – Ressourcen, deren Verfügbarkeit in der Welt, in der wir entstanden sind, allzu oft den den entscheidenden Ausschlag gaben für das Leben oder Sterben eines Individuums, einer Population oder gar einer ganzen Art.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Das Verständnis von Vergangenheit und Zukunft als psychische Dimensionen des Lebens erzeugte eine vollkommen neue Ebene der Wahrnehmung: Die Wirklichkeit.

In der Wirklichkeit sehen und hören wir Dinge, die in Realität nicht da sind. Dennoch sind genau diese irrealen Wahrnehmungen (Erinnerungen, Pläne, Wünsche…) eine essenzielle Informationsquelle für unser Handeln im Hier und Jetzt. Sie werden, ebenso wie unsere tatsächlichen Erfahrungen mit der Realität, in unserem Gehirn verarbeitet, und lösen, ebenso wie diese, neurochemische Reaktionen („Gefühle“) in unserem System aus.

Mit diesem evolutionären Schritt entstanden emotionale Strukturen, die grundlegend anders waren als die bereits angelegten und verbreiteten Grundgefühle der ersten Ordnung (Freude, Ärger, Traurigkeit).

Die Entstehung eines grundlegenden Verständnisses von Zeit war nicht nur der Beginn des Lernens, sondern auch die Geburtsstunde dreier vollkommen neuer Gefühlsmuster.

Dies ist unsere Grundgefühle zweiter Ordnung. Wir kennen sie als Überraschung, Angst und Lust.

 

Überraschung: Achtung, Ausnahmefehler! (Oder?)

„Aus der Knospe der Verwirrung
erhebt sich die Blüte der Verwunderung.“

Arabisches Sprichwort

Die Fähigkeit, aus vergangenen Erfahrungen zu lernen, stellt einen radikalen Entwicklungsschritt in der Evolution des Lebens dar. Nach heutigem Stand des Wissens sind weder Einzeller noch Pflanzen und Pilze hierzu in der Lage. Auch die einfach strukturieren Tieren (Schwämme, Würmer, Weichtiere, Gliederfüßer) sind voraussichtlich nicht im Stande, Angst, Lust oder Überraschung zu empfinden.

Die faszinierend komplexe Tanzsprache der Honigbienen allerdings deutet darauf hin, dass selbst manche Insekten durchaus über ein zumindest grundlegendes Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verfügen könnten.

Damit Lernen aus Erfahrung sinnvoll möglich ist, benötigt ein Lebewesen komplexe neurale Strukturen, in denen Informationen nicht nur verarbeitet, sondern auch in verdichteter Form gespeichert und immer wieder „gepflegt“ werden. Diese gespeicherten Informationen werden nicht nur abgerufen und als Grundlage konkreter Entscheidungsprozesse genutzt, sondern auch immer wieder mit den tatsächlich gemachten Erfahrungen abgeglichen, gegebenenfalls verändert und wieder neu gespeichert.

Ein integraler Bestandteil dieses Vorganges ist die fortwährende Prüfung der gespeicherten Datenbasis auf Konsistenz und Anwendbarkeit auf den konkret erlebten Einzelfall.

Entspricht das, was ein Lebewesen im Hier und Jetzt erlebt, seinen gespeicherten Erfahrungen und Annahmen, so stehen die Chancen gut, dass auch seine gespeicherten Reaktionsweisen geeignet sein werden, der erlebten Situation auf zielführend sinnvolle Art und Weise zu begegnen, ohne hierfür allzu viel Energie aufwenden zu müssen.

Was aber, wenn das konkrete Erleben völlig anders ist, als es die gespeicherte Datenbasis erwarten ließ? Dann muss sich das Lebewesen neu orientieren. Bestenfalls: So schnell wie möglich.

Im Augenblick der Überraschung meldet das System:

„Achtung! Schwerer Ausnahmefehler!
Datenlage inkonsistent!
Sinnvolle Verhaltensauswahl nicht möglich!“

Es ist, als träte das System mit voller Kraft auf die Bremse. Die für Verhaltensauswahl und Verhaltenssteuerung zuständigen Systemeinheiten halten abrupt inne. Alle verfügbaren Ressourcen werden in die Strukturen für Wahrnehmung und Datenverarbeitung gelenkt.

Das Emoticon für „Überraschung“ ist ein Gesicht mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Auch unsere Wahrnehmungszellen in Ohren, Nase und Haut sind auf Datenaufnahme geschaltet und fluten das Gehirn mit Information.

Erst wenn sich aus diesem Datenstrom ein neues, handhabbares Modell der relevanten Umgebungsvariablen gebildet hat, ist das Lebewesen in der Lage, aus diesem Modell heraus auf seine Umwelt zu reagieren.

Je größer und bedeutungsvoller die Abweichung der erlebten Umwelt mit den zuvor gespeicherten Annahmen, desto intensiver wird das Gefühl von Überraschung erlebt – und desto mehr Zeit wird benötigt, um die innere Datenbasis auf die tatsächlichen Verhältnisse einzustellen.

Überraschung ist das einzige der sechs Grundgefühle, das wir Menschen nicht als eindeutig positiv (Freude, Lust) oder negativ (Ärger, Traurigkeit, Angst) bewerten. Ob ein Moment der Überraschung als angenehm oder unangenehm empfunden wird, hängt davon ab, wie gravierend und wie bedeutsam die Abweichung unserer Erwartungen mit dem aktuellen Erleben in Bezug auf unsere Grundbedürfnisse interpretiert wird.

Da jede neuartige Erfahrung auch die Möglichkeit der verbesserten Anpassung mit sich bringt, wird Überraschung nicht selten auch als sehr lustvoller Zustand erlebt. Schließlich ist die Befriedigung unseres Grundbedürfnisses nach „Entwicklung“ geradezu darauf angewiesen, dass wir immer wieder Situationen erleben, die uns neu und unvertraut sind und uns dadurch zur Anpassung unserer Annahmen oder Verhaltensweisen zwingen.

Je relevanter und notwendiger allerdings die geforderte Anpassungsleistung für unser Leben oder gar Überleben ist, desto unangenehmer, belastender oder erschütternder wird die jeweilige Überraschung erlebt werden.

Vier Stufen der Überraschung:

Stufe 1 (Grundform): Verwunderung
Stufe 2 (Positivform): Überraschung
Stufe 3 (Elativform): Schreck
Stufe 4 (Exzessivform): Schock

Komplexe Formen der Überraschung:

Verwirrung, Erstaunen, Verblüffung, Irritation

 

Angst: Essen Seele auf.

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut ist die Entscheidung, dass
etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“
James Neil Hollingworth

Wann empfinden wir Angst?

Angst empfinden wir dann, wenn wir uns eine Zukunft vorstellen, in der wichtige Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind.

Wir haben Angst davor, dass unsere Ehe auseinander bricht, weil wir befürchten, uns einsam zu fühlen (Zugehörigkeit, Verbundenheit), weil wir befürchten, finanzielle Einbußen hinzunehmen (Sicherheit, Wohlbefinden, Freiheit, Zugehörigkeit, Anerkennung), weil wir befürchten, keinen Sex mehr zu haben (Wohlbefinden, Wirksamkeit, Intensität, Anerkennung, Verbundenheit, Selbsterfahrung, Augenhöhe) oder weil wir befürchten, uns ein neues Leben aufbauen zu müssen (Wohlbefinden, Leichtigkeit, Orientierung, Freiheit, Zugehörigkeit, Anerkennung).

Interessant hierbei ist: In dem Moment, in dem das Ereignis eintritt, vor dem die Angst uns warnte, ist die Angst nicht mehr da. In dem Moment, in dem die Zukunft zur Gegenwart wird nämlich, verwandelt sich die Angst in Traurigkeit und/oder Ärger, jene emotionalen Kräfte, die dafür gemacht sind, unsere gegenwärtigen Umgebungsvariablen zu verändern (wenn möglich) oder aber anzunehmen (wenn nicht). Manchmal sogar verwandelt sich unsere Angst in Freude. Dann nämlich, wenn das, was wir fürchteten, nicht oder zumindest nicht so eintritt. Dem voraus geht mindestens ein Augenblick der Überraschung.

Was passiert, wenn wir Angst haben?

Unser Körper spannt sich an. Unsere Augen und Ohren sind (wie bei der Überraschung) weit geöffnet. Unser Herzschlag beschleunigt sich. Wir atmen schnell und tief.

Durch diese körperlichen Reaktionen passieren zwei Dinge:

1. All unsere Sinne sind auf Empfang geschaltet. Wir nehmen sehr viel wahr. Unser Unterbewusstsein wird mit Information geflutet.

2. Unser stoßweises Atmen pumpt Sauerstoff in die Lunge, von dort aus ins Blut und schließlich in die Zellen. Der erhöhte Herzrhythmus beschleunigt unser Blut, so dass neben dem Extra an Sauerstoff auch weitere Nährstoffe zügig zu den Zellen geliefert werden.

Das Gefühl der Angst dient der Handlungsvorbereitung. Unser System (Körper und Psyche) versorgt sich mit Nährstoffen und Information, um dadurch in der direkt darauf folgenden Zukunft auf das, was dann passiert, bestmöglich reagieren zu können.

Das kann Kampf sein oder Flucht. Beides jedoch braucht Ressourcen. Körper und Psyche arbeiten im Zustand der Angst auf Hochtouren, um Nährstoffe, Energie und Information in verfügbarer Form an die richtigen Stellen zu bringen.

Angst erzeugt Aktionspotenzial.

Da wir Menschen dank unserer kognitiven Kapazitäten im Stande sind, uns sehr weit von der Gegenwart entfernte Zukünfte vorzustellen, – und darüber hinaus generell ein reges Vorstellungsvermögen haben, – verfügt unsere Art vermutlich über ein auf diesem Planeten einzigartiges Spektrum an Dingen, vor denen wir uns fürchten können.

Die Tatsache, dass wir Menschen in der Lage sind, uns vor Dingen zu fürchten, die möglicherweise in einem Jahr oder in 30 Jahren passieren werden, zeigt deutlich, zu welch komplexen Gedankengängen der Mensch in der Lage ist. In diesem Zusammenhang jedoch entfaltet die Gabe unseres klugen Geistes eine subtile, aber nicht unproblematische Nebenwirkung:

Je weiter die Dinge, die uns Angst machen, in der Zukunft liegen, desto länger ist es uns uns nicht möglich, ihnen zu begegnen. Das mag uns als Glück erscheinen („Noch ist es nicht so weit!“), bei Lichte betrachtet jedoch werden wir erst dann, wenn wir dem Gegenstand unserer Angst begegnen, von unserer Angst befreit.

Ängste jedoch, die über längere Zeit nicht aufgelöst werden können, führen zu einer sich beständig wiederholenden Belastung des Systems. Auf Dauer zeigen sich nicht selten körperliche oder psychische Auffälligkeiten oder Störungen.

Vier Stufen der Angst:

Stufe 1 (Grundform): (An-) Spannung
Stufe 2 (Positivform): Vorsicht
Stufe 3 (Elativform): Angst
Stufe 4 (Exzessivform): Panik

Komplexe Formen der Angst:

Eifersucht, Sorge, Unbehagen, Misstrauen, Zweifel, Hoffnung (Typ A), alle Formen von Phobien

 

Lust: Auf Leben!

„Welch eine himmlische Empfindung ist es,
seinem Herzen zu folgen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Interessanterweise ist die Lust in keinem der aktuell diskutierten Ansätze zur Definition unserer Grundgefühle vorhanden. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester, der Angst. Diese fehlt in keiner Auflistung.

Ähnlich wie Freude, Ärger und Traurigkeit in Bezug auf unsere Gegenwart, so sind Angst und Lust die Reaktionsweisen unseres Systems auf Ereignisse unserer Zukunft.

Das Wort „Lust“ bezeichnet in diesem Sinne also die „Lust auf etwas“. Die „Lust an etwas“ (beispielsweise das Lustempfinden beim Sex oder die Lust an gutem Essen, guter Musik o.ä. ) ist eine komplexe Form von des Grundgefühls Freude.

Auch die „Lust auf etwas“ aktiviert unseren Körper für ein Handeln in der Zukunft. Anders als bei der Angst allerdings können wir es in diesem Fall kaum erwarten, dass „es passiert!“

Alle Signale sind auf grün gestellt. Körper und Psyche sind voll bereit. Mehr als bereit. Wenn es nur endlich los ginge…! Wir können nicht still sitzen, rutschen hin und her, stehen auf, bewegen uns, bewegen die Finger und wackeln mit den Zehen.

Dann passiert, was wir erwartet haben, und die Energie der Lust entlädt sich in Freude. Vielleicht passiert aber auch etwas ganz anderes. Vielleicht ab und an sogar etwas, das uns viel weniger gefällt. Dafür aber haben wir noch den Ärger und die Traurigkeit auf Tasch.

Vier Stufen der Lust:

Stufe 1 (Grundform): Interesse
Stufe 2 (Positivform): Neugier
Stufe 3 (Elativform): Lust
Stufe 4 (Exzessivform): Begierde

Komplexe Formen der Lust:

Wollust, Appetit, Wissbegierde, Hoffnung (Typ B), alle Formen von Philien.

 

Wie hat dir dieser Artikel gefallen?

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (2Bewertungen, durchschnittliche Bewertung: 5,00 von 5)
Loading...

 

Lies hier weiter: klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
erscheint wortgleich auf


und
.

Willst du mehr wissen?

Nimm hier KONTAKT auf!

pumaklein

P2 M2 U2 A2

 

 

klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle

Leser-Wertung

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3Bewertungen, durchschnittliche Bewertung: 5,00 von 5)
Loading...

 

*

klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

klüger fühlen 02:

Eine neue Ordnung der Gefühle
(Nicht schon wieder!)
(Doch.)

„Höchste Weisheiten sind belanglose Daten,
wenn man sie nicht zur Grundlage
von Handlungen und Verhaltensweisen macht.“

Peter F. Drucker

Gefühle sind essenziell bedeutsam für jede menschliche Entscheidung im Leben. Jeder Streit, jede Lüge, jeder Anschlag, jeder Mord beruht auf Gefühlen, die einen Weg suchten, sich zum Ausdruck zu bringen. Das macht die Frage, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, nicht nur zu einem interessanten Thema für freundschaftliche Plaudereien, sondern zu einer Frage mit einer kulturellen und politischen Dimension.

Es ist dringend an der Zeit, dass wir verstehen, welche Bedeutung der Umgang mit unseren Gefühlen nicht nur auf das Leben hat, das wir führen, sondern auch auf die Kultur, in der wir leben. „Emotionale Kompetenz“ gehört verankert in den Lehrplan jeder Klassenstufe und in das Curriculum aller Studiengänge, die einen pädagogischen, psychologischen oder sozialen Schwerpunkt haben.

Wer seinen Umgang mit den eigenen Gefühlen verändern will, der braucht ein Modell, an Hand dessen er (oder sie) das eigene Handeln ausrichten und überprüfen kann. Ein Modell, das uns auch dabei hilft, die Gefühle unserer Mitmenschen einzuordnen und in nützlicher Weise auf diese zu reagieren.

Die bislang differenzierteste Beschreibung der mannigfaltigen Zustände, die wir im weitesten Sinne als Gefühle kennen, stammt aus der Feder von Rüdiger Vaas und findet sich auf der Seite von spektrum.de (siehe Links!). Ich ziehe meinen Hut vor dieser hochverdichteten Zusammenfassung unseres aktuellen Wissensstands. Vaas beginnt sein Essay mit den Worten:

„Jeder scheint zu wissen, was Emotionen […] sind – bis er sie definieren soll. Doch es gibt weder eine einheitliche Theorie noch eine interdisziplinär akzeptierte Definition von Emotionen.“

Wenn es also bereits jetzt ein unübersichtliche Anzahl unterschiedlichster Theorie-Vorschläge gibt, mit denen auf keinen gemeinsamen Nenner zu kommen ist, warum dann noch ein weiteres Modell? Was ist das neue Feature, das den hier vorliegenden Vorschlag so besonders macht?

Antwort: Dieses Modell taugt nicht nur für intellektuelle Fachsimpeleien, sondern auch für den Alltag.

Es erklärt an Hand von sechs Grundgefühlen in zwei strukturell verschiedenen Klassen (bezeichnet als Grundgefühle 1. & 2. Ordnung) sämtlichen weiteren emotionalen Ausdrücke, Affekte und Stimmungen („Komplexe Gefühle“) in einer Weise, die sowohl ein tieferes Verstehen möglich macht als auch die Handlungsmöglichkeiten im alltäglichen Umgang radikal vereinfacht.

Dieses Modell der Gefühle basiert auf der Annahme, dass jedem unserer Grundgefühle ein klarer evolutionärer Nutzen zu Grunde liegt. Verstehen wir diesen, fällt es uns leichter, die spezifischen Wirkungen der Gefühle auf unsere Wahrnehmung, unser Erinnern und Entscheiden zu betrachten und zu verstehen, was unser System auf neurochemische Weise zum Ausdruck bringt.

In a nutshell

„Mache die Dinge so einfach wie möglich – aber nicht einfacher.“
Albert Einstein

Gefühle erscheinen nicht aus dem Nichts.

Sie sind Hinweise unseres Systems in Bezug auf den Zustand bestimmter oder unbestimmter innerer Bedürfnisse. Das, was wir im Außen erleben, hat Auswirkungen darauf, ob wir unsere Bedürfnisse als erfüllt oder als unerfüllt wahrnehmen. Unsere Gefühle sind nicht mehr und nicht weniger als die Antwort unseres Systems auf das, was wir erleben.

Gefühle fühlen sich auch nicht einfach nur irgendwie an. Sie lösen ganz spezifische, eindeutig zu benennende Prozesse in Gehirn und Körper aus, nehmen Einfluss auf Wahrnehmung, Interpretation, Fokus, Erinnerung, geistige Tiefe und sogar auf unsere körperliche Leistungsfähigkeit und weitere Körperfunktionen.

Hierbei ist jedes Gefühl einzigartig in seiner „Signatur“. Wir sind in der Lage, Neid, Eifersucht, Groll, aber auch Dankbarkeit, Stolz oder Vorfreude zu benennen, weil diese Gefühle immer wieder die gleichen Reaktionen in uns hervorrufen. Manche Gefühle jedoch haben eine besonders klare, reine Struktur. Dies sind unsere Grundgefühle: Freude, Ärger, Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust. Hierbei weisen bei näherem Hinsehen die ersten und auch die letzten drei Grundgefühle derart bedeutsame strukturelle Unterschiede auf, dass wir davon ausgehen können, dass diese Gefühlsspektren sich in unterschiedlichen Phasen unserer evolutionären Entwicklung entstanden sind. Sie werden daher als Grundgefühle 1. und 2. Ordnung geführt.

Jedes Grundgefühl kann abhängig von Persönlichkeit, Temperament, Erfahrung und Kontext unterschiedlichen Intensitäten auftreten. In diesem Modell sind für jedes Grundgefühl vier Stufen benannt. Die Übergänge zwischen diesen Stufen sind individuell sehr verschieden, so wie die Einstellung eines Lautstärkereglers für einen Menschen als „zu laut“ und für einen darüber wohnenden Nachbarn als „gerade richtig so“ beurteilt wird.

Alle weiteren („komplexen“) Gefühle bestehen im Kern aus einem oder mehreren dieser Grundgefühle, angereichert um einen oder mehrere „alchemische Gedanken“. Diese zeigen zum Teil interessante Einblicke in das Welt- und in das Selbstbild, das dahinter wirksam ist.

Bevor wir in den folgenden Kapiteln einen näheren Blick auf unsere sechs Grundgefühle werfen, verschaffen wir uns zunächst einmal einen Überblick über die Grundlegende Ordnung der Grund- und komplexen Gefühle:

 

Grundgefühle 1. Ordnung

Die Glückshormone, welche bei der Freude ausgeschüttet werden, führen dazu, dass die Situation, in der wir uns befinden, tiefer und detaillierter erinnert wird. Wir erleben Freude, wenn wir spüren, dass eines (oder mehrere) unserer Bedürfnisse genährt wird (werden). Durch die emotionale Signatur der Freude öffnen wir unsere Sinne, nehmen den Augenblick ganz intensiv wahr und machen ihn so zu einem Teil unserer Erfahrung.

Die Signatur des Ärgers dagegen ist ganz anders. Der Ärger ist eine feurige, aktive Energie. Ärger bringt uns entschlossen in ein Handeln, das das Ziel verfolgt, eine Situation, die wir als nicht nährend, votreilhaft oder angenehm empfinden, zu verändern. Ärger (oder: Entschlossenheit) ist die Kraft, die uns dazu befähigt, aktiv in den Kurs unseres Lebens einzugreifen und das Ruder auf einen neuen Kurs auszurichten.

Wir sehen: Ärger in seiner Grundform hat nichts mit der zerstörerischen Kraft zu tun, in der wir ihn oft erleben. Destruktive Formen des Ärgers (Wut, Rage) oder auch komplexe Gefühle wie Zorn, Hass, Verachtung und andere entwickeln sich vor allen Dingen aus unterdrücktem Ärger, der wieder und wieder gefühlt wird, ohne jedoch nutzbar zum Einsatz gebracht zu werden.

Konfrontiert mit einer Situation, die wir nicht verändern können, entfaltet die Traurigkeit ihre heilende Kraft. Sie leitet einen Prozess des Rückzugs und der inneren Neuorientierung ein. Traurigkeit befähigt uns, anzunehmen, was ist, wie es ist, und sich nicht ändern wird. Je früher wir das annehmen, desto früher können wir unsere Energie auf jene Dinge oder Aspekte lenken, auf die wir Einfluss nehmen können.

Ärger und Traurigkeit werden in diesem Modell als „Geschwisterkräfte“ betrachtet. Da das Leben komplex ist, besteht jede Situation, die uns missfällt und nicht gut tut, aus Aspekten, die wir annehmen müssen, und solchen, die wir ändern können. Ärger und Traurigkeit sind daher niemals weit voneinander entfernt. Zeigt sich das eine, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft auch das andere zeigen.

Freude lehrt uns, was uns nährt, und lässt es uns wieder tun. Ärger bringt uns in eine vorwärtsgerichtete Handlungsenergie, mit der wir unser Leben aktiv beeinflussen. Traurigkeit führt zu schnellstmöglicher Annahme der indiskutablen Faktenlage.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Organismen, die über derartige Reaktionsweisen verfügen, in einer sich wandelnden Umwelt besser auf die Geschehnisse des Lebens eingestellt sind als solche, die diese Möglichkeiten nicht haben. Auf dieser ersten Ebene grundlegender Gefühle braucht es weder ein Konzept von „ich“ noch ein höheres Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Freude, Ärger und Traurigkeit sind sehr direkte emotionale Reaktionen auf Reizerlebnisse im Außen oder Innen. Darum bezeichne ich sie als Grundgefühle erster Ordnung.

Jedem der Grundgefühle sind in diesem Modell vier „Stufen“ zugeordnet, welche unterschiedliche Intensitäten des Grundgefühls benennen:

4 Stufen der Freude: Zustimmung, Freude, Begeisterung, Euphorie

4 Stufen des Ärgers: Ablehnung, Ärger, Wut, Rage

4 Stufen der Traurigkeit: Bedauern, Traurigkeit, Trauer, Verzeiflung

 

Gefühle laden und entladen

Freude, Ärger und Traurigkeit haben noch ein weiteres Feature gemeinsam, das sie von allen anderen Gefühlen trennt: Freude, Ärger und Traurigkeit bauen angestaute emotionale Spannung ab.

Auf den Moment der größten Freude folgt eine Phase tiefer Entspannung. Wenn die Wut und Trauer ganz und gar zum Ausdruck gebracht wurden, entsteht (manchmal urplötzlich) ein Empfinden von Klarheit, Offenheit und Weite. Die meisten Menschen empfinden dies körperlich von der Brust an aufwärts.

Wenn unsere Freude, unser Ärger und unsere Traurigkeit frei fließen können, erzeugen sie durch diesen Prozess ein Empfinden von Leichtigkeit, Offenheit und Klarheit.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir ständig Freudensprünge machen sollten, die Fäuste ballen oder weinen. Diese starken Reaktionen sind eher ein Zeichen für emotionale Ausnahmesituationen. Oder dafür, dass sich zuvor unterdrückte Gefühle abrupt einen Weg an die Oberfläche bahnen.

Leider haben viele der erwachsenen Menschen unserer Zeit bereits früh verlernt, ihre Gefühle auf eine natürliche Weise fließen zu lassen. Stattdessen haben sie gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Oder sie ihren Mitmenschen blindwütig um die Ohren zu hauen.

Die Fähigkeit, potenziell destruktive emotionale Energie am Fließen zu hindern, ist eine hilfreiche Eigenschaft, die wir vermutlich mit allen anderen sozialen Tieren teilen.

Unser Nervengeflecht bietet gewisse Kapazitäten, störende emotionale Impulse auf „Pause“ zu setzen und sicher zu lagern. Im Laufe des Lebens nehmen diese Kapazitäten erheblich zu. Allerdings sind und bleiben die Kapazitäten zur Speicherung unpassender Gefühle begrenzt. Wenn wir sie nicht zwischendurch „leeren und säubern“, dann sind sie irgendwann schließlich voll. Was dann passiert, ist stark typabhängig, aber nur selten schön.

 

Grundgefühle 2. Ordnung

Während unsere Grundgefühle erster Ordnung unmittelbar auf das reagieren, was wir erleben, reagieren unsere Grundgefühle zweiter Ordnung auf unsere Erwartung einer Situation. Mithin: ein rein geistiges Produkt. Diese zweite Art von Gefühlen erfordert ein deutlich höheres Maß an geistiger Entwicklung, als dies für die Grundgefühle erster Ordnung nötig ist.

Die zweite Ordnung der Grundgefühle umfasst: Überraschung (über etwas), Lust (auf etwas) und Angst (vor etwas).

Diese Gefühle lösen etwas anderes aus als Freude, Ärger und Traurigkeit. Überraschung , Angst und Lust bringen die Energie in uns nicht ins Fließen, sondern erhöhen zwar den Energiezustand des Systems – nicht selten drastisch! – setzen jedoch gleichzeitig das System auf „Pause“.

Angst empfinden wir dann, wenn wir eine Zukunft erwarten, in der wir Ärger oder Traurigkeit empfinden werden – in einer ihrer Stufen bzw. kristallisiert in einem komplexen Gefühl.

Lust kommt auf, wenn wir an eine Zukunft denken, in der wir erwarten, Freude zu fühlen. Die durch Lust aufgebaute Energie wird später durch konkretes Handeln oder Erleben entweder in Freude transformiert, oder aber sie entlädt sich in eines der anderen Grundgefühle 1. Ordnung bzw. einer komplexen Variante davon.

Überraschung überkommt uns, wenn wir einen Augenblick lang (oder länger) so gar nicht wissen, mit was wir als nächstes rechnen müssen. Etwas ist passiert, auf das wir nicht vorbereitet waren. Das Handeln bricht jäh ab, und das ganze System nimmt mit allen Sinnen Information über seine Umwelt auf.

Auch die Grundgefühle zweiter Ordnung treten in unterschiedlichen Intensitäten auf:

4 Stufen der Überraschung: Verwunderung, Überraschung, Schreck, Schock
4 Stufen der Angst: (An-) Spannung, Vorsicht, Angst, Panik
4 Stufen der Lust: Interesse, Neugier, Lust, Begierde

 

Komplexe Gefühle

Neben diesen 6 Grundgefühlen der 1. und 2. Ordnung kennen wir noch eine geraume und unübersichtliche Anzahl weiterer Gefühle. Dazu gehören:

Eifersucht, Sorge, Mut, Zorn, Mitgefühl, Mitleid, Selbstmitleid, Mitgefühl, Selbstmitgefühl, Groll, Frustration, Verliebtheit, Neid, Missgunst, „Enttäuschung“, Stolz, Scham, Fremdscham, und und und…! Dies ist die schillernde Gruppe der „Komplexen Gefühle“.

In dieser Gruppe finden wir ein Füllhorn unterschiedlichster emotionaler Cocktails, die unser System zu mixen in der Lage ist. Komplexe Gefühle entstehen aus einem oder mehreren Grundgefühlen, gemixt mit Annahmen und Überzeugungen, zumeist in einem milchtrüben Glas serviert.

Sie an dieser Stelle im Einzelnen zu beschreiben, sprengt den hier gegebenen Raum. Hierfür wird an anderer Stelle mehr Platz sein.

Doch vielleicht sehen wir bei genauem Hinschauen bereits jetzt in der Sorge die Angst, in der Scham die Traurigkeit und im Mut den Ärger durchschimmern. Dies kann uns wichtige Hinweise geben in Bezug auf die Intentionen hinter den lauten und den leisen Gefühlen unseres Alltags und unsere Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit ihnen.

 

Wie hat dir dieser Artikel gefallen?

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3Bewertungen, durchschnittliche Bewertung: 5,00 von 5)
Loading...

 

Lies hier weiter: klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
erscheint wortgleich auf


und
.

Willst du mehr wissen?

Nimm hier KONTAKT auf!

pumaklein

P2 M2 U2 A2

 

 

v v v v

Leser-Wertung
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3Bewertungen, durchschnittliche Bewertung: 5,00 von 5)
Loading...