klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Vielleicht

klüger fühlen 05:

Der schillernde Kosmos unserer komplexen Gefühle

„Liebe – auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat.“
Jean Anouilh

Freude, Ärger und Traurigkeit, Überraschung, Angst und Lust sind unsere 6 Grundgefühle. Ähnlich den Farbtöpfchen in einem Tuschkasten lassen sich auch aus ihnen viele andere Gefühlsschattierungen mischen und auf die Leinwand unseres Bewusstseins malen. Die „Pinsel“, mit denen wir diese emotionalen „Kunstwerke“ unseres Alltag anfertigen, sind unsere Gedanken.

Anstatt das Zusammenwirken von Gedanken und Gefühlen theoretisch zu umreißen, werde ich einige der von mir als „komplexe Gefühle“ bezeichneten Empfindungen unseres Alltags aus dieser Perspektive näher beleuchten.

Vielleicht eröffnet sich dadurch ein neuer Zugang zu manchen jener Gefühle, die wir an uns selbst oder Anderen als störend oder gar belastend empfinden.

In diesem Artikel beschreibe ich die Liebe und die Eifersucht, Missgunst und Neid, Zufriedenheit, Unzufriedenheit und (die aus letzterer entstehende) Frustration, Sorge und Misstrauen und zuletzt die Kraft, die wir als „Mut“ kennen. Jede dieser Empfindungen ist so schillernd und vielgestaltig, dass die ausführliche Beschreibung ihres Charakters, ihrer unterschiedlichen Formen und ihrer Wechselwirkungen mit anderen Gedanken und Gefühlen, ein ganzes Buch füllen ließe.

Dieser Text ist daher nicht mehr als eine (mehr oder weniger) kurze Vorstellungsrunde, in der wir einige unserer komplexen Gefühle etwas persönlicher kennenlernen, als uns dies im Alltag bislang vielleicht gelungen ist.

Möglicherweise jedoch kann diese kurze Beschreibung dem einen oder der anderen von uns dabei behilflich sein, eine stabilere, liebevollere und/oder pragmatischere Beziehung zu einigen dieser schillernden Phänomene unseres Gedanken- und Hormonhaushalts aufzubauen.

Und da sie vielleicht die schillerndste und vielgestaltigste unter all unseren Empfindungen ist, gebe ich das Wort zu Beginn dieser kleinen Runde an jene große Zauberin, Entertainerin und Abenteuerin, die wir „die Liebe“ nennen:

 

Die Liebe (ist ein seltsames Ding)

„Amor ist der größte Spitzbube unter den Göttern;
der Widerspruch scheint sein Element zu sein.“
Giacomo Casanova

Die Liebe, ach die Liebe! Festmeter an Romanen, Fachbüchern und Songtexten behandeln dieses vielfarbig funkelnde Gefühl. Und doch kriegen wir es nicht zu fassen.

Bereits vor mehr als zweieinhalb tausend Jahren unterschieden die großen Denker des alten Griechenlands vier verschiedene Zustände, die in der deutschen Sprache allesamt als „Liebe“ bezeichnet werden. Die Griechen kannten:

Philia – die freundschaftliche „Liebe“. Philia ist der Grundstoff menschlicher Beziehungen auf der Basis von Gegenseitigkeit und Ebenbürtigkeit. Ihre Kernbestandteile sind Anerkennung, Wertschätzung und gegenseitige Unterstützung.

Storge – die elterliche „Liebe“. Storge ist die Blaupause all dessen, was wir als „bedingungslose Liebe“ bezeichnen. Storge erwartet keine Gegenleistung. Ihre Befriedigung zieht diese Form des Liebens aus dem Akt des Gebens selbst. Evolutionär betrachtet ist sie (nach Eros) die Zweitgeborene unter den Lieben und entfaltete ihre Wirkung auf Erden, lange bevor der erste Mensch seinen Fuß in die Savannen Afrikas setzte.

Agape – die entschlossene bzw. spirituelle „Liebe“. Agape ist das hohe Ideal der frühchristlichen Gemeinschaften. Agape liebt, ähnlich der Storge, ohne den Blick auf den eigenen Nutzen. Agape liebt, weil es „Gottes Wille“ ist, weil es „das Richtige“ ist oder auch, weil es „meine Entscheidung“ ist. Dadurch ist Agape, bei Lichte betrachtet, mehr Gedanke und innere Haltung als Gefühl.

Und schließlich: Eros – die romantische, leidenschaftliche und erotische „Liebe“. In seinem Hauptwerk Theogonie (sinngemäß: „Von der Entstehung der Götter“) beschreibt der griechische Dichter Hesiod Eros als einen der drei ersten Götter, die sich aus dem Chaos erheben. Die anderen beiden sind Gaia (Erde) und Tartaros (Unterwelt). Dies zeigt ohne jeden Zweifel, welchen Stellenwert und welche Macht Hesiod dem Eros zumaß. Hesiod beschreibt Eros als den „schönsten unter den unsterblichen Göttern“ und führt aus, dass sowohl Götter als auch Menschen seiner Macht unterworfen und ausgeliefert seien. Eros ist der Gott aller sexuellen Anziehungen, Lüste und Begehren. Er ist es, der uns immer wieder Lust macht, uns miteinander zu paaren. Dabei schert er sich bekanntermaßen wenig darum, ob diese Paarungslust mit unseren eigenen Vorstellungen oder denen unserer jeweiligen Kultur kompatibel ist. In Eros‘ Augen sind wir nichts als Tiere. Kultur, Moral oder „sittliche Werte“ amüsieren ihn durchaus. Gegen seinen Willen allerdings sind sie so wertvoll und wirksam wie ein Cocktailschirmchen gegen einen Orkan.

Die alten Griechen hatten ganz offensichtlich eine bedeutend differenziertere Herangehensweise an das Thema „Liebe“, als wir es heute haben. Noch feiner unterscheidet das indische Sanskrit, das mindestens 15 verschiedene Begriffe für jene vielfältigen Gefühlsregungen kennt, die wir in nur einem einzigen Wort zusammenfassen und zu verstehen glauben.

Ein Kernbestandteil jeder Art von Liebe ist zweifelsohne die Freude. Welche Freude dies allerdings ist, hängt ganz entscheidend davon ab, in welcher Bedeutung wir das Wort „Liebe“ verwenden. Erleben wir die Freude am Wachstum und Wohlergehen eines Freundes (Philia) oder eines unserer Kinder (Storge), so ergibt sich daraus ein ganz anderes Gefühlserleben, als wenn wir uns auf erotische Weise von einem anderen Menschen angezogen fühlen. Noch einmal anders ist es mit der Agape, jener Geisteshaltung (!), die im Christentum „Nächstenliebe“ und im Buddhismus „Prema“ bzw. „Bhakti“ genannt wird – und von beiden spirituellen Schulen als höchste und reinste Form nicht nur des Liebens, sondern all unseres Umgangs mit der Schöpfung und uns selbst verehrt wird.

Was wir „Liebe“ nennen, ist daher weit mehr als nur „ein Gefühl“. Eros und Storge sind biologische Triebe, die Mutter Evolution uns mitgab, um unser Überleben auf Erden zu sichern. Philia und Agape dagegen sind geistige Haltungen und Entscheidungen über den Umgang mit bestimmten Menschen unseres Lebens oder aber der gesamten Schöpfung gegenüber.

 

Eifersucht

„Alles, was gegen die Natur ist,
hat auf die Dauer keinen Bestand.“

Charles Darwin

Wie tiefgreifend die Verwirrung im Umgang mit der Liebe in unserer Kultur ist, zeigt sich am Phänomen der Eifersucht.

Wichtigste Grundzutat der Eifersucht ist sicherlich die Angst. Allerdings ist auch der Ärger nicht selten ein essentieller Bestandteil dieses Gefühls.

Wann empfinden wir Eifersucht?

Eifersucht entsteht, wenn wir erleben (oder uns gedanklich ausmalen(!)), dass ein Mensch, mit dem wir uns tief verbunden fühlen, eine intensive Beziehung zu einem anderen Menschen eingeht, und wir darüber hinaus (!) befürchten, diese intensive Beziehung hätte negative Auswirkungen auf die Beziehung, die wir selbst zu dieser Person führen.

Folgerichtig ist das Phänomen Eifersucht insbesondere bei Menschen zu finden, deren „Liebesbeziehungen“ auf dem Prinzip von Besitz und Anspruchsdenken begründet sind.

Wer seinen „Liebespartner“ als sein Eigentum betrachtet, muss natürlicherweise fürchten, dass ihm dieses wertvolle Gut von anderen Männern oder Frauen streitig gemacht und in letzter Konsequenz sogar geraubt werden kann.

Derartige Beziehungen basieren in der Regel auf einer Grundhaltung des gegenseitigen Misstrauens und des beständigen Versuchs der gegenseitigen Kontrolle. Da jedoch kaum ein Mensch über lange Zeit daran Gefallen findet, immerfort kritisch beäugt zu werden, sich erklären zu müssen oder in seinem Verhalten eingeschränkt zu sein, gilt die Eifersucht in therapeutischen Kreisen nicht ohne Grund als Großmeisterin der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.

 

Missgunst oder Neid?

„Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“
Wilhelm Busch

Eng verwandt mit der Eifersucht ist das Gefühl der Missgunst, das daher auch nicht selten mit dieser gemeinsam auf den Plan tritt. Das ihr zu Grunde liegende Gefühl 1. Ordnung ist der Ärger. Allerdings richtet sich dieser Ärger nicht auf Dinge, die wir selbst erleben, sondern auf unsere Interpretationen des Erlebens Anderer.

Missgunst sagt: „Das, was du hast, verdienst du nicht!“ Oder gar: „Das, was du hast, steht in Wirklichkeit mir zu!“

Die Tatsache (oder Annahme!), dass ein anderer Mensch das bekommt oder erlebt, was wir ihm nicht gönnen oder sogar für uns selbst einfordern, erleben wir als existenzielle Demütigung. Der Zorn, den wir daraufhin und darüber empfinden, richtet sich daher nur zum Teil auf den anderen Menschen. Ein weiterer Bestandteil der Missgunst ist ein amorpher Groll auf „Gott“, „das Schicksal“ oder „die Ungerechtigkeit des Lebens“ schlechthin.

Missgunst ist ein durch und durch destruktives Gefühl.

Ganz anders ist es um den Neid bestellt. Dieser wird vielfach mit der Missgunst verwechselt, ist jedoch bei näherer Betrachtung von diesem sehr verschieden.

Auch der Neid basiert auf Ärger. Anders als die Missgunst sagt der Neid jedoch nicht „Das, was du hast, verdienst du nicht!“, sondern „Das, was du hast, das will ich auch!“ So ähnlich diese Gedanken klingen mögen, sie unterscheiden sich in einem ganz zentralen Punkt:

Der Neid ist, ganz entgegen seinem öffentlichen Ruf, (zumindest potenziell) eine konstruktive Energie, die uns dazu motivieren kann, Dinge zu tun, die uns (zumindest potenziell) dazu befähigen, das, was der oder die Andere hat, auch selbst zu bekommen oder zu erfahren. Die Missgunst dagegen beschränkt sich auf klagende Passivität.

Es macht also einen großen Unterschied, ob wir auf die Erkenntnis „Du hast da etwas, das ich haben will!“ mit Missgunst oder mit Neid reagieren. Welche Wahl wir in dieser Frage treffen, liegt bei jedem und jeder von uns allein.

 

Zufriedenheit, Unzufriedenheit und Frustration

„Die meisten Menschen machen sich selbst bloß durch
übertriebene Forderungen an das Schicksal unzufrieden.“

Wilhelm von Humboldt

Zufriedenheit und Unzufriedenheit sind die gedanklichen Entsprechungen unserer Grundgefühle erster Ordnung (Freude, Ärger, Traurigkeit).

Anders als diese Grundgefühle allerdings sind Zufriedenheit oder Unzufriedenheit keine instantanen emotionalen Reaktionen unseres Systems auf konkretes Erleben, sondern auf eine höhere Ebene der Interpretation und Abstraktion, auf der unser Geist formuliert: „So, wie es ist, ist es gut.“ bzw. „So, wie es ist, ist es nicht gut.“

Zufriedenheit und Unzufriedenheit stellen also gedankliche Bewertungen dar, die über das Erleben im Moment hinaus reichen. Ähnlich dem Zensurensystem in vielen Schulen fallen in dieser Bewertung allerdings viele relevante Informationen vom Tisch.

So kann ein Mensch sehr wohl mit seinem Leben zufrieden sein, auch wenn ihn spezifische Aspekte seines Lebens traurig oder ärgerlich machen, oder unzufrieden, auch wenn es im Hier und Jetzt konkreten Anlass zur Freude gibt.

Auch, welche Anteile der Unzufriedenheit auf Ärger und auf Traurigkeit beruhen, ist in aller Regel nicht direkt ersichtlich. Dadurch fehlen der Unzufriedenheit die wirksamen Werkzeuge des Ärgers und der Traurigkeit. Weder motiviert sie uns dazu, die uns umgebenden Umstände entschlossen anzupacken und zu ändern (Ärger), noch hilft sie uns dabei, das, was wir nicht ändern können, in Demut anzunehmen (Traurigkeit).

Die Steigerung der Unzufriedenheit heißt „Frustration“ und beruht ebenso wie ihre Grundform auf der undifferenzierten Abwertung unseres Lebens und Erlebens als „schlecht“.

Unzufriedenheit kann durchaus eine motivierende Kraft entfalten. Da ihr jedoch die Unterscheidungsfähigkeit der reinen Gefühle fehlt, richtet sie ihre Hoffnung in aller Regel allein auf die Werkzeuge des Ärgers. Dieser kann jedoch nur einen Teil dessen, was wir als unzufriedenstellend erleben, verändern. Manche Aspekte unseres Lebens und Erlebens jedoch lassen sich nicht ändern.

So verbrennt unsere Unzufriedenheit Unmengen an Energie bei dem Versuch, Dinge zu ändern, die per definitionem nicht zu ändern sind. Wir verausgaben unsere begrenzte Lebensenergie, ohne dass sich dadurch etwas zum Guten wendet. Die emotionale Folge dieser beständigen Erfahrung des Scheiterns nennen wir „Frustration“.

 

Stolz und Scham

„Wenn du dazu berufen bist, Straßen zu kehren, dann kehre sie, wie Michelangelo Bilder malte, oder Beethoven Musik komponierte, oder Shakespeare dichtete. Kehre die Strasse so gut, dass alle im Himmel und auf Erden sagen: „Hier lebte ein großartiger Straßenkehrer, der seinen Job gut gemacht hat!““
Martin Luther King

Stolz (Grundgefühl: Freude) und Scham (Grundgefühl: Traurigkeit) sind mit Zufriedenheit und Unzufriedenheit eng verwandt. Genau genommen sind es Unterformen der vorgenannten Gefühle.

Ebenso wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit basieren Stolz und Scham auf geistigen Bewertungen. Diese betreffen jedoch nicht die uns umgebenden Aspekte unseres Lebens, sondern unseren Eindruck von uns selbst.

Was genau bei einem einzelnen Menschen die Gefühle von Stolz oder Scham auslöst, kann dabei von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Wir können Stolz oder Scham empfinden in Bezug auf unseren Körper, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Leistungen, unsere Fähigkeiten oder unsere vergangenen Entscheidungen. Hierbei ist es zumeist wenig relevant, ob die Dinge, die wir an uns selbst wertschätzen oder kritisieren, überhaupt in unserer Verantwortung liegen.

Die Region der Welt und die Familie, in die wir geboren werden, unsere genetische Ausstattung oder gar das Verhalten völlig anderer Menschen (seien dies unsere Eltern, unsere Kinder oder Gäste einer Talkshow, die wir schauen) – all dies ist in der Lage, in uns Gefühle des Stolzes oder der Scham zu erzeugen. Nicht ohne Grund (oder in Mangel an Auslösern) nahm der Duden den Begriff „fremdschämen“ im Jahr 2009 in seinen Kanon der deutschen Sprache auf.

Der Stolz, den Eltern, Lehrer oder wir alle empfinden, wenn unsere Kinder, Schüler, Freunde oder Liebespartner eine bemerkenswerte Leistung erbringen oder eine mutige Entscheidung treffen, basiert auf derselben Vermischung von ich und du.

Ganz ähnlich wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit in Bezug auf das Leben, so stehen auch hinter Stolz und Scham eherne und oft unhinterfragte Überzeugungen darüber, was einen Menschen zu einem „guten“ („wertvollen“, „liebenswerten“, „schönen“, „erfolgreichen“…) oder einem „schlechten“ („minderwertigen“, „häßlichen“, „ablehnenswerten“, „erfolglosen“…) Menschen macht.

Die Kriterien, an denen wir hierbei uns selbst (und Andere) messen, sind häufig bereits im Kindesalter von den Ansichten der Eltern und anderer bedeutsamer Personen übernommen und niemals bewusst reflektiert worden.

Das bedeutet nicht, dass Stolz und Scham per se unnütz und leidbringend sein müssen. Im Gegenteil. Sie sind es nur, so lange der Fokus der Bewertung auf Eigenschaften liegt, die nicht in der eigenen Entscheidungskraft und Verantwortung liegen.

Innerhalb jener Aspekte unseres Lebens, die wir selbst entscheiden und verantworten können, entfalten Stolz und Scham ihre positive, gestaltende und wegweisende Kraft.

Wer stolz ist auf eine Entscheidung, die er getroffen hat, wird durch das Empfinden dieses Stolzes im weiteren Verlauf seines Lebens mit größerer Wahrscheinlichkeit in vergleichbaren Situationen wieder dieselbe oder eine ähnliche Entscheidung treffen. Wer sich dagegen für eine Entscheidung, ein Verhalten oder eine Aussage seiner Vergangenheit schämt, trägt durch diese Scham Sorge dafür, dass er in Zukunft in ähnlichen Situationen mit höherer Wahrscheinlichkeit anders agieren oder entscheiden wird.

So kann ein bewusster Umgang mit Scham und Stolz uns dabei behilflich sein, unser Leben in einer Weise zu führen und zu gestalten, dass wir eines Tages auf unseren Weg zurück blicken und mit gesunder Selbstzufriedenheit sagen: „Ja, das war mein Leben. Und ich bin stolz darauf, was ich aus diesem Leben gemacht habe.“

 

Sorge und Misstrauen

„Du hast die Wahl. Du kannst dir Sorgen machen,
bis du davon tot umfällst. Oder du kannst es vorziehen,
das bisschen Ungewissheit zu genießen.“

Norman Mailer

Die Grundenergie der Sorge und des Misstrauens ist in beiden Fällen die Angst. Allerdings ist diese Angst nicht auf konkretes Erleben bezogen, sondern eher auf die vage Ahnung, dass wahlweise das Leben („Gott“) oder aber ein Mitmensch es nicht gut mit uns meint. Aus dieser Annahme heraus entspringt die innere Überzeugung, uns schützen zu müssen. Da wir allerdings nicht genau wissen, wovor oder wie wir uns schützen können oder „müssen“, führen Sorge und Misstrauen zumeist nicht zu konstruktiv wirksamen Verhaltensweisen, sondern zu einer lähmenden oder aggressiv angespannten Grundhaltung dem Leben oder unseren Mitmenschen gegenüber.

Da wir es in unserem Leben immer wieder mit Situationen zu tun haben, in denen manche unserer Bedürfnisse (z.B. Sicherheit, Freiheit, Zugehörigkeit und andere) nicht erfüllt sind, und da wir hin und wieder durchaus Menschen begegnen, die gewillt sind, für die Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse unser Ungemach billigend in Kauf zu nehmen, besitzen Sorge und Misstrauen offensichtlich das Potenzial, uns vor manchem Verdruss oder Leiden zu schützen. Allerdings ist der Preis dafür (s.o.) hoch.

Mit Sorge und Misstrauen nahe verwandt und doch ganz anders ist die Vorsicht, die Positivform der Angst. Anders als ihre Cousinen Sorge und Misstrauen allerdings ist die Vorsicht keine generalisierte Grundstimmung, sondern eine emotionale Feinjustierung konkreten Verhaltens. Wer vorsichtig ist, bleibt bewusst handlungsfähig. Wer misstraut oder sich sorgt, zumeist nicht.

 

Mut

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben,
sondern es ist die Entscheidung,
dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“

Ambrose Red Moon

Welches Grundgefühl liegt wohl dem Mut zu Grunde?

Meine Antwort: Es ist der Ärger.

Die Annahme, Mut beruhe auf der Abwesenheit von Angst, führt sich bei genauerer Betrachtung ad hoc selbst ad absurdum. Es ist unmöglich, Mut zu empfinden, wenn wir uns rundum sicher und sorglos fühlen. Das Risiko oder gar die Gefahr sind geradezu Grundbedingungen dafür, dass Mut überhaupt entstehen kann.

Jedem mutigen Schritt vorwärts geht ein Zögern voraus. Dieses Zögern beruht auf Angst. Denn das, was wir nun tun werden, enthält das Risiko des Scheiterns, Versagens oder gar Untergangs. Je höher die Gefahr ist, der wir uns zwar entschlossen, aber zumeist ganz und gar nicht furchtlos, stellen, desto wichtiger ist es, zu wissen, wofür wir dieses Wagnis eingehen. Eben dieses „Wofür?“ ist es, woraus das, was wir Mut nennen, geboren wird.

Der Mut „weiß“: Angst existiert nur in Bezug auf die Zukunft. Wird diese Zukunft zur Gegenwart (gemacht!), verwandelt sich die Angst. Hierin liegt die alchemische Kraft des Mutes:

Indem wir das tun, wovor wir Angst haben, machen wir die gefürchtete Zukunft zur erlebten Gegenwart. Nur im Hier und Jetzt können wir den Gegebenheiten des Lebens aktiv begegnen. Wir mögen siegreich sein darin oder scheitern, doch welches Schicksal uns unser Tun auch immer bescheren wird, wir treten ihm und uns selbst aufrecht und würdevoll entgegen.

 

Weitere komplexe Gefühle

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas,
das der menschliche Geist erfinden könnte.
Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit
bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“

Sir Arthur Conan Doyle

Natürlich ist die Liste der hier beschriebenen komplexen Gefühle nicht abschließend. Schuldgefühl und Rachsucht, Vorfreude, Verliebtheit und Dankbarkeit, Einsamkeit, Schwermut, Ungeduld, Verachtung, Verwirrung, Empörung, Hoffnung, Entsetzen, Langeweile und Selbstmitleid… Sie alle hätten einen Platz in dieser Beschreibung verdient.

Das menschliche Denken und Fühlen ist derart reich und vielfältig, dass die detaillierte Betrachtung jeder einzelnen emotionalen Regung den Rahmen dieses Artikels mehrfach sprengen würde.

Vielleicht jedoch war es mir möglich, durch die in diesem Kapitel ausgeführten Charakterisierungen einiger unserer komplexen Gefühle ein Verständnis dafür zu wecken, in welch vielfältiger Weise unser Denken und Fühlen miteinander verwoben sind.

Vielleicht war es mir möglich, eine Idee davon zu erzeugen, dass das, was wir in manchen Situationen unseres Lebens fühlen, alles andere als zwangsläufig und vorherbestimmt ist. Weil nämlich die weit überwiegende Mehrheit all unserer Gefühle eben nicht in ihrer Reinform auftritt, sondern geprägt ist von unseren Gedanken, Interpretationen und Bewertungen in Bezug auf das, was wir erleben.

Und vielleicht war es mir sogar möglich, die eine oder andere Grundlage dafür zu legen, dass wir angesichts der einen oder anderen Gefühlsregung unserer Zukunft die Erkenntnis entwickeln, dass es vielleicht andere, vielleicht sogar: bessere Weisen gibt, auf die Erlebnisse und Gegebenheiten unseres Lebens zu reagieren, als wir es bislang aus reiner Gewohnheit tun.

Und als letztes „vielleicht“: Vielleicht führt eben diese Bewusstheit und Erkenntnis dazu, dass wir tatsächlich weiser als bislang wählen, welche der Erfahrungen unseres Lebens wir mit welchem Gefühl beantworten wollen.

 

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