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10 Gebote

 

00 Präambel:

Das Leben selbst hat dich in diese Welt gebracht. Und jetzt bist du hier. Dies ist keine Übung. Willkommen im Leben! Unter Umständen bekommt jede und jeder von uns davon nur eins.

In dir, wie in jedem anderen Menschen, sind Gaben angelegt, die dich befähigen, in dieser Welt deinen Platz zu finden und einen einzigartigen Beitrag zum Guten, Wahren und Schönen zu leisten. Zu diesem Zweck hast du deine Gaben erhalten. Dieser einzigartige Beitrag ist der Sinn deines Lebens.

Jede deiner Entscheidungen und Handlungen hat Auswirkungen. Manche von diesen sind wünschenswert, andere unbequem und einige wenige sogar tragisch.

Die folgenden 10 Gebote des Lebens sind ein Angebot an Perspektiven, Werten und Entscheidungen. Verstehe sie als Handreichung an dich. Sie können dir helfen, in schwierigen oder unübersichtlichen Situationen selbst-bewusste Entscheidungen zu treffen.

Nichts desto trotz steht es dir selbstverständlich jederzeit offen, zu tun oder zu lassen, wonach dir der Sinn steht. Wenn du dich selbst kennst und die Konsequenzen deiner Taten, und mit beidem im Reinen bist, dann bist du frei.

Es ist dein Leben. Du allein entscheidest, was du daraus machst!

01. Gebot:
Ehre die Schöpfung!
Und deinen Platz in ihr!

Du bist ein Kind der Schöpfung in dieser Welt. Ebenso wie jeder andere Mensch und jedes andere lebende Wesen in ihr. Ehre die Schöpfung, die der Quell deines Lebens ist! Erhalte und pflege die Erde, auf der du geboren bist, die dich nährt und trägt! Erkenne deinen Platz im schillernden Geflecht des Lebens, und nimm die dir durch ihn geschenkte Gnade von Herzen an!

Jedem lebenden Teil dieser Welt liegt, ebenso wie dir, ein Stück der Verantwortung für eure Welt in Händen. Gemeinsam sollt ihr ihre Hüter sein.

02. Gebot:
Erkenne dich selbst!

Du bist nicht nur einer oder eine – du bist viele. Lerne deine inneren Anteile kennen! Sie alle sind ein Teil von dir. Lerne ihre Gaben, Wünsche und Bedürfnisse kennen und schließe Freundschaft mit ihnen!

Lerne die Sprache deine Gefühle kennen! Sie weisen dich auf deine Bedürfnisse hin. Achte die Gefühle der Menschen, denen du begegnest auf deinem Weg! Durch ihre Gefühle zeigen sie dir, wonach sie sich sehnen.

Du bist frei, und doch bist du mit allem und allen verbunden. Was du tust, hat Auswirkungen auf die Zukunft deiner Kinder und der Kinder und Kindeskinder aller anderen Menschen. Sei du selbst, und sei gleichzeitig ein integraler Teil des Ganzen! Lebe dein Leben in Achtung vor dir selbst und in Demut vor allen anderen Wundern dieser Schöpfung!

03. Gebot:
Verbünde dich mit den Kräften des Lebens!

Das Leben ist komplex. Egal, wie viel du schon weißt, sei dir gewiss: Es wird dich immer wieder überraschen! Was immer du auch lernst: Du wirst es niemals ganz verstehen.

Alles, was du brauchst für deinen Weg, ist in dir bereits angelegt. Manches davon entwickelt sich jedoch erst durch einen gezielten Reiz. Finde deinen Frieden darin, dass einige Entwicklungsschritte mit Widerstand und Schmerz verbunden sind! Insbesondere die großen.

Übe dich in Hingabe an das Leben! Es wird dich an Aufgaben führen, in denen du über dich selbst hinaus wachsen musst, bevor du sie bestehst. Doch erkenne: mit jedem Schritt, mit du hinauswächst über dich, wächst du zugleich ein Stückchen tiefer hinein in dich selbst.

Erlaube, dem Leben, sich nach seinem Willen zu entfalten! Das Leben liebt dich und schenkt dir all das, was du zum Wachtum und zur Entfaltung deiner Gaben brauchst. Kämpfe nicht gegen das Leben an, sondern werde sein Verbündeter! Vertraue dem Leben! Auf erstaunlichen Wegen führt es dich zurück zu dir selbst.

04. Gebot:
Achte auf deine Bedürfnisse!
Achte die Bedürfnisse aller Anderen!

Erkenne, dass du Mensch bist. Du bist am Leben. Darum hast du Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche. Achte sie! Achte deine körperlichen Bedürfnisse nach Nährstoffen, Erholung, Wärme oder Licht ebenso wie deine Bedürfnisse geistiger und emotionaler Natur! Du hast das Recht auf ein erfülltes, lebendiges und geborgenes Leben. Genau, wie jeder andere Mensch auf Erden. Dieses Recht hast du dir nicht verdient. Es wurde dir geschenkt mit deiner Geburt. Ebenso wie jedem anderen Menschen in dieser Welt.

Wenn du erschöpft bist, nimm dir eine Pause! Sei dir gewiss: Wenn du dir diese Pause nicht nimmst, wird dein Körper es an deiner Stelle tun.

Du hast ein Recht auf all deine Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche! Tritt aufrecht für sie ein! Ebenso achte und ehre die Bedürfnisse derer, die mit dir gemeinsam auf dem Weg sind! Es ist weder dein Auftrag, noch deine Verantwortung, die Sehnsüchte und Wünsche deiner Mitmenschen zu erfüllen. Dennoch kannst du ihnen mit Achtung begegnen. Erkenne, dass du frei bist und mit allem verbunden zugleich!

05. Gebot:
Liebe deine Familie!

Achte und ehre deine Eltern in all ihrer Unvollkommenheit! Sie waren Kinder ihrer Zeit. Ihr Wissen und ihre Fähigkeiten waren begrenzt, so wie deine es immer sein werden. Sie mögen wohl getan oder versagt haben darin, dich so zu achten, zu lieben und zu fördern, wie du es damals gebraucht oder verdient hättest. Sei dir gewiss: Sie haben an dir vieles besser gemacht als ihre Eltern an ihnen. Du musst ihnen ihre Fehler nicht vor Augen halten. Auch wenn sie versuchen, es vor dir zu verbergen, wirst du bei genauem Hinschauen erkennen: Sie sehen selbst die eigene Unvllkommenheit und schämen sich dafür. Liebe deine Eltern! Schenke ihnen die Liebe und Vergebung, die du dir eines Tages von deinen eigenen Kindern wünschen wirst!

Achte und ehre Vater und Mutter deiner Kinder! Ehre dich selbst und deine Gaben ebenso wie die des anderen Elternteils. Das Leben in seiner unendlichen Weisheit hat eurem Kind oder euren Kindern euch beide als Eltern an die Seite gestellt. Es sind deine Gaben und die Gaben des anderen Elternteils, die deine Kinder für ihr gesundes Wachstum in dieser Welt brauchen. Aus diesem Grunde haben sie euch beide als Eltern gewählt.
Sei deinen Kindern ein guter Vater oder eine gute Mutter! Und gewähre dem anderen Elternteil das gleiche Recht. Lass nicht zu, dass dein Groll oder deine Angst dich dazu verleiten, deinen Kindern ihren Vater oder ihre Mutter zu nehmen. Die Wunde, die du ihnen dadurch schlägst, wird sie begleiten und schmerzen ihr Leben lang.

Achte und ehre deine Brüder und Schwestern in der Welt! In den Augen des Lebens sind alle Menschen nicht mehr als eine einzige große Familie. Sei darum ein Bruder oder eine Schwester für deine Brüder und Schwestern nah und fern! Schenke ihnen deine Achtung und Liebe, selbst wenn sie dir die ihre zu geben noch nicht bereit oder in der Lage sind. Lerne Mitgefühl und Demut! Sie sind der Ursprung jener Vergebung, mit der du dein eigenes Herz von Groll oder Misstrauen befreist.

06. Gebot:
Strebe in allem, was du tust, danach, das Gute,
das Wahre und Schöne in der Welt zu mehren!

Dieses Leben, das dir geschenkt wurde, ist möglicherweise das einzige, das du jemals erhalten und leben wirst. Du hast Gaben mit auf deinen Weg bekommen, Fähigkeiten und Talente. Eben diese, deine Gaben werden dringend in der Welt gebraucht, in der du lebst. Nutze deine Gaben, um die Welt, in der du lebst, auch für andere Wesen zu einem lebenswerten und lebensfreundlichen Ort zu machen.

Vielleicht hast du einen klugen Geist bekommen, der es dir ermöglicht, zum Kern der Dinge vorzustoßen. Vielleicht hast du ein grosses Herz, das Wärme, Geborgenheit und Mitgefühl verströmt. Vielleicht hast du eine leidenschaftliche Begabung für technische, emotionale oder soziale Fragen. Diese Welt braucht dich und das, was du zu geben hast. Sie braucht es jetzt!

Nimm die Verantwortung, die in deinen Gaben liegt, von ganzem Herzen an! Mehre den Frieden und die Liebe in der Welt! Heile die Wunden, die deine Eltern und Großeltern der Welt und den Menschen in all ihrer Unkenntnis zufügten!

Sei den Schwachen, Ängstlichen und Verirrten ein Gefährte und Freund! Stehe ihnen zur Seite, wenn sie stolpern oder vom Weg ab kommen. Hilf ihnen auf und geleite sie zurück auf den Pfad des Guten, des Wahren und Schönen. Trage das Zepter deiner Verantwortung mit Demut und Stolz! Sei jenen, denen du begegnest, ein leuchtendes Vorbild für das, was es bedeuten kann, in dieser Welt ein Mensch zu sein!

07. Gebot:
Erkenne, nähre und entfalte die heilige Kraft deiner Sexualität!

Du bist mehr als nur ein Mensch. Du bist Mann oder Frau. Im Schmiedefeuer der Sexualität entstand der Urfunke all dessen, was du heute dein Leben nennst. Achte und ehre diese Kraft! Sie ist der Urquell allen Lebens. Sie kann dich nähren, sie kann dich lehren und heilen. Sie ist die älteste, heiligste und direkteste Verbindung zu all dem, was die Menschen jemals Gott oder das Leben nannten.

Es ist dein unanstastbares Geburtsrecht, dein Leben in sexueller Fülle, Freude und Wonne zu leben. Ebenso ist dies das Geburtsrecht eines jeden anderen Menschen in dieser Welt. Löse dich von jenen, die versuchen, dich in der Entfaltung deiner Sexualität zu kontrollieren oder zu begrenzen. Ihre Angst vor dem Leben und ihre unerlöste Scham verdienen dein Mitgefühl. Löse dich dennoch von ihnen. Möglicherweise ist dein leuchtendes Vorbild genau das, was es braucht, damit auch ihre Ketten fallen.

Wähle deine Sexualpartner weise! Deine Sexualität ist eine zutiefst archaische, unbändige Kraft. Ihre Macht kann heilen, aber auch zerstören. Lerne deine Sexualität kennen! Lerne, was dich glücklich macht, was dich erfüllt und nährt. Öffne jenen, mit denen du deine Sexualität teilst, die ganze Tiefe deines Herzens. Brühre ihn oder sie, und lass auch du dich berühren, damit eure gemeinsame Erfahrung von Tiefe und offenheit euch beide erhebt. König/in und Kind, Engel und Tier, vereinigen sich in deiner Sexualität. Wähle einen Partner, mit dem du all das sein kannst, und der ebenso all das mit dir ist. Dann wirst du lebendige Wunder erleben!

08. Gebot:
Achte und ehre das Gute in allen Menschen!

Achte und Ehre das Gute in jedem Menschen! Er mag dir fremd erscheinen, sonderbar oder unangenehm. Und doch ist auch er oder sie, wie du, ein Kind der Schöpfung auf der Suche nach dem richtigen Weg. Erkenne, dass du in der Lage bist, das Gute in einem Menschen zu achten und zu ehren, auch wenn du ihn nicht magst oder ihn sogar verurteilst für sein Tun.

Erkenne, dass dein Urteil über die Welt und deine Mitmenschen immer auf begrenzten Informationen beruht. Könntest du in das Herz der Dinge schauen, dann würdest du sehen, dass jeder Mensch nach einem guten und gerechten Leben strebt. Böse Taten sind eine Folge unverarbeiteter Schmerzen oder unterdrückter Gefühle.

Hilf deinen Brüdern und Schwestern darin, ihre alten Wunden, Ängste oder Blockaden zu heilen! Deine Aufmerksamkeit auf das Gute im Menschen regt eben dieses Gute zu Wachstum und Entfaltung an. Das Gute, das du durch deine Liebe ins Licht zu führen vermagst, wird in eben diesem Licht die ersten Wurzeln schlagen. Habe Geduld und vertraue auf die Kraft deiner Liebe! Sie ist mächtiger als jedes Schwert.

09. Gebot:
Führe ein Leben in Aufrichtigkeit und Würde!

Du bist ein Kind der Schöpfung in all dem, was du bist. In deinen Gaben ebenso wie in den unvermeidlichen Weiten deiner Unvollkommenheit. Die Möglichkeiten deines Denkens, Fühlens und Handelns sind begrenzt. So wie die jedes anderen Wesens auf dieser Erde. Dein Urteil über dich selbst, deine Mitmenschen und die Welt ist unvollkommen, weil es naturgemäß auf begrenzten Informationen beruht. Gleichzeitig ist deine Wahrheit die beste Wahrheit, die du hast und jemals haben wirst.

Sprich deine Wahrheit klar heraus! Aber hüte dich davor, sie zur alleinigen Wahrheit zu erheben! Stehe zu deiner Wahrheit! Und lade deine Mitmenschen dazu ein, es dir gleich zu tun! Fordere die Menschen auf dazu, dir zu widersprechen und deine Ansichten herauszufordern! Nur so erkennst du die blinden Flecken in deinem selbst erschaffenen Bild der Welt. Im Spiegel der Wahrheit des Anderen wird deine Wahrheit sich entfalten und vielleicht eines Tages zu einem Funken dessen werden, was man Weisheit nennen kann.

Achte und ehre dich selbst ebenso wie jeden anderen Menschen auf deinem Weg. Wo Selbstachtung sich mit Demut verbindet, entsteht Würde. Strebe nach Weisheit und Würde! Verlange nicht mehr von dir, als du mit gutem Herzen geben kannst! Aber auch nicht weniger!

Stehe zu dem Wort, das du gibst! Sage ja, wenn du ja meinst! Und nein, wenn du nein meinst! Hüte dich vor unüberlegten Zusagen! Wenn du eine Aufgabe oder Verantwortung übernimmst, dann prüfe im Vorfeld genau, ob du bereit und in der Lage bist, die dir aus dieser erwachsenden Konsequenzen zu tragen! Hast du eine Aufgabe oder Verantwortung übernommen, so gib dein Bestes, um deinem eigenen Wort gerecht zu werden!

Du wirst auf deinem Weg eine Menge Fehler machen. Schließe Frieden mit deinen Fehlern! Wenn du einen Fehler gemacht hast, dann stehe gerade für ihn und unternimm sofortige Schritte, um die negativen Auswirkungen deines Fehlers zu beheben oder zu begrenzen!

10 Gebot:
Nimm deinen Schatten zum Gefährten!

Du wirst auf deinem Weg immer wieder in Situationen kommen, die in dir die Kräfte der Dunkelheit wecken. Lerne deinen Schatten kennen! Hüte dich vor der Versuchung, die dunklen Kräfte in dir zu verneinen oder zu unterdrücken! In dem Augenblick, in dem du deinen Blick abwendest, gewinnen die vermeintlich verbannten Teile deiner Psyche Kontrolle und Macht über dich. Sieh deinen dunklen Seiten ins Gesicht! Nimm sie an als einen integralen Teil von dir. Sie sind verirrte Anteile auf der Suche nach Führung und Halt. Erkenne, welches unterdrückte oder gar verdrängte Bedürfnis in dir durch sie zum Ausdruck kommt. Sei du ihr Freund und Führer, der ihre Kräfte in die Bahnen des Guten lenkt! Zeige du ihnen, dass es möglich ist, ihre Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse mit den Mitteln des Lichts zu erreichen!

Wenn dein Schatten dich aufruft zur Gewalt, dann zeige ihm einen Weg,in Achtung und Ehre für die eigenen Grenzen oder Bedürfnisse einzutreten. Wenn dein Schatten dich verführen will, dich selbst, deine wahren Gedanken oder Gefühle zu verbergen, dann lehre ihn, dass es möglich ist, aufrecht und würdevoll für dich selbst und deine Sicht der Dinge einzutreten. Wenn dein Schatten dir Verrat empfiehlt, sage die Wahrheit! Wenn dein Schatten dich beugen will, dann richte dich auf! Wenn dein Schatten einen Menschen kontrollieren will, dann öffne diesem Menschen in Demut und Wahrhaftigkeit dein Herz!

Den eigenen Schatten zu lieben, ist die größte und anspruchsvollste Aufgabe, die dir das Leben jemals stellen wird. Keine andere Aufgabe verlangt wieder und wieder so viel Klarheit, Entschlossenheit und Bewusstheit von dir. Doch mit jedem Schritt auf diesem Weg werden Klarheit, Entschlossenheit und Bewusstheit in dir wachsen. Was du in dir erlöst und integriert hast, das wirst du auch in Anderen erkennen und lieben lernen. Wer sich selbst ein Freund und Führer ist, der kann auch anderen Menschen ein Freund und Führer sein.

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Wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

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wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

„Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.“
Joanne Kathleen Rowling (* 1965)

 

‚ich’… Jeden Tag verwenden wir dieses Wort hunderte Male. Ich selbst bringe seit Jahren all meinen Klienten, die es hören wollen oder nicht, bei, öfter ‚ich‘ zu sagen anstatt „du“ oder das grässliche „man“.

Aber… wer genau ist dieses ‚ich‘ eigentlich, von dem wir sprechen und als das wir uns selbst erfahren?

Die Frage ist kniffelig. Sie ist, wenn man es genau nimmt, seit Jahrtausenden die existenzielle Kernfrage aller Philosophie. Bis heute gibt es keine Übereinstimmung darin, wer oder was genau dieses ‚ich‘ eigentlich ist, von dem wir sprechen, wenn wir ‚ich‘ sagen.

Auch ich werde in diesem Artikel keine unumstößliche naturwissenschaftliche Antwort geben. Was ich lediglich anbiete, ist eine Perspektive, die wir nutzen können, um uns selbst und einander ein wenig umfassender zu erkennen und zu verstehen als es uns bislang gelingt.

Was ich hier darlege, ist nicht mehr als ein Modell. Ich glaube jedoch, dass genau dieses Modell dessen, was wir im Kern sind, uns in die Lage versetzen kann, eine Vielzahl vermeintlicher Widersprüche in uns selbst und anderen aufzulösen, bessere Entscheidungen zu treffen und Konflikte zielführender und menschlicher miteinander zu verhandeln.

 

‚ich‘ bin ‚ich‘. Was soll die Frage?

„So lange Sie nicht bereit sind, all das, was Sie wissen, in Frage zu stellen, wird das, was Sie wissen, niemals größer, besser oder nützlicher werden.“
Milton Hyland Erickson (1901-1980)

Die Frage nach dem ‚ich‘ ist nicht nur für Philosophen und große Denker von Bedeutung. Bei Lichte betrachtet beeinflusst sie (bzw. unsere individuelle Antwort darauf) unser Leben auf vielfache Weise. Je nachdem, welche Vorstellung ich von dem habe, wer oder was ‚ich‘ eigentlich ist, hat dies Auswirkungen auf unzählige kleine und große Situationen jedes einzelnen Tages.

Wenn ich beispielweise mein ‚ich‘ als eine Art Wesen ansehe, das in einer Welt aus anderen ‚ich‘-Wesen um seinen Platz, um Nahrung und um sein Überleben kämpft, als etwas, das verletzt, geschwächt und in letzter Konsequenz sogar vernichtet werden kann, dann werde ich natürlich immer wieder alles in meiner Macht stehende tun, um dieses ‚ich‘ zu verteidigen, zu beschützen und seine potenziellen Widersacher zu bekämpfen. Da mein ‚ich‘ alles ist, was ich bin, kann ich gar nicht anders, als dieses ‚ich‘ mit all seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen sehr, sehr wichtig zu nehmen.

So lange in meinem eigenen Leben das meiste nach meinen Wünschen und vorstellungen verläuft, bringt dieses Verständnis vom ‚ich‘ viel Freude und Selbstzfriedenheit mit sich. In schwierigeren Lebensphasen allerdings, in Krisen und Konflikten, macht die starke Identifikation mit unseren Gedanken, Gefühlen und Impulsen vieles nur noch schlimmer.

Wenn ich stattdessen, was ebenso möglich und in manchen Kreisen durchaus verbreitet ist, mein ‚ich‘ als ein reines Flackern elektrochemischer Signale betrachte, als ein zufälliges Nebenprodukt meiner biologischen Existenz oder, wie es der Buddhismus vorschlägt, als reine „Illusion“, dann gewinne ich naturgemäß einen größeren inneren Abstand zu meinen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Das kann Vorteile haben.

Zum Beispiel gerate ich durch ein solches Verständnis von meinem ‚ich‘ bedeutend seltener in starke Formen von Ärger, Angst oder Traurigkeit. Dies kann im Alltag durchaus nützlich sein. Der Preis hierfür allerdings ist leider, dass auch Freude und Lust aus dieser Perspektive nichts als „Illusionen“ sind und dadurch nur gebremst empfunden werden.

Meine Beobachtung der Menschen zeigt mir folgendes:

Je stärker die Identifikation eines Menschen mit seinem ‚ich‘ ist, desto stärker sind tendenziell auch seine emotionalen Reaktionen auf die Erfahrungen, die dieses ‚ich‘ in seinem Lebensalltag macht.

Solche Menschen erleben häufig ein beständiges Auf und Ab ihrer Gefühle. Je nachdem, was diese Menschen erleben, verfallen sie quasi-automatisch in Freude, Ärger, Traurigkeit, Angst, Lust, Euphorie, Frustration, Sehnsucht, Schwermut und und und.

Je mehr innere Distanz allerdings ein Mensch zu seinem ‚ich‘, seinen Gedanken, Impulsen und Gefühlen, hat, desto weniger Macht haben diese Gedanken, Impulse und Gefühle über ihn. Solche Menschen erlangen oft ein beeindruckendes Maß an Kontrolle über ihre emotionalen Reaktionen. Wir erleben sie auch in schwierigen sozialen Interaktionen als gefasst, stabil und unaufgeregt.

Solche Menschen gehören in meinem Umfald zu den inspirierendsten Gesprächspartnern, allerdings sind die meisten von ihnen meiner Erfahrung nach leider nur bedingt partytauglich. Um feiern (wirklich feiern!) zu können nämlich, braucht es die emotionalen Kräfte von Freude und Lust in einem Maße, zu dem viele dieser Menschen schlicht nicht mehr in der Lage sind.

Es scheint, als hätten wir (überspitzt) nur die Wahl, ob wir uns zum Spielball unserer Emotionen machen oder diese diese allesamt in ihrer Lebenskraft zu dimmen.
Diese Wahlmöglichkeit gefällt mir nicht.

Ich möchte die emotionale Tiefe ebenso wie die Souveränität und Integrität im Entscheiden, Sprechen und Tun.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Welt, in der wir heute leben, eine Menge großer Herausforderungen mit sich bringt. Ich glaube, wir täten gut daran, all unsere Lebensenergie in die Mehrung des Wahren, Guten und Schönen zu legen anstatt in beständig neue (und so oft unnötige!) Konflikte miteinander und mit uns selbst.

Ich glaube, dass angesichts der großen Fragen in Sachen lokaler und planetarer Gesundheit, Bildung, Umwelt, Sicherheit und Lebensfreude ein Menschenbild hilfreich und nützlich ist, das uns eine Perspektive anbietet, die unsere Einheit und Widersprüchlichkeit miteinander vereint.

Ich glaube, es gibt eine solche Sicht.
Ich nenne sie: Den Fliegenden Holländer.

 

Der Fliegende Holländer

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“
Sir Arthur Conan Doyle (1859 – 1930)

Die Sage vom Fliegenden Holländer ist weltbekannt. Es heißt, der Fliegende Holländer segle mit seiner verfluchten Mannschaft bis an das Ende aller Zeiten über die Ozeane der Welt. Dabei hat er erstaunliche Fähigkeiten. Er durchquert mit vollen Segeln jede Flaute, hält unbeeindruckt von Stürmen Kurs und segelt, wenn es nützlich ist, sogar rückwärts. Davon ab kann er in vielen Fassungen der Sage sogar tatsächlich fliegen.

Stellen wir uns vor, das, was wir ‚ich‘ nennen, wäre der ‚Fliegende Holländer’…

Schon ganz am Anfang meiner kleinen Allegorie zeigt sich eine nicht unwichtige Verbindung zum ‚ich‘. Denn ebenso wie die Frage nach dem Kern des ‚ich‘, so ist auch die Frage nach dem Wesen des Fliegenden Holländers nicht eindeutig zu beantworten. Die einen sagen, der Name bezeichne das fliegende Schiff. Die anderen sagen, es sei der Name des Kapitäns. Wer hat Recht?

Stellen wir uns vor, du wärst dieser Fliegende Holländer.

Das bedeutet in diesem Bilde, du wärst sowohl der Kapitän dieses Schiffes als auch zugleich das gesamte verfluchte Schiff – einschließlich seiner verfluchten Mannschaft. Und ebenso einschließlich des Kapitäns an Bord.

Der Fluch, der dich in meiner Fassung dieser Geschichte getroffen hat, ist noch ein wenig schlimmer, als es die Mythen überliefern:

Das Schiff ist verflucht, auf ewig die Meere zu kreuzen, ohne jemals einen Hafen anzulaufen. Der Ozean in diesem Bild steht für unser Leben auf Erden. „Auf ewig“ bedeutet in diesem Falle: Für die Dauer unserer Existenz auf Erden. In dem Moment, in dem unser System stirbt, endet die Existenz unseres ‚ich‘. Und möglicherweise auch die unseres ’selbst‘.

Der Kapitän deines Schiffs (bzw. die Kapitänin, falls du eine Frau bist) darf nicht nur nicht an Land, sondern ist darüber hinaus dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit (siehe oben!) in seiner bzw. ihrer Kajüte zu verharren und von dort aus das verfluchte Schiff und seine/ihre Mannschaft oder Frauschaft zu führen.

Von Ponyhof hat niemand gesprochen.

Das Schiff in dieser Fassung der Geschichte steht für unser ‚ich‘: Unser Auftreten, unsere Taten und Worte. Auch: Unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erinnerungen, Wünsche, Handlungsimpule und Verhaltenstendenzen. Unser ‚ich‘ ist all das, was Andere und wir selbst von uns wahrnehmen und erkennen können. Hierzu zählen, zur Widerholung, sowohl unsere Verhaltensweisen im Außen als auch jene innerpsychischen Phänomene, die nur wir selbst wahrnehmen können, z.B. unsere Gedanken.

Den Kapitän oder die Kapitänin auf diesem Schiff nenne ich unser ’selbst‘: Den innersten Kern unserer Psyche. Dieses ’selbst‘ tritt nicht direkt mit der äußeren Umwelt in Interaktion, schließlich ist er/sie im Kapitänsquartier gefangen. Den Kurs und die Handlungen unseres ‚ich‘ bestimmt die Besatzung an Bord. Diese besteht aus verschiedenen, von einander differenzierbaren „Persönlichkeitsanteilen“, „ich-Aspekten“ oder „Instanzen“.

Jede dieser Instanzen (jedes Mitglied der Besatzung) hat hierbei eigene Interessen, Werte, Sichtweisen, Verhaltensmuster und Vorstellungen vom besten oder einzig wahren Kurs. An Deck (in unserer Psyche) herrscht ein reges Sozialleben. Es gibt Konflikte und Verhandlungen, Konkurrenz und Kooperation.

Im Alltag erleben wir dieses innerpsychische Sozialleben beispielhaft in unseren „Selbstgesprächen“. Wenn wir genau hinhören, werden wir feststellen, dass es in solchen ausgesprochenen oder auch nur gedanklichen Debatten zumeist mehr als eine Stimme gibt, die eine Meinung zur Sache hat. Wenn wir noch genauer hinlauschen, stellen wir fest, dass diese differenzierbaren „Stimmen im Kopf“ nicht nur unterschiedliches sagen, sondern sogar unterschiedlich „klingen“. Jede Instanz in uns hat einen ihr eigenen Stimmklang, Sprechrhythmus und Wortschatz. Das kann uns wichtige Informationen darüber geben, woher diese Gedanken, Impulse oder Gefühle stammen. Eine Antwort, die mehr Präzision erlaubt als das zwar korrekte, aber nur sehr oberflächliche „Na, aus mir selbst heraus.“

Als Kapitän/in bist du nicht blind. Deine Kajüte hat eine herrliche Aussicht. Du siehst See und Wetterlage und vielleicht sogar das eine oder andere Schiff. Die meisten deiner Fenster jedoch gehen nur nach hinten hinaus. Zwei kleine Fenster zeigen nach vorne auf’s Deck, allerdings siehst du durch sie lediglich einen kleinen Teil deines Schiffs und leider so gar nichts von dem Meer, das vor dir liegt.

Dein Blick bleibt also auf einen kleinen Teil der Welt da draußen (das Meer) und da drinnen (das Schiff) beschränkt. Was du als Kapitänin oder Kapitän auf deinem Schiff am besten siehst, ist die Vergangenheit. Immerhin.

Zwar kannst du deine Kajüte nicht verlassen, allerdings kann jedes Mitglied deiner Besatzung das Quartier betreten. Manche Anteile in dir machen von dieser Möglichkeit selten, manche mehrmals täglich Gebrauch.

Auf diese Weise führst du dein Schiff.

Die Besatzungsmitglieder, die du empfängst, erzählen dir von dem, was sie vom Deck des Schiffes aus sehen. Sie berichten dir ebenfalls, was sie an und unter Deck des Schiffes erleben. So erfährst du nicht nur genauere Informationen über die herrschenden Wetterverhältnisse, sondern auch über Prozesse oder Konflikte an Bord.

Unser ’selbst‘ (der/die Käpitän/in) nimmt wahr und entscheidet, was zu tun ist. Allerdings kann unser ’selbst‘ nicht jede einzelne Handlung oder jedes einzelne Wort vorher bestimmen. Stattdessen besteht seine Fähigkeit darin, Zuständigkeiten und Aufgaben zu verteilen und Positionen wie Steuerrad, Ausguck oder Kombüse zu besetzen. Die erfahrene Kapitänin weiß: Dies kann im Sturm durchaus jemand sehr anders sein als in der Flaute, auf hoher See jemand anders als in Küstengewässern.

Auf diese Weise lenkst ‚du‘ (als Kapitän/in) das Schiff (das ebenfalls ‚du‘ bist) über die Ozeane deines Lebens. Du schaust aus dem Fenster, verschaffst dir eine Übersicht. Immer wieder klopfen Matrosen von Deck an deine Tür. Manche poltern auch geradezu blindlings in dein Quartier und bedrängen das ’selbst‘ mit Geschichten von Gefahren, Not oder großen Chancen. Wobei du schnell blickst, dass die Berichte, die du von Deck hörst, zum Teil sehr, sehr unterschiedlich sind.

Jedes Mannschaftsmitglied an Bord deines ‚ichs‘ begründet seine oder ihre Sicht der Dinge höchst plausibel. Und bittet oder fordert ein entschlossenes Handeln gemäß seinen Vorstellungen. In die Unterredung hinein jedoch platzt nicht selten eine andere Matrosin, die auf ebenso plausible Weise zu einer ganz anderen Sicht der Dinge kommt und ihrer Vorrednerin leidenschaftlich widerspricht.

So oder so ähnlich passiert es in unserem Geist dutzende Male an jedem einzelnen Tag. Und glaube mir: in jedem anderen menschlichen Geist, der uns umgibt.
Das Schiff, das wir sind, ist unser handelndes ‚ich‘. Es tritt als Ganzes mit seiner Umwelt in Interaktion. Je nachdem, welche innere Instanz (welches Mitglied der Mannschaft) am Steuer steht, nimmt das Schiff, das wir unser ‚ich‘ nennen, seinen Weg über den Ozean des Lebens.

Ein besonderes Element an Bord jedes Schiffes ist die Kapitänin bzw. der Kapitän. Es ist ihre bzw. seine Reise. Er bzw. sie hat das Recht, über den Kurs zu bestimmen. Sofern die Mannfrauschaft ihrem bzw. seinem Wort folgt.

Die Informationen in Form von Beschreibungen, Interpretationen, Empfehlungen oder Forderungen unserer Besatzung, die der Kapitän erhält, kennen wir als ‚Gedanken‘. Unsere ‚Gefühle‘ sind die intentionalen Energien, mit denen unsere Instanzen uns (das ’selbst‘) zu Entscheidungen und/oder Verhaltensweisen zu bewegen versuchen.
Lernen wir das Schiff noch ein wenig besser kennen.

Woraus besteht die Mannschaft oder Frauschaft dieses Fliegenden Holländers, den wir unser ‚ich‘ nennen? Wie kommen die „verfluchten Seelen“ an Bord? Und was sind das eigentlich für Gestalten?

 

Die verfluchte Besatzung

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Antoine de Saint-Exupéry (1900-44)

Vorab: Niemand hat erwähnt, dass die Mitglieder unserer Besatzung zwingend Untote, Monster oder sonstwie bösartig und häßlich wären. Sie sind lediglich „verflucht“. In unserem Falle bedeutet das, dass sie für die Dauer ihrer Existenz an Bord dieses und ein Teil des Schiffes zu sein, das wir unser ‚ich‘ nennen. Im Gegenteil. Die meisten, die ich bislang kennen gelernt habe, sind ganz wunderbare Wesen, die ihr Bestes geben, um dem Gesamtsystem zu dienen.

Meiner Erfahrung nach existieren drei verschiedene Arten von inneren Instanzen in der psychischen Welt unseres ‚ich‘:

Zum einen finden wir hier so etwas Ähnliches wie jüngere Fassungen von uns selbst. Der Begriff „inneres Kind“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort. Ich glaube allerdings, dass es in vielen von uns (in mir zum Beispiel) mehr als nur ein inneres Kind gibt. Auch finden sich nicht selten mehrere Anteile in jugendlichem und jungem Erwachsenenalter.

Möglicherweise handelt es sich bei diesen Instanzen um frühere Selbstkonzepte, die wir im Laufe unseres Lebens zwar überwunden haben, aber weiterhin (da unsterblich!) auf unserem Schiff beheimaten.

Andere Mitglieder unserer Mannfrauschaft rekrutieren wir aus Vorbildern aus unserer realen oder fiktionalen Umwelt. Die meisten von uns haben beispielsweise Introjekte (gedankliche Kopien) ihrer Eltern an Bord ihres Schiffes. Manche solcher verinnerlichten Eltern können durch ihre häufig als unangenehm empfundenen gedanklichen Einwürfe zu einer echten Plage im Alltag werden.

Viele von uns haben darüber hinaus Introjekte von Großeltern, Geschwistern oder anderen wichtigen Personen der eigenen Lebensgeschichte. Nicht wenige Menschen (ich wieder eingeschlossen) haben auch Persönlichkeitsanteile, die sich ursprünglich aus fiktiven Personen in Büchern oder anderen Medien speisten.
Unsere Instanzen oder Anteile (unsere „Frauschaft“) agieren wie lebendige Wesen. Sie entwickeln sich weiter und verändern sich sogar. Eine Sache jedoch ändern sie nimals, und das ist ihr Alter.

Ein trotziges ‚ich‘, das im Alter von etwa zwei bis drei Jahren erwacht war, mag lernen, im Laufe des Lebens seinen Trotz in Klarheit und Selbstfürsorge zu transformieren, weil es wiederholt und oft genug erfährt, dass es geliebt, geachtet und behütet ist. Aber es wird dabei immer zwei bis drei Jahre alt sein. Sein Umgang mit der Welt ist emotional, impulsgesteuert und unmittelbar. Andere Anteile in uns sind möglicherweise 5 oder 8 oder 11, 14, 20 oder 28 Jahre alt.

Die dritte Gruppe von Anteile in uns ist alterslos. Hier finden wir die von C.G. Jung beschriebenen Archetypen der Seele: Den König, die Kriegerin, den Narren, die Weise, das Tier, den Engel, die Strategin, den Abenteurer, das Opfer, die Jägerin, den Spieler, die Wahrheitssuchende und noch einige mehr.

Vielfach entstehen neue Instanzen in uns in Phasen der Krise. Solche Situationen sind dadurch definiert, dass wir mit unserem Wissen und mit unseren Fähigkeiten am Ende sind. Übertragen auf das Bild vom Fliegenden Holländers bedeutet dies: Keiner der Matrosen an Bord ist im Stande, das Schiff aus dem Sturm oder der Flaute, die es erlebt, heraus zu führen.

Vor allem Menschen, die sich und ihr ‚ich‘ als sehr wichtig nehmen, erleben derartige Entwicklungsphasen häufig als existenziell bedrohlich.

Die Introjekte unserer Kindheit und Jugend speisten sich wahweise durch Wiederholung emotional gefärbter Erfahrungen mit immer wieder denselben Personen in unser System ein oder aber auch durch einzelne Erfahrungen, wenn diese als massiv emotional und bedeutsam erlebt werden.

Erfahrene Kapitäninnen und Kapitäne (hierzu später!) sind sogar in der Lage, das ‚ich‘, das das Schiff ist, bewusst dazu zu bringen, spezifische neue Anteile zu erschaffen, wenn sie ihr Sein auf Erden um neue Fähigkeiten, Perspektiven und/oder Herangehensweisen erweitern wollen.

 

Der Kapitän / die Kapitänin

„Zur Führung eines Schiffes wählt man nicht denjenigen unter den Reisenden, der aus dem besten Hause stammt.“
Blaise Pascal (1623-62)

Auf jedem Schiff der Welt obliegt die Aufgabe, das Schiff zu führen, bei der Kapitänin bzw. beim Kapitän. Es ist sein/ihr Schiff, seine/ihre Mannschaft/Frauschaft und in unserem Falle außerdem: sein/ihr Leben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Kapitän und jede Kapitänin diesem Auftrag und dieser Bestimmung auch nachginge. Darüber hinaus existieren unzählige Möglichkeiten, ein Schiff so zu führen, dass an Bord Meuterei und Chaos ausbricht. Und nur wenige, ihn so zu führen, dass an Bord eine Kultur der Kooperation und der gegenseitigen Achtung herrscht.

Wir können uns einen Kapitän vorstellen, der mit seinem Schicksal hadert und kontrollsüchtig jede Handlung seiner Matrosen zu bestimmen versucht.

Erinnern wir uns: Er kann sein Quartier nicht verlassen…! Was wird er dadurch erzeugen?

Oder eine Kapitänin, die angesichts der eigenen Ohnmacht das Schicksal des Schiffes resigniert der Frauschaft selbst überlässt.

Oder einen Kapitän, der naiv allen Worten glaubt, die ihm in seiner Kajüte mitgeteilt werden und sein Gehör nach der Lautstärkeregel verteilt.

Oder eine Kapitänin, der das Führen ihres Schiffes viel zu kompliziert und undurchsichtig erscheint und die es darum vorzieht, verträumt aus den Fenstern nach hinten hinaus zu schauen.

Die Führung an Bord erhalten Kapitäninnen und Kapitäne nicht von allein. Aus Sicht der agierenden Anteile muss das ’selbst‘ sich seine Führerschaft an Bord des Fliegenden Holländers immer wieder neu verdienen.

In einem derartigen Szenario funktionieren Strategien der Machtdemonstration nicht besonders gut. Im Gegenteil. Da die Kapitänin in ihrem Quartier gefangen ist, ist jeder Machtkampf, auch wenn sie ihn haushoch gewinnt, außerhalb ihres Quartiers ohne jeden Wert. Schlimmer noch: Eine Kapitänin, die in ihrer Frauschaft den Ruf trägt, zu Machtdemonstration und Schaukämpfen zu neigen, wird es schwer haben, in der eigenen Frauschaft Respekt und Wohlwollen zu erlangen.

Gebunden in seine Kajüte kann der Kapitän eines solches Schiffes nur auf echte Führungsstärke und Überzeugungskraft setzen. Je früher er das versteht, desto besser ist es für ihn, den Kapitän, und für ihn, das Schiff.

Die Führung eines Fliegenden Holländers aus dem Quartier des Kapitäns heraus kann nur wirksam sein, wenn dessen Kapitän in seiner Mannschaft so viel Achtung, Vertrauen und Freundschaft erzeugt, dass diese ihm allein auf sein Wort und Wollen hin folgt.

Diese Art von Selbstführungsstärke verlangt ein hohes Maß an Selbsterkenntnis, Selbstannahme und nicht zuletzt auch Selbstkonfrontation. Daher ist sie bislang verständlicherweise noch sehr selten. Und so wundert es nicht, dass viele Menschen in unserer Kultur sich innerlich gespalten, widersprüchlich, wankelmütig und/oder fremdbestimmt fühlen.

Ein Schiff, das keinen von der Mannschaft getragenen Kapitän hat, hat dadurch nicht keinen Kurs. Im Gegenteil: Es hat viele Kurse.

Da es keine Kapitänin gibt, die dem Schiff eine klare Führung gibt (sie kann schließlich ihre Kajüte nicht verlassen), ist das Steuerrad zum begehrtesten Platz an Deck geworden. Leider sind es jedoch nicht die klugen Entscheidungen eines bewussten ’selbst‘, die diesen Platz besetzen, sondern allein das Auf und Ab der Meinungs- und Kräfteverhältnisse an Bord.

Die psychische „Kraft“ einer Instanz hat hierbei nichts mit der „Form“ zu tun, als die wir diese möglicherweise visualisieren. In der Welt unserer Psyche sind Kleinstkinder stärker als die klügsten Gelehrten und manches Häschen mächtiger als ein Leopard.

Die psychische Kraft einer psychischen Instanz basiert allein auf der Quantität und Qualität an emotionaler Energie, die dieser Anteil für sich und seine Sache zum Einsatz bringt.

An Bord mancher Schiffe herrschen recht anarchische Verhältnisse. Nicht selten ist die Mannschaft gespalten, wobei eine der entstandenen Parteien die Oberhand hat und andere Instanzen nach besten Kräften unterdrückt.

Derlei innerpsychischen Konflikte oder Kämpfe machen nicht nur schlechte Laune, sie binden auch Unmengen an Lebensenergie und führen dazu, dass das Schiff des ‚ich‘ durch seinen ständig wechselnden Kurs scheinbar ziellos über die Meere treibt. Denn:

Selbst die unterdrückteste und versteckteste Instanz an Bord des Fliegenden Holländers ist auf ewig ein unsterblicher Teil unseres unsterblichen Schiffs. Wie alle anderen Instanzen auch wurde sie erschaffen, um dem System zu dienen und zu nutzen. Das ist ihr innerster Auftrag. Das ist der Grund, warum sie ist. Die Fesseln halten sie zwar möglicherweise eine gewisse Zeitlang an, aber niemals auf.

Stattdessen warten solche unterdrückten Teile unserer Mannschaft oder Frauschaft auf jene Momente, in denen ihre Wächter abgelenkt oder geschwächt sind. Unter Alkohol zeigt sich dies in schöner Verlässlichkeit. Aber auch emotionaler Stress oder körperliche Unterversorgung (Hunger, Durst, Müdigkeit, Sauerstoffmangel) können dazu führen, dass Menschen sich urplötzlich vollkommen anders verhalten, als ihre Umwelt es ansonsten von ihnen gewohnt ist.

Aus der Perspektive dieser Metapher heraus ist dies lediglich ein Zeichen dafür, dass andere Instanzen als sonst das Steuerrad übernommen haben und damit den Kurs des Schiffes bestimmen.

Je nachdem, wie lange solche unterdrückten Persönlichkeitsanteile still waren und je effektiver wir diese ‚ich‘-Anteile vor unserer Umwelt verborgen haben, desto überraschter reagieren wir selbst und/oder unsere Umwelt auf derartige „Ausrutscher“.

Ich glaube daher:

Wann immer wir Teile von uns selbst ablehnen und zu unterdrücken versuchen, dann ist das aufwändig, kostspielig und riskant.

Riskant, weil wir niemals die Garantie haben, dass unsere inneren Kontrollmechanismen nicht doch löchrig sind. Aufwändig, weil jede zu unterdrückende Energie mindestens dasselbe Maß an Energie darüber hinaus bindet, um sie von ihrem Wirken abzuhalten. Die emotionale Energie dieses Anteils geht dem System also in doppelter Menge verloren. Und kospielig, weil die Zeit unseres Lebens auf Erden begrenzt ist. Und wir möglicherweise eines Tages erkennen müssen, dass der Kurs unseres Schiffes uns sehr weit von dem fortgeführt hat, was unserem Potenzial entsprochen hätte.

 

Schöne Metapher. Aber:
Was ergibt sich daraus?

„Nicht die sichtbare und vergängliche Materie ist das Wirkliche, Reale, Wahre – sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist.“
Max Planck (1858 – 1947)

Ich glaube, daraus ergibt sich das Folgende:

Wenn wir erkennen, dass es einen Unterschied gibt zwischen unseren Gedanken, Impulsen und Gefühlen und unserem ureigenen psychischen Kern, dann haben wir

immerhin schon einmal die Verantwortungsfrage über das Schiff und seinen Kurs geklärt.

Allein das schon halte ich für viel wert.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Unterscheidung zwischen dem wie und was einer Handlung und der Intention dahinter uns sehr dabei behilflich sein kann, eine Kultur zu begründen, die durch alle Taten der Menschen hindurch das Gute in diesem Menschen zu sehen und zu achten vermag. Ich denke, eine solche Kultur würde zum Beispiel dem Lande, in dem ich lebe, gut zu Gesicht stehen.

Je besser wir die psychischen Kräfte in uns kennen lernen, desto öfter werden wir erfahren, dass alles, was in uns ist, ursprünglich entstanden ist, uns und unserem Leben zu dienen. Haben wir dies erst verstanden, ist der Schritt zu Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstmitgefühl urplötzlich gar nicht mehr weit.

Unsere Gedanken sind aus dieser Perspektive heraus betrachtet nicht mehr als die Sichtweisen, Meinungen oder Überzeugungen spezifischer, zumeist eindeutig von einander unterscheidbarer Instanzen unseres ‚ich‘, die unserem ’selbst‘ vortragen, was ihrer Meinung nach wichtig ist, wie die Datenlage zu deuten ist und welcher Kurs lang-, mittel- oder kurzfristig der richtige sei.

Keine der Stimmen in uns kennt die Wahrheit. Sie alle haben nur eine plausible Sicht auf das, was ist oder kommen mag.

Hierbei steht jede innere Instanz stellvertretend für eines oder mehrere essenzielle Bedürfnisse. Unter den Instanzen kann es durchaus Überschneidungen geben, so dass mehrere Anteile unserer Persönlichkeit sich für den Umgang mit einem unerfüllten Bedürfnis anbieten und eignen.

Mit dieser Perspektive im Hinterkopf könnten wir uns fragen, ob das, was wir als unsere „übliche“ Reaktion ansehen, möglicherweise im Grunde nur darauf beruht, dass unser ’selbst‘ es bislang gewohnt war, einfach immer der lautesten Stimme im Inneren nachzugeben.

Oder ob es vielleicht bislang noch gar keine Führung an Bord unseres ‚ichs‘ übernommen hat.

Ich glaube, wenn wir unser ‚ich‘ als ein innerpsychisches Sozialsystem zu sehen lernen, dann fällt es uns leichter, inneren Abstand zu finden von dem, was Psychologen gerne „alte Muster“ nennen.

Und ich glaube, es würde leichter fallen einander zu vergeben, wenn wir erkennen, dass das, was wir am Anderen ablehnen, nur die Ausprägung einer Instanz ist, die wir in uns selbst möglicherweise auch kennen. Wir haben in dieser Situation vielleicht bislang nicht aus dieser Energie heraus gehandelt. Aber: Wir hätten es tun können. Und: Es gab möglicherweise sogar Stimmen in uns, die genau dieses Vorgehen vorgeschlagen oder gar gefordert haben.

Oder?

Auf dieser Ebene ist es nicht ganz, aber doch ganz schön egal, was an Verhalten wir an anderen Menschen beobachten. Das Allermeiste davon kennen wir als Gedanken, Impuls oder gar Wunsch in uns selbst.

Also bitte:

Spielen wir nicht länger die Unschuld vom Lande. Oder erinnern wir uns wenigstens, dass genau diese Art von „Unschuld“ dem Sprichwort „Stille Wasser sind tief.“ zugrunde liegt.

Ich glaube, wir alle kennen diese widerstrebenden Anteile in uns. Nur haben wir bislang nie daran gedacht, sie auch zu benennen. Dies jedoch kann sehr hilfreich dabei sein, wenn man miteinander in Kontakt treten will. Und wenn ein ’selbst‘ will, dass sein ‚ich‘ etwas tut, dann ist in meinen Augen wirksame Kommunikation mit uns selbst gefragt.

Wenn wir nun also noch einmal die Metapher vom Schiff und seiner Mannschaft strapazieren, so lasse mich bitte abschließend ein paar Worte darüber verlieren, was ich einer/einem jungen oder einfach noch unerfahrenen Kapitän/in raten würde, der oder die gerne mehr Einfluss auf den Kurs seines oder ihres ‚ich‘ durch sein/ihr Leben nehmen würde.

 

Ratschläge an eine junge Kapitänin

„Das tiefste Geheimnis ist, dass das Leben keine Entdeckungsreise, sondern ein Schöpfungsprozess ist. Du entdeckst Dich nicht, sondern Du erschaffst Dich neu. Versuche also nicht, herauszufinden, wer Du bist, sondern zu bestimmen, wer Du sein willst. „
Neale Donald Walsch (* 1943)

 

Liebe Kapitänin, lieber Kapitän!

Dies ist dein Schiff. Dies ist dein ‚ich‘. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kräfte: Anteile, Instanzen, Persönlichkeiten oder wie auch immer du sie nennen magst. Jede von ihnen wurde nur zu dem Ziel geboren, dir (dem Schiff) zu dienen.

Du möchtest diese Mannschaft oder Frauschaft führen? Wohlan!

Dann empfehle ich dir zu allererst: Lerne deine Mannschaft oder Frauschaft kennen, jede einzelne Instanz in dir! Finde heraus, wer und wie sie ist, seit wann sie ein Teil des Schiffes ist, das du bist. Finde heraus, was ihre ureigenen Fähigkeiten und Stärken sind, die sie in dein System einbringt. Sie war damals die Lösung für ein Rätsel oder gar Problem. Vielleicht könnte sie dir auch heute nützliche Dienste erweisen.

Lerne die lebendigen Beziehungsstrukturen in deinem ‚ich‘ kennen. Welche Instanzen (Anteile, Aspekte) in dir kommen sich immer wieder in die Haare? Wer springt immer wieder dazu, wenn eine andere Instanz sich unwohl fühlt? Wer tritt niemals ins Quartier, auch wenn er oder sie ganz offensichtlich zumindest ab und an Zugriff auf das Steuer hat?

Wenn du dein Schiff wahrhaft führen willst, dann lerne die Instanzen und Anteile deiner Psyche nicht nur kennen, sondern möglichst bald danach sogar lieben. Erkenne die Schönheit und das Licht in jedem oder jeder Einzelnen von ihnen. Sie alle haben Fähigkeiten und Talente, aber auch Sehnsüchte und Wünsche. Alles, was sie dir sagen, enthält Information über ihr Befinden sowie über die Stimmungs- und Bedürfnislage auf deinem Schiff. Auch wenn das, was deine Gedanken dir erzählen, nicht die Wahrheit ist, so enhält doch jede Geschichte, die du hörst, mindestens einen Funken von Wahrheit.Entstanden sind die Instanzen in dir in ganz spezifischen Situationen oder Phasen deines Lebens. Darum neigen sie dazu, sich insbesondere in ähnlichen Situationen oder artverwandten Phasen in den Vordergrund zu drängen.

Bitte schelte sie nicht dafür!

Das ist es, wofür sie damals entstanden sind. Wenn du sie, statt sie auszuschimpfen, neugierig kennen und mit Selbstmitgefühl lieben lernst, so kannst du ihnen eines danach gar nicht mehr so fernen Tages schließlich neue Aufgaben und Ziele anvertrauen, in denen sie sich selbst nicht nur als wertvolle Elemente des Gesamtsystems erkennen, sondern das System, das du bist, durch sie sogar so manchen Vorteil oder Fortschritt erlangt.

So könnte es beispielsweise möglich sein, dass du im Verlauf deines Lebens zwar neue Strategien erlernt hast, die in manchen Settings deines Lebens viel geeigneter wären, eine gute, leichte oder gar elegante Lösung zu ermöglichen als die bisherigen. Du weißt, was zu tun wäre, aber ein Teil von dir blockiert. Im Bild des Fliegenden Holländers bedeutet dies, dass eine konkrete Instanz in dir ein Veto einlegt und das Steuer blockiert.

Auch wenn du dies erlebst, rate ich dir: Lerne diesen Teil kennen. Erkenne das Bedürfnis, für das er (oder sie) steht. Finde eine Lösung für dieses Bedürfnis. Dann löst sein oder ihr Widerstand sich mit großer Wahrscheinlichkeit von alleine auf.

Gib den Anteilen oder Instanzen in dir, die du bemerkst und erkennst, Namen!

Da sie sich nicht selbst benennen können, ist der Name, unter dem wir eine innere Instanz zunächst kennenlernen, manchmal ein Name, den andere innere Instanzen ihr gegeben haben, als diese über sie sprachen. Manchmal passt dieser Name sehr gut. Manche solcher inner-circle-names bringen die Kräfte und Energien solcher Instanzen geradezu lyrisch auf den Punkt.

Andere Namen, die innere Instanzen einander geben, sind nicht besonders treffend oder schön. Sie fokussieren beispielsweise einzig auf eine Schwäche oder eine unangenehme Seite dieses Teils. Dies ist rein logisch betrachtet in jedem Fall ein Hinweis auf einen verdeckten oder offenen Konflikt an Bord.

Gib den Instanzen in dir, die du kennen lernst, daher gute und kraftvolle Namen. Dies sollten gar nicht unbedingt konkrete menschliche Namen sein. Treffender und sogar nützlicher sind archetypische Bezeichnungen wie „die Königin“ oder „das Kind“, „der Engel“ oder „das Tier“, „die Kriegerin“ oder „der Stratege“. Oder. Oder. Oder.
Wenn du offen bist, wirst du schon merken, wann sich ein Name, den du als Kapitän einem Besatzungsmitglied deines Schiffes gibst, sich für diesen ehrenvoll und lebendig anfühlt – und wann nicht.

Bedenke: Wer sich von anderen abgelehnt, ausgegrenzt oder entwertet fühlt, der verliert dadurch nicht an Kraft oder Willen. Er verliert dadurch nur an Motivation, diese Kraft und diesen Willen dafür einzusetzen, dem Rest der Besatzung ihr Dasein möglichst angenehm zu machen. Und schon gar nicht dem Kapitän, der für diese Kultur verantwortlich zeichnet.

Sprich mit deiner Besatzung! Sprich mit jedem und jeder. Öffne deine Tür und halte keinen Anteil in dir vor deinem ’selbst‘ zurück!

Das ist übrigens ganz wörtlich gemeint. Wir sind in der Lage, innere Dialoge nicht nur zu beobachten, wir können in diese Gedankenfolge auch ganz bewusste Interventionen einbringen, die die „sprechenden“ Anteile in uns dazu bringen, miteinander eine gemeinsame kooperative Strategie zu entwicklen.

Wenn es unterschiedliche Auffassungen von einer Sache in dir gibt, höre dir beide oder gar alle Seiten in Ruhe an, bevor du dich entscheidest, was mit dieser Situation zu tun ist! Die Zeit, die es dafür braucht, ist in aller Regel gut investiert.

Wann immer sich eine deiner Instanzen emotional aufdrängt und das Recht auf alleinige Deutungshoheit einfordert, frage ganz bewusst nach, welche anderen Instanzen in dir zu dieser Situation eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben! Höre dir an, was diese leiseren Stimmen zum Thema zu sagen haben. Was zu tun ist, das entscheide erst danach.

Übernimm zugleich mitfühlend und entschlossen die Führung auf deinem Schiff. Da dies die einzige Reise ist, die du mit diesem Schiff machst, rate ich dir: Wähle deine Ziele weise. Erkenne jedoch, dass du allein die Wahl hast, ob du Beliebtheit oder Integrität ansteuerst, ob Bequemlichkeit oder Würde. Da dies die einzige Reise ist, die du in diesem Leben machen wirst, empfehle ich dir, dass du einen Kurs setzt, der dich an seinem Ende stolz und dankbar zugleich zurück blicken lässt.

Halte dir stets vor Augen, dass auch auf den Schiffen um dich herum Kapitäninnen und Kapitäne in ihren Kajüten gefangen sind. Manche von ihnen haben ihr Schiff ganz offensichtlich wenig im Griff. Manche von ihnen hatten möglicherweise bislang einfach noch nie ein Vorbild dafür, wie man das eigene ‚ich‘ anders führen kann. Vielleicht kannst du ihnen ein Vorbild dafür sein. Und wenn nicht, dann solltest du sie doch zumindest nicht dafür strafen, dass sie selbst nicht weiter sind als du.

Dies, junger Kapitän, junge Kapitänin, ist der Rat, den ich dir geben kann.

Erkenne und erfahre dich selbst.

Und dann führe dich und dein Leben so, dass
es dich heute mutig und morgen dankbar macht.

Goode Fahrt, min Deern!
Goode Fahrt, min Jung!

Wir sehen uns auf See!

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Die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen

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Die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen

„Die Zeit wird kommen, wo unsere Nachkommen sich wundern, dass wir so offenbare Dinge nicht gewusst haben.“
Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr – 65 n. Chr.)

In a nutshell

Neben den physischen Grundbedürfnissen nach materiellen und energetischen Ressourcen haben wir Menschen (und andere Lebewesen) weitere Bedürfnisse psychischer Natur.

Das Nahrungsfeld unserer Psyche ist nicht Materie oder Energie, sondern Information. Es handelt sich bei unseren psychischen Ressourcen daher um grundlegende Informationsstrukturen, welche ebenfalls evolutionär entstanden und bereits weit vor Erscheinen des Menschen ausgebildet wurden.

Stufe 0:
– Leben
Stufe 1:
– Sicherheit (Ich bin sicher.)
– Wohlbefinden (Es geht mir gut.)
– Leichtigkeit (Es ist leicht)
– Orientierung (Ich verstehe die Welt.)
Stufe 2:
– Freiheit (Ich kann tun, was ich will.)
– Wirksamkeit (Mein Tun verändert die Welt.)
– Intensität (Ich fühle mich lebendig.)
– Entwicklung (Ich entwickle mich weiter.)
Stufe 3:
– Zugehörigkeit (Ich bin Teil von etwas Größerem.)
– Anerkennung (Ich bin wertvoll für Andere.)
– Verbundenheit (Ich werde geliebt.)
– Augenhöhe (Ich achte, was ich bin.)
Stufe 4:

– Selbsterkenntnis (Ich kenne und liebe mich selbst.)
– Integrität (Ich handle im Einklang mit meinen Werten.)
– Sinn (Ich verstehe, worum es geht.)
– ?

Mit jedem Bedürfnis einher gehen Fähigkeiten, die das Lebewesen nutzt, um mit seiner Umwelt in Interaktion zu treten. Die in diesem Artikel aufgeführte Struktur gibt eine plausible Reihenfolge der Entstehung der hier benannten psychischen Bedürfnisse im Laufe der Evolution wieder. Auch jedes Lebewesen selbst bildet im Laufe seiner individuellen Reifung seine Bedürfnisse voraussichtlich in dieser oder einer sehr ähnlichen Reihenfolge.

Physische wie psychische Grundbedürfnisse können nicht direkt, sondern nur indirekt durch Interaktion mit der grobstofflichen Welt befriedigt werden, in dem wir beispielsweise einen Apfel essen, die Heizung aufdrehen oder ein Gespräch führen. Diese Handlungsweisen stellen Strategien dar, die unser System nutzt, um sich seine Bedürfnisse zu erfüllen.

Im Laufe unseres Lebens erlernen wir eine Vielzahl von Strategien, die dazu geeignet sind, uns unsere (physischen oder psychischen) Bedürfnisse zu befriedigen oder aber zu verhindern, dass wir auf zu vielen dieser Ebenen gleichzeitig großen Mangel empfinden.

Unserem bewussten Verstand werden ungenährte Bedürfnisse als innere „Wünsche“ oder „Befürchtungen“ gewahr, die wir uns selbst, unseren Mitmenschen oder „dem Leben“ gegenüber haben. Diese Wünsche oder Befürchtungen sind die Grundlagen unseres Handeln.

Es gibt immer mehrere Wege, um ein offenes Bedürfnis zu befriedigen. Je mehr wir in unserem Leben bereits erlebt und erfahren haben, desto breiter wird unsere Auswahl an potenten Handlungsmöglichkeiten.

Wünsche, die nicht in angemessener Weise zum Ausdruck gebracht werden, degenerieren zu häßlichen und oft energieraubenden „Erwartungen“. Diese sind nicht selten Anlass für „Ent-Täuschungen“.

Einleitung

Wer sich in heutiger Zeit aus professionellen oder persönlichen Motiven heraus ernsthaft mit menschlichen Gefühlen, Entscheidungen und Beziehungen auseinander setzt, stellt schnell fest, dass die bisher vorliegenden Modelle des Menschen und der Motivationen seines Handelns zwar wissenschaftlich durchaus klug durchdacht sind, jedoch im konkreten Einzelfall (um den es schließlich recht oft ganz konkret geht) leider nur wenig Erklärungskraft entfalten.

Was hilft es Marina, die jüngst von der heimlichen Affäre ihres Mannes erfahren hat, wenn sie nun im Rahmen einer Paarberatung erkennt, dass dieser in seiner Entwicklung niemals ein männliches Vorbild gehabt hatte, an dem er hätte lernen und erfahren können, wie man in einer Liebesbeziehung offen und liebevoll über unerfüllte Sehnsüchte spricht? Das ist gewiss hochinteressant. Aber hilft es ihr?

Was hilft es Alex, der darunter leidet, dass die Frauen in seinem Leben ihm immer wieder den „Ehrenplatz“ der besten männlichen Freundin anbieten, wenn er erfährt, dass sein schwaches Selbstvertrauen ihn für viele Frauen auf sexueller Ebene geradezu zwingend uninteressant macht? Vielleicht ist er darauf sogar schon selbst gekommen. Aber selbst wenn nicht: Wie viele Schritte weiter bringt ihn diese Erkenntnis wohl?

Was hilft es Constanze und Dirk, die über die zunehmende Langeweile in ihrer Partnerschaft klagen, wenn sie nun hören, dass das nach 12 Jahren monogamer Paarung gar nicht ungewöhnlich ist, und dass es vielen Paaren in ihrer Situation ganz ähnlich ergeht? Mit etwas Glück spendet dieser tröstlich gemeinte Hinweis möglicherweise tatsächlich Trost. Aber bietet er den Liebenden einen Ausweg aus ihrer Not?

Ich behaupte: Es hilft ihnen nichts.

Viele therapeutisch, pädagogisch oder psychologisch arbeitende Menschen haben ein wirklich gutes Herz. Sie wollen die Menschen wirklich unterstützen, mit denen sie arbeiten. Alles, was sie sagen und tun, ist wirklich gut gemeint. Warum nur ist es so oft so wenig wirksam?

Ich glaube, ein einfacher Grund hierfür liegt schlicht darin, dass wir trotz einem Jahrhundert intensiver psychologischer Forschung bis heute kein klares Verständnis dafür haben, welche Grundkräfte hinter all unseren Handlungen, unseren Gefühlen und Entscheidungen aktiv und wirksam sind.

Dies ist nicht verwunderlich. Die Kräfte, von denen in diesem Artikel die Rede ist, wirken auf einer Ebene unserer Psyche, die für den bewussten Verstand nicht ohne Weiteres zugänglich ist. Die Rede ist hier von unseren psychischen Bedürfnissen.

Viele von uns erkennen recht leicht die Wünsche und Erwartungen an uns selbst, unsere Mitmenschen oder an „das Leben“. Und natürlich bemerken wir die Gefühle, die wir empfinden, wenn unsere Wünsche oder Erwartungen erfüllt oder leider gerade eben nicht erfüllt sind. Darum glauben wir, das, was wir uns wünschen oder was wir erwarten, wären unsere Bedürfnisse. Jedoch: Das sind sie nicht. Es sind: Unsere Wünsche und Erwartungen. Wollen wir zu unseren Bedürfnissen durchdringen, dann müssen wir tiefer schauen.

Diese verbreitete Verwechslung zwischen unseren Wünschen und Erwartungen mit unseren dahinter liegenden Bedürfnissen, so nachvollziehbar es ist, löst eine Menge Durcheinander und Unklarheit aus. Es verzerrt den Blick auf einander und uns selbst und erzeugt unzählige unnötige Irritationen, Konflikte und Krisen.

Stellen wir uns vor, wir wären in der Lage, Marina eine Perspektive anzubieten, aus der heraus sie versteht, welche Sehnsüchte und Bedürfnisse genau es waren, die ihren Mann zu seinem Tun getrieben hatten. Stellen wir uns darüber hinaus vor, dass es Marina gelingen würde, zu erkennen, dass sie dieselben Sehnsüchte und Bedürfnisse auch in sich trägt. Und stellen wir uns als drittes vor, ihr Mann wäre in der Lage, zu ihr auf eine Weise von sich, seinen Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen zu sprechen, die sie mitfühlen lässt, wie es für ihn war, über Monate ein fadenscheiniges Doppelleben zu führen, in ständiger Angst vor dem entdeckt werden, in ständiger Angst davor, durch sein Tun all das zu verlieren, was er an seiner Frau und an der gemeinsamen Ehe liebt und schätzt… Was könnte dadurch möglich werden für Marina und ihren Mann?

Stellen wir uns vor, es wäre uns möglich, Alex eine Sichtweise an die Hand zu geben, aus der heraus er Schritt für Schritt beginnt, für möglich zu halten, dass das, wonach sich die Frauen in seinem Umfeld bei einem Mann sehnen, in ihm längst angelegt ist. Stellen wir uns vor, er würde erkennen, dass die Schüchternheit und Selbstunsicherheit, die er so oft an sich verurteilt, keine fest installierten Charakterfeature sind sondern lediglich erlernte Strategien im Umgang mit eigenen Bedürfnissen. Und stellen wir uns schließlich vor, wir könnten mit ihm gemeinsam neue Strategien entwickeln, die geeignet sind, dieselben Bedürfnisse in ihm ebenso gut oder sogar besser zu befriedigen und darüber hinaus seine Präsenz und Attraktivität als Mann steigern… Was könnte sich dadurch in Alex‘ Leben ändern?

Stellen wir uns vor, wir könnten zusammen mit Constanze und Dirk herausfinden, welche Bedürfnisse und Wünsche genau es sind, die in ihrer Partnerschaft in den vergangenen Jahren auf der Strecke geblieben sind. Stellen wir uns vor, wir wären in der Lage, ihnen dabei zu helfen, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, in der sie über ihre offenen Wünsche und Bedürfnisse miteinander ebenso konkret wie liebevoll in einen gemeinsamen Austausch treten könnten. Und stellen wir uns schließlich vor, dass diese gemeinsame Sprache Constanze und Dirk dabei hilft, zu erkennen, wie absurd und sinnentleert ihr bisheriger Kampf um Recht und Schuld doch war… Welche Potenziale könnten Constanze und Dirk dadurch in ihrer Partnerschaft und Sexualität entfalten?

Ich behaupte: Das hier könnte eine Perspektive sein, die tatsächlich einen Unterschied macht.

Auch wenn die hier vorgenannten Beispiele sämtlichst dem intimen Feld von Liebe, Partnerschaft und Sexualität entstammen, hat der in diesem Artikel vorgestellte Fokus auf die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen weitaus größere Bedeutung.

Ob in Pädagogik, Psychotherapie oder Personalentwicklung: Der Blick auf die wirksamen Bedürfnisse hinter den von uns beobachteten Handlungen, Entscheidungen oder Gefühlen (bei anderen Menschen oder uns selbst) vermittelt uns eine tiefere Ebene des Verstehens, die uns nicht nur unzählige unnötige Konflikte in unserem Alltag erspart, sondern uns darüber hinaus ermöglicht, auf einem soliden Fundament aus Mitgefühl für uns selbst und den anderen eine Vielzahl alter Fragen auf neue, partnerschaftliche Art und Weise zu beantworten.

Auf geht’s:

Räumen wir ein wenig auf und die Sachen dahin, wo sie hin gehören!

Was sind Bedürfnisse?

„Alles Leben ist Leiden, und alles Leiden
hat seine Ursache in den Begierden.“
aus den „vier edlen Wahrheiten“ des Buddhismus

Tief im Unterbewussten verborgen, hinter allem, was wir fühlen oder denken, wollen oder tun, liegen die Gründe für alles Denken und Fühlen, Wollen und Tun: unsere Bedürfnisse.

Ein Bedürfnis, das Wort legt es nahe, ist eine Sache, derer es bedarf. Etwas, das gebraucht wird, um ein gutes und artgerechtes Leben zu führen.

Wir können grob unterscheiden in: Physische und psychische Grundbedürfnisse:

Bedürfnisse des Körpers

Wir alle brauchen zum Überleben dieselben Dinge: Wir brauchen Nahrung und Wasser. Wir brauchen Licht, Luft und Wärme. Wir brauchen Berührung, und neueren Studien zu Folge zählt offensichtlich auch Sex zu unseren rein körperlichen Grundbedürfnissen, die, wenn sie über längere Zeit unerfüllt bleiben, zu Mangelerscheinungen führen.

Die Nahrung (im weiteren Sinne!), die unser Körper benötigt, besteht aus Materie und Energie.

Aber: Nicht alles, was wir essen können, nährt uns. Nicht jede Zusammensetzung des Gasgemisches, das wir Luft nennen, ist unserer Gesundheit und unserem Wachstum dienlich. Nicht jede Art der Berührung oder Aufmerksamkeit tut uns gut.
Was unser Körper braucht, ist nicht Essen oder Luft. Es sind ganz spezifische Moleküle in unserer Nahrung und Atmosphäre, derer es bedarf.

Die Seefahrer vergangener Zeiten erkrankten nicht an Skorbut, weil sie nichts zu essen hatten. Damals waren die Meere noch voller Fisch. Außerdem hatten sie in aller Regel reichlich Dörrfleisch und Zwieback mit an Bord. Zu essen gab es also genug. Trotzdem: Nach Monaten auf See produzierten die Körper der Seeleute Mangelerscheinungen wie Zahnfleischbluten, Erschöpfung und wässrigen Durchfall.

Die Körper der Seefahrer zerfielen bei lebendigem Leib. Von 160 Mann Besatzung verlor Vasco da Gama 100 an den Skorbut. Die meisten von ihnen waren vor Antritt der Reise noch starke, tüchtige und gesunde Männer gewesen. Nur wenige Monate später waren sie tot. Alles, was ihnen gefehlt hatte, war ein Molekül namens Ascorbinsäure, besser bekannt als: Vitamin C.

Unser Körper braucht Vitamine, er braucht Protein, Fett, Zucker und diverse Nährstoffe mehr. Unser Körper braucht Wasserstoffoxid (H2O), und einige der Moleküle aus der Luft.

Wenn wir also Lust bekommen auf den Geschmack von Zitronen oder Johannisbeergelee (oder auch nach Paprika, Spinat oder Broccoli), dann geht es aus Sicht unseres Körpers, der diese Lust durch Ausschüttung neuronaler Botenstoffe produziert, nicht um die Nahrungsmittel in ihrer grobstofflichen Form, sondern um genau jene spezifischen Moleküle, die diese Objekte unserer Umwelt den Erfahrungen unseres Körpers nach in verwertbarer Form enthalten.

Verspürt unser Körper einen Mangel nach einer molekularen Verbindung, dann erzeugt er in uns einen Appetit auf Nahrungsmittel, in denen er diese Substanz vermutet. Worauf genau wir Appetit bekommen, ist davon abhängig, welche Lernerfahrungen unser Körper bislang mit Nahrungsmitteln gemacht hat.

Interessanterweise enthalten die Früchte des peruanischen Camu-Camu-Strauches 20 mal mehr an Vitamin C als schwarze Johannisbeeren und sogar 50 bis 60 mal mehr als eine durchschnittliche Zitrone. Da aber kaum ein Mensch in unserem Teil der Welt jemals das Fleisch einer Camu-Camu-Frucht geschmeckt hat, kennt kaum jemand bei uns die Lust auf eine schöne, saftige Camu-Camu. Anders als in Peru.

Soweit ist alles klar, oder?

Bedürfnisse der Psyche

Ebenso wie unser Körper Nährstoffe braucht, um bestmöglich zu funktionieren, so braucht auch unsere Psyche Nahrung. Und ebenso wie wir zwar den Appetit auf bestimmte Nahrungsmittel bemerken, uns jedoch der dahinter liegenden körperlichen Nährstoffbedürfnisse in aller Regel nicht bewusst sind, so werden wir uns auch unsere psychischen Bedürfnisse zumeist nur indirekt gewahr.

Unser Körper lernt vom Augenblick unserer Geburt an, in welchen Nahrungsmitteln er welche spezifischen Nährstoffe erwarten darf. Ebenso macht auch unsere Psyche Erfahrungen mit der Welt, die uns umgibt. Auch im Bezug auf unsere Psyche lernen wir: „Wenn ich dies tue oder jenes unterlasse, dann bekomme ich…“ Auf diese Weise entwickeln sich in unserer Psyche durch den Prozess von Versuch und Irrtum (bzw. günstigenfalls Erfolg) vielfältige Strategien, die wir erlernen mit dem Ziel der Befriedigung unserer momentanen oder anhaltenden Bedürfnisse.

Unsere psychischen Bedürfnisse sind etwas sehr Grundlegendes. Vergleichbar mit den Nährstoffen, Vitamen und Spurenelementen auf der körperlichen Ebene handelt es sich bei unseren psychischen Bedürfnissen um grundlegende Qualitäten unseres Daseins. Allerdings nährt sich unsere Psyche nicht aus der Sphäre der Materie oder Energie, sondern aus der der Information. Psychische Bedürfnisse sind Informations-Bedürfnisse.

Die Zustände von Sicherheit, Anerkennung oder Verbundenheit (diese und andere hatte bereits Abraham Maslow in dem 1960ern benannt) stellen bei näherer Betrachtung keine real existierenden Fakten dar, sondern sind Interpretationen dessen, was wir über unsere Sinne wahrnehmen.

So kann ich mich sicher fühlen, obwohl ich auf einer Falltür stehe, oder anerkannt, während man sich hinter meinem Rücken über mich das Maul zerreißt.

Und dennoch ist die Information „Ich bin sicher“, „Ich gehöre dazu.“ oder ganz grundsätzlich: „Ich lebe“ von essenzieller Bedeutung für unser System. Je nachdem, ob wir diese Aussagen bejahen oder verneinen, wird dies große Auswirkungen ahben auf unser Denken und Fühlen, Wollen und Tun.

Unsere Wünsche repräsentieren diese Grundbedürfnisse in einer sinnlich konkret erfahrbaren Form. Das, was wir uns wünschen, ist die aktuelle Antwort unserer Psyche auf die aus ihm selbst heraus gestellte Frage: „Wo kriegend wir das jetzt her?“

Wenn wir lernen, zu unterscheiden zwischen unseren Wünschen und den Bedürfnissen dahinter, dann erkennen wir, dass wir das, was uns wirklich fehlt, auf sehr verschiedene Weisen erhalten können. Das bedeutet: Selbst wenn das, was wir uns wünschen, momentan nicht zu bekommen ist, bedeutet das nicht zwingend, dass wir deswegen Mangel oder Leid erleben. Denn es gibt immer mehrere Möglichkeiten, uns unsere Bedürfnisse zu erfüllen, als das Szenario, das uns als erstes oder als lautestes durch den Kopf springt.

Stellen wir uns vor, wir spürten gerade ein Bedürfnis nach liebevoller Nähe und Vertrautheit („Verbundenheit“). Vielleicht entwickeln wir daraus hervor den Wunsch danach, mit unserem Partner zu schlafen. Ebenso könnte aus denselben Bedürfnis heraus auch der Wunsch nach einem intimen Gespräch entstehen. Oder der Wunsch nach Heimkino, Pizza und Wein.

Zumindest die ersten zwei dieser Wünsche kommen allerdings ebenso häufig als Repräsentation des Bedürfnisses nach Intensität zum Einsatz. Und drittes noch häufiger als Ausdruck des Bedürfnisses nach Wohlbefinden. Was dabei rauskommt, ist ist dann allerdings in dem einen wie in dem anderen Fall, mit großer Wahrscheinlichkeit etwas ganz anderes.

An Hand dieses kleinen Beispiels wird leicht deutlich, dass unsere Begegnungen miteinander völlig unterschiedlich verlaufen, je nachdem, ob der Name der uns antreibenden Kraft dahinter wahlweise Intimität oder Intensität ist. Ob es Sicherheit ist, nach der es uns verlangt, oder Freiheit. Ob unser Tun aus dem Bedürfnis nach Anerkennung genährt ist oder aus dem nach Augenhöhe.

Hieraus ergibt sich eine unüberschaubare Anzahl von Möglichkeiten dessen, welche Bedürfnisse sich begegnen, wenn zwei oder mehr Menschen miteinander in Kontakt sind.

Zwischenfazit:

1. Unsere psychischen Bedürfnisse sind Informations-Bedürfnisse. Sie können nicht direkt genährt werden, sondern brauchen dafür konkretes Erleben.
2. Um uns mit den essenziellen Informationen zu versorgen, die wir brauchen, sind wir mit zwei Werkzeugen ausgestattet: Unserem Körper mit seinen Sinnen und Handlungsmöglichkeiten sowie unserer wahrnehmungs- und entscheidungsfähigen Psyche.
3. Unsere Wünsche sind die bestmöglichen Repräsentationen dieser Bedürfnisse in uns. Jeder Wunsch, den wir verpüren, beruht auf der Sehnsucht nach einer essenziellen Information in Form von spezifischem Tun oder Erleben.
4. Je mehr wir in unserem Leben bereits erlebt und erfahren haben, desto breiter und differenzierter wird unser aktiv nutzbarer Fundus an potenziell nützlichen Wünschen, Zielen und Stategien.
5. Je nachdem, welches Bedürfnis im Hintergrund als treibende Kraft aktiv ist, kann zweimal grundsätzlich das gleiche Verhalten durch subtile oder deutliche Veränderungen im ganz konkreten Wie sehr unterschiedliche Folgen haben.
6. Es existieren immer mehrere Möglichkeiten dafür, ein und dasselbe Bedürfnis zu befriedigen. Was wir uns wünschen, ist eine Möglichkeit, unsere Bedürfnisse zu nähren. Allerdings existieren neben dieser zumeist noch mehrere weitere Optionen, die einen ähnlich nützlichen Effekt haben könnten.
7. Gut zu wissen: Wünsche, die gefühlt, aber nicht geäußert werden, degenerieren im Verborgenen nach und nach zu häßlichen und energieraubenden Erwartungen.

Die in diesem Kapitel geschilderten Zusammenhänge sind übrigens eine der zentralen Säulen des weltweit angesehendsten psychologischen Verhandlungsmodells. Das nach dem Ort seines Entstehens benannten Harvard-Modell spricht nicht von Wünschen (Strategien) und Bedürfnissen, sondern von Verhandlungspositionen und den Interessen dahinter. Ansonsten weisen die Autoren mit wiederholtem Nachdruck darauf hin, welch massive Bedeutung das Wissen um die Unterscheidbarkeit dieser Ebenen auf Verlauf und Erfolg einer jedweden Verhandlung hat.

Bedürfnisse: Einige Worte zu Abraham Maslow

Wir dürfen den Menschen nicht nur als das sehen, was er ist,
sondern müssen erkennen, wie er sein kann.
Abraham Harold Maslow (1908 – 1970)

Abraham Maslow war ein zarter, trauriger Junge aus Brooklin, aus dem einer der größten Psychologen des 20. Jahrhunderts hervorging. Die von ihm entwickelte „Bedürfnispyramide“ gilt als einer der zentralen Grundpfeiler unseres modernen psychologischen Menschenbildes.

Die Maslowsche Bedürfnishierarchie

Abraham Maslow kategorisierte und klassifizierte die menschlichen Bedürfnisse in zunächst fünf, später acht Stufen, die nach seinem Verständnis im Laufe der individuellen Entwicklung eines Menschen nacheinander entstehen und in hierarchischer Weise auf das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen einwirken.

Je „niedriger“ hierbei das Bedürfnis in der Hierarchie verortet ist, desto „höher“ ist seine Bedeutung bzw. desto größer sind die gesundheitlichen, emotionalen, psychischen und sozialen Folgen eines tatsächlichen oder empfundenen Mangels auf diesen Ebenen.

Maslow benennt folgende acht Stufen menschlicher Bedürfnisse:

1. Physiologische Bedürfnisse
2. Sicherheitsbedürfnisse
3. Soziale Bedürfnisse
4. Individualbedürfnisse
5. Kognitive Bedürfnisse
6. Ästhetische Bedürfnisse
7. Selbstverwirklichung
8. Transzendenz
(1971 posthum veröffentlicht in: „Farther Reaches of Human Nature“)

Ich teile Maslows Sicht auf die Bedeutung unserer Bedürfnisse uneingeschränkt. Jedoch glaube ich, dass es, um diese Erkenntnisebene im Alltag zu nutzen, hilfreich ist, unsere Grundbedürfnisse konkreter zu benennen und vielleicht darüber hinaus einige kleinere Lücken zu schließen.

Unsere psychischen Grundbedürfnisse
Der Versuch einer alltagstauglichen Nomenklatur

Dieser Artikel wäre nicht vollständig ohne eine Antwort auf die Frage: Welches genau sind unsere psychischen Grundbedürfnisse? Bestenfalls beinhaltet diese Antwort natürlich eine nachvollziehbare und in sich geschlossene Struktur.
Dies stellt eine gewisse Herausforderung dar. Schließlich sprechen wir von Triebkräften, die so tief und so alt in uns verankert sind, dass wir diese mit den begrenzten Mitteln unserer Sprache vielleicht niemals wirklich ganz erfassen können. Wir können uns lediglich nähern, indem wir möglichst klare Worte wählen.

Noch dazu haben gerade emotional besetzte, assoziativ wirksame Bezeichnungen (und genau darum handelt es sich hierbei aus nachvollziehbarnen Gründen) interindividuell je nach Persönlichkeit und Erfahrungshintergrund zum Teil recht unterschiedliche Bedeutungen.

Aus diesem Grunde habe ich den von mir gewählten Bezeichnungen unserer Bedürfnisse jeweils mehrere „Synonyme und artverwandte Begriffe“ zur Seite gestellt, die verdeutlichen, mit welcher Art von Bedürfnis (und damit: Wirkkraft) wir es zu tun haben und unter welchen Namen es ebenfalls auftritt.

Die hier aufgeführte Reihenfolge unserer psychischen Grundbedürfnisse stellt das Nacheinander der Entwicklung im Prozess der Evolution bislang dar – sowie auch der Ausbildung dieser Bedürfnisse im Verlauf der individuellen Reifung und Entwicklung.

Klassifiziert werden die Bedürfnisse in der folgenden Matrix in fünf Stufen (0 bis 4).

Der strukturelle Aufbau der Bedürfnismatrix beinhaltet, anders als die bekannten Modelle von Maslow und Graves / Beck, kein hierarchisches Verständnis der Bedeutung unserer Grundbedürfnisse.

Auch in meiner Vorstellung werden die psychischen Bedürfnisse sowie die sich aus diesen heraus ergebenden Fähigkeiten im Laufe unserer individuellen Menschwerdung nacheinander ausgebildet. Jedoch ist die Wertigkeit und Bedeutung jedes einzelnen Bedürfnisses für das Fühlen, Entscheiden und Handeln eines Menschen in einer konkreten Situation in meinen Augen abhängig von einer Reihe verschiedenen Faktoren:

Ich glaube, dass es einen grundlegenden genetischen Faktor gibt, der in die innere Hierarchie unserer Bedürfnisse mit einwirkt.

Darüber hinaus lernen wir bereits von unserer Kindheit an wiederholt bestimmte physische oder emotionale Ressourcen als vorhanden oder begrenzt kennen. Daraus resultierend kommt bestimmten körperlichen oder psychischen Bedürfnissen in unserem System eine geringere oder höhere Wertigkeit zu.

Selbstverständlich hat nicht zuletzt der aktuelle Grad unserer Versorgung mit den „Nährstoffen“, die unsere Psyche braucht, einen erheblichen Einfluss darauf, welches Bedürfnis gerade welche inneren Prozesse in Gang setzt.
Manche Bedürfnisse scheinen in der Erlebnis- und Erfahrenswelt bestimmter Menschen keine Rolle zu spielen. Das bedeutet nicht, dass diese Bedürfnisse nicht angelegt wären. Möglicherweise wurden sie durch die Erlebnisse und Erfahrungen in ihrem Leben lediglich noch nicht aktiviert.

Oder aber sie wurden bereits früh in der Entwicklung als persistent fragil oder kategorisch unerfüllbar erlebt. In diesem Fall entwickelt der Mensch (oder das Tier) nicht selten energieaufwändige, jedoch nur selten nützliche Kompensationsstrategien. Wer einen Hunger spürt, den er nicht kennt, wird versuchen, ihn mit den Mitteln zu stillen, die er kennt.

Übersicht der psychischen Grundbedürfnisse des Menschen

 

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klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen

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klüger fühlen!

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

klüger fühlen 01:

Warum wir fühlen…

Gefühle sind etwas Alltägliches. Als Menschen haben wir beständig mit Gefühlen zu tun – unseren eigenen oder denen unserer Mitmenschen. Emotionale Kompetenz ist daher eine potente Schlüsselfähigkeit, nicht nur im Umgang mit schwierigen Situationen des Alltags, sondern vor allem in der Gestaltung der zwischenmenschlichen Interaktionen und Beziehungen in unserem Leben.

Interessanterweise können nur die wenigsten Menschen benennen, was Gefühle eigentlich sind – geschweige denn, wofür sie gut sind! Von einem reflektierten Umgang mit ihnen ganz zu schweigen.

Es hält sich beständig das Liedlein von den guten und den schlechten Gefühlen mit vielen Strophen darüber, die einen zu mehren und die anderen „loszulassen“. Und das nicht nur bei Laien.

Festmeter an gut gemeinter Ratgeberliteratur füllt die Philosophie der guten und der schlechten Gefühle. In meinen Augen ist diese Sicht auf die Dinge leider nicht nur wenig hilfreich, sondern sogar schädlich für den Menschen, der auf diese Weise denkt.

Da unsere Gefühle, in ihrer ganzen, schillernden Fülle, tiefgreifend mit unserem gesamten System verwoben sind, ist es nicht möglich, Gefühle abzustellen oder sie „loszulassen“. Ob es uns gefällt oder nicht: Unsere Gefühle werden uns begleiten, so lange wir lebendig sind. Und zwar nicht nur diejenigen, die wir gerne mögen.

Was wir allerdings lernen können, ist unsere Gefühle aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten. Einer Perspektive, in der wir sie als energetische Kräfte begreifen, die wir nicht nur erfahren, sondern – in gewissen Grenzen – durchaus zu steuern in der Lage sind.

Hierfür ist es hilfreich, wenn wir verstehen, was die ganze Sache eigentlich soll, das mit dem Fühlen…

 

Down to earth: Gefühle sind biochemische Information

„Lerne die Situation
in der du dich befindest,
insgesamt zu betrachten.“

Miyamoto Musashi

Bar jeder romantischer Verklärung: Das, was wir „Gefühle“ nennen, sind spezifische Reaktionsweisen unseres Organismus auf das, was wir erleben.

Unser Gehirn wertet in jeder Sekunde Millionen von Informationseinheiten aus. Ein Teil dieses Datenstroms betrifft die uns umgebende Welt: Das, was wir erfahren und erleben. Die Welt um uns herum erfahren wir über unsere Sinne. Wie sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen unsere Umwelt:

Gesichtsausdrücke oder Worte, Düfte, Klänge oder Berührungen, Landschaften, Menschen… Daraus besteht die Welt, die uns da draußen umgibt.

Ein anderer Teil der Information, die beständig auf unser Gehirn einströmt, stammt aus uns selbst. Eine Vielzahl der Gespräche, die wir jeden Tag führen, führen wir allein in unserem Geist. Wir alle kennen Gedanken in Form lebhafter Bilder, teils erinnert, teils konstruiert. Auch Phänomene wie der sprichwörtliche Druck auf Kopf, Bauch oder Brust (oder das Gegenteil: Den Kopf, den Bauch, das Herz voller Weite), Wärme- oder Kälteempfindungen und psychosomatische Schmerzen hat jeder und jede von uns schon mal erlebt.

Diese Information erreicht unser Gehirn zunächst einmal schlichtweg als Reiz. Hierbei ist bedeutsam, dass in unserem Kopf dieselben Schaltkreise aktiv sind, wenn wir etwas sehen oder es uns lebhaft vorstellen, ob wir Worte hören oder sie in unseren Gedanken wahrnehmen. Aus der Perspektive unseres Gehirns heraus gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen Realität und Vorstellung. Unser Gehirn kennt alleine „Wirklichkeit“ und versteht darunter „das, was wirkt“.

Den eingehenden Reiz vergleicht unser Gehirn mit vergangenen Situationen, die an Hand zumeist unbewusst gewählter Kriterien als Maßstab tauglich scheinen, um eine Aussage über den weiteren Verlauf der Gegenwart oder Zukunft zu ermöglichen. All dies passiert sehr schnell und mit dem Ziel der Vorbereitung einer angemessenen und (hoffentlich!) nützlichen Handlung.

Hierbei ist es wichtig, sich vor Augen zu halten: Daseinszweck unseres Gehirns ist nicht allein, unser Überleben zu sichern. Darüber hinaus liegt seine Bestimmung darin, dafür Sorge zu tragen, dass die Bedürfnisse unseres Systems den Gegebenheiten und Möglichkeiten entsprechend bestmöglich erfüllt sind.

Unser Gehirn schüttet neurochemische Botenstoffe aus und regt Drüsen in unserem Körper dazu an, es ihm gleich zu tun. Diese neurochemischen Botenstoffe, besser bekannt als Hormone und Neurotransmitter, sind nicht mehr und nicht weniger als die biochemische Entsprechung dessen, was wir „Gefühle“ nennen.

Je nachdem, welche Schlüsse unser Gehirn aus seiner Verarbeitung der aktuell darauf einwirkenden Reize zieht, wird der chemische Cocktail unterschiedlich ausfallen – und ebenso wird es die Gefühlslage sein, die sich auf Basis jener Hormone und Neurotransmitter in unserem System einstellt.

So entstehen also unsere Gefühle: In Reaktion auf Außen- oder Innenreize schütten das Gehirn und spezifische Drüsen Botenstoffe aus. Diese bewirken physiologische Veränderungen unseres Systems. Je mehr Erfahrungen wir in der Wahrnehmung und im Umgang mit diesen Zuständen haben, desto klarer sind wir in der Lage, diese Veränderungen in unserem System als emotionale Qualitäten zu identifizieren und zu beschreiben. Wir sagen, wir sind traurig oder wütend oder froh…

So weit, so klar. Diese Mechanismen sind wissenschaftlich unstrittig und den meisten von uns inzwischen gut bekannt.

Aber… Warum genau tun unser Gehirn und unsere Drüsen das eigentlich?!

Um diese Frage zu beantworten, braucht es eine neue Perspektive. Wir verlassen unseren Körper und betrachten „das Große Ganze“. Von hier aus betrachtet stolpert der Mensch nicht mehr als angebliche „Krone der Schöpfung“ über den Planeten, sondern ist nur eines der unzähligen Kinder, die Mutter Natur erschaffen und in diese Welt entlassen hat.

Der Mensch ist nämlich ganz offensichtlich nicht das einzige Tier, das fühlt.

 

Evolutionsneurobiologische Gedanken

„Ich habe, glaube ich, die Zwischenstufe
zwischen Tier und Homo sapiens gefunden:
Wir sind es.“

Konrad Lorenz

Die Evolutionsbiologie hat uns seit den Zeiten Darwins bahnbrechende Erkenntnisse geliefert. Darwins Perspektive auf das Leben erzeugte ein vollkommen neues Verständnis der Prozesse, die unsere Welt formen und nicht zuletzt uns Menschen von dem, was wir waren, zu dem haben werden lassen, was wir heute sind.

Ebenso einschneidend (und für viele damalige Zeitgenossen verstörend) wie Darwins Einsicht in die Verwandtschaft des Menschen mit ausnahmslos allen anderen Lebewesen unseres Planeten (98,5% unseres Erbguts teilen wir mit den Schimpansen, nicht weniger als 50% mit der Banane!) waren die Gedanken, die sich Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Alfred Adler und andere frühe Psychiater und Therapeuten über die Sphären des menschlichen Geistes machten und in ihren Schriften veröffentlichten.

Die wissenschaftliche Forschung entdeckte das Gehirn und begann zu erforschen, welche Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen der organischen Materie in unserem Kopf (und unserem Körper!) und dem bestanden, was wir in unserer Alltagserfahrung als Gedanken, Gefühle, Stimmungen und nicht zuletzt als Persönlichkeit erfahren und beschreiben.

Die Hirnforscher und Neurowissenschaftler des 20. Jahrhunderts waren fleißig. Sie stellten kluge Fragen. Mit immer ausgefeilteren Techniken wurde das Gehirn untersucht, in funktionelle Strukturen klassifiziert und getestet. Heute sind wir in der Lage, die Gehirne lebender Menschen und Tiere in vivo zu beobachten, elektrische Ströme und chemische Signaturen zu messen und zu vergleichen.

Welchen Nutzen können wir aus den Erkenntnissen der Evolutions- und Neurobiologie für den Umgang mit unseren Gefühlen im Alltag ziehen? Ich behaupte: Einen gewaltigen! Wenn wir verstehen, ihre Erkenntnisse zu lesen und zu deuten.

Eine Vielzahl der neurochemischen Prozesse, die unzertrennlich mit unseren Gefühlen verbunden sind, finden in einem Teil unseres Gehirns statt, der „limbisches System“ genannt wird. Weitere Hot Spots finden wir in unseren Geschlechtsdrüsen, den Nebennieren und einigen anderen Organen. Diese organischen Strukturen finden sich nicht nur bei uns Menschen…

Bereits Rochen und Haie haben eine Hypophyse. Gleiches gilt für die Bauchspeicheldrüse. Beide sind bei uns Menschen mit der Ausschüttung einer Vielzahl von Hormonen verbunden, die unsere emotionale Verfassung massiv beeinflussen.

Immerhin seit dem Zeitalter der Amphibien begleitet uns die Erfindung der Adrenalin ausschüttenden Nebennieren. Adrenalin ist beim Menschen eines der zentralen Hormone für die Erzeugung des Gefühls von Ärger. Wir können davon ausgehen, dass derselbe Stoff auch in anderen Organismen einen sehr ähnlichen Effekt hat. Anders gesagt: Auch Frösche, Lurche und Unken wissen vermutlich aus erster Hand, wie es sich anfühlt, wütend zu sein.

Alle Strukturen unseres Körpers wie die der Körper aller anderen Lebewesen auf Erden (und drumzu?) haben sich durch die Mechanismen von Mutation und Selektion hervor gebildet und im Laufe von Jahrmillionen immer weiter entwickelt.

Die Evolution ist eine zwar durchaus kreative, aber eiskalt berechnende Strategin: Jede Mutation bekommt eine reelle Chance. Sollte sie sich als Vorteil entpuppen, wird sie beibehalten, erweitert oder verfeinert. Tut sie dies nicht, wird sie ohne Skrupel oder Wehmut ausgemerzt.

Wir alle wissen: Unsere Gefühle binden nicht selten große Mengen unserer Aufmerksamkeit und Energie. Dennoch haben sich die organischen Strukturen, die die biologische Basis aller Gefühle bilden, bereits vor Hunderten von Millionen Jahren gebildet und seither ununterbrochen erhalten.

Diese beiläufig daher kommende Information ist alles andere als trivial. Sie bedeutet, dass unsere Gefühle einen saftigen evolutionären Vorteil mit sich bringen. Sonst wären sie schlicht nicht über mindestens (!) 250 Millionen Jahre Evolution erhalten geblieben und in unzähligen Lebensformen (unter anderem uns Menschen) darüber hinaus vertieft und weiter entwickelt worden.

Lassen wir uns diese Information auf der Zunge zergehen, bevor wir weiter denken:

Du magst deine Gefühle als positiv oder negativ wahrnehmen. Die Evolution tut dies nicht. Sie hat die Gefühle erschaffen, weil sie sie für nützlich hielt. Jedes einzelne von ihnen.

Was also ist der große Nutzen unserer Gefühle?

 

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Lies hier weiter: klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle

 

Inhalt:

klüger fühlen 01 – Warum wir fühlen
klüger fühlen 02 – Eine neue Ordnung der Gefühle
klüger fühlen 03 – Grundgefühle 1. Ordnung
klüger fühlen 04 – Grundgefühle 2. Ordnung
klüger fühlen 05 – Der schillernde Kosmos der komplexen Gefühle
klüger fühlen 06 – Klüger fühlen!

 

Die Reihe „klüger fühlen!“
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Der Mensch als Objekt, als Prozess und als System.

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Der Mensch als Objekt, als Prozess und als System.

Die Auswirkungen unseres Menschenbildes auf unser soziales Miteinander

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Bereits zu Urzeiten zogen wir in sozialen Verbänden über den Planeten. Inzwischen haben wir Abkömmlinge aus der Linie der Bonobos und Schimpansen es geschafft, den gesamten Planeten so dicht zu besiedeln, dass kaum mehr ein Fleckchen unberührter Natur zu finden ist.

Wo und wie auch immer wir leben, wir erleben jeden Tag eine Unzahl an Interaktionen mit Mitgliedern unserer Art. Wie diese verlaufen, ist stark abhängig davon, vor welchem Menschenbild wir selbst und unsere Interaktionspartner das, was wir miteinander erleben, interpretieren und deuten.

Hierbei ist zu erwähnen, dass die moderne Psychologie kein gemeinsames Menschenbild aufweist. Je nach Denkschule, Vorbildern und persönlichen Erfahrungen variieren die Modelle, mit denen der Mensch beschrieben wird. Ebenso sehen wir selbst uns selbst und unsere Mitmenschen vor dem Hintergrund grundlegender Annahmen darüber, wer oder was genau eigentlich dieses „ich“ ist, von dem hier alle ständig reden.

 

Objektfokus: Der 3-Dimensionale Mensch

Voraussichtlich betrachtet zur Zeit noch die Mehrheit der Menschen in unserer Kultur die Welt grundlegend als aus kleineren, voneinander verschiedenen Objekten zusammengesetztes Ding. Dies ist ein Baum, das ist ein Fahrrad, das bist du, das bin ich, und das sind Liebe, Freiheit, Glück oder Erfolg.

Ein Ding oder Objekt hat eine Anzahl gleichbleibender Eigenschaften, durch die es sich auszeichnet und beschreiben lässt. Aus dem Objektfokus heraus betrachten wir die Eigenschaften unseres Gegenübers und wissen zügig: Er oder sie ist Mann oder Frau, heimisch oder fremd, wichtig oder unwichtig, Freund oder Feind. Hierin liegt die Stärke des Objektfokus: In der schnellen Klassifikation und Kategorisierung unserer Mitmenschen an Hand leicht zu erfassender äußerer Merkmale.

Menschen mit Objektfokus interessieren sich in Bezug auf ihre Mitmenschen für drei Dinge:

  • Wie sieht er / sie aus?
  • Was sagt er / sie?
    und
  • Was tut er / sie?

Sind diese drei Fragen ausreichend konsistent geklärt, glauben objektfokussierte Menschen leider allzu leicht, sie hätten dadurch ein verlässliches Modell von ihrem Gegenüber. In der Tat zeichnet sich die objektfokussierte Sicht durch eine hohe Trefferquote aus. Menschen, die wir kennen, verhalten sich die allermeiste Zeit über so, wie wir es von ihnen erwarten. In Anbetracht dessen arbeitet die objektfokussierte Sicht radikal einfach und hochgradig energiesparend.

Manchmal allerdings verhalten sich unsere Mitmenschen (oder vielleicht sogar wir selbst uns) in einer Art und Weise, die wir ganz und gar nicht erwartet haben. Ein Mensch mit Objektfokus kommt zu dem Schluss: „Ich habe mich in ihm / ihr / mir geirrt!“ oder auch „Er / sie hat mich getäuscht! Darum kann ich ihm / ihr nicht trauen!“ (auch: „Ich kann mir selbst nicht trauen!“)

Neben den beständigen und nicht immer angenehmen Überraschungsmomenten bringt der Objektfokus einen weiteren gewichtigen Nachteil mit sich: Durch ein Beharren auf „Ich bin so, wie ich bin!“ und „Unsere Beziehung (Objekt!) ist, wie sie ist!“ behindert und verhindert das rein dreidimensionale Menschenbild Entwicklungen und kreative Lösungsmöglichkeiten auf vielen Ebenen. Insbesondere im Angesicht von Schwierigkeiten oder Konflikten führt eine solche Haltung oft dazu, dass sich die Bedingungen für eine gute Lösung der Situation verschlechtern.

Der objektfokussierte Mensch blickt auf die Fotos seiner Vergangenheit und wundert sich über die Veränderungen in Persönlichkeit, Werten oder Stil. Auf die Zukunft blickend ist er davon überzeugt: Seine zukünftige Version ist haargenau derselbe Mensch wie er jetzt ist, nur ein paar Jahre älter selbstverständlich. Wer den Menschen als „Objekt“ sieht, wird sich oft irren. Er übersieht, dass alles, was lebt, in stetiger Entwicklung ist.

 

Prozessfokus: Der 4-dimensionale Mensch

Der prozessorientierte Mensch weiß: „Ich bin eine Geschichte!“ Er weiß: Jeder Augenblick verändert ihn ein winziges Stück. Augenblicke vereinen sich zu Tagen, zu Jahren und Jahrzehnten. Manche Augenblicke, das weiß er, weil er es erfahren hat, verändern sein Leben und sein „ich“ bedeutend mehr als nur ein Stückchen.

Die Sicht auf den Menschen als „Prozess“ beantwortet viele offene Fragen. Wir erkennen, dass die Wurzeln heutigen Verhaltens zum Teil zurückreichen bis in Vergangenheiten, zu denen es keine bewussten Erinnerungen gibt. Allein das Erinnerte jedoch aus unserer eigenen Geschichte oder der eines Mitmenschen macht manches, das wir im Heute erleben, verständlich. Dadurch können wir es leichter annehmen.

Auch macht die prozessfokussierte Sicht Entwicklung leichter. Da das, was ich heute bin, aus meinem Gestern entstanden ist, hat das, was ich heute sage, denke und tue, Auswirkungen darauf, wer ich morgen bin.

Menschen mit Prozessfokus fragen:

  • Was hat er / sie erlebt?
  • Wie hat sich das angefühlt?
  • Was hat das mit ihm / ihr gemacht?
  • Was möchte er / sie gerne erleben?
  • Wo findet er / sie das, was er / sie dazu braucht?

Eine prozesshafte Sicht des Menschen ist eine wichtige Grundlage jedweder medizinischen, psychologischen, pädagogischen oder seelsorgerischen Arbeit. All diese Dienste begleiten und unterstützen Entwicklungen in Richtung von mehr Gesundheit, Lebendigkeit, Wirksamkeit und Bewusstheit.

Dennoch: Auch die Betrachtung des Menschen als „Prozess“ oder „Geschichte“ hat ihre liebe Not damit, wenn es darum geht, Zustände innerer Lähmung, Zerrissenheit oder Selbstsabotage zu erklären.

Warum behindern wir uns so oft selbst in unserer Lebendigkeit und Entwicklung? Warum setzen wir Dinge oder Beziehungen, die wir lieben, leichtfertig auf’s Spiel? Warum handeln wir so oft auf unserem Weg wider besseres Wissen?

Die Frage: „Warum tue ich (tut er / sie) das?“ ist falsch gestellt, weil sie voraussetzt, dass das „ich“, nach dem sie fragt, im Singular existiert. Die Antwort allerdings kommt im Plural. Darum verstehen wir sie nicht.

 

Systemfokus: Der n-dimensionale Mensch

Der Mensch ist bereits als „ich“ ein „wir“. Die Persönlichkeit eines jeden Menschen besteht aus einer Vielzahl miteinander interagierender Teilpersönlichkeiten, die je nach Grad der Selbsterkenntnis und Bewusstheit eines Menschen im Inneren seiner Psyche miteinander in Kontakt, in Kooperation oder Konkurrenz stehen.

Es gibt Menschen, vermutlich sind es in unserem Land nur etwa ein halbes bis anderthalb Prozent, die sind in der Lage, sich selbst und ihre Mitmenschen als derart komplexes System aus inneren Anteilen oder Kräften zu sehen. All unser Denken, Fühlen und Verhalten ist Ausdruck der vielfach wechselwirksamen Prozesse in unserem Inneren.

Jedes einzelne Element dieses Systems „Das bin ich!“ hat eine Geschichte. Es ist zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt im „ich“ entstanden und hat sich fortan im Rahmen seiner Möglichkeiten weiter entwickelt. Jedes Element des Systems stellt also selbst einen Prozess dar. Wenn nicht gar, was noch wahrscheinlicher ist, ein eigenes System.

Wie entsteht ein solches System im Inneren unserer Psyche? Klaus-Peter Horn und Regine Brick beschreiben diesen Prozess in „Das verborgene Netzwerk der Macht“ (Gabal Verlag 2001, S. 180-181) auf folgende Weise:

„[…] Jedes neugeborene, menschliche Wesen ist einzigartig. Wenn Sie Kinder haben, werden Sie dies bestätigen können. Jedes Wesen bringt eine „Seinsqualität“ mit, die es unverwechselbar macht. […] Neben seiner Einzigartigkeit ist es jedoch auch äußerst schutzlos und verletzlich. So ist das Neugeborene für sein Überleben völlig auf Hilfe angewiesen, die natürlicherweise von Mutter und Vater kommt. Wie also entsteht in einem so winzigen Wesen eine Persönlichkeit, die sagt: „Das bin ich. So bin ich.“, „Das ist mein Charakter.“?

Weil dieses kleine Kind für sein Überleben nicht selbst sorgen kann, muss es eine Kontrollinstanz in sich entwickeln, die Hilfe von außen sicherstellt und so seine Verletzlichkeit schützt. Das ist die Geburtsstunde seiner Persönlichkeit. Diese Kontrollinstanz hat die Aufgabe eines inneren „Beschützers/Bewachers“. Die Eigenschaften dieses ersten Teilselbstes, auch Teilpersönlichkeit oder innere Person genannt, können sehr unterschiedlich sein. Sie sind abhängig von Kultur und Land sowie den Lebensumständen, Werten und Normen der Familie, in die es hineingeboren wird. Die wichtigste Aufgabe dieses ersten Teilselbstes ist es, mit allen Mitteln das Überleben sicher zu stellen.

Es bedient sich dazu verschiedener „Helfer“, die sich in Anpassung an die jeweiligen Umstände, unter denen das Kind aufwächst, als weitere Teilpersönlichkeiten entwickeln. […]“

Menschen mit Systemfokus fragen:

  • Mit welchem Teil in mir / dir habe ich es zu tun?
  • Was will dieser Teil in mir / dir?
  • Welche Stimmen gibt es hierzu in mir / dir?
  • Was fühlen diese Stimmen? Was denken sie? Was sind ihre Wünsche oder Forderungen?
  • Welche unterschiedlichen Meinungen, Gefühle oder Strategien gibt es dazu in mir / dir?

Hinter all den lauten und leisen Stimmen, Meinungen und Gefühlen unseres “ich“ liegt unser “selbst”. Auf der Ebene dieser innersten all unserer psychischen Instanzen ist alles Leben nichts als Wahrnehmen, Fokussieren und Entscheiden.

Ein Teil der Wahrnehmungen unseres „selbstes“ stammt aus der Welt da draußen: Das Geräusch des Windes in den Bäumen oder das Streiten der Kinder, die Augen des Liebsten oder das Unterhaltungsangebot auf Netflix, die Empfindungen auf unserer Haut oder der Duft in unserer Nase.

Ein nicht unbedeutend großer anderer Teil der Information jedoch, die unser „selbst“ erhält, stammt aus unserer eigenen Innenwelt, aus unserem „ich“. Hierzu zählen die unzähligen Gedanken, die in Form eines beständigen Flusses aus Worten oder Bildern in unserer Aufmerksamkeit kurz aufpoppen und dann wieder verschwinden. Zu den Kommunikationswegen in unserem System zählen außerdem Körpersymptome wie Wärme oder Kälte, Weite oder Druck, Herzschlag, Atmung usw..

Manche Gedanken poppen auf und gehen nicht wieder weg. Manche Gedanken haben geradezu massive Auswirkungen auf unser gesamts System. Sie verändern unser Denken und Fühlen, unsere Körperhaltung und Mimik, unsere Stimme, unsere Atmung, unsere Aufmerksamkeit, unsere Erinnerungen und nicht zuletzt unser Verhalten. Außen stehende sagen, wir wären „wie ausgetauscht“. Natürlich sind wr das nicht. Und doch liegt diese Beobachtung sehr nahe an der Wahrheit: Ein anderer Teil in uns hat das Ruder übernommen und steuert nun das Schiff, das wir unser Leben nennen.

Wer den Begriff des inneren Systems nicht nur als gefällige Coaching-Metapher verwendet, sondern konsequent durchleuchtet, kann lernen, sich des schillernden Systems in seinem Inneren nicht nur gewahr zu sein und es zu beobachten, sondern aktiv und bewusst auf dieses System einzuwirken.

Wer gelernt hat, aus der Position des „selbstes“ heraus mit den unterschiedlichen Anteilen seiner Persönlichkeit in ein offenes Gespräch zu treten, erlangt dadurch mit der Zeit immer mehr bewussten Zugriff auf sein eigenes Unterbewusstsein und hierdurch vielfältigere Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und dem Leben.

Die aus dieser Erfahrungsqualität im Umgang mit sich selbst entstehende Bewusstheit ist der Schlüssel zu innerer Harmonie, Klarheit und Entschlossenheit. Je besser wir die in uns wirksamen Anteile kennen lernen, desto wahrscheinlicher werden wir erkennen, dass jeder dieser Anteile allein existiert, um uns dabei zu helfen, auf die täglichen Herausforderungen und Fragen des Lebens unsere eigene Antwort zu finden. So wie jeder andere Mensch in unserem Leben auch.

Aus der Perspektive des Systems betrachtet lösen sich die Widersprüche auf. Erfolg oder Entspannung? Geld oder Liebe? Jens oder Jan? Wenn wir den vielfältigen Stimmen in uns wirklich lauschen, lautet die Antwort nicht allzu oft eben nicht „Entweder-Oder“, sondern „Sowohl-Als-Auch“!

Dies ist der Beginn einer neuen Art von Beziehung mit uns selbst (und Anderen!). Erstes Zeichen für diese neue Art des Umgangs (mit uns selbst und Anderen) ist, dass wir beginnen, neue Fragen zu stellen. Wir erkennen, dass die Frage „Will ich dies oder das?!“ auf einer falschen Annahme beruht (Nämlich: Ich will eines von beidem und muss nur herausfinden, welches es ist…) und uns daher zwingend in die Irre führen muss.

Die Fragen, die aus dieser Perspektive auf uns selbst (und Andere) heraus entstehen, sind komplizierter als das alte „Was will ich (eigentlich oder wirklich)?“ Sie erfordern mehr Information, mehr Aufmerksamkeit, mehr Mitgefühl (mit uns selbst und Anderen). Zugegeben: Das kostet eine Menge Energie und Aufmerksamkeit. Diese Sicht auf den Menschen braucht viel Bewusstheit und die Bereitschaft zum Annehmen oder Aushalten unterschiedlicher Impulse, Werte, Wünsche oder Gefühle.

Die Antworten jedoch, die wir erhalten, wenn wir den Mut haben, uns der großen Gleichzeitigkeit des Lebens zu stellen, legen das Fundament für eine vollkommen neue Art der Beziehung und der Kooperation mit uns selbst, unseren Mitmenschen und dem Leben. Wir begegnen uns, zeigen uns und verhandeln miteinander, mit uns selbst und dem Leben, auf einer neuen Basis der Ehrlichkeit, Selbstbewusstheit und Achtung.

Dieses neue Bild des Menschen versetzt uns wie keines der vorhergegangenen Modelle in die Lage, die Tiefe, Weite und Vielfalt in uns selbst und unseren Mitmenschen zu erkennen, zu achten und mit etwas Übung sogar ein bisschen: zu lieben.

Wer den Menschen als System erkennt, wird sich selbst und seinem Gegenüber auf neue Art begegnen. Dieses „neu“ ist gekennzeichnet durch ein Mehr an Selbstvertrauen und Respekt, an Gelassenheit und Mitgefühl, an Präsenz und Wirksamkeit.

Diese Qualitäten in Menschen zu stärken, ist Teil meiner Arbeit als Coach, als Trainer und Mentor.

 

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